… erlöse uns nicht von dem Bösen!

Wofür es GUTES und BÖSES braucht

| Von Ludger Verst |

Die Psychotherapie vermittelt die Einsicht, dass moralische Normen im Alltag zwar Orientierung und Sicherheit bieten, als solche aber keinen absoluten Wert besitzen. Recht und Ordnung regeln zwar das Öffentliche; das Verborgene und Verdrängte aber, das nicht per se unmoralisch ist, lässt sich durch Ordnung nicht kontrollieren oder ruhigstellen. Es sollte vielmehr bewusstgemacht und gelebt werden, damit Menschen zu innerem Frieden gelangen.

Die christliche Theologie, vor allem die Moraltheologie, tut sich mit solchen Einsichten grundsätzlich schwer. Die zuletzt wieder entflammte Debatte um den so genannten Werterelativismus der 1968er-Generation, wie sie durch den Einwurf Benedikts XVI. zusätzlichen Zündstoff erhalten hat, mag dies unterstreichen.

Wie Heilung gelingt

Nun zeigen Erfahrungen aus Seelsorge, Beratung und Therapie, dass Menschen in Krisensituationen und vor allem mit psychischen Belastungen und Störungen gerade dann erfolgreich ins Leben (zurück-)finden, wenn sie ihre bisherigen Moralkonzepte und Verhaltenskodizes kritisch reflektierten und in Frage stellten und, wo nötig, neu justieren oder „aushandeln“ konnten. Heilung, so zeigt sich, besteht in der Überwindung von Überforderung, Verdrängung oder Spaltung, was offenbar gelingt, wenn bisherige moralische Ansprüche relativiert werden dürfen, um zu einem stimmige(re)n Selbstkonzept vordringen zu können.

Die Analytische Psychologie, deren Aktualität im Gespräch mit der Theologie nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, hat das Problem einer weithin immer noch auf Vollkommenheit ausgerichteten theologischen Ethik erkannt, einer Ethik, die das Helle und das Heile lobt, das Dunkle und Unheile aber mit moralischen Besen auszukehren versucht.

Vollständigkeit statt Vollkommenheit

Aus der therapeutischen Erfahrung Carl Gustav Jungs heißt es dazu: „Das Individuum mag sich zwar um Vollkommenheit mühen, muss aber zugunsten seiner Vollständigkeit sozusagen das Gegenteil seiner Absicht erleiden.“[1] Jung stellt Vollkommenheit und Vollständigkeit gegenüber: Die Suche nach Vollkommenheit, zum Beispiel als Nachfolge Christi, verschärfe nur den Konflikt. Der Mensch solle nach Vollständigkeit, nach psychischer Ganzheit streben, d.h. nach einer Synthese der Gegensätze, was Jung auch als coniunctio oppositorum bezeichnet.

Dies ist eine radikale Wende: Nicht moralische Prinzipien, sondern „Einheit und Ganzheit stehen auf der höchsten Stufe der objektiven Wertskala“[2]. Der Mensch soll in ihm festgeschriebene Gegensätze relativieren und in eine Äquidistanz zu beiden gelangen: „Das Ich bewahrt nur seine Selbstständigkeit, wenn es sich nicht mit einem der Gegensätze identifiziert, sondern die Mitte zwischen den Gegensätzen zu halten versteht. Dies ist aber nur dann möglich, wenn es sich nicht nur des einen, sondern auch des anderen bewusst ist. Die Einsicht wird ihm allerdings nicht nur von seinen sozialen und politischen Führern schwer gemacht, sondern auch von seinen religiösen. Alle wollen die Entscheidung für das eine und damit die restlose Identifizierung des Individuums mit einer notwendigerweise einseitigen ‹Wahrheit›. Selbst wenn es sich um eine große Wahrheit handeln sollte, so wäre die Identifizierung damit doch etwas wie eine Katastrophe, indem sie nämlich die weitere geistige Entwicklung stillstellt. Anstatt Erkenntnis hat man dann nur noch Überzeugung, und das ist manchmal viel bequemer und darum anziehender.“[3]

„Der Mensch wird erfüllt vom göttlichen Konflikt“ (C.G. Jung).

Christen fällt eine solche Betrachtungsweise nicht leicht, denn „im Unbewussten […] ist alles vorhanden, was im Bewusstsein verworfen wird, und je christlicher das Bewusstsein ist, desto heidnischer gebärdet sich das Unbewusste“[4]. Jung sieht den Gegensatz in Gott selber: „Aller Gegensatz ist Gottes, darum muss sich der Mensch damit belasten, und indem er es tut, hat Gott mit seiner Gegensätzlichkeit von ihm Besitz ergriffen, das heißt sich inkarniert. Der Mensch wird erfüllt vom göttlichen Konflikt.“[5]

Jung kommt zu dem Schluss, dass der fromme Christ, der sich nur an den hellen Aspekten des Gottesbildes orientiert, die volle Inkarnation Gottes ablehnt, weil er dessen dunkle Seite nicht verwirklicht. „Der schuldige Mensch ist geeignet und darum ausersehen, zur Geburtsstätte der fortschreitenden Inkarnation zu werden, nicht der unschuldige, der sich der Welt vorenthält und den Tribut ans Leben verweigert, denn in diesem fände der dunkle Gott keinen Raum. Seit der Apokalypse wissen wir wieder, dass Gott nicht nur zu lieben, sondern auch zu fürchten ist. Er erfüllt uns mit Gutem und mit Bösem.“[6]

Das Primat der Ganzheit und der Überwindung der Entzweiung dient Jung auch für die Deutung einiger Stellen der Evangelien, nämlich derjenigen, wo Jesus auffordert, sich mit dem Bruder und sogar mit dem Feind zu versöhnen (Mt 5, 22ff.), und ebenso dazu, sich mit sich selber zu versöhnen [7], dem inneren Konflikt ein Ende zu setzen und die „negativen“ und „feindlichen“ Aspekte der eigenen Natur anzunehmen. Denn solche Aspekte seien nichts anderes als harmlose natürliche Triebe, die der Mensch versuche, zu unterdrücken: „Das Unterdrückte kommt an anderer Stelle und in veränderter Gestalt wieder zum Vorschein, aber diesmal belastet mit einem Ressentiment, welches den an sich harmlosen Naturtrieb zu unserem Feinde macht.“[8]

Die Bedeutung der Selbstannahme

Es sei deshalb wichtig zu realisieren, dass der „Feind“ in uns nur wegen der „willkürlichen und gewalttätigen“ Unterdrückung zu einem Feind geworden ist. Jung betont die Bedeutung der „Selbstannahme“; er weiß, dass es nicht leicht ist, die verdrängten Inhalte anzunehmen, d.h., sich selbst anzunehmen und einen Weg zu finden, „auf welchem die bewusste Persönlichkeit und der Schatten zusammenleben können“[9].

Dieser Weg sollte nicht über die Aufhebung der Moral gehen: „Die Moral eines Menschen zu zerstören, hilft ebenfalls nicht, weil es sein besseres Selbst töten würde, ohne welches auch der Schatten keinen Sinn hat. Die Versöhnung dieser Gegensätze ist eines der wichtigsten Probleme.“[10]

Die Moral muss so verändert werden, dass sie die Selbstannahme legitimiert, d.h., dass sie sich auf christliche Werte bezieht, aber auch den christlichen Schatten, das Heidnische und Antichristliche integriert.

Anmerkungen:

[1] C.G. Jung, Aion, Beiträge zur Symbolik des Selbst, Gesammelte Werke Bd. 9/II, 6. Auflage, Walter, Olten und Freiburg i. Br. 1985, S. 10.
[2] Ebd., S. 41.
[3] Ders., Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen, in: Die Dynamik des Unbewussten, Gesammelte Werke Bd. 8, Zürich, Rascher 1967, S. 250-251.
[4] Ders., Antwort auf Hiob, GW Bd. 11, S. 445.
[5] Ebd., S. 419.
[6] Ebd., S. 462.
[7] Vgl. Ders., Psychologie und Religion, in: Gesammelte Werke Bd. 11, 5. vollst. rev. Auflage, Walter, Olten 1988, S. 94-95.
[8] Ders., Aion, S. 36.
[9] Ders., Psychologie und Religion, S. 94.
[10] Ebd.

© 2019 Ludger Verst

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Mit der Seele auf Du

| Von Robert Harsieber |

C.G. Jung beginnt sein geheimnisvolles „Rotes Buch“ damit, dass er, vom „Geist der Tiefe“ dazu aufgefordert, seine Seele als Person anspricht. So tritt ihm seine Seele, die er verloren glaubte, wieder entgegen. Ähnliche Phänomene finden wir auch im Yoga, im Tantra und in der Mystik.

In seiner Biografie „Erinnerungen, Träume, Gedanken“ berichtet Jung, dass er sich schon als Jugendlicher als zwei Personen erlebt habe, die er zunächst als Person 1 und Person 2 bezeichnete, später dann als Ich und Selbst. Die eine Instanz erschien ihm als das bewusste Ich, die andere als ein Übergreifendes, als das Wissen „eines kollektiven Geistes, dessen Lebensjahre Jahrhunderte bedeuten“.

Nr. 2 war in der Tat ein ‚Gespenst‘, das heißt, ein Geist, der an Macht dem Weltdunkel gewachsen war.“¹ Er ist ein Beispiel dafür, dass ein dualistisches und monistisches Weltbild nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten; sie gehören als Gegensätze komplementär zusammen. Wer sich nicht als gespalten erlebt, kann zu keiner Vereinigung gelangen, die Jung Individuation nennt.

Das Unbewusste tritt uns in verschiedenen Aspekten und Gestalten entgegen, als innere Bilder und Stimmen, bei denen es nicht entscheidend ist, ob wir sie als „innerpsychisch“ oder als eigenständige „Geister“ bezeichnen. Es geht bei der Psyche zwar um eine Innenwelt; dem Ich gegenüber erscheint sie jedoch wie eine äußere, objektive Welt. Es geht darum, sich diese zunächst fremden inneren Aspekte vertraut zu machen.

Seelisches Erleben ist eine Begegnung mit etwas Fremdem und Eigenständigem, mit einem Anderen, das erst nach und nach — in einem Prozess der Individuation — assimiliert und integriert werden kann. Erst die Vereinigung der Gegensätze (männlich – weiblich, oben — unten) führt zum Einheitserleben des Selbst.

Die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, mit der eigenen Psyche, ist zudem eine Gratwanderung zwischen Psychose, Paranoia (oder wie immer man das bezeichnen will) und dem bewussten Erleben einer inneren und doch anderen Welt des Numinosen. So beginnt Jung am Anfang des Roten Buches mit seiner Seele zu sprechen. Philemon, sein innerer Guru (wie ihm später ein Inder erklärt), bringt ihm bei, „dass es Dinge in der Seele gibt, die nicht ich mache, sondern die sich selber machen und ihr eigenes Leben haben“². Mit anderen Worten: Es gibt eine psychische Objektivität, eine Wirklichkeit der Seele.

Die innere gegengeschlechtliche Ergänzung

Die Auseinandersetzung mit der inneren Welt ist komplex (Persona, Schatten, Anima/Animus, der Held, der/die Alte Weise …). Die Seele als das noch unbekannte Andere ist als solche gegengeschlechtlich. So muss der Mann mit seiner inneren weiblichen Seite in Kontakt kommen, die Frau mit ihrer inneren männlichen Seite. Anima und Animus sind nicht eindeutig, sondern vielschichtig. Wie alles Lebendige haben sie ein weites Bedeutungsspektrum.

Schon bei der ersten Begegnung mit der Anima in der Mutter geht es um einen komplexen Menschen. Dieses Bild setzt sich fort in der Partnerin, die dem inneren Bild der Anima mehr oder weniger entspricht oder entsprechen sollte. Was diesem Bild nicht nahekommt, projizieren wir. Wir haben ein inneres Bild vom Partner (das Bild der eigenen Seele, der Anima, des Animus), und wenn der/die Geliebte dem nahekommt, dann fühlen wir uns vertraut und „seelenverwandt“. Es bleibt aber immer auch Fremdes, und das wird zur Lebensaufgabe. Im Idealfall wachsen das innere Bild und die äußere Person zusammen, indem beide sich wandeln.

Das Spektrum des Weiblichen / Männlichen

Wie das Männliche umfasst auch der Archetypus des Weiblichen ein enormes Spektrum, gespalten in hellere und dunklere Seiten oder Aspekte. Jung spricht auch von der Zweideutigkeit der Anima. Wir kennen das vom Mythos der Hure und der Heiligen. Der Mann, der das klassisch nicht zusammenbringt, sucht das eine im Bordell und das andere in der Ehe. So allerdings kann sich die Frau nicht als Frau gesehen fühlen, außer sie identifiziert sich ebenfalls nur mit dem hellen Teil und verdrängt in sich das Dunkle. Dieses Dunkle ist ja nichts Negatives, sondern der eine, basale Teil des animal rationale, das der Mensch ist.

Der Mann, der sich selbst und seine seelische Bandbreite einigermaßen kennengelernt hat, wird auch in seiner Partnerin dieses Spektrum schätzen. Bei einem Mann, der seine Frau „vergöttert“, kann eine Frau auch ihre dunkle Seite leben. Wenn beide das ganze Spektrum leben können, dann ist das Animalische nicht mehr negativ und das Engelhafte oder Göttinnenhafte nicht mehr abstrakt. Beides kann ins Liebes- und Lebensspiel eingebunden und verbunden werden. Es kann dadurch nicht nur zur Vereinigung von Männlichem und Weiblichem, Äußerlichem und Innerlichem, sondern auch von Oben und Unten kommen. Das Animalische und das Göttliche verlieren ihren Charakter der Ausschließlichkeit und ergänzen sich komplementär.

Über die Zeit seiner Auseinandersetzung mit dem Unbewussten sagt Jung: „Damals stellte ich mich in den Dienst der Seele. Ich habe sie geliebt und habe sie gehasst, aber sie war mein größter Reichtum. Dass ich mich ihr verschrieb, war die einzige Möglichkeit, meine Existenz als eine relative Ganzheit zu leben und auszuhalten.“³ Der Gegensatz zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, zwischen äußerer und innerer Welt ist die Voraussetzung für das Erleben der Ganzheit.

Anima und Shakti

Jung hat sich mit antiken, aber auch sehr viel mit asiatischen Kulturen beschäftigt, weil er Ähnliches in den Träumen seiner Klientinnen und Klienten gefunden hat. Im Yoga, Buddhismus oder Tantra finden sich Elemente, die genau den Archetypen Jungs entsprechen. Dort sind Philosophie und Psychologie nicht so scharf getrennt wie bei uns im Westen. So ist die große Bandbreite des Seelischen dort selbstverständlich. Die Gottheiten sind weniger abstrakt als psychisch zu verstehen; es gibt meist einen „positiven“ und einen „negativen“, einen lieblichen und einen schrecklichen Aspekt. Die männlichen Gottheiten werden mit ihrer Shakti, ihrem weiblichen Aspekt, welcher der Anima entspricht, dargestellt. Die männlichen wie weiblichen Gottheiten haben meist zwei gegensätzliche Aspekte.

Am augenfälligsten ist der schreckliche Aspekt der Kali, die blutrünstig mit Totenkopf-Girlande um den Hals dargestellt wird. Aber auch dieser Aspekt ist nicht bloß „negativ“. Es ist der zerstörerische Aspekt, aber als Zerstörer der (Ich-)Illusion ist dieser Aspekt schon wieder positiv. Außerdem sind Werden und Vergehen beide notwendig für das Weltgeschehen. Jedenfalls ist hier mehr Psychologie anzutreffen als in so mancher westlichen Psychologie.

Besonders augenfällig ist dieses Spiel von Männlichem und Weiblichem im Tantra. Der ist zwar im Westen zum vorwiegend sexuellen Spiel degeneriert wie alles, was von Asien in den Westen kommt; ursprünglich aber geht es um die Auseinandersetzung mit der eigenen gegengeschlechtlichen Seite, also der Seele als der inneren Göttin. Es ist nicht wichtig, ob dies mit oder ohne konkrete Partnerin geschieht. Die tantrischen Mystiker leben mit ihrer inneren Göttin eine beinahe reale Beziehung. Wenn sie eine Partnerin haben, dann sehen sie auch in dieser die Shakti, die innere Göttin, und sie wird dieser auch immer ähnlicher.

Wenn nun C.G. Jung seine Seele als Person anspricht, dann ist das nicht viel anders. Das bewusste Ich tritt in Verbindung mit der bislang unbewussten Anima, die einen viel weiteren und tieferen Horizont hat als das bewusste Ich. In der Sprache des Tantra tritt der Mystiker in Beziehung zu seiner inneren Göttin, wobei „innen“ oder „jenseitig“ nur verschiedene Ausdrucksweisen sind, die durchaus gleichbedeutend nebeneinanderstehen können.

Der erotische Aspekt des Spirituellen

Dies wirft ein neues Licht auf die Begegnung von Mann und Frau, die immer auch eine Begegnung mit dem eigenen gegengeschlechtlichen Seelenanteil ist. Sie bietet die Chance, Abgespaltenes und darum Fremd-Gewordenes wieder hereinzuholen. So verstanden, bedeutet Sexualität seelische Begegnung mit körperlichem Ausdruck. Die Vereinigung wird auch zur Vereinigung der Pole von Außen und Innen, von Oben und Unten, ein Spiel zwischen Vertrautem und Fremdem, zwischen Seelenverwandtem und dem ganz Anderen — kurz: zwischen einem Erfahren und Lernen, das nie an ein Ende kommen wird.

Da die Anima aus den Tiefen des Unbewussten kommt, tritt sie dem Mann auch als die Sophia oder Weisheit entgegen. Und da sie auch die dunklen Aspekte umfasst, muss der Mann diese nicht länger abspalten. Der erotische Aspekt ist vom spirituellen nicht zu trennen. Der tantrische Mystiker hat eine durchaus erotische Beziehung zu seiner inneren Göttin, die wiederum nicht verehrt oder angebetet (was eine gewisse Distanz voraussetzt), sondern geliebt werden will.

Anmerkungen:
¹ C.G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken, Patmos Verlag, 19. Aufl. 2016, S. 108 f.
² Erinnerungen, S. 204
³ Erinnerungen, S. 214

© 2019 Robert Harsieber

Mehr Platon, weniger Aristoteles

Plädoyer für eine Metaphysik des Lebendigen

| Von Robert Harsieber |

Descartes ist neben Galilei und Newton der Vater der modernen Naturwissenschaft. Der erste Naturwissenschaftler aber ist Aristoteles, dessen Philosophie, seitdem die Araber sie wieder nach Europa zurückbrachten, das europäische Denken diktiert. Noch zu Zeiten Galileis galt die Philosophie des Aristoteles als Dogma, man könnte meinen, weit mehr als die christlichen Dogmen selbst. Selbst heute denken wir noch aristotelisch — und das, obwohl die Quantentheorie bereits vor hundert Jahren mit der klassischen Physik und der Logik des Entweder-Oder gebrochen hat. Dieses Entweder-Oder hat sich so tief in unser Weltbild eingebrannt, dass es im Alltag noch immer dominiert.

Der platonische Untergrund

Wie kommt es dann, dass noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts der Philosoph und Mathematiker Alfred N. Whitehead alle europäische Philosophie als „Fußnoten zu Platon“ bezeichnen konnte? Platon, der Lehrer des Aristoteles, der „Dualist“, der Schöpfer der Dualität der irdischen Welt und der „Welt der Ideen“? Da kann doch etwas nicht stimmen; und es stimmt so auch nicht. Platon wird damit völlig verkannt und missverstanden, weil er meist durch die Brille des heutigen Denkens — und das ist das des Aristoteles — gesehen wird, der seinen Lehrer in dieser Hinsicht gründlich missinterpretiert hat. Allein das Höhlengleichnis zeigt, dass Platon kein Dualist und seine Ideen keine eigene Welt sind.

Platon ist tatsächlich der folgenreichste Denker unserer Geschichte, aber nicht in dem Sinne, dass sich sein Denken in Europa durchgesetzt hätte, ganz im Gegenteil. Und doch war und ist Platon ständig präsent, „mal indem man ihm folgte – dann wieder, indem man ihn ablehnte; selten, indem man ihn verstand – meistens indem er missverstanden wurde“¹.

Platon wirkte meist aus dem Untergrund, und wenn er doch mal bestimmend war, wie etwa im Neu-Platonismus, dann ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass auch der mit dem ursprünglichen Platon wenig zu tun hatte. Weshalb Hölderlin, Platon im Original lesend, ausrief: „Heiliger Platon, vergib! Man hat schwer an dir gesündigt.“

Die statische und dynamische Sicht auf die Welt

Platon ist der Philosoph der „Achsenzeit“, wie Karl Jaspers diese Zeit nannte. Platon überblickt die Philosophen vor ihm, die noch vom Mythos geprägt waren, und fasst sie in einem genialen System zusammen. Nicht ohne Grund bezieht er sich oft auf Parmenides (den Denker des Seins) und Heraklit (den Denker des Werdens). Dies sind die von Anbeginn nebeneinanderstehenden Weltbilder: das statische und das dynamische. Das statische gewann in Europa die Oberhand, es ist handhabbarer, wenn auch abstrakter. Es führte letztlich zur (klassischen) Physik und zum mechanistischen Weltbild der Neuzeit.
Es sind dies die zwei möglichen Betrachtungsweisen der Welt: psychologisch gesehen ist es die objektbezogene (männliche) und die beziehungsorientierte (weibliche) Sicht. Die statische Sicht — von Aristoteles bis zur klassischen Physik — zeigt immer schärfer auflösende Standbilder, die aber nichts über den ganzen Film der Wirklichkeit aussagen können. Ziel ist eine „objektive“ Welt des Messbaren, wobei das lebendige Werden und Vergehen (physis), der ganze Film, ausgeschlossen werden muss. Es geht dabei auch nicht um das Erkennen, sondern um das Beherrschen der Welt.

Metaphysik der Lebendigkeit

Um diese Lebendigkeit aber geht es Platon. Der Kern seiner Lehre ist nicht die Ideenlehre oder die Unterscheidung von realer und (ewiger) Ideenwelt. Es geht ihm überhaupt nicht um eine „Lehre“, sondern um einen Dialog, in dem jeder selbst zum Verstehen gelangen soll. Platon schlägt sich aber auch nicht auf die Seite der dynamischen Sicht (panta rhei) des Heraklit. Er versucht vielmehr, Statisches und Dynamisches zu verbinden.

Das Denken der Antike ringt um ein Verständnis der „physis“, was nicht „Natur“ im heutigen Sinne hieß, sondern das Wesen und die Totalität des Erscheinens des Lebendigen, das Wesen des Hervortretens in die Erscheinung, also kein Etwas, sondern etwas Dynamisches, ein Prozess, nicht Ding, sondern Leben. Man muss bei der Übersetzung von antiken Begriffen immer vorsichtig sein, und Platons Begriffe sind nicht isoliert, sondern nur im Einklang mit anderen Begriffen zu verstehen, weil seine Schlüsselbegriffe nie dinglich (das wäre bereits die aristotelische Sichtweise) zu verstehen sind.

Der wichtigste platonische Begriff ist nicht die Physis, auch nicht die Idee (die übrigens gar nicht zu trennen sind), sondern die Seele (psyché), die ihm Gottheit ist, als kosmische Lebendigkeit. Ja, Platon ist ein religiöser Denker, ohne von einem Gott im heutigen Sinne zu sprechen. Psyché ist Lebendigkeit, und Platon geht es um eine Metaphysik der Lebendigkeit. Sie ist auch der Grund der Lebendigkeit der Physis im Ganzen. Diese „Theologie“ wäre durchaus eine Anregung für die heutige Zeit, weil auch die zeitgenössische vom aristotelischen Denken geprägt ist und die Menschen mit einem objektivierten Gottesbild nicht mehr zurechtkommen.

Die Intelligenz des Geistigen

Das Erscheinen der Psyché als kosmischer Lebendigkeit der Physis ist ein sich selbst bewegendes, geordnetes Erscheinen. Dieses Geordnet- Sein zeigt sich im Noús, der Intelligenz des Geistes. Psyché und Noús, Physis und Kosmos sind nur zusammen oder ineinander zu verstehen. Es geht ja nicht um „Dinge“ oder Entitäten, sondern um dynamisches Sein. Das Werden entsteht aus dem Grenzenlosen (ápeíron), bloß Möglichen. Das Begrenzende, die Grenze (péras) ist das, was Gestalt und Identität verleiht. Und Grenze ist das, was Platon an vielen Stellen als Ideen bezeichnet. Es ist Gestalt und Sinn jeglichen Seienden. Die Ideen machen das Potenzielle zum konkreten Phänomen – also weit entfernt von einer abgehobenen Welt des vielleicht Möglichen. Ideen sind schlicht das, was das Mögliche zum Wirklichen macht. Das ist sehr nahe an der Quantenphysik, aber davon später.

Es geht Platon – um es nochmal zu sagen – um eine Metaphysik des Lebendigen, die den Sinn von Sein nicht als statisches Seiendes annimmt, sondern als dynamisches Werden und Vergehen, das dem Wachsen dient. Die geistige Ordnung, die darin waltet, ist der Lógos. Keine starre (statische) Ordnung, sondern eine dynamisch strukturierende Ordnung. Der Geist, der darin waltet, ist der Noús, den man auch mit Sinn übersetzen kann, wobei der Sinn durchaus auch mit den Sinnen zu tun hat – also alle Sinne umfassend. Platon ist nicht der weltabgewandte Denker, was ihm gerne unterschoben wird. Platon ist der Philosoph des Sinnlichen und der Philosoph des Eros. Eros ist die Energie der Psyché, der Drang nach Lebendigkeit. Das, was Göttliches und Sterbliches verbindet.

Das gute Leben

Platon ging es um ein gutes Leben, was bei ihm aber nichts mit Moral, mit Gut und Böse zu tun hat, sondern mit Stimmigkeit und Harmonie. Gut leben heißt, im Einklang mit sich selbst und mit dem Kosmos zu leben. Aber es wäre nicht Platon, würde diese Stimmigkeit nicht auch alle Unstimmigkeit enthalten. Sie ist sozusagen äußerste Spannung, die auch alle Gegensätze aufspannt. Lebendig ist nur, was den Gegensatz in sich enthält und aushält, wird später Hegel sagen. Aber das Werden trachtet immer danach, harmonische Systeme zu erzeugen.

Das Gute (agathón) als das höchste Gut ist – wie das Licht – der Ursprung allen Seins und zugleich der Grund für die Erkennbarkeit. So wie der Lógos die Sprache der Dinge und die Sprache des Menschen ist.

Damit hängt zusammen, was meist mit Tugend (areté) übersetzt wird, was aber eher so viel wie Tauglichkeit meint, das, wozu etwas gut ist.
Zur Stimmigkeit und Harmonie der Seele kommt nur, wer weiß, was die Harmonie des Lebens sein kann, und dies nennt Platon Weisheit (sophía). Dahin kommt man nicht bloß durch Denken, sondern nur durch Leidenschaft (Eros) und Liebe (philía), daher Philosophie. Platons Ethos der Lebendigkeit braucht keine Erkenntnis des Guten und Bösen, sondern den Einklang mit der (weltimmanenten) Harmonie des Lebendigen. Ideen wie Götter sind keine geistigen Gegenstände, sondern Prinzipien des Seienden. Es braucht keine Objektivierung, sondern ein anderes Denken. Das ist es auch, was wir heute brauchen, und es ist auch längst da, nämlich in der Physik und Psychologie des 20. Jahrhunderts.

Dass wir uns damit so schwer tun, liegt daran, dass wir aristotelisch denken. Mit diesem Denken ist die Welt zwar zu beherrschen, aber nicht zu verstehen. Dazu braucht es ein Verständnis der Lebendigkeit. Mythologisch gesprochen, wäre das der Weg vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen hin zum Baum des Lebens. Der Sündenfall des Entweder-Oder war eine notwendige Entwicklung, um den Preis des verlorenen Paradieses, um den Weg durch die Geschichte anzutreten. Jetzt aber wäre es an der Zeit, nach dem Baum des Lebens zu suchen. Die beiden Bäume sollen ja eine gemeinsame Wurzel haben. Die Quantentheorie weist bereits in diese Richtung. Und auch die Psychologie C.G. Jungs dreht sich um dieses Paradies der „Mitte“, um eine Psychologie der Vollständigkeit und des Ganzen (des „Selbst“) und um den Weg dorthin, die „Individuation“. Dazu aber braucht es ein Umdenken. Mit dem gewohnten Entweder-Oder-Denken ist dieses Ziel nicht zu erfassen, es braucht dazu das komplementäre ganzheitliche Denken, ein Denken des Lebendigen, wie es bereits bei Platon zu finden ist.

¹ Christoph Quarch: Platon und die Folgen. J.B. Metzler Verlag 2018, S. 2

© 2018 Robert Harsieber

Abschied vom leeren Himmel?

Entwicklungspsychologische Einblicke in den Religionsunterricht

| Von Ludger Verst |

Von den zwölf Millionen Schülerinnen und Schülern in Deutschland besuchen zurzeit schätzungsweise knapp vier Millionen, also ca. ein Drittel, den katholischen Religionsunterricht. Etwa ebenso viele besuchen den evangelischen Religionsunterricht, während knapp ein Viertel (24 Prozent) ein Ersatzfach wie Ethik oder Philosophie belegen. Knapp zehn Prozent nehmen weder an einem Religionsunterricht noch an einem der Ersatzfächer teil.

Wenn wir heute über Religion und Religionsunterricht sprechen, dann dürfte klar sein, dass wir dabei die Vorzeichen einer zusehends sich beschleunigenden, einer forcierten weltanschaulichen und vor allem religiösen Vielfalt berücksichtigen müssen. So möchte ich mit Ihnen — ausschnitthaft — einen Blick auf verschiedene religiöse Dispositionen von Jugendlichen richten. Dies deshalb, weil sich Ziele religiöser Bildung in der Schule sinnvollerweise auf solche Dispositionen beziehen sollten. Es ist gut, zentrale empirische Befunde, Erwartungshaltungen von Schülern oder entwicklungspsychologische Erkenntnisse im Blick zu haben. Religionspädagogik und Religionsdidaktik können ja nur insoweit erfolgreich sein, als sie um Ausgang und Ziel ihrer Bemühungen wissen und zwischen beiden geeignete Wege entwerfen.

Der folgende entwicklungspsychologische Durchgang durch unser Thema soll in fünf Schritten zeigen, dass gerade in den kritischen Übergängen, in denen Schüler ihre inneren Konstrukte und Schemata und so eben auch ihre Gottesbilder und Gottesvorstellungen an relevante Außenwelterfahrungen anpassen, enorme Herausforderungen, aber auch Chancen für den Religionsunterricht selbst liegen. An diesen neuralgischen Punkten, den entwicklungspsychologisch notwendigen Sollbruchstellen ihres Glaubensweges, an denen äußerlich wenig sichtbar wird, aber introspektiv Hochbetrieb herrscht, liegen religionspädagogisch wertvolle schöpferische Potenziale.

FORTSETZUNG: Entstehen und Vergehen von Gottesbildern | ONLINE

Vortrag zum Thema „Entstehen und Vergehen von Gottesbildern“ am 12. Oktober 2018 in der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Tagungszentrum Hohenheim

© 2018 Ludger Verst

Die Falle der Subjekt-Objekt-Spaltung

Zur Dringlichkeit eines neuen Weltbildes

| Von Robert Harsieber |

Als Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts hat C.G. Jung nicht nur zwei Weltkriege erlebt; er sah sie in Umrissen sogar voraus. Jung erlebte das Entstehen einer völlig neuen Physik und begründete dann selbst die mit seinem Namen verbundene „Analytische Psychologie“. «Neues am Rande des Abgrunds», könnte man schlagwortartig formulieren. 

Gegensätze komplementär zusammenzubringen, ist seitdem das Thema der Physik und der Analytischen Psychologie. Es ist die Herausforderung einer neuen Logik. Jung sah auch die europäische Kultur in diesem Spannungsfeld. Es gibt von ihm viele zeitdiagnostische Aussagen. Eine davon: „Die Kirche predigte den jungen Menschen den blinden Glauben, die Universität einen rationalistischen Intellektualismus — mit dem Resultat, dass heute das Argument des Glaubens sowohl wie das der Vernunft seine Überzeugungskraft verloren haben.“¹

Das Auseinanderdriften dieser beiden Faktoren hat René Descartes ausgelöst: Die Naturphilosophie wurde zur Physik, die statt Gott einem (Laplace‘schen) Dämon huldigte. Die heilige Kuh dieser neuzeitlichen Religion war der Determinismus und die Überzeugung: Ein fiktiver Dämon, der den Zustand aller Teilchen der Welt zu einem Zeitpunkt kennt, könne jeden vergangenen und zukünftigen Zeitpunkt berechnen. 

Spiritueller Materialismus

Der Religion blieb damit das Geistige als das Innere des Menschen, so dass sich beide Bereiche nicht tangierten. Die Kirche wetterte fortan gegen den „Zeitgeist“ alles Neuen und ist sich bis heute nicht bewusst, wie sehr sie ihm damit selbst zum Opfer fiel. Im selben Geist verlegte sie nämlich das Innerste nach außen, wodurch die innere Haltung des Empfänglich- und Offenseins in einen Glauben an „etwas“ degenerierte. Die Kirche unterwarf sich devot der Subjekt-Objekt-Spaltung Descartes’ und verpflichtete die Gläubigen auf ein System von Dogmen, die nur mehr äußerlich gesehen wurden. Innere Erfahrung wurde zum Tabu. Spiritueller Materialismus könnte man das in Anlehnung an ein Buch von Tschögyam Trungpa, einem Tibetischen Lama, nennen. 

Der Sturz des Laplace’schen Dämons

Die Physik drang immer weiter ins Innerste der Materie vor, bis sich die Quantenphysik herauskristallisierte und der „Drachentöter“ Heisenberg den Dämon des Determinismus austrieb. Er konnte nämlich zeigen, dass schon Ort und Impuls eines Teilchens nie gleichzeitig genau angegeben werden können. Voraussagen könne man nur mehr Wahrscheinlichkeiten, keine Einzelereignisse; die seien zufällig. Max Born erklärte später, dass auch schon in der klassischen Physik der Determinismus eine Illusion gewesen sei, weil auch da schon absolut exakte Messungen unmöglich waren. Den naiven Realismus musste man somit ad acta legen.

Wie schon Jung beobachtete, können viele Menschen heute mit einem blinden Glauben nichts mehr anfangen, und auch ein trockener Szientismus wird zunehmend bekämpft. So werden die einen zu Atheisten, die anderen zu Esoterikern. Nur ist damit nichts gewonnen, eher etwas verloren. Das ist – nimmt man die Logik der Quantentheorie zum Vorbild – nicht verwunderlich: Durch jede Information geht gleichzeitig Information verloren. Auch das besagt die Heisenbergsche Unschärferelation. 

Die psychische Funktion der Religion

Nach Jung haben die Religionen eine psychische Funktion, nämlich eine heilende. Der Glaube an etwas, besser die Offenheit für das, was über das bewusste Ich hinausgeht, ist heilsam im Umgang mit den Mächten der Unterwelt, der Welt des Unbewussten. Orthodoxe Atheisten halten daher auch die Psyche für nicht „glaubwürdig“ und verdrängen, was ihnen gefährlich werden könnte. So treffen sie sich mit den fundamentalistisch Religiösen, die ihre Innenwelt ebenfalls verdrängen müssen. Kein Wunder, wenn sich die beiden gelegentlich beim Psychotherapeuten treffen, wenn das Unbewusste nicht mehr so ganz mitspielt.

Der Archetypus des Selbst, das Gottesbild, nötigt den Menschen zur Überschreitung des endlichen menschlichen Bereichs. Der Mensch ist immer mehr als er im Moment ist, aber auch weniger als er sein könnte. Das klingt gegensätzlich, gehört aber zusammen. Der Mensch lebt im Spannungsfeld zwischen Sein und Werden, Wirklichkeit und Möglichkeit. Dies spannt den Menschen in eine Dynamik und hindert ihn am Stehenbleiben. 

Für Jung ist der Gottesbegriff eine notwendige psychische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage, ob es Gott gibt oder nicht, überhaupt nichts zu tun hat. Er hält es deshalb „für weiser, die Idee Gottes bewusst anzuerkennen, denn sonst wird einfach irgendetwas anderes zum Gott, in der Regel etwas sehr Unzulängliches und Dummes, was ein ‚aufgeklärtes‘ Bewusstsein so etwa auszuhecken vermag“².

Das Lebendige braucht Gegensätze.

Das wusste schon Hegel. Das gilt nach Jung auch für die Vernunft: Der Mensch kann nicht nur vernünftig sein, das Irrationale gehört zur Vernunft und zum Menschsein dazu. Daher ist Einseitigkeit, welche auch immer, ein fundamentaler Fehler. C.G. Jung interessierten nicht die Konfessionen, sondern die psychische Wirklichkeit der Religionen. In einer Ego-Welt stößt alles Kollektive ab, doch wir brauchen beides. Das Über-das-Individuelle-Hinausgehen ist das Argument für die Religionen: Die Individuation geht vom Ich zum Selbst. Sich selbst zu überschreiten ist aber nicht Sache des Ich.

Im Grunde hat die Quantenphysik das komplementäre Denken salonfähig gemacht, das auch der Psychologie inhärent ist. Aber man sagt – dem gängigen Weltbild entsprechend – gern, das sei eben „nur“ psychisch. Von zwei gegensätzlichen Anschauungen brauchen wir jedoch beide, um der Wirklichkeit gerecht zu werden. So auch die Perspektiven des Psychotherapeuten und des Theologen. Ersterer kann das Problem nur innerpsychisch angehen. Er stellt fest, dass am Höhepunkt einer psychischen Erkrankung sich das Zerstörende in das Heilende verwandelt. Er erklärt dies mit dem Erwachen des Archetypus, der die Initiative übernimmt, wenn man ihn lässt. „Die Eigentätigkeit der Seele erwacht.“³ Der religiöse Mensch oder der Theologe würde sagen: Gott wirkt in der menschlichen Seele. Der menschliche Reflex ist, das eine oder das andere für Unsinn, für irrational zu erklären. 

Erfahrung ist nicht mechanistisch.

Komplementäres Denken kann beides stehen lassen. Wie schon erwähnt, taucht der Begriff der Komplementarität zeitgleich in Physik und Psychologie auf. Doch auch die Alltagswelt ist viel weniger logisch als es scheint. Die Komplementarität ist hinter dem mechanistischen Weltbild Newtons und Cartesianischer Spaltung nur gut versteckt. Immer noch „geht“ für uns „die Sonne auf und unter“; unsere Sprache ist zwar subjekt-objekt-strukturiert, aber sehr oft „psychosomatisch“ — wenn uns z.B. das Herz bricht oder etwas über die Leber läuft — oder symbolisch, wenn es nicht um Begriffe, sondern um Bilder geht. 

Das naturwissenschaftliche Zerlegen der Welt in Einzelteile prägt unser Denken. Realität sind Dinge und Objekte. Was nicht Objekt ist, ist Einbildung, Fantasie oder „nur“ psychisch. Aber so wie die Physik darauf gestoßen wurde, dass Elementarteilchen keine Teilchen sind, so gibt es bei genauerem Hinsehen so etwas wie isolierte Objekte auch in unserer Lebenswelt nicht. Die Innenwelt ist genauso real wie die Außenwelt, und ein isoliertes Ich ist eine Abstraktion und wäre so gar nicht lebensfähig. Der Mensch ist ein soziales Wesen; ohne Beziehung ist er nicht. Es gibt kein Ich ohne Beziehung zu anderen und zur Umwelt.

Es gibt kein Ich ohne Beziehung zum Ganzen.

Eine solche Beziehung nennen wir religiös oder spirituell. Jung nennt dieses Ganze das Selbst, und den Weg vom Ich zum Selbst: Individuation. Es ist ein Weg des Sich-selbst-Überschreitens. Da in Europa die aristotlische Logik die Oberhand gewonnen hat, haben es Religion wie Psychologie, die ein dynamisches Welt- und Menschenbild vertreten, relativ schwer. Seit der Antike (und Heraklit ignorierend) fragen wir nur: „Was ist?“ Damit geht jegliche Dynamik, jegliche Entwicklung verloren. 

Die Evolutionstheorie ist nicht deswegen so erschütternd, weil Mensch und Affe dieselben Vorfahren haben, sondern weil sie das „Ist“ ad absurdum führt und in ein Werden überführt. Damit ist die Evolutionstheorie der Religion viel näher als der Naturwissenschaft. Man sieht das nicht so, weil wir gewohnt sind, auch Religion statisch zu sehen. Religion ist Gauben an etwas. In Wirklichkeit ist sie Offenheit für Veränderung, für (persönliche) Entwicklung, für Individuation. Der Mensch ist nicht, er wird. Und das kann er nicht als isoliertes Ich, sondern nur in Beziehung zu anderen („Nächstenliebe“), zur Umwelt und zum Ganzen oder Unendlichen („Gottesliebe“).

Was Religion wirklich ist oder sein kann, werden wir erst begreifen, wenn wir das Denken in isolierten und statischen Dingen und Objekten ablegen und ein neues, dynamisches Beziehungsdenken entwickeln, das uns offen macht für das, was über das Ich hinausgeht.

Anmerkungen:

¹ Über die Beziehung der Psychotherapie zur Seelsorge, in C.G. Jung, Schriften zu Spiritualität und Transzendenz. Edition C.G. Jung, Patmos Verlag 2013, S. 126

² Das persönliche und das überpersönliche oder kollektive Unbewusste, ebda. 34

³ Ebda. 128. — „Dem leidenden Menschen hilft nie, was er selbst ersinnt, sondern nur übermenschliche, geoffenbarte Wahrheit, die ihn dem leidenden Zustand enthebt.“ (S. 127). — Wobei mit „Offenbarung“ die Perspektiven des Unbewussten gemeint sind, Durchbrüche des Unbewussten aus der Tiefe der Seele.

© 2018 Robert Harsieber

Außen und Innen

Zur Komplementarität von Physik und Psychologie

| Von Robert Harsieber |

Wir sind gewohnt, die Außenwelt als objektiv und real, die Innenwelt als subjektiv und unwirklich zu betrachten. Für klassische Naturwissenschaftler ist daher Psychologie keine Naturwissenschaft. Dem widersprach C.G. Jung, indem er die Analytische Psychologie als Erforschung der inneren Natur betrachtete. Dem vorherrschenden Wissenschaftsbegriff zufolge entwickelten sich Physik und Psychologie völlig unabhängig voneinander.  

Um 1900 setzte eine neue Entwicklung ein: Zu dieser Zeit läutete Max Planck mit seinem Begriff der Lichtquanten eine neue Ära der Physik ein; auch Sigmund Freuds „Traumdeutung“ erschien 1900. In beiden Disziplinen blieb kein Stein auf dem anderen. Wolfgang Pauli war der erste, der erkannte, dass man in der Physik die Anschaulichkeit der klassischen Begriffe aufgeben muss. Die Quantenphysik erforscht eine Welt des Unanschaulichen, während Freud und vor allem Jung begannen, die ebenso unanschauliche Welt des Unbewussten zu erforschen. Das blieb nicht die einzige Parallele.

In der Physik wurden die zu untersuchenden Teilchen immer kleiner, sodass jede Messung Einfluss auf das Ergebnis nahm. Die Frage, wie etwas vor einer Messung ausschaut, wurde sinnlos. Auf der psychologischen Seite ist es genauso sinnlos zu fragen, was wir „wirklich“ geträumt haben, denn die bewusste Erinnerung verändert bereits den Traum — wie die Messung in der Physik. Wie die Phänomene der physikalischen Mikrowelt unanschaulich sind, so sind es auch die Jung’schen Archetypen. Was wir durch Traumerinnerungen oder Imaginationen aktiv ins Bewusstsein fördern, sind archetypische Vorstellungen. 

In dem sich über 26 Jahre erstreckenden Briefwechsel zwischen C.G. Jung und Wolfgang Pauli kommen die beiden zu dem Schluss, dass die Archetypen keine psychischen Phänomene sind (Jung nennt sie psychoid und nicht psychisch), sondern wirkende Muster, die sich in der Psyche genauso wie in der Physik ausprägen. Jung spricht von einer gemeinsamen Matrix von Psyche und Materie [1]. 

Die „neue“ Ganzheit

Mit dem Planck’schen Wirkungsquantum kam ein völlig neues Element in die Physik: das der Ganzheit. Die Welt der klassischen Physik konnte in ihre Einzelteile zerlegt und analysiert werden; in der Quantenphysik geht das nicht mehr. Es gibt kein isoliertes Teilchen, sondern ein Elektron bekommt seine Bedeutung erst durch den Zusammenhang mit dem „Rest“ der Welt. Isoliert von der Versuchsanordnung und von der Welt als Ganzer ist es nicht. Mit den Quanten erweist sich die Welt als Einheit ohne Teile. Wir können und müssen zwar von Teilen reden, wir dürfen aber nicht glauben, dass dem etwas entspricht. 

In der Psychologie gibt es ebenfalls keine isolierten Phänomene. Für ein Symbol, einen symbolischen Inhalt gibt es keine „Definition“, keine Abgrenzung. Es erhält seine Bedeutung durch den Kontext. Es ist ein objektives Phänomen, das in situationsabhängig subjektiver Ausprägung vorliegt. Symbole können nur vor dem Hintergrund des ganzen Menschen gesehen werden, genau genommen sogar vor dem Hintergrund der gesamten Menschheitsgeschichte. Dies impliziert der Begriff des kollektiven Unbewussten bei C.G. Jung.

Komplementarität

Einer der wichtigsten neuen Begriffe in Physik und Psychologie ist jener der Komplementarität. In der Physik wurde der lange Streit zwischen der Teilchen- und Wellennatur des Lichts durch Einstein entschieden: Es ist beides! Es gibt Experimente, in denen das Licht als Welle erscheint, und andere, in denen es als Teilchenstrom erscheint. Ein Teilchen hat einen begrenzten, punktförmigen Ort, eine Welle erstreckt sich theoretisch bis in die Unendlichkeit. Mehr könnten sich die Bilder nicht widersprechen, das eine schließt das andere aus. Trotzdem geht es nur um ein Phänomen. Die beteiligten Physiker beschreiben den Schock, als wäre ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Niels Bohr löste diesen gordischen Knoten, indem er den Begriff der Komplementarität einführte: Welle und Teilchen sind zwei anschauliche Bilder, die einander ausschließen, aber auch einander bedingen, weil keines alleine genügt, um die Welt zu beschreiben. 

Es ist vor allem die Komplementarität, die das aristotelische Entweder-Oder-Denken ablösen und einer gemeinsamen Sprache von Physik und Psychologie zugrunde gelegt werden müsste. Das hat bereits Niels Bohr betont, ebenso Max Born [2]. Wolfgang Pauli intendierte eine „neutrale Sprache“, die sich auf Physik und Psychologie anwenden ließe. [3]

Teilchen- und Wellendenken

In der Psychologie C.G. Jungs sind Bewusstsein und Unbewusstes komplementär aufeinander bezogen. Männliches und Weibliches schließen sich — oberflächlich betrachtet — aus, gehören aber komplementär zusammen. Nach der Integration des Schattens ist die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem in der Individuation ein komplementärer Vorgang, in dem sich die Gegensätze vereinen, ohne sich ineinander aufzulösen. Symbolisch komplementäre Phänomene sind auch hell — dunkel, gut — böse, Tag — Nacht, Anima — Animus, oder auch Gefühl — Verstand: Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Das Wirken der Archetypen in Physik und Psychologie kann man auch am Teilchen- und Wellenbild in der Quantenmechanik ablesen, das psychologisch der männlichen und weiblichen Sicht entspricht. Man kann es als Objektdenken (männlich) und Beziehungsdenken (weiblich) bezeichnen, das sich schon unmittelbar nach der Geburt unterscheiden lässt (Simon Baron-Cohen und Jennifer Connellan [4]). So gesehen kann man die Quantentheorie auch als das Einbeziehen des weiblichen Beziehungsdenkens in die männlich dominierte Naturwissenschaft betrachten. Da Beziehung nichts rein Objektives ist, führt die Einbeziehung eines subjektiven Moments auch hier zu einer Erweiterung in die Komplementarität. 

Indeterminismus

Naturwissenschaft beschreibt nicht die Natur, sondern unser Sehen der Natur. Sie fragt nicht danach, was ist, sondern was wir erkennen können [5]. Dadurch musste der naive Realismus aufgegeben werden. Es gibt eine Außenwelt, aber keine unabhängig vom Beobachter existierende Außenwelt. 

Ebenso musste der klassische Determinismus aufgegeben und durch die statistische Wahrscheinlichkeit ersetzt werden [6]. Die Quantenmechanik kann nichts über den Einzelfall aussagen, sondern nur mehr Wahrscheinlichkeiten angeben, z.B. wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, ein Teilchen an einem bestimmten Ort anzutreffen, wenn gemessen wird. Beim atomaren Zerfall kann die (statistische) Halbwertzeit angegeben werden, nicht aber, wann ein einzelnes Atom zerfallen wird. Das bleibt dem Zufall überlassen und kann gar nicht vorhergesagt werden. 

Genau das bedeutet der Determinismus der klassischen Physik: Wenn die Ausgangsbedingungen eines Systems bekannt sind, dann kann jeder zukünftige Zeitpunkt berechnet und vorhergesagt werden. Max Born hat allerdings gezeigt, dass das auch in der klassischen Physik schon eine Illusion war, weil die Ausgangwerte prinzipiell nie exakt bestimmt werden können [7]. 

Kausalität und Wahrscheinlichkeit

Wir können also verallgemeinern: Es gibt keine Kausalität, sondern nur Wahrscheinlichkeit. Was wir in der Alltagssprache als Kausalität bezeichnen, ist quasi die höchste Wahrscheinlichkeit. Wir können auch nicht beweisen, dass morgen die Sonne aufgeht, es ist allerdings höchst wahrscheinlich. Erst recht im Bereich des Lebendigen oder Psychischen. Niemand kann vorhersagen, wie ein bestimmter Mensch in einer bestimmten Situation reagieren wird, und wenn, dann nur mit mehr oder weniger großer Wahrscheinlichkeit. Das ist auch das Problem der psychologischen oder psychiatrischen Gerichtsgutachter. 

Nichts im Leben ist völlig sicher, weil nichts wirklich kausal vorhergesagt werden kann. Die Quantenmechanik hat das mechanistische Weltbild der klassischen Physik widerlegt. Die Welt als Maschine oder als Uhrwerk ist endgültig obsolet. Es wäre absurd, den Menschen mechanistisch erklären zu wollen, wie das aber immer noch vielfach geschieht — etwa in der „modernen“ Hirnforschung, die den Menschen kausal vom Gehirn determiniert sehen will und dabei Kausalität mit Korrelation verwechselt. 

Den Menschen zu erklären, erfordert eine Psychologie, die dasaturwissenschaftlich Erfassbare komplementär ergänzt. Physik und Psychologie gehören komplementär zusammen, sie sind die Außen- und Innenseite der einen Wirklichkeit. 

  1.  C.A. Meier: Wolfgang Pauli und C.G. Jung. Ein Briefwechsel 1932-1958; Springer 1992, S. 126
  2. „Bohrs Prinzip der Komplementarität muss auch als eine neue Denkmethode angesehen werden; sie stammt aus der Physik, ist aber in vielen anderen Gebieten anwendbar.“  Max Born: Physik im Wandel meiner Zeit, Viehweg  1983, S. 267
  3. Briefwechsel, S. 108
  4. Zit. in Raphael Bonelli: Männlicher Narzissmus, Kösel, S. 204 f. – Männliche Neugeborene haben mehr Interesse an Gegenständen, weibliche an Gesichtern.
  5.  „Wir müssen uns daran erinnern, dass das, was wir beobachten, nicht die Natur selbst ist, sondern Natur, die unserer Art der Fragestellung ausgesetzt ist.“ — Werner Heisenberg, zit. in: Ernst Peter Fischer, Die Hintertreppe zum Quantensprung. Die Erforschung der kleinsten Teilchen von Max Planck bis Anton Zeilinger, Fischer TB, 2. Aufl. 2013, S 180
  6. Max Born, Physik im Wandel meiner Zeit, S. 110
  7. Max Born: Ist die klassische Mechanik tatsächlich deterministisch? In Physik im Wandel meiner Zeit, S. 160 ff.

© 2018 Robert Harsieber

Wahrheit und Protest

Zur Psychologie radikalisierten Widerstands

| Von Ludger Verst |

Die Ereignisse von Chemnitz haben weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Vom Tötungsdelikt am Rande des Stadtfestes, über rassistische „Hetzjagden“ bis zur Instrumentalisierung eines Toten – es zeigen sich Probleme, deren Ursachen nicht allein in Chemnitz oder in Sachsen zu suchen sind.

Seit Jahren werden die Signale einer massiven öffentlichen Kritik im Blick auf Migration, den Umgang mit dem Islam oder die Euro-Politik innenpolitisch unterschätzt. Zudem drängen die Langzeitfolgen der Wiedervereinigung, die de facto nicht bewältigt sind, Betroffene zu immer heftiger werdenden Ausdrucksformen des politischen Protests, was Pegida und der Zulauf zur AfD unterstreichen. Noch aus DDR-Zeiten, wo das Lebensumfeld davon geprägt war, den Kapitalismus grundsätzlich kritisch zu sehen, stammt ein vitales Misstrauen gegenüber Obrigkeiten, das auch nach 1989 nie wirklich verschwand und nun in der Migrations-Politik erneut entflammt.

Im Westen der Republik hingegen herrscht kaum Verständnis gegenüber dem Protest, der seit längerem vor allem aus Sachsen kommt. Ich habe verschiedentlich schon darauf hingewiesen: Wenn öffentliche Proteste in großem Stile ignoriert werden, gerät eine Demokratie langfristig und nachhaltig in Gefahr. Der Wahrheitsgehalt, der in ernsthaften Protesten steckt, wird fatalerweise nicht zur Kenntnis genommen.

Erfahrungen aus der sozialen Gruppentherapie

Ein Experte für ostdeutsche Befindlichkeiten ist der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz aus Halle. Nach den ausländerfeindlichen Vorfällen in Chemnitz verteidigt der 75-Jährige den Osten und warnt davor, die Sachsen pauschal zu verurteilen und in die rechte Ecke zu stellen. Viele Menschen fühlten sich falsch eingeschätzt. Maaz verweist dabei auf Erfahrungen aus der sozialen Gruppentherapie: Wenn Menschen zusammen seien, sagt er, gebe es immer Anführer, Mitläufer und Außenseiter, so genannte Omegas. Diese würden von den anderen beschimpft, bedrängt oder — wenn möglich — ausgegrenzt. Und zwar deshalb, weil der Außenseiter immer etwas verkörpere, was die anderen, die Mehrheit, nicht wissen wolle. Ein Omega würde nicht als Qualitätsindikator, sondern als Störfaktor angesehen. Nicht selten rutsche dann nach kurzen kathartischen Episoden ein anderes Gruppenmitglied in diese Position, und das Spiel beginne von vorn. Maaz wörtlich: „Die Verleugnung einer schwierigen Wahrheit ist für die Entwicklung einer Gruppe wie auch der Gesellschaft hochproblematisch, weil dann bittere Realitäten nicht gesehen und damit auch nicht mehr hilfreich angepackt werden können“ (Leipziger Volkszeitung vom 05.09.2018).

Es zeigt sich, dass hinter Feindbildern wie „Flüchtlinge“, „Asylanten“ und Schlagwörtern wie „Überfremdung“ und „Islamisierung“ Ersatzthemen liegen, in denen existenzielle Themen verborgen sind, deren Tragweite erkannt und analysiert werden müssen. Im Kern dieser Themen stecken nämlich Befindlichkeiten realer Bedrohung, ein Überschuss vor allem von Angst.

Aber – wohin mit dieser Bedrohung, wohin mit der Angst?

Unsere Gesellschaft stellt faktisch keine Räume, keine Orte zur Verfügung, an denen solche Energien unmittelbar, zunächst ganz und gar unpolitisch, also gerade nicht im Spiel von Demonstration und Gegendemonstration, erwünscht wären. So drängt sich die Frage auf, ob eine Demokratie ihre Anhänger nicht nur formal und äußerlich, sondern vor allem und zuerst innerlich demokratisieren müsste, wenn sie wirklich Volkes Stimme repräsentieren will. Äußere Demokratisierung ist keine Kunst. Innere Demokratisierung aber wäre ein innerseelischer Prozess, der Fehlentwicklungen, Verstrickungen, enttäuschte Hoffnungen, insbesondere in Ostdeutschland, als legitim, ja not-wendig zur Sprache kommen ließe.

Den inneren Fremdheiten, der Entfremdung vom eigenen persönlichen und natürlichen Leben, der Leere und Unbarmherzigkeit des Lebens müsste nachgegangen werden. Das gehört zur Demokratisierung dazu. Aber so scharfsinnig dies erkannt sein mag, so dringlich wäre es, die Konsequenzen zu erörtern.

Wir beherrschen die Realität, …

In dieser dramatisch-unübersichtlichen, kollektiven Frontstellung herrscht nicht erst seit Chemnitz initiativlose Windstille. Denn mit der Bekanntgabe politischer Demarkationslinien und der Feststellung unüberwindbarer Gräben scheint es Meinungsführern fürs erste getan zu sein. Der bei weitem größere Aufwand aber wird noch zu leisten sein, um die Frontstellungen wieder zu lockern und die Hintergründe der Angst ganzer Bevölkerungsschichten ehrlicherweise hervorzubringen, zu benennen und anzuschauen. Wer die aggressiven, dann wieder frustrierten oder gleichgültigen Reaktionen der Bürger erlebt, fragt sich mit Recht, wie dieser gewaltigen Protest- und Abschottungstendenz überhaupt begegnet werden kann.

So problematisch es klingen mag: Eine moralische Front gegen alles rechts der CDU würde lediglich ein „Wir gut, ihr schlecht“ transportieren und die Gräben zwischen Rechts und Links, Ost und West nur weiter vertiefen. Im Grunde ist dies längst passiert. Viele fühlen sich in ihrem Protest, in ihren Ängsten schon lange abgehängt. Hinter dem Sammelsurium an Protestinhalten ist eine Irrationalität am Werk, die viele Gründe hat und durch politische Etikettierungen nicht gelüftet wird.

… sind aber hilflos im Umgang mit der Wirklichkeit.

Die Entwicklungs- und Bewältigungskosten einer inneren Demokratisierung aber will so gut wie niemand übernehmen. Für die Parteien gehören sie nicht mehr zum Teil ihrer politischen Analyse und Rezeptur. Die Gewerkschaften vertreten Parteiinteressen. Der Sport kann soziale und psychische Belastungen nur bedingt auffangen und umlenken, nicht aber beheben. Bleiben Sozialverbände und Kirchen. Aber auch hier werden oft mehr Fronten erhoben als abgebaut. In Stellungnahmen geht es um klare Grenzziehungen. Man bleibt bekenntnishaft unter sich. Das ist in Ordnung, aber bei weitem zu wenig.

Wer baut den Enttäuschten eine Klagemauer?

Wo also bieten sich niederschwellige Orte gewaltfreier, lautstarker Auseinandersetzung? Orte, an denen geschimpft, Wut herausgelassen, Angst und Enttäuschung artikuliert werden können, ohne gleich Lösungen parat zu haben? Wo Menschen jammern und sich auf Augenhöhe ihr Leid klagen dürfen? Oder anders gefragt: Wo kann ich lernen, Empathie zu entwickeln für den, den ich nicht leiden kann, um mir einen Moment lang die Welt mit seinen Augen anzusehen? Wer macht mir Mut, mich in die Höhle des Anderen zu begeben?

Ich vermisse Zivilcourage, die nötig ist, nicht nur um Grenzen zu setzen, sondern ebenso zu erforschen, wo und wie ich sie mit dem Anderen auch wieder überwinden kann. Ich wünsche mir Politiker, übrigens auch Bischöfe, die vor Wahlsonntagen nicht nur sagen, was Demokraten dürfen oder nicht, sondern die auch Verständigungsfährten legen, um mit Wutbürgern und Populisten in streitbare Gespräche zu kommen.

Wer sich abgestempelt fühlt oder ausgeschlossen, wird sich darum bemühen, die Mauer zwischen sich und dem Rest der Welt noch höherzuziehen. Das aber machte die Spaltung perfekt. Nichts Anderes beflügelt im Moment die AfD.

© 2018 Ludger Verst

Wieso geht es den Bösen gut?

| Von Robert Harsieber und Ludger Verst |

Dieser Tage ist Johann Baptist Metz 90 Jahre alt geworden. Abgesehen davon, dass er ein charismatischer Lehrer ist, hat er eine der brennendsten Fragen der Menschheit, die Theodizeefrage, neu in den Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses gestellt, nämlich: Wieso leiden die Gerechten? Wieso geht es den Bösen gut? Wie kann ein Gott, erst recht ein allmächtiger und barmherziger, zulassen, dass Unschuldigen Leid widerfährt?

Zugespitzt und aus der Perspektive von Metz formuliert: Wie konnte der Gott Jesu, jenes Juden aus Nazareth, eine Katastrophe wie Auschwitz zulassen? — Lange Zeit hat man gesagt: Wir haben als Menschen darauf keine Antwort. Wir nehmen es deshalb gläubig an. Mit einer solchen Ruhigstellung durch Glauben hat Metz endgültig Schluss gemacht. Auschwitz bleibe in einem solchen Ausmaß erschreckend und aufreibend, dass es völlig unmöglich sei, die Ermordung von allein einer Million Kinder als eine Prüfung von Gehorsam und Glaubenstreue zu verstehen.

Der gute Gott, der alles lenkt und beherrscht, ist zur Blasphemie geworden. Gutsein kann einem Gott fortan nicht (mehr) per se unterstellt werden. Eine solcherart „süßliche“ Religion wäre nicht mehr glaubwürdig, ja, sie ist sogar abschreckend und ein wesentlicher Grund dafür, dass viele sich abwenden und Atheisten oder Agnostiker werden.

Wie konnte Gott den Holocaust zulassen?

Nach der schier unfassbaren Verhöhnung des Humanen, wofür Auschwitz als Erinnerungs- und Passionswort steht, ist die Verehrung eines Gottes, der „alles so herrlich regieret“, gänzlich unmöglich geworden. J.B. Metz: „Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.“ Wir können von Gott nicht reden, ohne das größte Übel mit hineinzunehmen, auch wenn das völlig irrational ist. Von Gott zu reden, umfasst Rationales und Irrationales, weil Gott weder (nur) das Gute, noch (nur) das Böse ist, sondern immer „der ganz Andere“, über den sich nichts Abschließendes oder Endgültiges sagen lässt. Religiöse Schriften handeln nicht von Gott, sondern vom Menschen und seiner Beziehung zum Unendlichen, mal in bekenntnishafter, mal in gleichnishaft-symbolischer Sprache, die wir heute trotz Tiefenpsychologie kaum mehr verstehen.

Der Weg ins Gelobte Land führt … durch die Wüste

Viele lesen „heilige Schriften“ als Schriften über einen Gott, der letzlich für alles zuständig ist. Damit, meinen sie, bräuchten sie sich selbst um die Tragödien dieser Welt nicht zu kümmern. Es ist eine Projektion. Es ist die Lesart einer „bürgerlichen Religion“, die „Gott“ für das missbraucht, für das sie sich selbst nicht verantwortlich fühlt. Auf diese Weise verdrängen Christen gern die Stellen in der Heiligen Schrift, an denen es unanständig grausam zugeht. Doch gerade diese offenbaren einen durchweg menschlichen Realismus. Zum Beispiel Mose. Ausgerechnet der Mörder Mose soll die Israeliten aus der Abhängigkeit ihrer inneren und äußeren Wüste herausführen und in Beziehung zum Unendlichen, zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bringen. Hier wird deutlich: Durch Wüste und Verwüstung hindurch führt der Weg ins Gelobte Land. Eine Wegerfahrung, die symbolisch durch die Schlange aus Kupfer zum Ausdruck kommt, die Mose für alle sichtbar an einer Fahnenstange aufhängt. Der, der sie im Blick hat und im Blick behält, kann gerettet werden (Buch Numeri 21, 4-9).

Die Schlange als Symbol des Bösen ist auch das Symbol des Heils. Die erhöhte Schlange ist ein Sinnbild für den erhöhten Jesus, den Menschensohn. In Goethes „Faust“ kommt die dunkle Seite des Menschlichen durch Mephisto ins Spiel: „Ich bin der Geist, der stets verneint, ein Teil von jener Kraft, der stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Um heil (ganz) zu werden, reicht der kindliche, der „liebe Gott“ nicht aus. Gerade das Negative, das Nicht-Passen-Wollende will angeschaut und zur Wandlung führen. Es abzuspalten – wie es auch die Kirche immer wieder getan hat und tut – ist der falsche Weg. Ins Unbewusste verdrängt, wächst seine Kraft und bricht hervor —, gewaltsamer als je zuvor.

Der Name Gottes: ICH BIN

In der poetischen Sprache des Alten Testaments wird uns der Gott des Mose nicht bildhaft vorgestellt. Die „Offenbarung“ JHWHs lautet „ICH BIN“. Die Mose-Leute aber setzen, sobald sie sich selbst überlassen sind, lieber auf Greif- und Handhabbares wie die Kanaaniter, die ihren Fruchtbarkeitsgott Baal in einem Goldenen Kalb verehren, weil dies viel einfacher ist, als sich durch „ICH BIN“ in eine lebenslange Arbeit der Selbstwerdung schicken zu lassen. Im Grunde genommen deutet sich hier schon ein Menschen- und Weltbild an, das aus der Statik des Feststellens und Habenwollens in das einer Dynamik des Vertrauens und Sich-Entwickeln-Wollens führt.

Wenn also eine Gottesrede nach Auschwitz im alten, feststellenden Sinne nicht mehr möglich ist, also ein Bild von Gott, der alles auf seine Weise vorherbestimmt und lenkt, „tot ist“ (Nietzsche), dann könnte der Hinweis auf den „ICH BIN“ gerade dies deutlich machen: dass Gottvertrauen ein anderes Wort ist für Entwicklung, nämlich Menschsein in immer neuen Anläufen und in nicht abschließbarer Weise als Entwicklung zum Ganzwerden zu verstehen — einer Vorstellung von Glück und Erfüllung, die menschlicherseits freilich nie herstellbar, sondern durch „ICH BIN“ dem einzelnen und den anderen verheißen ist, wenn Gott ‚alles in allem‘ ist (1 Kor 15, 28).

Der Weg zum Eigenen und Ganzen: Individuation

C.G. Jung bezeichnet eine solche Entwicklung des Menschen zum Ganzwerden als Individuation. Sie ist nicht von einem Gott gesteuert, sondern liegt in unserer eigenen Verantwortung. An einen Gott zu glauben oder nicht, ist dabei nicht das Entscheidende. Es bleibt ohnehin offen, woran man da glaubt oder nicht glaubt. Es geht einzig und allein darum, Verantwortung für das eigene Sein, mehr noch: für das eigene Werden — und in solidarischer Weise — auch für das Werden der Anderen zu übernehmen.

So stellt sich uns angesichts von Auschwitz heute erneut die Aufgabe, den menschen- und gottverachtenden Gesinnungs-Holocaust politischer und religiöser Fundamentalisten entschieden zu bekämpfen. Denn eine verantwortliche Entwicklung schließt das innere und äußere Fremde immer mit ein.

© 2018 Robert Harsieber/Ludger Verst

… gemeinsam aber ist das Heilen

| Von Robert Harsieber |

„Theologie trifft Therapie?“ war das Thema der Initialveranstaltung der C.G. Jung-Gesellschaft Frankfurt am 23. Juni 2018. Es sollte bewusst „keine Verbrüderung“ (Ludger Verst) sein, sondern ein Dialog, ein gegenseitiges Sich-Befragen – und natürlich auch Anregung zum Weiterdenken.

Jedenfalls wurde da ein Spannungsfeld aufgetan. In der Theologie geht es um das „Heil“, in der Therapie um das „Heilen“. Man könnte es auch als eine Begegnung zweier Spannungsfelder sehen: in der Theologie zwischen Heil und Heilwerden als einer vernachlässigten Dynamik, in der Therapie zwischen Heilen und Ganzwerden und der Frage: Kann der Mensch ganz werden, wenn die spirituelle Ebene ausgeblendet werden muss, weil dies in der heutigen Zeit als unwissenschaftlich gilt?

Die Reanimation der Innenwelt

Mit der innigen Verbindung von Seelsorge und Lebenskunst erweiterte (und vereinte) Prof. Dr. Anne Steinmeier, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, das Terrain: von der Theologie über die Philosophie zur Therapie. All das könne und müsse unterschieden, dürfe aber nicht getrennt werden. Da der Mensch ein „animal symbolicum“ sei (Ernst Cassirer), gehe es beim Menschen nicht um abstrakte Wahrheit, sondern um Stimmigkeit, nicht um Begriffe (so notwendig diese auch sind), sondern um Bilder und Symbole, nicht um Eindeutigkeit (die es in der Natur und im Leben nicht gibt), sondern um Mehrdeutigkeit.

Und da kommt C.G. Jung ins Spiel, der die Bilder als Symbole und Archetypen wiederentdeckt hat. Für ihn war dies Naturwissenschaft mit Blick auf die innere Natur des Menschen, womit Jung unversehens im Gegensatz zur empirischen Wissenschaft stand.

Könnte Psychologie der „Missing Link“ sein zwischen Naturwissenschaft und Theologie?

Der Psychologe C.G. Jung und der Physiker Wolfgang Pauli betrachteten ihre Fachgebiete als komplementär zueinander, womit Physik und Psychologie zwei Seiten einer Medaille wären. Dasselbe könnte man von Psychologie und Theologie behaupten. Wie Leibniz sich gegen Newton wendet, weil er die Gefahr eines mechanistischen Weltbilds klar erkannt hat, so stellt sich Jung gegen ein starres, statisches Weltbild, indem er das Dynamische, das Werden, die Selbst- oder Menschwerdung, die Individuation in den Mittelpunkt rückt. Damit stellt er sich auch gegen eine Vergötterung der Außenwelt, gegen ein Verständnis von Naturwissenschaft als neuer Religion, wie sie Voltaire ganz dezidiert vertreten hat. Hinter dem abstrakten Subjekt steht eine Welt für sich, auch wenn sie nicht von der Außenwelt zu trennen ist. Wer diese Innenwelt verdrängt, findet sie in der Außenwelt wieder in mannigfaltigen Projektionen. Diese Janusköpfigkeit spiegelt sich auch in den Symbolen und Archetypen, die (allgemeingültige) Ganzheit und (individuelle) Besonderheit in sich vereinen.

Aus der Unterscheidung von Materie und Geist wird zuerst eine Trennung, dann eine Verdrängung der Innenwelt.

Seit René Descartes trennen wir Materie und Geist, Außenwelt und Innenwelt. Wobei Descartes methodisch unterschieden und noch nicht getrennt hat. Die Trennung kam später und auch die Verengung der Innenwelt auf einen abstrakten Punkt, den wir Subjekt nennen. Jung hat diese Innenwelt reanimiert und damit auch das Terrain der Religiosität der Theologie zurückgegeben, ohne selbst Theologie zu betreiben.

Wenn die Kirche z.B. einen Eugen Drewermann mit Lehrverbot bestraft, ist das an Absurdität nicht zu übertreffen. Einer, der für das Terrain der Religiosität kämpft, der an der Reanimation der Innenwelt arbeitet, wird von einer Kirche, die selbst das mechanistische Denken, das sie bekämpfen sollte, in einem veräußerlichten Weltbild angenommen hat, hinausgedrängt. Den Ast abzusägen, auf dem man sitzt, ist das passende Bild dazu.

In ihrer veräußerlichten Sprache ist die Kirche längst in die Falle eines unnatürlichen und unlebendigen statischen Weltbildes gegangen. Theologie und Religiosität sind ein dynamisches Unterfangen. In einer Zeit, in der einem die dogmatisch, bisweilen fundamentalistisch „die Wahrheit um die Ohren gehauen wird, ist die Dynamik des Lebendigen längst ausgeschlossen, der Quell lebendigen Wassers längst versiegt. Du gehörst zu den (strahlend weißen) Schafen oder zu den (schwarzen) Böcken, du musst dich nur entscheiden. Dass es in biblischen Gleichnissen um Bilder und nicht um Begriffe geht, scheint vergessen.

Theologie ist nicht Psychologie, Seelsorge nicht Psychotherapie, …

Es ist nicht die Schuld der Psychotherapie, dass sie selbst das Feld einer dynamischen Seelsorge übernehmen muss, weil die Kirche lieber das Defizitäre brandmarkt, statt zum „lebendigen Wasser“ zu führen. Von der Kraft des Wassers aber könnte sie lernen: vom Wasser, das da ist und doch auch weichen kann, das das Flussbett gräbt und ständig verändert, sodass in diesem beharrlichen Geben und Nachgeben seine Stärke liegt. Alles fließt (panta rhei). In solchen Bildern sind das Allgemeine wie das Individuelle, das Sanfte und Gewaltige, das Faszinosum und Tremendum vereint. Therapeuten versuchen oft, solche Naturgewalten zu bändigen und stoßen dabei an Grenzen, z.B. wo Traumata nicht zu erklären sind, die einer zu tiefen Wurzel entspringen. Hier könnte eine Seelsorge, die gleichermaßen aufgeschlossen wäre für das Dunkle und Unberechenbare, therapeutische Aufgaben übernehmen, — wie umgekehrt die Seelsorge gelegentlich auch an Therapeuten übergeben muss.

… beiden gemeinsam aber ist das Heilen.

In beidem geht es um den Menschen. Eine Grenze abzustecken, gleicht der Frage der Quantenphysik, wo die Mikrowelt aufhört und die Makrowelt anfängt. Wo es in der Theologie nur um Gott und nicht zentral um den Menschen geht, hat sie ihre Berechtigung verloren. Umgekehrt geht es in der Psychologie nicht um Gott, aber — wie in der Analytischen Psychologie Jungs — um das Gottesbild, die Gottesbilder in der menschlichen Psyche. In beiden Disziplinen geht es um den Menschen, um seine Sinnsuche und um das Ganze.

Im Therapieren und Heilen könnten sie gemeinsame Sache machen, ohne ihre notwendige Eigenständigkeit zu verlieren.

© 2018 Robert Harsieber

Das Rätsel des Bösen

| Von Robert Harsieber |

Beim Thementag „Theologie trifft Therapie?“, der Initialveranstaltung der C.G. Jung-Gesellschaft Frankfurt am 23. Juni 2018, fiel im Vortrag von Konstantin Rößler der Satz, das Böse entstehe „aus dem Fehlen von Bezogenheit“. Was ist damit gemeint?, frage ich mich. Jungs Schattenkonzept kennzeichnet den Schatten als Motor der Individuation: „Projektionen verwandeln die Umwelt in das eigene, aber unbekannte Gesicht.“

Das Böse als das fremde, „unbekannte Gesicht“? Nun — die Welt ist nicht von ungefähr so, wie sie ist. Vieles entsteht von innen her, aus dem Dunkeln, wie von selbst, was manchmal unbegreiflich ist. Rößler zitiert den Psychiater im Eichmann-Prozess: Dieser Mann (Eichmann) sei überraschenderweise völlig normal, „jedenfalls normaler als ich es bin, nachdem ich ihn untersucht habe“. Das alles ist merk-würdig im wahrsten Sinne des Wortes. Es erklärt einiges, aber nicht das Rätsel des Bösen.

Der Schlüssel scheint das Fehlen von Bezogenheit zu sein. Sich aufeinander zu beziehen könnte Menschen aus ihrem statischen Subjekt-Objekt-gespaltenen Weltbild herausführen. „Selbstverschuldete Unmündigkeit“ (Kant) ist da vielleicht nur die halbe Miete. Oder sogar weniger. Denn Unmündigkeit könnte man noch erklären und entschuldigen. Aber das Fehlen von Bezogenheit macht den Menschen von einem empathischen und sozialen Wesen zu einem isolierten, das sich gegen andere und gegen alles wendet. 

Die Wurzel des Bösen liegt in der Trennung von Innen und Außen, von Subjekt und Objekt, in einer egozentrischen, beziehungslosen Welt.

Damit steckt das Böse nicht erst in Kriegen, Terror und den Grausamkeiten, wie sie alltäglich geschehen, sondern in allen Systemen, in denen es um Konkurrenz, um ein Gegeneinander statt Miteinander geht und um unbegrenztes Wachstum auf Kosten anderer. Es geht darum, besser zu sein als die anderen; die Mittel dazu sind nachrangig. Der „Markt“ produziert, was Gewinn bringt, am besten mit Ablaufdatum, um nachliefern zu können. Da dies wunderbar auch auf Kriegsgerät zutrifft, hat kaum jemand Hemmungen, Waffen zu produzieren und zu verkaufen. Drogen fallen in dieselbe Kategorie. Da sind wir dann schon beim organisierten Verbrechen, wohingegen man Waffen immerhin noch zu Verteidigungszwecken einsetzen kann. — So oder so: Sich durchzusetzen hatte immer schon den Preis eines blutigen Endes. Bereits in der Jäger- und Sammler-Zeit behauptete man sich nicht nur gegen wilde Tiere, sondern setzte sich auch gegen den Mitbewerber durch. 

Notwendig ist der Auszug aus einem statischen Weltbild.

Aber auch das ist alles noch sehr vordergründig. Das skizzierte Grundmuster liegt schon in der Sprache selbst begründet, die die Subjekt-Objekt-Spaltung spiegelt. Sie ist der direkte Ausdruck eines „Ich gegen den Rest der Welt“. Als Descartes seine Unterscheidung von Materie und Geist traf, war dies zunächst eine Unterscheidung von Außenwelt und Innenwelt. Die Innenwelt aber, das Seelische, ist inzwischen mehr oder weniger auf die Funktion eines ergänzenden Nebensatzes im Gesamtgefüge vermeintlicher Objektivität reduziert. Man braucht den eigenen Willen nicht mehr durch so hinderliche Dinge wie Motivation, Emotion, Intuition zu rechtfertigen. Der Weg zu einem kalten Egoismus ist auch methodisch längst geebnet.

Was radikalisierte Grenzbeschwörer heute als „europäische Kultur“ verkaufen wollen, ist schon auf dem Weg von Jerusalem Richtung Europa verlorengegangen. Ein gewisser Jesus von Nazareth hatte damals von Empathie, von Feindes- und Nächstenliebe gesprochen und sie vorgelebt, um gerade auch Fremde, Ausgegrenzte und Notleidende mit einzubeziehen. Dieser zentrale Gedanke wird heute von denen, die ein angeblich christliches Abendland verteidigen, mit Füßen getreten. In dem Bedürfnis nach Selektion und Ausschluss steckt eine tief sitzende, unbewusste Angst.

Die Wissenschaft konstruiert eine fragmentierte Welt.

Die Satzstruktur Subjekt, Prädikat, Objekt bezeichnet eine Art Universalgrammatik, die dazu verführt, auch das Leben selbst derart fragmentiert zu sehen. Wofür es allerdings keinen vernünftigen Grund gibt: Die Welt begegnet uns zunächst als ganze, und wir treten ihr als Ganzer gegenüber. Innen- und Außenwelt sind nicht zu trennen. Dieses Gegenüber ist im Grunde illusorisch. Wir analysieren und fragmentieren die Welt, um sie in unseren Köpfen ordnen zu können. Dazu müssen wir sie vereinfachen. Was wir (Natur-) Wissenschaft nennen, ist im Prinzip eine Vereinfachung. Sie ist keine Abbildung, sondern eine Konstruktion unserer Welt unter angeblicher Eliminierung des Subjekts.

Diese Subjekt-Objekt-Spaltung ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, genauso wie das aristotelische Entweder-Oder, das nur in unserer konstruierten Welt gilt, nicht aber im alltäglichen Leben. Es gibt kein isoliertes Subjekt, genauso wenig wie es eine vom Beobachter unabhängige Außenwelt gibt. Das lehren uns Quantenphysik und Tiefenpsychologie seit einem Jahrhundert. Wir aber leben und denken gerne noch wie im 19. Jahrhundert. 

Die Grundstruktur der Welt ist Beziehung.

Und was hat das alles mit dem Bösen zu tun? — „Das Böse entsteht aus dem Fehlen von Bezogenheit.“ Die Grundlage der „Welt“ sind nicht materielle Atome, sondern Beziehung. In der Mikrowelt gibt es „keine Teilchen, sondern nur Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung“. Diese Erkenntnis, die aus der Physik kommt (Hans-Peter Dürr) und auch aus der Theologie (Nächstenliebe, Trinität als reines Beziehungsgeschehen), wäre das Gegenmodell zur Welt der „Erbsünde“, einer Welt, wie sie angeblich „ist“. 

Der „Sündenfall“ ist das Herausfallen aus der Beziehung, das sich Erleben als isoliertes Subjekt, das meint, sich gegen andere Subjekte und gegen die Welt da draußen „behaupten zu müssen“. Bis hin zum autistischen Narzissmus, dem Leben – besser: Vegetieren in einer eigenen Schrebergartenwelt, die mit Feuer und Schwert verteidigt werden muss. Eine Einstellung, die, wenn ein Nationalstaat sie vertritt, schnell zu Fremdenhass und Rassismus führt. Wir haben es erlebt, und wir beten heute darum, dass es sich nicht wiederholt. Denn die kalte Struktur der Beziehungslosigkeit scheint stärker zu sein als ein Lernen aus der Geschichte. 

FOTO: Jacques Gassmann, 7. Kreuzwegstation, Augustinerkirche Würzburg (Mai 2018)

© 2018 Robert Harsieber