Über die Autoren

Robert Harsieber

In meinem Leben waren verschiedene Wege zu verschiedenen Zeiten bedeutsam. Mein spiritueller Weg begann als Ministrant in einer kleinen Dorfkirche. Dies mündete dann in der Spätpubertät in der Frage: Gibt es im Christentum auch einen „erwachsenen“ Weg?

Im Gymnasium kam ich über meinen Philosophie-Lehrer mit östlichen Kulturen (Ramakrishna, Vivekanana, chinesischer Universismus) in Berührung, verbrachte das Bundesheer mit dem Tibetanischen Totenbuch unter dem Kopfpolster und trat parallel zum Philosophiestudium in eine Yogagemeinschaft in Wien ein. Mein Guru war eine polnische Jüdin, Enkelin eines chassidischen Wunderrabbis, die zum Christentum übergetreten war und Schülerin eines Ramakrishna-Schülers war. Ihr Yoga war traditionell, christlich und integral. Wir beschäftigten uns auch mit C.G. Jung und Friedrich Weinreb. Meine philosophische Dissertation war ein Vergleich östlicher (v.a. Sri Aurobindo) und westlicher Weltanschauung (Physik, Biologie, Psychologie bis Philosophie und Theologie).

Nach zehn Jahren endete diese Phase und ich verbrachte danach immer einige Zeit in einer anderen Kultur. Zuerst Sufismus, dann Indianer, dann einige Jahre tibetischer Buddhismus, nicht theoretisch oder über Bücher, sondern praktisch in der jeweiligen Kultur lebend. Das brachte einige Probleme mit sich, weil ich mich manchmal fragte, warum ich jedesmal wieder „von vorne“ einen neuen Weg begann. Im Grunde ging es immer um das Menschsein, und eine erwünschte Nebenwirkung war, dass ich durch die Sicht von außen meine eigene Kultur besser verstehen lernte. Manches sieht man von außen besser als von innen. Und so kam es, dass ich durch verschiedene Begegnungen wieder zurück zum Christentum fand, das ich ja nie verlassen hatte. Vorläufig letzte Etappe war ein Theologischer Kurs der Erzdiözese Wien.

Meine berufliche Laufbahn war im Journalismus, zuerst Wissenschaft, dann Wirtschaft und ein halbes Leben Medizin (Ärztezeitschriften). Meine Position als Chefredakteur verschiedener Zeitschriften nützte ich schamlos aus, um für mich interessante Menschen kennenzulernen. David Steindl-Rast, Matthias Beck, Harley Swift Deer, Oruç Güvenç, Lama Ole Nydahl, Ayang Rinpoche, Ernst Mayr, Herbert Pietschmann, Hans-Peter Dürr, um nur einige zu nennen.

Schon während meiner Studien- und Yoga-Zeit begann meine Beschäftigung mit Psychologie (v.a. C.G. Jung, später Neumann, Wurmser) und Physik (Heisenberg, Bohr, Schrödinger, Pauli u.a., später Pietschmann, Dürr).

Heute setze ich mir zur Aufgabe, diese verschiedenen Gebiete und Sprachen in eine Art synchrones Denken zu „übersetzen“, eine einheitliche Sprache unter Wahrung der Verschiedenheiten und Eigenheiten. Das ist gleichbedeutend mit dem Projekt, an einem zeitgemäßen Weltbild zu arbeiten, denn das sogenannte „moderne“ Weltbild ist um 1900 steckengeblieben.

Ludger Verst

Ich bin von klein auf mit Religion und Kirche aufgewachsen und habe in fast 30 Jahren von der Pfarrgemeinde über das Bistum bis zur Deutschen Bischofskonferenz auch beruflich alle Ebenen kennengelernt. Und doch bin ich nur bedingt und vordergründig ein Insider. Das hat seinen Grund: Meine kirchlichen Dienstgeber habe ich immer gleich gebeten, mich spätestens nach fünf Jahren daran zu erinnern, dass ich keine Wurzeln schlagen wolle.

Im Hintergrund dieses etwas eigenwilligen Ansatzes steht ein früh verspürtes, eher intuitives Wissen um die Bedeutung von Nähe und Distanz, wenn eine Sache gut werden soll. Insider-Sein ist nur insofern gut, als es einem Outsider dienlich ist. Mein Expertentum ist nur dann und nur solange hilfreich, wie ich dem Nicht-Experten außerhalb meiner Sphäre als Experte dienlich und zugleich zum Verwechseln ähnlich bin. Das gilt erst recht für einen journalistisch arbeitenden Theologen.

Im Vorfeld meiner Weihe zum Diakon, das war 2005, habe ich meiner Gemeinde erklärt, warum mir diese Aufgabe wichtig sei. Ich sagte: „Ich möchte Botschafterdienste leisten im kleinen Grenzverkehr zwischen Kirche und Welt. Mit einem Bein, dem Standbein, stehe ich fest in der Gottesdienst feiernden Gemeinde, mit dem anderen, dem Spielbein, trete ich hinaus in die Welt der religiös eher Ungeübten und Unmusikalischen.“

Heute verstehe ich meine Aufgabe noch umfassender. Ich sehe mich als eine Art Laborant für eine Kultur des Sinns. Als »Publizist«, »Diakon«, »Therapeut« arbeite ich an einem tiefenwirksamen Sinnverständnis. Die Wahrheit eines solchen Sinns leuchtet auf, wenn mein und das Leben anderer gelingt, wenn es sich entwickelt und reift in eine freiheitsliebende, geschwisterliche Kommunikationskultur hinein.

Nun gehört es zur Tragik der etablierten Religionen, dass die meisten ihrer Sprechversuche in den Kommunikationen des Alltags stumpf und irrelevant geworden sind. Ich spüre das täglich zum Beispiel bei den Produktionen für den Hörfunk, in der Beratung und Seelsorge, nicht zuletzt im schulischen Religionsunterricht. Manchmal denke ich, es wäre besser, das Systemhafte von Religion und Konfession, d.h. deren dogmatische Antiquariate aus dem Verkehr zu ziehen und sich stattdessen darauf zu verständigen, dass der Weg jeder Religion der Mensch ist. Im Mittelpunkt steht der Mensch. Weil „der Mensch keine Seele hat, sondern Seele ist (R. Harsieber), hat Religion für mich elementar mit Psychologie zu tun. Im Zusammenspiel der beiden Disziplinen entdecke ich Herausforderungen, vor allem aber die Chance einer dringend notwendigen Perspektiverweiterung.

Es braucht mutige Grenzgänger, spirituelle Kundschafter, Experimentalisten, die relevante Unterschiede benennen, aber eben auch Verbindungen stiften. Ich versuche dies, indem ich die therapeutische Dimension der Rede von Gott mit der Entwicklung und Förderung bestimmter lebensdienlicher Grundhaltungen und Kompetenzen verbinde. Ich nenne dies Tiefentheologie, aktuell und nah am Sinnbedürfnis der Zeitgenossen. Von religions- bzw. tiefenpsychologischen Zugängen verspreche ich mir wertvolle Anregungen für eine Spiritualität, die transzendenzsensibel ist und Menschen auf ihrer Suche nach sinnhaften Selbst-Konzepten unterstützt.