Wieso geht es den Bösen gut?

| Von Robert Harsieber und Ludger Verst |

Dieser Tage ist Johann Baptist Metz 90 Jahre alt geworden. Abgesehen davon, dass er ein charismatischer Lehrer ist, hat er eine der brennendsten Fragen der Menschheit, die Theodizeefrage, neu in den Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses gestellt, nämlich: Wieso leiden die Gerechten? Wieso geht es den Bösen gut? Wie kann ein Gott, erst recht ein allmächtiger und barmherziger, zulassen, dass Unschuldigen Leid widerfährt?

Zugespitzt und aus der Perspektive von Metz formuliert: Wie konnte der Gott Jesu, jenes Juden aus Nazareth, eine Katastrophe wie Auschwitz zulassen? — Lange Zeit hat man gesagt: Wir haben als Menschen darauf keine Antwort. Wir nehmen es deshalb gläubig an. Mit einer solchen Ruhigstellung durch Glauben hat Metz endgültig Schluss gemacht. Auschwitz bleibe in einem solchen Ausmaß erschreckend und aufreibend, dass es völlig unmöglich sei, die Ermordung von allein einer Million Kinder als eine Prüfung von Gehorsam und Glaubenstreue zu verstehen.

Der gute Gott, der alles lenkt und beherrscht, ist zur Blasphemie geworden. Gutsein kann einem Gott fortan nicht (mehr) per se unterstellt werden. Eine solcherart „süßliche“ Religion wäre nicht mehr glaubwürdig, ja, sie ist sogar abschreckend und ein wesentlicher Grund dafür, dass viele sich abwenden und Atheisten oder Agnostiker werden.

Wie konnte Gott den Holocaust zulassen?

Nach der schier unfassbaren Verhöhnung des Humanen, wofür Auschwitz als Erinnerungs- und Passionswort steht, ist die Verehrung eines Gottes, der „alles so herrlich regieret“, gänzlich unmöglich geworden. J.B. Metz: „Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.“ Wir können von Gott nicht reden, ohne das größte Übel mit hineinzunehmen, auch wenn das völlig irrational ist. Von Gott zu reden, umfasst Rationales und Irrationales, weil Gott weder (nur) das Gute, noch (nur) das Böse ist, sondern immer „der ganz Andere“, über den sich nichts Abschließendes oder Endgültiges sagen lässt. Religiöse Schriften handeln nicht von Gott, sondern vom Menschen und seiner Beziehung zum Unendlichen, mal in bekenntnishafter, mal in gleichnishaft-symbolischer Sprache, die wir heute trotz Tiefenpsychologie kaum mehr verstehen.

Der Weg ins Gelobte Land führt … durch die Wüste

Viele lesen „heilige Schriften“ als Schriften über einen Gott, der letzlich für alles zuständig ist. Damit, meinen sie, bräuchten sie sich selbst um die Tragödien dieser Welt nicht zu kümmern. Es ist eine Projektion. Es ist die Lesart einer „bürgerlichen Religion“, die „Gott“ für das missbraucht, für das sie sich selbst nicht verantwortlich fühlt. Auf diese Weise verdrängen Christen gern die Stellen in der Heiligen Schrift, an denen es unanständig grausam zugeht. Doch gerade diese offenbaren einen durchweg menschlichen Realismus. Zum Beispiel Mose. Ausgerechnet der Mörder Mose soll die Israeliten aus der Abhängigkeit ihrer inneren und äußeren Wüste herausführen und in Beziehung zum Unendlichen, zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bringen. Hier wird deutlich: Durch Wüste und Verwüstung hindurch führt der Weg ins Gelobte Land. Eine Wegerfahrung, die symbolisch durch die Schlange aus Kupfer zum Ausdruck kommt, die Mose für alle sichtbar an einer Fahnenstange aufhängt. Der, der sie im Blick hat und im Blick behält, kann gerettet werden (Buch Numeri 21, 4-9).

Die Schlange als Symbol des Bösen ist auch das Symbol des Heils. Die erhöhte Schlange ist ein Sinnbild für den erhöhten Jesus, den Menschensohn. In Goethes „Faust“ kommt die dunkle Seite des Menschlichen durch Mephisto ins Spiel: „Ich bin der Geist, der stets verneint, ein Teil von jener Kraft, der stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Um heil (ganz) zu werden, reicht der kindliche, der „liebe Gott“ nicht aus. Gerade das Negative, das Nicht-Passen-Wollende will angeschaut und zur Wandlung führen. Es abzuspalten – wie es auch die Kirche immer wieder getan hat und tut – ist der falsche Weg. Ins Unbewusste verdrängt, wächst seine Kraft und bricht hervor —, gewaltsamer als je zuvor.

Der Name Gottes: ICH BIN

In der poetischen Sprache des Alten Testaments wird uns der Gott des Mose nicht bildhaft vorgestellt. Die „Offenbarung“ JHWHs lautet „ICH BIN“. Die Mose-Leute aber setzen, sobald sie sich selbst überlassen sind, lieber auf Greif- und Handhabbares wie die Kanaaniter, die ihren Fruchtbarkeitsgott Baal in einem Goldenen Kalb verehren, weil dies viel einfacher ist, als sich durch „ICH BIN“ in eine lebenslange Arbeit der Selbstwerdung schicken zu lassen. Im Grunde genommen deutet sich hier schon ein Menschen- und Weltbild an, das aus der Statik des Feststellens und Habenwollens in das einer Dynamik des Vertrauens und Sich-Entwickeln-Wollens führt.

Wenn also eine Gottesrede nach Auschwitz im alten, feststellenden Sinne nicht mehr möglich ist, also ein Bild von Gott, der alles auf seine Weise vorherbestimmt und lenkt, „tot ist“ (Nietzsche), dann könnte der Hinweis auf den „ICH BIN“ gerade dies deutlich machen: dass Gottvertrauen ein anderes Wort ist für Entwicklung, nämlich Menschsein in immer neuen Anläufen und in nicht abschließbarer Weise als Entwicklung zum Ganzwerden zu verstehen — einer Vorstellung von Glück und Erfüllung, die menschlicherseits freilich nie herstellbar, sondern durch „ICH BIN“ dem einzelnen und den anderen verheißen ist, wenn Gott ‚alles in allem‘ ist (1 Kor 15, 28).

Der Weg zum Eigenen und Ganzen: Individuation

C.G. Jung bezeichnet eine solche Entwicklung des Menschen zum Ganzwerden als Individuation. Sie ist nicht von einem Gott gesteuert, sondern liegt in unserer eigenen Verantwortung. An einen Gott zu glauben oder nicht, ist dabei nicht das Entscheidende. Es bleibt ohnehin offen, woran man da glaubt oder nicht glaubt. Es geht einzig und allein darum, Verantwortung für das eigene Sein, mehr noch: für das eigene Werden — und in solidarischer Weise — auch für das Werden der Anderen zu übernehmen.

So stellt sich uns angesichts von Auschwitz heute erneut die Aufgabe, den menschen- und gottverachtenden Gesinnungs-Holocaust politischer und religiöser Fundamentalisten entschieden zu bekämpfen. Denn eine verantwortliche Entwicklung schließt das innere und äußere Fremde immer mit ein.

© 2018 Robert Harsieber/Ludger Verst

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