Keine Krankheit existiert an sich

Von Ludger Verst

Unsere moderne Medizin geht zurück auf Hippokrates. Der hat so um 400 vor Christus in Griechenland gelebt, genauer auf der Insel Kos. Als ich mit Freunden letztens dort war, haben wir uns natürlich die „Platane des Hippokrates“ angeschaut. Denn unter diesem Baum soll der antike Arzt seine Schüler die Kunst der Heilkunde gelehrt und von ihnen den berühmten Eid des Hippokrates gefordert haben, der ja bis heute von allen angehenden Ärzten abgelegt wird.

Dieser Hippokrates nun hat damals mit einer Jahrhunderte langen Tradition der Heilkunst ein für alle Mal gebrochen. Er begann die Krankheiten losgelöst von aller Religion für sich gesondert zu betrachten und aus dem Studium ihres Verlaufs die entsprechenden Kuren zu entwickeln. Das war eine Revolution. Bis dahin war Heilen eine Sache der Priesterschaft, eine Sache bestimmter Rituale und Gesänge. Krankheit war Ausdruck der Erzürnung Gottes und wurde durch die versöhnende Handlung eines Priesters dadurch geheilt, dass er den Kranken zur Reue und Umkehr rief.

Seit Hippokrates ist nicht mehr das „Kranksein“ des Patienten, sondern die „Krankheit“ als solche ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt. Die Diagnose und Therapie von Krankheiten haben seitdem Bahn brechende Fortschritte zu verzeichnen, weil sich die ganze Konzentration auf einzelne Krankheitsbilder und deren medizinische Beherrschung richten konnte. Allerdings hat das Ganze auch einen Haken. Die Erfolge der Mediziner bleiben oft auf den Verlauf der Krankheiten beschränkt, berühren aber das Kranksein der Menschen nicht unbedingt.

So fühlen sich viele Patienten heute medizinisch abgefertigt. Denn ein Kranker hat nicht nur eine Krankheit, also irgendeine Fehlfunktion des Körpers, sondern er selbst ist krank und leidet. Und gerade darin möchte er behandelt und ernst genommen werden. Keine Krankheit existiert an sich und ist ganz und gar nur sinnlos.

Krankheiten sind Informationsträger.

Sie bringen zum Ausdruck, woran es fehlt, was falsch läuft im Leben, was mich über das gesunde Maß hinaus belastet. An diese Botschaften müsste eine gute Diagnostik – finde ich – herankommen. Wirklich heilen bedeutet dann, die bleiernen Informationen aus der Krankheit zu befreien und sie nicht einfach nur zu bekämpfen.

Es bedeutet: Heil werden von innen und außen.

© 2018 Ludger Verst

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