Die Kränkungen der Menschheit

Von Robert Harsieber

Sigmund Freud zufolge gibt es drei, das Selbstverständnis der Menschen erschütternde und im Grunde bis heute nicht bewältigte narzisstische Kränkungen: die kosmologische durch Kopernikus, die biologische durch Darwin und die psychologische durch die von Freud selbst entwickelte Libidotheorie des Unbewussten.

Diese umstürzenden wissenschaftlichen Entdeckungen sind heute allgemein bekannt als:

1. Kopernikanische Wende: Im Mittelpunkt steht nicht mehr die Erde, sondern die Sonne, um die sich der Planet Erde dreht.

2. Evolutionstheorie: Der Mensch ist nicht als Krone der Schöpfung geschaffen, sondern „Ergebnis“ der Evolution und hat gemeinsame Vorfahren mit dem Affen.

3. Psychoanalyse: Der Mensch – eigentlich das Ich – ist nicht Herr im eigenen Haus. Es gibt mit dem so genannten Unbewussten eine Instanz, die sich seiner Herrschaft entzieht.

Aus diesen Einschnitten in den naiven Narzissmus resultierte zwar jeweils ein ungeheurer Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnis, gleichzeitig aber auch eine Verengung des Welt- und Menschenbildes. Von Anfang an sah sich der Mensch als die „Krone der Schöpfung“ und als Mittelpunkt der Welt. Dass dies eine mythologische Sicht ist, war nicht bewusst, solange man noch irgendwie im Mythos verhaftet war. Soweit, so gut. Freud zufolge wurde die Menschheit jedoch von ihrem Thron gestürzt und vom Mittelpunkt an den Rand gedrängt. Der Krone der Schöpfung brachen nach und nach die Zacken weg. Aber es war der notwendige Weg vom mythologischen zum wissenschaftlichen Welt- und Menschenbild.

Kränkungen als Motoren des Wandels

1. Die Kopernikanische Wende beschreibt einen solchen Schritt vom mythischen zum wissenschaftlichen Weltbild. Bei genauerem Hinsehen vollzieht sich hier nicht einmal eine Wende, denn das mythologische Weltbild wird nicht obsolet, sondern bleibt als psychologische Welt- und Erlebnissicht weiterhin wahr und als solche erhalten. Das mythologische Bild der Erde als Mittelpunkt hat ja nichts mit dem Planeten Erde zu tun (das ist schon der wissenschaftlichen Sicht entnommen), sondern es geht um „das Materielle“, das umgeben ist von „höheren oder subtileren Sphären“ bis hin zum Geistigen. Das ist als mythische oder psychische Sicht auch heute noch so. Kopernikus markiert den Beginn des naturwissenschaftlichen Zeitalters, in dem es um den Planeten Erde geht, nicht mehr um das Irdische.

2. Auch die Evolutionstheorie setzt eine Verschiebung des Standpunkts voraus. Die mythologische Sicht einer Schöpfung kommt nirgends einer Evolutionstheorie in die Quere, weil sie die Antwort auf eine andere Frage ist. Die Genesis erklärt das Was oder Warum in einer mythischen Erzählung, die Evolutionstheorie erklärt das Wie aus wissenschaftlicher Sicht. Es gibt hier keinen Widerspruch, weil das zwei verschiedene Sichten auf die Wirklichkeit sind – eine innere und eine äußere Perspektive.

3. Dass der Mensch sich nach Freud nicht mehr als Herr im eigenen Haus fühlt, setzt die beiden vorausgegangenen Kränkungen voraus. Es geht nicht mehr um den Menschen, sondern nur mehr um die äußere Fassade. Die Kränkung ist der menschlichen Hybris (nicht nur zur Zeit Freuds) geschuldet. Der auf das Ego reduzierte Mensch kann nicht mehr Krone der Schöpfung sein. Das Ich kann nicht Herr im „eigenen“ Haus sein, solange es sich vom Über-Ich bevormunden und vom Es dreinreden lässt. In der Sprache C.G. Jungs kommen noch Anima/Animus, Schatten usw. dazu. Erst wenn das Ich nach deren Integration lernt, auf das Selbst zu hören, bewohnt es das ganze Haus.

Manche fügen dem noch eine vierte Kränkung hinzu, nämlich die der Neurobiologie und Hirnforschung, die angeblich den freien Willen des Menschen eliminiert haben, indem sie ihn durch sein Gehirn ersetzen. 2004 publizierten elf Hirnforscher ein großspuriges „Manifest“, in dem sie das Jahrhundert der Hirnforschung ausriefen und versuchten, die Deutungshoheit über den Menschen – oder was sie dafür hielten – an sich zu reißen: Man werde in absehbarer Zeit in der Lage sein „die schweren Fragen der Erkenntnistheorie anzugehen … Denn in diesem zukünftigen Moment schickt sich unser Gehirn ernsthaft an, sich selbst zu erkennen“. Die Lösung sei also, nicht mehr vom Menschen, sondern nur mehr vom Hirn zu reden. Unschwer ist dies als Umformulierung der dritten Kränkung zu erkennen, weil sie im Grunde gar nichts Neues hinzufügt.

4. In dieser Terminologie bleibend, müsste man noch eine vierte Kränkung hinzufügen: die Quantentheorie. Die zeigt nämlich, dass auch die Umwelt nicht das ist, wofür sie bislang gehalten wurde. Es gibt keine objektive Realität. Gekränkt fühlen könnte sich hier vor allem die (klassische) Naturwissenschaft, die der Illusion erlag, die Welt untersuchen zu können, indem man vom Beobachter abstrahiere. Die Naturwissenschaft war aber so erfolgreich und wirkmächtig, dass sie bald das allgemeine Weltbild prägte und die Welt auf messbare Objekte reduzierte. Richtig ist: Wir sehen von der „Welt“ gewöhnlich nur die Dinge als Objekte. Was wir tatsächlich sehen, ist aber nicht „objektiv“, sondern immer ein Zusammenspiel von Außen und Innen. Es gibt keine Welt unabhängig von unserem Wahrnehmungsvermögen. Was wir heute „Welt“ nennen, ist bestenfalls die halbe Wirklichkeit. Wir glauben, in einer Welt von äußeren Dingen und Objekten zu leben. Die Logik der Quantentheorie entlarvt dies als Illusion. Die Teilchen-Sicht allein kann die Welt nicht erklären.

Das materialistische Weltbild liefert nur die halbe Wahrheit.

Die sogenannten Kränkungen sind Ausdruck dafür, dass Fortschritt immer auch gleichzeitig Rückschritt bedeutet. Der wissenschaftliche Fortschritt bedingt ein reduktionistisches Welt- und Menschenbild – zumindest bis 1900. Aus allgemeinmenschlicher Sicht läutet die Kopernikanische Wende die Naturwissenschaft ein, die Natur nicht mehr als Ganzes betrachtet, sondern zwischen Außen und Innen (Descartes: res extensa und res cogitans) unterschied, um sich der Materie zuwenden zu können. Damit begann die Erfolgsgeschichte der Naturwissenschaft. Schiefgelaufen ist dabei nur, dass man die ursprüngliche Unterscheidung später als Trennung interpretierte und dann in einem Pseudomonismus die „andere“ Seite (res cogitans) als Epiphänomen der Materie betrachtete.

Die Quantentheorie bereitete diesem Reduktionismus ein Ende und rehabilitierte die früheren unterschiedlichen Sichtweisen. Sie deckte auf, dass das materialistische Weltbild (die Teilchensicht) nur die halbe Wirklichkeit ist, die durch eine Wellensicht (der Felder und Beziehungen) ergänzt werden müsse, wolle man überhaupt von „Welt“ reden. Und auch die Frage, ob sich die Sonne um die Erde drehe oder umgekehrt, müsse man seit Einstein dahingehend beantworten, dass sie sich relativ zueinander bewegten.

Auch die Evolutionstheorie stürzt den Menschen nicht wirklich vom Thron. Er hat zwar gemeinsame Vorfahren mit den Affen, ist aber immer noch die „Krone der Schöpfung“, das (bisherige) Endprodukt oder der (vorläufige) Höhepunkt der Evolution. Wenn es eine Evolution vom Einzeller bis zum Menschen gibt, dann kann es auch eine Evolution darüber hinaus geben. Darüber wären dann eben nicht die Physik oder Biologie, sondern die Psychologie, Philosophie und Theologie zu befragen. Was auch kein neuer Gedanke ist, denn der Archäologe und Theologe Teilhard de Chardin hatte ihn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schon formuliert. Die äußere Evolution des Menschen setzt sich in einer inneren fort.

Letztlich geht es darum, dass Descartes Innen und Außen, Subjekt und Objekt, unterschied und wir diese Unterscheidung als Trennung interpretierten. Diese unbegründete Interpretation müssten wir zurücknehmen. Sowohl die moderne Physik als auch die Tiefenpsychologie entlarven diese Trennung als Aberglauben. Es gibt kein isoliertes Subjekt und auch keine isolierten Objekte. Es gibt kein von der Außenwelt isoliertes Ich und keine vom Ich unabhängige Außenwelt.

Das Problem ist, dass eine solche Sicht der europäischen Logik zuwiderläuft und ein neues Denken noch nicht in Sicht ist. Die Tragweite des Problems liegt darin, dass diese vierte Kränkung selbst innerhalb der Physik noch kaum als solche wahrgenommen wird. So sind die meisten Physiker noch immer auf der Suche nach kleinen und kleinsten „Teilchen“, obwohl sie längst wissen könnten, dass Elementarteilchen gar keine Teilchen sind.

© 2017 Robert Harsieber

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Wege des Transzendierens

Von Robert Harsieber

In dem Augenblick, in dem wir „uns auf den Weg machen“, geht es nicht um eine besonders klare Vorstellung vom Ziel, sondern eher um die Spannung des Weges; strenggenommen nicht einmal um den Weg, sondern um das Gehen.

Wenn Religionen sich zu sehr mit dem Ziel beschäftigen, das sie oft als „Wahrheit“ bezeichnen, dann gehen der Weg und das Gehen meist verloren. Das ist nicht polemisch gemeint, sondern ist gut jesuanisch: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Johannes 14,6). Wahrheit ist ohne Weg im Leben nicht zu haben.

Bürger zweier Welten“?

Von Anfang an gehört es zur christlichen Überzeugung, von der Doppelnatur Jesu zu sprechen. Jesus sei wahrer Gott und wahrer Mensch. Sein Menschsein zeige sich in dieser Doppelnatur. Das ist für die europäische Logik schwer zu verstehen, da meist entweder das Menschliche oder das Göttliche rezipiert wird. Die jeweils andere Seite wird gern unterschlagen. Jesus ist am Kreuz ganz auf sein Menschsein zurückgeworfen („Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“) – in dieser Verlassenheit aber ringt er um sein Gottvertrauen: „In deine Hände lege ich meinen Geist.“ Er hängt zwischen den Schächern – hilflos wie sie am Kreuz – und kann doch sagen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“

Dem Buch Genesis zufolge ist der Mensch das Ebenbild Gottes. Soll heißen, dass allem Menschlichen diese Doppelnatur offensichtlich eingeschrieben ist. In der Kulturgeschichte der Menschheit wurde das immer wieder thematisiert: Vom doppelgesichtigen Janus über Fausts „Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust“, dem Bürger zweier Welten (nicht nur) im Judentum, über die verschiedenen Spielarten von Materialismus und Idealismus in der Philosophie, Yin und Yang im Taoismus, Anima/Animus und Ich/Selbst bei C.G. Jung bis hin zum Teilchen-Welle-Dualismus im Mikrokosmos der Quantentheorie wird dieses Spannungsverhältnis zum Ausdruck gebracht.

Die Quantenphysik ist quasi der Weckruf, dass immer beide Seiten notwendig sind, um Lebendiges zu beschreiben. Der Begriff Komplementarität, den Niels Bohr vom Taoismus entlehnt hat, taucht zeitgleich in Physik und Psychologie auf. Dass die Logik des Entweder-Oder in mancher Hinsicht obsolet ist, wurde noch nicht wirklich aufgearbeitet.

Transzendieren: Grenzen überschreiten

In religiöser Sprache zielt der Begriff Transzendieren meist auf ein „Jenseits“. Man vergisst dabei, dass eine Grenze aber nicht nur trennt, sondern auch verbindet. Grenze bedeutet immer, dass es „nach“ der Grenze weitergeht, sonst wäre es nicht Grenze, sondern Ende. Es geht dabei nicht um einen anderen Bereich, sondern aktiv um ein Transzendieren, ein Überschreiten, also nicht um „die“ Wahrheit (dass es ein Jenseits „gibt“), sondern um das Leben, das immer beides umfasst: Weg und Wahrheit; praktisch: die Wahrheit eines Weges.

Man kann Leben oder Existenz auch lesen als „Ek-sistieren“, das heißt: Herausstehen. Der Mensch ist kein bloß „Diesseitiger“, sondern hat immer schon Anteil an etwas, das über ihn hinausgeht. Er ist im Leben immer schon auf dem Weg, wobei Leben ein Ganzes ist, das nicht in Hier und Dort zu trennen ist. Der Mensch ist Endliches, bezogen auf Unendliches. Das ist nicht nur ein theologischer Gedanke, sondern durchzieht alle Lebensbereiche – ob es sich um das zum Fetisch gewordene Wirtschaftswachstum handelt oder um den Spitzensport, in dem es erst recht um ein Schneller, Höher, Weiter geht. Immer ist das Thema ein Hinausschieben oder Überschreiten menschlicher Grenzen. Im Sport zeigt sich das am deutlichsten beim Marathonlauf, der ohne eine meditative Komponente kaum zu bewältigen wäre, oder beim Extrembergsteigen, das auch in ein meditatives Bewusstsein führen kann, wie man bei Reinhold Messner sehen kann. Die Motivation ist immer dieses An-die-menschlichen-Grenzen-Gehen. Das kann direkt geschehen oder in Ersatzhandlungen.

In der Liebe geht es immer um das Ganze.

Auch Liebe ist im Grunde ein Transzendieren – und zwar des Ich und des Du in Richtung eines Wir. Dadurch verändert sich die „Welt“. Wer liebt, für den ist die Welt eine andere geworden. Es geht im Menschlichen und in der Liebe immer um das Ganze. Dieses Wir eröffnet ein himmlisches Leben, denn „Himmel“ ist kein ontologischer, sondern ein psychologischer Begriff. Und letztlich führt das Transzendieren nicht in ein wie immer geartetes Jenseits, nicht in ein Außen, sondern in ein Innen – vom Ich zum Selbst – und auch über die Psyche als Ganze hinaus.

Das Jenseits als mythologischer Ort wird zum Jenseits des Ich. Dieses Ich muss wie das ausgereifte (!) Samenkorn in der Erde „sterben“, um Neues hervorzubringen. Das geht nur über den Umweg der Nächstenliebe, den Altruismus, bei dem man sich selbst „vergisst“ um einer größeren Einheit willen. Das bedeutet einen radikalen Wechsel der Perspektive: „Du bist mir innerlicher als ich mir selbst bin“ (Augustinus). „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Paulus); „Tat Tvam Asi“ (Das bist Du) oder „Atman (das menschliche Innerste) ist Brahman“ (das Göttliche), denn „im Seelengrund finden wir das, was man Gott nennt“ (Meister Eckhart).

Die Gefahr dabei ist, dass man diese Sätze nachbetet, ohne sie zu verinnerlichen. Es ist aber etwas völlig anderes, nur an das Ziel zu denken oder einen Weg zu gehen. Wer geht, hat das Ziel im Kopf und nicht in den Beinen. Im konkreten Blick ist nicht das Ziel, sondern der Horizont, und den kann man nicht erreichen; der weicht ständig zurück. Das Jenseits des Horizonts wird ständig neu „definiert“. Es gibt im Konkreten kein Ziel.

Das Ziel kann im Konkreten nie erreicht werden, „denn der Weg ist das Ziel“. Doch darf man diesen Satz nicht wie üblich übersetzen mit: „Es geht nur um den Weg; der Weg ist schon das Ziel“, sondern im östlichen Original bedeutet das adäquat übersetzt: „Weg und Ziel sind eins.“ Aber das kann man wohl erst am Ende eines Weges so sagen.

© 2017 Robert Harsieber

Das Irrationale gehört zum Menschen

Von Robert Harsieber

Die Krux unserer Zeit ist nicht der Säkularismus, sondern das Leugnen oder Verdrängen der Psyche, ein psychologischer Analphabetismus, der religiös unmusikalisch macht.

Es ist immer wieder interessant, wenn in sozialen Netzwerken wie Facebook gläubige Christen mit ebenso gläubigen Atheisten diskutieren. Meist sind dann Fundamentalisten unter sich. Das Niveau wird dem Thema, das man diskutieren will, gar nicht gerecht: „Natürlich gibt es Gott, er hat ja die Welt erschaffen.“ „Das ist ein Märchen aus alten Zeiten, man kann Gott nicht beweisen, also gibt es ihn auch nicht.“ Damit wäre das Thema auch schon umrissen. Es liefert Stoff für endlose Streitgespräche. Mit Religion aber hat das nichts zu tun.

1. Religion lässt sich nicht auf die Frage reduzieren, ob es Gott gibt oder nicht, noch weniger darauf, ob man ihn beweisen kann oder nicht. „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“, sagte schon Dietrich Bonhoeffer. Er wäre ja sonst ein Ding unter anderen und damit tatsächlich feststellbar. Könnte man ihn aber feststellen und beweisen, dann wäre es nicht Gott. So wie es die Welt als Ganzes nicht gibt, kann es auch Gott nicht geben. Ein Beweis für Gott wäre in sich unsinnig, ob man es nun das „Ganze“, das „Absolute“ oder „Gott“ nennt.

Der Satz „Man kann Gott nicht beweisen, deshalb gibt es ihn nicht“ entpuppt sich also als Stammtischsatz in pseudowissenschaftlichem Gewand. Beweisen kann man strenggenommen nur Sätze der Mathematik; sonst ist nichts in der Welt beweisbar, nicht mal die Naturgesetze. Die sind verlässlich, aber nicht beweisbar (Herbert Pietschmann). Wenn also Atheisten sich naturwissenschaftlich geben wollen, dürften sie das Wort „Beweis“ in diesem Zusammenhang gar nicht in den Mund nehmen.

Wirklich ist, was wirkt.

2. Wer nur Naturwissenschaft als Realität anerkennt, verdrängt weite Teile der Wirklichkeit. „Real“ ist die dingliche, objektive Welt. „Wirklich“ ist alles das, was wirkt. Wer sich hier ausschließlich an die Physik klammert, hat zumindest die Quantenphysik noch nicht verstanden, die zeigt, dass es eine bloß „objektive Realität“ gar nicht gibt. Die (physikalische) Welt ist immer so, wie wir hinschauen.

Gern wird den Religiösen die Aufklärung um die Ohren gehauen. Das ist aber eher ein Schuss, der nach hinten losgeht. Die Aufklärung hat zum Segen der Menschheit zwar mit vielem Unsinn aufgeräumt, andererseits aber das Weltbild auf Schrebergartenniveau reduziert. Es zählt nur mehr das Objektive, Gegenständliche, Reale. Und was ist mit all dem anderen? Ludwig Wittgenstein: „Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ (Tractatus logico-philosophicus 6.52)

Wer sich also nur an die Naturwissenschaft hält, die sich mit Materie in Raum und Zeit befasst, hat damit alles Menschliche ausgeschlossen. Die Frage „Was ist der Mensch?“ kann nämlich nur ein breites Fächerspektrum – von der Physik über die Biologie und Psychologie bis zur Philosophie und Theologie – sinnvoll bearbeiten. Am allerwenigsten aber gelänge dies der Naturwissenschaft, vor allem dann, wenn man die Quantenphysik außen vor lässt.

Unser Weltbild ist ungefähr um 1900 steckengeblieben.

3. Wir sind nicht vom Mythologischen ins Zeitalter der Aufklärung gekommen — die steht uns wohl noch bevor! —, sondern vom Zeitalter der Mythologie ins Zeitalter der Verdrängung. Unser Weltbild ist ungefähr um 1900 steckengeblieben. Es wird so getan, als ob es Erkenntnisse etwa aus der Quantenmechanik und der Tiefenpsychologie gar nicht gäbe. Erstere ist durchaus schwer verständlich, sodass sie noch nicht in ein allgemeines Weltbild eingegangen ist, und zu letzterer sagte der Psychiater Erwin Ringel: „Wir leben so, als ob das Unbewusste nie entdeckt worden wäre.“

Wir leben daher nicht nur in einem säkularen Zeitalter, das die Religion verdrängt, sondern auch in einem pseudo-naturwissenschaftlichen, das die Psychologie verdrängt. Bedenklich daran ist: Die Psyche ist ja nicht etwas, das wir haben oder nicht haben, sondern selber sind. Wir verdrängen damit einen Teil unseres Menschseins (siehe Wittgenstein). Wir glauben an „Tatsachen“, aber nicht daran, dass Tatsachen interpretiert werden müssen. Die Quantentheorie ist zwar die meist „bewiesene“ Theorie der Physik, sie muss aber interpretiert werden, und über die Deutung der Quantentheorie sind sich die Physiker selbst nach 100 Jahren noch nicht einig. Hinzu kommt: „Auch die Wissenschaft spricht in Gleichnissen“ (Hans-Peter Dürr). Wer auf Fakten insistiert, verdrängt, dass es bloße Fakten nicht gibt.

4. Die Inkompatibilität von Atheisten und Religiösen liegt darin, dass das „Bindeglied“ fehlt oder von beiden Seiten ignoriert wird, nämlich die Psychologie. Beide lesen die Bibel, als liefere sie „Fakten“. Mit anderen Worten: Beide Seiten verstehen die Bibel wörtlich, obwohl diese selbst eine deutlich andere Rezeptionsempfehlung liefert: „Der Buchstabe [aber] tötet, nur der Geist macht lebendig“ (2 Kor 3,6). Es geht nicht um Begriffe und Fakten, sondern um Bilder und Symbole. Während Begriffe klar und deutlich Teilaspekte von Phänomenen bezeichnen, verweisen Symbole auf die Ganzheit eines Phänomens auf verschiedenen Ebenen. Symbole können daher historisch, psychologisch, philosophisch oder theologisch ausgelegt werden.

Wer wirklich religiös ist, liest die Bibel als seine eigene Geschichte. Er ist der Lahme, der nicht weiterkommt, der Blinde, der nicht sehen, der Taube, der nicht hören kann; er lässt sich heilen und ist in vielerlei Hinsicht selbst involviert. Die Bibel ist ihm Geschichte des Menschseins mit allen Gräueln, die dieses Menschsein eben auch auszeichnen.

Der Mensch hat keine Seele, er ist Seele.

5. Abgesehen davon, wie religiöse Texte zu lesen und zu deuten wären, nämlich in der Bilder- und Symbolsprache, in der sie damals geschrieben wurden, gibt es noch eine weitere wichtige Differenzierung: Es geht nicht um die Frage, ob es einen Gott gibt oder nicht, sondern darum, dass der Mensch unbestreitbar und unumgehbar eine psychische Wirklichkeit ist.

„Der Gottesbegriff ist nämlich eine schlechthin notwendige psychologische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage nach der Existenz Gottes überhaupt nichts zu tun hat. Denn diese letztere Frage kann der menschliche Intellekt niemals beantworten; noch weniger kann es irgendeinen Gottesbeweis geben. Überdies ist ein solcher auch überflüssig; denn die Idee eines übermächtigen, göttlichen Wesens ist überall vorhanden, wenn nicht bewusst, so doch unbewusst, denn sie ist ein Archetypus. Irgendetwas in unserer Seele ist von superiorer Gewalt (…) Ich halte es darum für weiser, die Idee Gottes bewusst anzuerkennen; denn sonst wird einfach irgendetwas anderes zum Gott, in der Regel etwas sehr Unzulängliches und Dummes, was ein ‚aufgeklärtes‘ Bewusstsein so etwa aushecken mag.“ (C.G. Jung, „Über die Psychologie des Unbewussten“)

C.G. Jung macht deutlich: Der Mensch ist nicht nur bewusste Rationalität, sondern auch und viel mehr irrationales Unbewusstes. Wer nur auf dem Rationalen insistiert, verdrängt das Irrationale, das ins Unbewusste absinkt, und dort wirkt, bis es an irgendeiner Stelle wieder aufbricht.

6. Damit sind wir bei der Ambivalenz, der Zwiespältigkeit oder Gebrochenheit des menschlichen Seins. Leben meint immer Gegensätzliches. (Politische) Utopien sind einseitige „Vergöttlichungen“ von Idealen, inklusives Verdrängen des (dämonischen) Gegenpols. Der lässt sich zwar verdrängen, aber nicht auf lange Sicht. Einseitige Weltbilder haben sich daher immer als gefährlich erwiesen.

„So schön und vollkommen der Mensch seine Vernunft finden darf, so gewiss darf er auch sein, dass sie immerhin nur eine der möglichen geistigen Funktionen ist und sich nur mit einer ihr entsprechenden Seite der Weltphänomene deckt. Auf allen Seiten aber liegt drum herum das Irrationale, das mit Vernunft nicht Übereinstimmende. Und dieses Irrationale ist ebenfalls eine psychologische Funktion, eben das kollektive Unbewusste, während die Vernunft wesentlich an das Bewusstsein gebunden ist.“ (C.G. Jung, ebda.)

Es kann gefährlich sein, sich nur mit der Vernunft zu identifizieren.

Keine Aufklärung kann verhindern – nur verdrängen –, dass das Irrationale zum Menschen gehört. Und da es über den individuellen Menschen hinausgeht, ist es schon deshalb nicht in den Griff zu bekommen. Dabei darf man auch die regulierende Funktion der Gegensätze nicht vergessen, die schon Heraklit erwähnt hat, der sagte, dass alles einmal in sein Gegenteil hineinlaufe. Es kann gefährlich sein, sich nur mit der Vernunft zu identifizieren, der Mensch ist nicht bloß vernünftig und wird es niemals sein, betont auch Jung. „Das Irrationale soll und kann nicht ausgerottet werden. Die Götter können und dürfen nicht sterben.“ Wer das Göttliche (in seiner Psyche) verdrängt, läuft Gefahr, dass es als Dämon wieder zutage tritt. Genau das passierte in der Aufklärung: Die einseitige Vergöttlichung von Idealvorstellungen rief den Gegensatz auf den Plan. Und die Aufklärung klang aus in den Grausamkeiten der Französischen Revolution, was von Aufklärungsgläubigen gern verdrängt wird.

Ebenso aber ergeht es den Religiösen: Wenn sie sich zu einem einseitig verklärten „Wahrheitsbesitz“ versteigen, wird der eigene Schatten immer mächtiger, was sich in Ausgrenzung und Verteufelung Andersdenkender äußert: „Die anderen sind Lügner und an allem schuld.“ Die Kirchengeschichte liefert eine Reihe von Beispielen für eine solche „Moral“, die über Leichen geht.

Beide — Atheisten und Religiöse — verbeißen sich in die Frage, ob es Gott gibt oder nicht, und vergessen dabei, dass Religion in ihrem Wesen vielmehr die Frage nach dem Menschsein ist.

© 2017 Robert Harsieber