Wenn Liebe in der Luft liegt

Atmosphärisches zum Valentinstag

Von Ludger Verst

Am Valentinstag setzt man für gewöhnlich auf Gefühle. Liebende schenken sich Rosen, Schokolade, Kuschelkissen und gönnen sich eine Zeit in Zweisamkeit. Man mag das Ganze als geschickt gesteuerte Marketingstrategie abtun; dem Ergreifenden und Unverfügbaren hinter dem großen Gefühl Liebe würde es nicht gerecht.

Für mich ein Anlass, zum Valentinstag auf einen alten Song zu verweisen, der 40 Jahre nach seinem Erscheinen immer noch Ohrwurmqualität besitzt und auch von seinem Titel her zu denken gibt: „Love Is In The Air“ von John Paul Young. Der Songtext stammt von George Young und Johannes Vandenberg. Ich möchte an einigen Versen entlang zum Phänomen einer „Liebe, die in der Luft liegt“ etwas sagen.

Love is in the air everywhere I look around / Love is in the air every sight and every sound / And I don’t know if I’m being foolish / Don’t know if I’m being wise / But it’s something that I must believe in / And it’s there when I look in your eyes.

Love is in the air in the whisper of a tree / Love is in the air in the thunder of the sea / And I don’t know if I’m just dreaming / Don’t know if I feel safe / But it’s something that I must believe in / And it’s there when you call out my name.
(…)
Love is in the air, in the rising of the sun / Love is in the air, when the day is nearly done / And I don’t know if you are illusion / Don’t know if I see truth / But you are something that I must believe in / And you are there when I reach out for you.
(…)

Was passiert mit mir, wenn Liebe in der Luft liegt? Es ist nicht allein mit Worten zu beschreiben, weshalb Liebe oft — wie in unserem Fall — zum Thema eines Liedes wird. Musik involviert und lässt die Grenzen zwischen Subjekt und Außenwelt fließend werden („everywhere I look around / every sight and every sound“). Liebe macht deutlich, dass ihre Wirkung weit mehr durch die von ihr erzeugten Atmosphären entsteht als durch rationales Erkennen, nachhaltig und intensiv erlebbar in bestimmten Momenten zum Beispiel in der Natur („in the whisper of a tree / in the thunder of the sea“). Liebe ist nicht greifbar oder definierbar, sodass sich Begiffe weniger eignen als Bilder, auch wenn eine Feststellung wie „Ich liebe dich“ anderes glauben machen will. Liebe ist eben kein Ding oder Naturgesetz, das nach bestimmten Regeln funktioniert oder willentlich verfügbar oder handhabbar ist.

Die neuere philosophische Ästhetik beschreibt Liebe als Atmosphäre, als stimmungsgebende Aura und versucht den phänomenologischen Zugang vor allem über Raummetaphern.

Verliebte haben starke Gefühle, sie fühlen sich leicht und unbeschwert, Verliebte schweben „auf Wolke sieben“, haben „Schmetterlinge im Bauch“ und sie spüren, dass „Liebe in der Luft“ liegt. Eine eigenartige Raumbefindlichkeit, wie sie etwa auch in „to fall in love“ zum Ausdruck kommt als einer leiblich spürbaren Bewegungssuggestion. Das Gegenteil aber scheint der Fall: Statt zu fallen, schwebt man in Seligkeit, das Leben wird leicht, der Gang beschwingt, man möchte hüpfen vor Freude.

Liebe als verbindende Atmosphäre zwischen zwei Menschen lässt sich nicht anhand bestimmter Koordinaten oder eines Verhaltenskatalogs kodifizieren. Sie bildet ein im Augenblick ganzheitlich einleuchtendes, im Inneren aber diffuses, oftmals auch verunsicherndes Spektrum an Eindrücken und Vorstellungen, das je nach Sensibilität und emotionaler Beteiligung „gelesen“ werden muss.

And I don’t know if I’m being foolish / Don’t know if I’m being wise (…)  And I don’t know if I’m just dreaming / Don’t know if I feel safe (…) And I don’t know if you are illusion / Don’t know if I see truth

Verunsicherungen („don’t know if“) entstehen vor allem dadurch, dass Liebesgefühle dem linearen, kausalen Denken, das die abendländische Denktradition weithin bestimmt hat, nicht oder nur höchst eingeschränkt zugänglich sind. So fühlen sich viele „verrückt“, wenn sie verliebt, und „wie im Traum“, wenn sie wunschlos glücklich sind. Atmosphären bestehen eben nicht in rein gedanklichen Assoziationen, obwohl auch diese wiederum Atmosphären prägen können.

Atmosphären sind unbestimmt in Bezug auf ihren ontologischen Status. Sie unterlaufen die gängige Praxis des Sich-Orientierens und Bestimmens. Die Selbst-Reflexion des Liebenden scheint — im Unterschied etwa zur (philosophischen) Selbsterkenntnis — kein subjektiver Akt zu sein. Die geheimnisvoll spielenden Kräfte gehören nicht ihm; es sind aber — könnte man sagen — jemandes Kräfte, deren Entfaltung der Liebende als seine eigene erfährt, denn sie verändern und beleben ihn. Im atmosphärischen Prozess geschieht eine Verwandlung. Man weiß nicht: Soll man sie dem Geliebten oder seiner Umgebung zuschreiben oder dem Liebenden, der sie erfährt? Man weiß nicht recht, wie sie geschieht.

Liebesatmosphären erweisen sich als hochgradig komplexe Phänomene, die sich am besten phänomenologisch durch Wahrnehmen und Beschreiben erschließen lassen. So ist der Kieler Philosoph Hermann Schmitz zu der Erkenntnis gelangt, dass das heute übliche Verständnis von Gefühlen als etwas, das „in uns“ stattfinde als ein in einem fiktiven Innenraum angesiedelter mentaler Prozess, die wahre Natur von Gefühlen völlig verfehle und verstelle.¹ Ursprünglich seien Gefühle, und zwar völlig zurecht, als ergreifende Mächte verstanden worden, denen der Mensch mehr oder weniger hilflos gegenüberstehe. Erst zu klassisch-griechischer Zeit — etwa im 5. Jahrhundert v. Chr. — seien die Gefühle zum Zweck der Gewinnung größerer persönlicher Unabhängigkeit und Autonomie nach innen verlagert worden. Diese pragmatisch begründete „Introjektion der Gefühle“ gelte es nach Schmitz wieder rückgängig zu machen. Tatsächlich seien nämlich Gefühle „nicht subjektiver als Landstraßen, nur weniger fixierbar“².

Gefühle sind nicht „in uns“, sondern finden sich dort draußen, in der Welt, und zwar „atmosphärisch in unbestimmte Weite ergossen“³.

Das bestätigt auch unser Liedtext. Das Ergriffenwerden durch die Liebe äußert sich als „Co-Präsenz“ (G. Böhme), nämlich als eine sich im Atmosphärischen manifestierende „gemeinsame Wirklichkeit des Wahrnehmenden und des Wahrgenommenen“⁴

But it’s something that I must believe in / And it’s there when I look in your eyes. (…) But it’s something that I must believe in / And it’s there when you call out my name (…) But you are something that I must believe in / And you are there when I reach out for you.

Das „Don’t know if“ der vorherigen Verunsicherung wird sinnlich aufgehoben in einem indikativischen, näherhin lokalisierbaren „There when I look in … / there when you call out … / there when I reach out …

„Love Is In The Air“ präsentiert Liebe atmosphärisch als Begegnungsfeld. Dieses „Feld“ ist das Gefühl, in dem Liebende sich begegnen oder eben nicht, je nach Umstand und subjektiver Disposition. Menschen erleben Liebe als leiblich-affektives Getroffensein. Solcherlei Getroffensein führt zur Erfahrung von Präsenz, von wacher Aufmerksamkeit und Glück und ist entsprechend unverrechenbar wie alle vital bedeutsamen Phänomene: Genuss, Lust — oder Liebe eben.

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1  Grundsätzlich dazu: Hermann Schmitz, System der Philosophie III/2: Der Gefühlsraum, Bonn 1969. Leichter zugänglich ist vom selben Autor: Kurze Einführung in die Neue Phänomenologie, Freiburg: Alber ⁴2014.
2  Schmitz, System der Philosophie III/2, S. 87
3  Ebd.
4  Gernot Böhme, Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik, Frankfurt: Suhrkamp 1995, S. 34

© 2018 Ludger Verst

Keine Religion ist eine Insel

Von Ludger Verst

In Kürze werde ich für eine Woche nach Israel aufbrechen. Mit diesem uralten Land der jüdisch-christlichen Vorväter assoziieren viele einen Schmelztiegel aus politischem und religiösem Extremismus und unberechenbarer Gewalt. Insbesondere Jerusalem (wörtlich übersetzt: „Stadt des Friedens“) ist zum Synonym für den scheinbar unlösbaren Religions- und Territorialkonflikt zwischen Juden und Muslimen geworden. Doch dieses Bild zeigt längst nicht die ganze Wahrheit. Eng mit den Kulturen der umliegenden Nachbarstaaten verbunden, haben die Menschen des Landes Einflüsse aus zahlreichen Nationen in ihre Kultur integriert, was so gut wie kaum bekannt ist. Es hat den Anschein, dass die religionspolitischen Konflikte, von denen die internationalen Medien mit Vorliebe berichten, das multikulturelle Profil des Landes nicht recht zur Geltung kommen lassen.

Multikulturelle Gesellschaften stehen heute mehr denn je vor der Herausforderung eines friedfertigen, respektvollen Umgangs mit religiöser Pluralität und Differenz. Jede Religion, so auch die jüdische, lebt davon, innerhalb der eigenen plural verfassten Tradition wie gegenüber konkurrierenden religiösen und nicht-religiösen Weltbildern ihren Standpunkt zu vertreten. Dadurch werden natürlich Positionen ins Spiel gebracht, die grundsätzlich immer auch konfliktträchtig sein können.

In der gegenwärtigen interreligiösen Diskussion lässt sich – trotz mancher Verhärtungen an den Rändern – so etwas wie ein “dialogical turn” erkennen. Damit ist das Bestreben gemeint, religiös-kulturelle Diversität und Pluralität als selbstverständliche, ja, notwendige Gegebenheit menschlicher Kultur anzuerkennen und die eigene religiöse Identität in offenen kommunikativen Prozessen je neu zu erproben und zum Ausdruck zu bringen. Exemplarisch lässt sich dies interessanterweise am jüdisch-christlichen Dialog festmachen. Als Impulsgeber wird hier gern der aus dem chassidischen Judentum Polens stammende amerikanische Theologe Abraham J. Heschel genannt, dessen berühmt gewordene New Yorker Rede “No Religion is an Island“ von 1965 in der unmittelbaren Aufbruchsstimmung nach dem II. Vatikanischen Konzil maßgeblich dazu beigetragen haben dürfte. Heschel zufolge könne kein Dialog funktionieren ohne die Anerkennung des fremden Anderen in seiner unverfügbaren Heiligkeit und Kostbarkeit:

Wenn ich im Gespräch mit einem Menschen anderer religiöser Überzeugung feststelle, daß wir in Dingen, die uns heilig sind, nicht übereinstimmen, verschwindet dann das Bild Gottes, dem ich mich gegenübersehe? […] Zerstört die Verschiedenheit religiöser Überzeugung die Tatsache, daß wir verwandte menschliche Wesen sind?¹

Juden und Christen können sich bei aller Differenz, die sich auch durch Dialoge nicht auflösen lässt, auf grundlegende Gemeinsamkeiten beziehen: auf den biblischen Schöpfungsglauben zum Beispiel, auf die Ebenbildlichkeit von Gott und Mensch und die darin begründete Heiligkeit des Lebens. In bestimmten Aspekten ihrer Gottesvorstellung, ihres Menschenbildes, ihrer ethischen Tradition und Zukunftshoffnung hingegen sind und bleiben sie Fremde und müssen einander widersprechen. Dieses klare Differenzbewusstsein hindert das Judentum nicht daran, das Christentum – und auch den Islam – als Teil(e) eines göttlichen Heilsplans in seinen Glauben zu integrieren, anstatt sie als „Zufälle der Geschichte oder rein menschliche Phänomene“² abzuwerten. Unabdingbare Voraussetzung von Dialog sei Heschel zufolge ein angemessenes Verhältnis von Anerkennung, Achtung und Bewahrung von Differenz in einer pluralistischen Gesellschaft und Kultur.

Ich betrachte diesen interreligiösen Ansatz als brauchbares Modell für gelingende Multikulturalität — freilich unter zwei Bedingungen: (1.) Jegliche, auch nur verborgene Absicht einer Missionierung müsste unterlassen werden, weil sie die religiöse Würde und Eigenständigkeit des Gegenübers missachten würde, und (2.) ebenso ein Wahrheitspluralismus, der die wechselseitige Fremdheit und den Widerspruch gegen den Anderen einfach verschwiege oder nivellierte.

In der Logik interreligiöser Verständigung wird nicht geworben und vereinnahmt, sondern die Begegnung mit anderen als Geschenk empfangen, das je neu das Geheimnis Gottes erschließen lässt.

Dazu gehört es, offen zu sein für das, was sich von Gott her gerade durch den Anderen ereignen will, und dies zu deuten und weiterzuerzählen. Die entscheidende Frage lautet daher, wie man die Treue zur eigenen Tradition mit der Achtung vor unterschiedlichen Traditionen verbinden kann. Gemessen an diesem Maßstab haben weder die bloße Duldung fremder Identität noch das beliebige Konstatieren von Pluralität dialogische Qualität. Dialog zeichnet sich durch eine realistische Wahrnehmung von u.U. tiefgreifenden Differenzen zwischen unterschiedlichen Systemen aus.

Bis in die Gegenwart hinein bilden Religionen und Weltanschauungen beständige Systeme kollektiven Wissens mit besonderem Fokus auf die existenziellen Fragen des Menschen. In dieser Hinsicht bieten sie ein großes Repertoire sinn- und orientierungsgebender Glaubensinhalte, die in einem ständigen Prozess gesellschaftlichen Wandels lebendig bleiben und von Generation zu Generation Identitäten stiften.

Das Bewusstsein von Differenz im interreligiösen Dialog müsste eingebettet sein in eine ausdrückliche Bejahung der fremden Identität als einer ebenso menschlich legitimen wie von Gott gewollten. 

Dialogische Qualität beruhte demnach auf der Erkenntnis, dass Wahrheit nicht exklusiv ist und nicht besessen werden kann, dass Gottes Stimme das Bewusstsein des Menschen auf vielerlei Weise und in einer Fülle von Sprachen erreicht, dass selbst die von Glaubenden als unumstößlich heilig empfundenen Antworten beides sind: „sowohl entschieden als auch bedingt, endgültig als auch tastend“³.

Mehr noch: Pluralismus, Diversität und Differenz sind nicht bloß unvermeidliche Folge der Begrenztheit menschlicher Erkenntnis; sie besitzen göttliche Dignität. Gottes Wahrheit, so Heschel, ist grundsätzlich polyphon: „In diesem Äon ist Vielfalt der Wille Gottes.“⁴ Eine religiös und kulturell uniforme Gesellschaft hingegen wäre ein Zeichen spiritueller Verarmung. Vor diesem Hintergrund bin ich gespannt auf den bevorstehenden Besuch und die interreligiösen Begegnungen im Heiligen Land.

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¹ Heschel, Abraham J., „Keine Religion ist ein Eiland“, in: Rothschild, Fritz A. (Hg.), Christentum aus jüdischer Sicht. Fünf jüdische Denker des 20. Jahrhunderts über das Christentum und sein Verhältnis zum Judentum (Veröffentlichungen aus dem Institut Kirche und Judentum, Bd. 25), Berlin und Düsseldorf, 1998, 324–341, hier 328.
² Ebd., 339.
³ Ebd., 335.
⁴ Ebd.

© 2018 Ludger Verst