Der voreilige Glaube

Von Robert Harsieber

Was meinen Menschen, wenn sie sagen, dass sie „an Gott glauben“? Viele meinen damit, dass sie an „die Wahrheit“ glaubten, andere, dass sie mit „Begriffen“ etwas in der Hand hätten. Die Offenheit für das Unnennbare bleibt so meistens auf der Strecke — und damit das, was mit Glauben gemeint sein könnte.

Glaube ist nichts Intellektuelles, sondern eine Erfahrung, also etwas, das vor dem Begreifen kommt, das man nur in Bilder fassen kann, nicht in Begriffe. Den Kindern die Bilder auszutreiben, ist der erste und im „aufgeklärten“ Zeitalter am meisten verbreitete Kindesmissbrauch, traurigerweise durch die eigenen Eltern. Irgendwann gestehen die, dass das Christkind nicht die Geschenke bringe oder, noch schlimmer, dass es dieses Christkind gar nicht gebe. Man habe also das Kind bisher belogen. Das ist einerseits ein eklatanter Vertrauensbruch, der nicht wiedergutzumachen ist, andererseits zerstört man den Kindern abrupt ihre Bilderwelt, statt sie ihnen zu erklären. Man könnte ja auch sagen, dass sich Christus der Menschen bedient, um Menschen zu beschenken. Dass das Christuskind einmal gelebt hat, und jetzt in jedem Menschen lebt. Das würden Kinder eher verstehen als dass bisher alles Lüge war.

Jedenfalls ist dieses frühe Eingeständnis der Lüge der Erwachsenen mit ein Grund, warum Menschen heute in der Mehrzahl nicht imstande sind, die Bibel zu lesen, weil die in einer Bilder- und Symbolsprache geschrieben ist, die man ihnen schon als Kinder nachhaltig ausgetrieben hat.

Die „aufgeklärte“ Begriffssprache reicht nicht in die Tiefe der menschlichen Seele.

Diese Sprache produziert Fundamentalisten, die die biblischen Erzählungen wörtlich nehmen, und Atheisten, die dieses Wörtlich-Nehmen kindisch finden (und damit Recht haben).

Diese der Bildersprache beraubten erwachsenen Kinder glauben, einen Begriff von Gott zu haben und klammern sich daran, wie die Kinder an ihren Teddybären. Glauben ist nicht „Begreifen“, sondern Erfahren. Der gängige Gottesbegriff aber ist das, was Erfahrung verhindert. Wer glaubt, die Wahrheit zu besitzen, weil er (die Bibel) lesen kann, der braucht nicht zu suchen und wird daher auch nichts finden.

Offenheit

Religiosität beginnt – wie alles – nicht im Intellekt, sondern in der Psyche. Religion beginnt daher mit Psychologie und ist ohne diese nicht zu verstehen. Religiosität beginnt mit der Erfahrung, dass dieses in der Welt existierende Ich ek-sistiert, das heißt immer schon heraussteht aus dieser beschränkten und gebrochenen Welt. Es beginnt mit der Erfahrung, dass wir im Innersten mehr „wissen“ als sich das Ich je träumen ließe.

Das pseudo-naturwissenschaftliche Denken in klaren Begriffen verführt z.B. dazu, die Mitmenschen als isolierte „Teilchen“ zu sehen, und das Wellenartige, Dazwischenliegende, das sich nur in der Beziehung, in der Empathie zeigt, zu übersehen. Dies aber ist das Menschliche, nicht das egozentrisch Inselartige. In diesem intuitiven Wellenartigen können wir Menschen „erkennen“. Das Erkannte lässt sich dann in einem zweiten Schritt durchaus in Begriffe fassen, liegt aber in der unmittelbaren Erfahrung (zu der nur die Psyche fähig ist) bereits vor, sodass darüber nachgedacht werden kann.

Religiosität – man könnte auch sagen Menschsein – beginnt mit dem Eingeständnis, dass es mehr gibt als das bewusste Erleben, dass es eine Innenwelt die gibt, die noch wesentlich differenzierter ist als die Außenwelt. Und mit der Erkenntnis, dass beide Welten ineinandergreifen, dass sie komplementär ein Ganzes ergeben. Komplementär heißt, dass die Unterscheidung von Innenwelt und Außenwelt notwendig, die Trennung von Innen und Außen aber grundfalsch ist. Nur beide zusammen ergeben ein menschliches Sein. Wobei es sich nicht um zwei Entitäten, sondern um zwei komplementäre Sichtweisen handelt, die einander auszuschließen scheinen, aber erst zusammen die ganze Wirklichkeit ergeben.

Das Ich ist eingebettet in ein Größeres, das C.G. Jung „Selbst“ nannte.

Diese umfassendere Wirklichkeit ist nur als Bilderwelt, als Wellensicht der Wirklichkeit zu erfassen. Die Kunst ist es, diese Bilderwelt zu heben, sie bewusst zu machen, womit etwas „festgestellt“, in eine Teilchensicht überführt wird, ohne das bildhaft Wirkende aus den Augen zu verlieren. Denn letztlich sind auch in der Physik Teilchen und Welle ein einziges Phänomen. Das in Begriffe Gefasste dürfte das bildhaft Symbolische nicht zerstören, sondern müsste es erklären und offen lassen.

Im tiefsten Seelengrund tritt dann das Selbst im Bild des/der alten Weisen, des Mandala usw. zutage. Im tiefsten Seelengrund treffen wir auf das, was wir Gott nennen (Meister Eckhart). Nicht nur ist hier die psychologische und theologische Terminologie dieselbe, sondern nach Jung ist der Archetypus des Selbst nicht von den Gottesbildern zu unterscheiden.

Über sich selbst hinaus

Das Wesentliche dabei ist das Transzendieren, das Über-Sich-Hinausgehen. Die Konfrontation mit dem Unbewussten, Numinosen ist Voraussetzung für die Individuation (Menschwerdung); das eigentlich Menschliche liegt jenseits des wissenschaftlich Sagbaren (Wittgenstein); der Weg führt über das Endliche hinaus ins Unendliche und Unnennbare, das wir Gott nennen. Das geht über alles Seiende hinaus. Die Welt (als Ganzes) „gibt“ es nicht (Markus Gabriel). „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer).

Das, was wir Gott nennen, ist ein Bild für das Unendliche, Numinose, Unnennbare, das Unendliche, das im Endlichen wirkt, wenn man „die Augen offen hat“, das Jenseitige im Diesseits, die Beziehung hinter den Teilchen – man kann es auch Liebe nennen.

Sich jedoch zu schnell oder überhaupt eine Vorstellung von „Gott“ zu machen, hieße das Goldene Kalb anzubeten, das Unendliche, Unsagbare in menschliche Form zu pressen. Dieser voreilige Glaube ist das größte Hindernis für das, was mit „Glauben“ gemeint sein könnte. Gefördert wird dieser voreilige Glaube eben auch dadurch, dass das Bild- und Symbolverständnis schon dem Kind ausgetrieben statt erklärt wird. Eine Erklärung religiöser Schriften durch eine rationale Begriffssprache ist aber sinn-los.

Der Weg zur Religiosität führt über die Bilderwelt der Seele. Religion ist ohne Psychologie schwer oder gar nicht zu verstehen. Wir haben keine Seele, wir sind Seele. Daher sind Religionen Wege zum Menschsein.

© 2017 Robert Harsieber

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