Licht in der Dunkelheit

Vom Schweizer Psychologen C.G. Jung stammt die Überzeugung, dass auch das glücklichste Leben nicht ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit denkbar sei. Wir wissen um das Helle und das Dunkle im Leben und dass das Dunkle vor allem im Zwiespältigen, im Abgründigen und so eben oft als Krise in Erscheinung tritt. Auf Krisenfälle wollen wir so gut wie möglich vorbereitet sein, können es aber nicht immer:

In der Dunkelheit entsteht das Licht
(nach einer Idee von Ulrich Schaffer)

Wir hängen dazwischen.
Altes ist leer geworden,
es klingt hohl,
bringt nichts mehr zum Schwingen
in uns.
Gedanken, Worte, Gesten —
sie leuchten nicht,
sie betreffen uns nicht mehr.

Wir warten.

Das Neue ist noch nicht da.
Vorsichtig hat es sich angedeutet.
Wir wissen, dass es kommen wird,
weil wir das Alte verloren haben.

Hier zu stehen
in diesem Nicht-Mehr und Noch-Nicht
und sich die Lösungen der Vergangenheit
nicht mehr zu genehmigen,
ist Ausdruck des Vertrauens,
dass alles weitergeht,
dass es einen Punkt gibt,
auf den wir zuströmen,
eine Kraft,
die die Entwicklung steuert.

Zum Weihnachtsfest möchten Robert Harsieber und ich an diese Kraft in uns erinnern. Aus ihr lebt auch die Arbeit unseres Autorenteams. Wir freuen uns, dass Sie in diesem Jahr einige WEGE zum MENSCHSEIN mit uns gegangen sind.

So wünschen wir Ihnen frohe Weihnachten und für das neue Jahr 2018 ein gutes Maß an Licht und Dunkelheit.

© 2017 Robert Harsieber & Ludger Verst

Leben zwischen Himmel und Hölle

Teil 2 des Beitrags „Gegensätzliches aushalten und gestalten“

Von Robert Harsieber

An Jesus von Nazareth wird anschaulich: Als Liebende verbinden wir nicht nur Ich und Du, das Eine und das Andere, Vertrautes und Fremdes, die ganze Welt in dieser einzigen Verbindung, sondern auch Unten und Oben, Irdisches und Himmlisches. Im Irdischen ist auch das Unterirdische, Dunkle, Höllische inbegriffen, sonst mangelt es am Fundament. Also: Nicht nur Himmel und Erde, sondern auch Himmel und Hölle gilt es zu verbinden. Das „Aufgefahren in den Himmel“ setzt das „Hinabgestiegen in das Reich der Todes“ voraus.

Die Aufgabe heute ist eine Neubesinnung auf die Gegensätze, um sie komplementär vereinen zu können. Was viele als Zeitalter des Relativismus verteufeln, ist im Grunde eine Zurücknahme der Projektionen, eine Anerkennung des anderen Pols in uns. Wir müssten den Moralapostel in uns töten, um beide Brüder, Kain und Abel, in uns annehmen zu können.

Wir leben nicht, um das Gute in uns zu verherrlichen, sondern um mit dem Gemeinen, Ausgegrenzten, Verachteten und Verschmähten in uns zu Tische zu sitzen.

Das Gute bedarf nicht der Heilung (und Heiligung), das Böse sehr wohl. In diesem Sinne brachte Jesus nicht äußeren Frieden, sondern das Schwert der Konfrontation mit der eigenen inneren Unzulänglichkeit.

So absurd es klingt: Wir brauchen den Teufel, „die Summe des Dunkels menschlicher Natur“ (C.G. Jung: Das Rote Buch, S. 443), zu unserer Erlösung. Der Teufel ist im Alten Testament nicht das personifizierte Böse, sondern der Ankläger und Versucher im Plan Gottes. Der Diabolus ist der, der alles zusammenwirft, der das Chaos schafft, aus dem wieder Neues entstehen kann. Er ist die dynamische Kraft, die den Stillstand verhindert. In Goethes Faust ist Mephisto „ein Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“.

Im Jüdisch-Christlichen ist es die Schlange, die das Menschenpaar im Paradies verführt, die aber — am Pfahl erhöht — beim Weg durch die Wüste des Lebens Heilung von tödlicher Krankheit durch Schlangenbisse verleiht. Die Schlange bringt den Tod, doch erhöht, d.h. bewusst gemacht, bringt sie Leben.

Zum Diabolischen gehört untrennbar das Symbolische, das wieder alles zusammenführt.

Das Neue entsteht nicht im Licht des Bewusstseins, sondern in der Finsternis, im Dunkeln des Unbewussten, das neue Keime hervorbringt. In der Bibel wird das Himmelreich als „schon da“, aber noch nicht wahrgenommen beschrieben. Daher wird es in Gleichnissen umschrieben; in ihnen geht es meist um Unsichtbares, um Unterirdisches und Verlorenes: das Samenkorn in der Erde, den vergrabenen Schatz, die verlorene Drachme.

Der Mensch steht zwischen Himmel und Hölle. Da er nicht schon als Ganzer existiert, sondern zur Fülle seines Lebens noch unterwegs ist, kommt es auf sein Bestreben an. Er selbst kann seinen Blick nur nach unten oder oben richten, seine Seele aber kann hinunter- und hinaufsteigen. Als „Schlange“ bringt sie Kunde aus der Hölle, als weißer „Vogel“ fliegt sie in den Himmel. Der Vogel bringt aus den Himmeln eine kleine goldene Krone. Innen findet man geschrieben: „Aller Dinge Anfang ist die Liebe, das Sein der Dinge aber ist Leben“ (Rotes Buch, 458).

Damit lässt sich im Leben jederzeit neu anfangen.

Bild: Die Versuchung des hl. Antonius | Bedrängnis des Einsiedlers durch die Dämonen (Isenheimer Altar: dritte Schauseite, rechter Flügel)

© 2017 Robert Harsieber

Gegensätzliches aushalten und gestalten

Teil 1

Von Robert Harsieber

Es gehört zu den Paradoxien menschlicher Erkenntnis und entspricht zugleich einer tiefen psychologischen Wahrheit, dass sich das Wesen der Dinge immer wieder in einer je eigenen Gegensatzspannung zeigt, worauf vor allem der Schweizer Psychologe C.G. Jung hingewiesen hat (GW, Bd. 8, § 103).

Die Erfahrung der zurückliegenden zwei Jahrtausende zeigt allerdings den wohl unstillbaren menschlichen Drang, Gegensätzliches nicht nur genau zu unterscheiden, was sich evolutiv durchaus als (über-)lebenswichtig erwiesen hat, sondern es darüber hinaus auch in „Gut“ und „Böse“ zu trennen. Im Streben nach dem Guten müsse das Böse bekämpft, am besten eliminiert, zumindest aber „überwunden“ werden.

Wider die Verdrängung des Negativen

Im religiösen Kontext bedeutete dies oft die Verleugnung und Verteufelung des Negativen, dem man mit Selbstkasteiung bis hin zur Selbstgeißelung oder zum Märtyrertum beizukommen trachtete. Die Abwertung der Frau als die Abwertung des Anderen sowie die Verdrängung des eigenen Schattens kommen allerdings auch im nicht-religiösen Kontext vor. Idealen wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit musste, so lehrt die „Aufklärung“ durch die Französische Revolution, notfalls mit Gewalt nachgeholfen werden. Das heutige harmlos erscheinende „positive Denken“ ist demselben Prinzip der Leugnung und Verdrängung des Negativen geschuldet.

Nun mündet ein Leben im Zeichen des Guten immer im Krieg, weil das Gute gegen das Böse verteidigt werden muss. Höhepunkte waren die Inquisition, die Religionskriege und die Weltkriege. Die Inquisition war zunächst ein ungeheurer Fortschritt und brachte erstmals Rechte für die Angeklagten. Dieser Fortschritt war so eindeutig, dass die weltlichen Gerichte das sofort übernahmen. Allerdings ging dieser Fortschritt im Kampf gegen das Böse sehr schnell unter, was nicht nur auf die Religion zurückzuführen ist. Geistliche und weltliche Macht arbeiteten da zeitgeistig Hand in Hand. Oft versuchten Bischöfe sogar zu bremsen. Die Religionskriege standen im Zeichen der Guten (der jeweiligen Seite), wie die Weltkriege im Zeichen der Feindbilder standen, die das „Gute“ behinderten. Heute sind es andere Feindbilder.

Leben ist das, was den Gegensatz aushält.

Hegel sagt dazu, dass dieser Gegensatz ausgehalten werden müsse. Genau das ist in der Vergangenheit nicht passiert. Statt Gegensätzliches auszuhalten, wurde das Böse, das sich nicht so leicht unterkriegen lässt, bekriegt. Der Kreuzzug gegen das Böse ist aber nicht zu gewinnen. Das drückt C.G. Jung im Roten Buch sehr drastisch aus: „… je mehr die eine Hälfte meines Wesens zum Guten strebt, desto eher fährt die andere Hälfte zur Hölle“ (S. 416). Die Bekämpfung des Bösen führt notwendig zum Stillstand, weil es das Wachstum behindert. Eine Pflanze kann nur wachsen, wenn es das Licht und die Wärme von oben und das Feuchte und Dunkle von unten bezieht und im Wachsen vereint. Umgekehrt: „Wenn die Kraft des Wachsens zu erlöschen beginnt“, so Jung, „dann zerfällt das Geeinte in seine Gegensätze“ (416).

Eine Gesellschaft, die das sogenannte Böse im Außen bekämpft, schneidet sich von den eigenen Wurzeln ab und muss an ihren Dogmen vertrocknen. In unserer Kultur wurde das Böse nicht nur bekämpft, sondern verniedlicht und als „privatio boni“, als Mangel an Gutem wegrationalisiert. Das eine wird rational definiert und damit begrenzt, das andere ebenso rational ausgegrenzt und verdrängt. Wie ein Leben auf einer rationalen Insel im (verleugneten) Meer des Irrationalen, das im Sturm an Land peitscht und die Behausungen der Ratio zu überschwemmen droht.

Heute leben wir im Übergang zum Bewusstwerden des Bösen. Kriege, Terror und Gräuel gab es immer schon, es wird nur durch die zeitnahe mediale Verbreitung immer schwerer wegzuschauen. Der nächste Schritt wäre, das Äußere als Projektion des Inneren zu begreifen.

Es ist möglich, Gegensätze bewusst zu machen und zu integrieren.

Dies würde den Stillstand beenden und neues Wachstum ermöglichen. Ein bloßes Wachstum im Außen (z.B. als Wirtschaftswachstum) ist nichts als Stillstand — so wie eine Evolution, die nicht über den aktuellen Menschen hinausdenkt, keine Entwicklung ist.

Bisher bediente Hollywood die menschliche Attraktion des Bösen. Man konnte es bei Popcorn und Coca Cola auf der Leinwand ausleben. Heute wird für manche Jugendliche der IS zur Attraktion; selbst frühreife Mädchen begeben sich auf die suizidale Reise nach Syrien, um das Böse am eigenen Leib auszukosten – immer noch getarnt als das idealisierte Gute.

Etwas „zivilisierter“ erstarkt eine politische neofaschistische Rechte in ganz Europa. Der Hass gegen das nach außen projizierte Andere, Fremde und Böse wird immer offener zelebriert und ist längst salonfähig. Früher wagte es kaum jemand, sich als Wähler einer rechten Partei zu outen. Man tat es heimlich, heute offen und wie selbstverständlich.

Das Böse als Projektion

Das Böse gerät immer mehr in den Fokus, wird aber mehr denn je projiziert. Und immer noch wird es als Kampf für das Gute, für eine (positive) Veränderung ausgegeben. Auch diejenigen, die sich vom Kampf der Religion für das Gute und gegen das Böse abwenden, kämpfen jetzt mindestens ebenso fanatisch für gesunde (aber genauso einseitige) Ernährung und gegen das Tierleid, während menschliches Leid kaum beachtet wird.

Jesus von Nazareth steht am Beginn dieses Zeitalters der Gegensätze. Gelehrt und vorgelebt hat er nicht die Trennung, sondern die Vereinigung der Gegensätze, die Liebe. Die Kirche verkündigt diese Vereinigung — etwa im Credo: „Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch“ oder in der Enzyklika „Ut unum sint“ (1995) —, lebt sie aber selber oft nicht. Statt in der Vereinigung des Irdischen mit dem Himmlischen das Göttliche zu entdecken, weil Christus das Böse überwunden und integriert hat (symbolisch: „hinabgestiegen in das Reich des Todes“), begann die Kirche erneut, das Böse zu bekämpfen. Während es mittlerweile so aussieht, als sei die Kirche am Ende, muss man aus dieser Sicht sagen, dass das christliche Zeitalter noch gar nicht begonnen hat.

© 2017 Robert Harsieber