Wahrheit und Protest

Zur Psychologie radikalisierten Widerstands

| Von Ludger Verst |

Die Ereignisse von Chemnitz haben weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Vom Tötungsdelikt am Rande des Stadtfestes, über rassistische „Hetzjagden“ bis zur Instrumentalisierung eines Toten – es zeigen sich Probleme, deren Ursachen nicht allein in Chemnitz oder in Sachsen zu suchen sind.

Seit Jahren werden die Signale einer massiven öffentlichen Kritik im Blick auf Migration, den Umgang mit dem Islam oder die Euro-Politik innenpolitisch unterschätzt. Zudem drängen die Langzeitfolgen der Wiedervereinigung, die de facto nicht bewältigt sind, Betroffene zu immer heftiger werdenden Ausdrucksformen des politischen Protests, was Pegida und der Zulauf zur AfD unterstreichen. Noch aus DDR-Zeiten, wo das Lebensumfeld davon geprägt war, den Kapitalismus grundsätzlich kritisch zu sehen, stammt ein vitales Misstrauen gegenüber Obrigkeiten, das auch nach 1989 nie wirklich verschwand und nun in der Migrations-Politik erneut entflammt.

Im Westen der Republik hingegen herrscht kaum Verständnis gegenüber dem Protest, der seit längerem vor allem aus Sachsen kommt. Ich habe verschiedentlich schon darauf hingewiesen: Wenn öffentliche Proteste in großem Stile ignoriert werden, gerät eine Demokratie langfristig und nachhaltig in Gefahr. Der Wahrheitsgehalt, der in ernsthaften Protesten steckt, wird fatalerweise nicht zur Kenntnis genommen.

Erfahrungen aus der sozialen Gruppentherapie

Ein Experte für ostdeutsche Befindlichkeiten ist der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz aus Halle. Nach den ausländerfeindlichen Vorfällen in Chemnitz verteidigt der 75-Jährige den Osten und warnt davor, die Sachsen pauschal zu verurteilen und in die rechte Ecke zu stellen. Viele Menschen fühlten sich falsch eingeschätzt. Maaz verweist dabei auf Erfahrungen aus der sozialen Gruppentherapie: Wenn Menschen zusammen seien, sagt er, gebe es immer Anführer, Mitläufer und Außenseiter, so genannte Omegas. Diese würden von den anderen beschimpft, bedrängt oder — wenn möglich — ausgegrenzt. Und zwar deshalb, weil der Außenseiter immer etwas verkörpere, was die anderen, die Mehrheit, nicht wissen wolle. Ein Omega würde nicht als Qualitätsindikator, sondern als Störfaktor angesehen. Nicht selten rutsche dann nach kurzen kathartischen Episoden ein anderes Gruppenmitglied in diese Position, und das Spiel beginne von vorn. Maaz wörtlich: „Die Verleugnung einer schwierigen Wahrheit ist für die Entwicklung einer Gruppe wie auch der Gesellschaft hochproblematisch, weil dann bittere Realitäten nicht gesehen und damit auch nicht mehr hilfreich angepackt werden können“ (Leipziger Volkszeitung vom 05.09.2018).

Es zeigt sich, dass hinter Feindbildern wie „Flüchtlinge“, „Asylanten“ und Schlagwörtern wie „Überfremdung“ und „Islamisierung“ Ersatzthemen liegen, in denen existenzielle Themen verborgen sind, deren Tragweite erkannt und analysiert werden müssen. Im Kern dieser Themen stecken nämlich Befindlichkeiten realer Bedrohung, ein Überschuss vor allem von Angst.

Aber – wohin mit dieser Bedrohung, wohin mit der Angst?

Unsere Gesellschaft stellt faktisch keine Räume, keine Orte zur Verfügung, an denen solche Energien unmittelbar, zunächst ganz und gar unpolitisch, also gerade nicht im Spiel von Demonstration und Gegendemonstration, erwünscht wären. So drängt sich die Frage auf, ob eine Demokratie ihre Anhänger nicht nur formal und äußerlich, sondern vor allem und zuerst innerlich demokratisieren müsste, wenn sie wirklich Volkes Stimme repräsentieren will. Äußere Demokratisierung ist keine Kunst. Innere Demokratisierung aber wäre ein innerseelischer Prozess, der Fehlentwicklungen, Verstrickungen, enttäuschte Hoffnungen, insbesondere in Ostdeutschland, als legitim, ja not-wendig zur Sprache kommen ließe.

Den inneren Fremdheiten, der Entfremdung vom eigenen persönlichen und natürlichen Leben, der Leere und Unbarmherzigkeit des Lebens müsste nachgegangen werden. Das gehört zur Demokratisierung dazu. Aber so scharfsinnig dies erkannt sein mag, so dringlich wäre es, die Konsequenzen zu erörtern.

Wir beherrschen die Realität, …

In dieser dramatisch-unübersichtlichen, kollektiven Frontstellung herrscht nicht erst seit Chemnitz initiativlose Windstille. Denn mit der Bekanntgabe politischer Demarkationslinien und der Feststellung unüberwindbarer Gräben scheint es Meinungsführern fürs erste getan zu sein. Der bei weitem größere Aufwand aber wird noch zu leisten sein, um die Frontstellungen wieder zu lockern und die Hintergründe der Angst ganzer Bevölkerungsschichten ehrlicherweise hervorzubringen, zu benennen und anzuschauen. Wer die aggressiven, dann wieder frustrierten oder gleichgültigen Reaktionen der Bürger erlebt, fragt sich mit Recht, wie dieser gewaltigen Protest- und Abschottungstendenz überhaupt begegnet werden kann.

So problematisch es klingen mag: Eine moralische Front gegen alles rechts der CDU würde lediglich ein „Wir gut, ihr schlecht“ transportieren und die Gräben zwischen Rechts und Links, Ost und West nur weiter vertiefen. Im Grunde ist dies längst passiert. Viele fühlen sich in ihrem Protest, in ihren Ängsten schon lange abgehängt. Hinter dem Sammelsurium an Protestinhalten ist eine Irrationalität am Werk, die viele Gründe hat und durch politische Etikettierungen nicht gelüftet wird.

… sind aber hilflos im Umgang mit der Wirklichkeit.

Die Entwicklungs- und Bewältigungskosten einer inneren Demokratisierung aber will so gut wie niemand übernehmen. Für die Parteien gehören sie nicht mehr zum Teil ihrer politischen Analyse und Rezeptur. Die Gewerkschaften vertreten Parteiinteressen. Der Sport kann soziale und psychische Belastungen nur bedingt auffangen und umlenken, nicht aber beheben. Bleiben Sozialverbände und Kirchen. Aber auch hier werden oft mehr Fronten erhoben als abgebaut. In Stellungnahmen geht es um klare Grenzziehungen. Man bleibt bekenntnishaft unter sich. Das ist in Ordnung, aber bei weitem zu wenig.

Wer baut den Enttäuschten eine Klagemauer?

Wo also bieten sich niederschwellige Orte gewaltfreier, lautstarker Auseinandersetzung? Orte, an denen geschimpft, Wut herausgelassen, Angst und Enttäuschung artikuliert werden können, ohne gleich Lösungen parat zu haben? Wo Menschen jammern und sich auf Augenhöhe ihr Leid klagen dürfen? Oder anders gefragt: Wo kann ich lernen, Empathie zu entwickeln für den, den ich nicht leiden kann, um mir einen Moment lang die Welt mit seinen Augen anzusehen? Wer macht mir Mut, mich in die Höhle des Anderen zu begeben?

Ich vermisse Zivilcourage, die nötig ist, nicht nur um Grenzen zu setzen, sondern ebenso zu erforschen, wo und wie ich sie mit dem Anderen auch wieder überwinden kann. Ich wünsche mir Politiker, übrigens auch Bischöfe, die vor Wahlsonntagen nicht nur sagen, was Demokraten dürfen oder nicht, sondern die auch Verständigungsfährten legen, um mit Wutbürgern und Populisten in streitbare Gespräche zu kommen.

Wer sich abgestempelt fühlt oder ausgeschlossen, wird sich darum bemühen, die Mauer zwischen sich und dem Rest der Welt noch höherzuziehen. Das aber machte die Spaltung perfekt. Nichts Anderes beflügelt im Moment die AfD.

© 2018 Ludger Verst

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Wieso geht es den Bösen gut?

| Von Robert Harsieber und Ludger Verst |

Dieser Tage ist Johann Baptist Metz 90 Jahre alt geworden. Abgesehen davon, dass er ein charismatischer Lehrer ist, hat er eine der brennendsten Fragen der Menschheit, die Theodizeefrage, neu in den Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses gestellt, nämlich: Wieso leiden die Gerechten? Wieso geht es den Bösen gut? Wie kann ein Gott, erst recht ein allmächtiger und barmherziger, zulassen, dass Unschuldigen Leid widerfährt?

Zugespitzt und aus der Perspektive von Metz formuliert: Wie konnte der Gott Jesu, jenes Juden aus Nazareth, eine Katastrophe wie Auschwitz zulassen? — Lange Zeit hat man gesagt: Wir haben als Menschen darauf keine Antwort. Wir nehmen es deshalb gläubig an. Mit einer solchen Ruhigstellung durch Glauben hat Metz endgültig Schluss gemacht. Auschwitz bleibe in einem solchen Ausmaß erschreckend und aufreibend, dass es völlig unmöglich sei, die Ermordung von allein einer Million Kinder als eine Prüfung von Gehorsam und Glaubenstreue zu verstehen.

Der gute Gott, der alles lenkt und beherrscht, ist zur Blasphemie geworden. Gutsein kann einem Gott fortan nicht (mehr) per se unterstellt werden. Eine solcherart „süßliche“ Religion wäre nicht mehr glaubwürdig, ja, sie ist sogar abschreckend und ein wesentlicher Grund dafür, dass viele sich abwenden und Atheisten oder Agnostiker werden.

Wie konnte Gott den Holocaust zulassen?

Nach der schier unfassbaren Verhöhnung des Humanen, wofür Auschwitz als Erinnerungs- und Passionswort steht, ist die Verehrung eines Gottes, der „alles so herrlich regieret“, gänzlich unmöglich geworden. J.B. Metz: „Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz.“ Wir können von Gott nicht reden, ohne das größte Übel mit hineinzunehmen, auch wenn das völlig irrational ist. Von Gott zu reden, umfasst Rationales und Irrationales, weil Gott weder (nur) das Gute, noch (nur) das Böse ist, sondern immer „der ganz Andere“, über den sich nichts Abschließendes oder Endgültiges sagen lässt. Religiöse Schriften handeln nicht von Gott, sondern vom Menschen und seiner Beziehung zum Unendlichen, mal in bekenntnishafter, mal in gleichnishaft-symbolischer Sprache, die wir heute trotz Tiefenpsychologie kaum mehr verstehen.

Der Weg ins Gelobte Land führt … durch die Wüste

Viele lesen „heilige Schriften“ als Schriften über einen Gott, der letzlich für alles zuständig ist. Damit, meinen sie, bräuchten sie sich selbst um die Tragödien dieser Welt nicht zu kümmern. Es ist eine Projektion. Es ist die Lesart einer „bürgerlichen Religion“, die „Gott“ für das missbraucht, für das sie sich selbst nicht verantwortlich fühlt. Auf diese Weise verdrängen Christen gern die Stellen in der Heiligen Schrift, an denen es unanständig grausam zugeht. Doch gerade diese offenbaren einen durchweg menschlichen Realismus. Zum Beispiel Mose. Ausgerechnet der Mörder Mose soll die Israeliten aus der Abhängigkeit ihrer inneren und äußeren Wüste herausführen und in Beziehung zum Unendlichen, zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs bringen. Hier wird deutlich: Durch Wüste und Verwüstung hindurch führt der Weg ins Gelobte Land. Eine Wegerfahrung, die symbolisch durch die Schlange aus Kupfer zum Ausdruck kommt, die Mose für alle sichtbar an einer Fahnenstange aufhängt. Der, der sie im Blick hat und im Blick behält, kann gerettet werden (Buch Numeri 21, 4-9).

Die Schlange als Symbol des Bösen ist auch das Symbol des Heils. Die erhöhte Schlange ist ein Sinnbild für den erhöhten Jesus, den Menschensohn. In Goethes „Faust“ kommt die dunkle Seite des Menschlichen durch Mephisto ins Spiel: „Ich bin der Geist, der stets verneint, ein Teil von jener Kraft, der stets das Böse will und stets das Gute schafft.“ Um heil (ganz) zu werden, reicht der kindliche, der „liebe Gott“ nicht aus. Gerade das Negative, das Nicht-Passen-Wollende will angeschaut und zur Wandlung führen. Es abzuspalten – wie es auch die Kirche immer wieder getan hat und tut – ist der falsche Weg. Ins Unbewusste verdrängt, wächst seine Kraft und bricht hervor —, gewaltsamer als je zuvor.

Der Name Gottes: ICH BIN

In der poetischen Sprache des Alten Testaments wird uns der Gott des Mose nicht bildhaft vorgestellt. Die „Offenbarung“ JHWHs lautet „ICH BIN“. Die Mose-Leute aber setzen, sobald sie sich selbst überlassen sind, lieber auf Greif- und Handhabbares wie die Kanaaniter, die ihren Fruchtbarkeitsgott Baal in einem Goldenen Kalb verehren, weil dies viel einfacher ist, als sich durch „ICH BIN“ in eine lebenslange Arbeit der Selbstwerdung schicken zu lassen. Im Grunde genommen deutet sich hier schon ein Menschen- und Weltbild an, das aus der Statik des Feststellens und Habenwollens in das einer Dynamik des Vertrauens und Sich-Entwickeln-Wollens führt.

Wenn also eine Gottesrede nach Auschwitz im alten, feststellenden Sinne nicht mehr möglich ist, also ein Bild von Gott, der alles auf seine Weise vorherbestimmt und lenkt, „tot ist“ (Nietzsche), dann könnte der Hinweis auf den „ICH BIN“ gerade dies deutlich machen: dass Gottvertrauen ein anderes Wort ist für Entwicklung, nämlich Menschsein in immer neuen Anläufen und in nicht abschließbarer Weise als Entwicklung zum Ganzwerden zu verstehen — einer Vorstellung von Glück und Erfüllung, die menschlicherseits freilich nie herstellbar, sondern durch „ICH BIN“ dem einzelnen und den anderen verheißen ist, wenn Gott ‚alles in allem‘ ist (1 Kor 15, 28).

Der Weg zum Eigenen und Ganzen: Individuation

C.G. Jung bezeichnet eine solche Entwicklung des Menschen zum Ganzwerden als Individuation. Sie ist nicht von einem Gott gesteuert, sondern liegt in unserer eigenen Verantwortung. An einen Gott zu glauben oder nicht, ist dabei nicht das Entscheidende. Es bleibt ohnehin offen, woran man da glaubt oder nicht glaubt. Es geht einzig und allein darum, Verantwortung für das eigene Sein, mehr noch: für das eigene Werden — und in solidarischer Weise — auch für das Werden der Anderen zu übernehmen.

So stellt sich uns angesichts von Auschwitz heute erneut die Aufgabe, den menschen- und gottverachtenden Gesinnungs-Holocaust politischer und religiöser Fundamentalisten entschieden zu bekämpfen. Denn eine verantwortliche Entwicklung schließt das innere und äußere Fremde immer mit ein.

© 2018 Robert Harsieber/Ludger Verst

… gemeinsam aber ist das Heilen

| Von Robert Harsieber |

„Theologie trifft Therapie?“ war das Thema der Initialveranstaltung der C.G. Jung-Gesellschaft Frankfurt am 23. Juni 2018. Es sollte bewusst „keine Verbrüderung“ (Ludger Verst) sein, sondern ein Dialog, ein gegenseitiges Sich-Befragen – und natürlich auch Anregung zum Weiterdenken.

Jedenfalls wurde da ein Spannungsfeld aufgetan. In der Theologie geht es um das „Heil“, in der Therapie um das „Heilen“. Man könnte es auch als eine Begegnung zweier Spannungsfelder sehen: in der Theologie zwischen Heil und Heilwerden als einer vernachlässigten Dynamik, in der Therapie zwischen Heilen und Ganzwerden und der Frage: Kann der Mensch ganz werden, wenn die spirituelle Ebene ausgeblendet werden muss, weil dies in der heutigen Zeit als unwissenschaftlich gilt?

Die Reanimation der Innenwelt

Mit der innigen Verbindung von Seelsorge und Lebenskunst erweiterte (und vereinte) Prof. Dr. Anne Steinmeier, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, das Terrain: von der Theologie über die Philosophie zur Therapie. All das könne und müsse unterschieden, dürfe aber nicht getrennt werden. Da der Mensch ein „animal symbolicum“ sei (Ernst Cassirer), gehe es beim Menschen nicht um abstrakte Wahrheit, sondern um Stimmigkeit, nicht um Begriffe (so notwendig diese auch sind), sondern um Bilder und Symbole, nicht um Eindeutigkeit (die es in der Natur und im Leben nicht gibt), sondern um Mehrdeutigkeit.

Und da kommt C.G. Jung ins Spiel, der die Bilder als Symbole und Archetypen wiederentdeckt hat. Für ihn war dies Naturwissenschaft mit Blick auf die innere Natur des Menschen, womit Jung unversehens im Gegensatz zur empirischen Wissenschaft stand.

Könnte Psychologie der „Missing Link“ sein zwischen Naturwissenschaft und Theologie?

Der Psychologe C.G. Jung und der Physiker Wolfgang Pauli betrachteten ihre Fachgebiete als komplementär zueinander, womit Physik und Psychologie zwei Seiten einer Medaille wären. Dasselbe könnte man von Psychologie und Theologie behaupten. Wie Leibniz sich gegen Newton wendet, weil er die Gefahr eines mechanistischen Weltbilds klar erkannt hat, so stellt sich Jung gegen ein starres, statisches Weltbild, indem er das Dynamische, das Werden, die Selbst- oder Menschwerdung, die Individuation in den Mittelpunkt rückt. Damit stellt er sich auch gegen eine Vergötterung der Außenwelt, gegen ein Verständnis von Naturwissenschaft als neuer Religion, wie sie Voltaire ganz dezidiert vertreten hat. Hinter dem abstrakten Subjekt steht eine Welt für sich, auch wenn sie nicht von der Außenwelt zu trennen ist. Wer diese Innenwelt verdrängt, findet sie in der Außenwelt wieder in mannigfaltigen Projektionen. Diese Janusköpfigkeit spiegelt sich auch in den Symbolen und Archetypen, die (allgemeingültige) Ganzheit und (individuelle) Besonderheit in sich vereinen.

Aus der Unterscheidung von Materie und Geist wird zuerst eine Trennung, dann eine Verdrängung der Innenwelt.

Seit René Descartes trennen wir Materie und Geist, Außenwelt und Innenwelt. Wobei Descartes methodisch unterschieden und noch nicht getrennt hat. Die Trennung kam später und auch die Verengung der Innenwelt auf einen abstrakten Punkt, den wir Subjekt nennen. Jung hat diese Innenwelt reanimiert und damit auch das Terrain der Religiosität der Theologie zurückgegeben, ohne selbst Theologie zu betreiben.

Wenn die Kirche z.B. einen Eugen Drewermann mit Lehrverbot bestraft, ist das an Absurdität nicht zu übertreffen. Einer, der für das Terrain der Religiosität kämpft, der an der Reanimation der Innenwelt arbeitet, wird von einer Kirche, die selbst das mechanistische Denken, das sie bekämpfen sollte, in einem veräußerlichten Weltbild angenommen hat, hinausgedrängt. Den Ast abzusägen, auf dem man sitzt, ist das passende Bild dazu.

In ihrer veräußerlichten Sprache ist die Kirche längst in die Falle eines unnatürlichen und unlebendigen statischen Weltbildes gegangen. Theologie und Religiosität sind ein dynamisches Unterfangen. In einer Zeit, in der einem die dogmatisch, bisweilen fundamentalistisch „die Wahrheit um die Ohren gehauen wird, ist die Dynamik des Lebendigen längst ausgeschlossen, der Quell lebendigen Wassers längst versiegt. Du gehörst zu den (strahlend weißen) Schafen oder zu den (schwarzen) Böcken, du musst dich nur entscheiden. Dass es in biblischen Gleichnissen um Bilder und nicht um Begriffe geht, scheint vergessen.

Theologie ist nicht Psychologie, Seelsorge nicht Psychotherapie, …

Es ist nicht die Schuld der Psychotherapie, dass sie selbst das Feld einer dynamischen Seelsorge übernehmen muss, weil die Kirche lieber das Defizitäre brandmarkt, statt zum „lebendigen Wasser“ zu führen. Von der Kraft des Wassers aber könnte sie lernen: vom Wasser, das da ist und doch auch weichen kann, das das Flussbett gräbt und ständig verändert, sodass in diesem beharrlichen Geben und Nachgeben seine Stärke liegt. Alles fließt (panta rhei). In solchen Bildern sind das Allgemeine wie das Individuelle, das Sanfte und Gewaltige, das Faszinosum und Tremendum vereint. Therapeuten versuchen oft, solche Naturgewalten zu bändigen und stoßen dabei an Grenzen, z.B. wo Traumata nicht zu erklären sind, die einer zu tiefen Wurzel entspringen. Hier könnte eine Seelsorge, die gleichermaßen aufgeschlossen wäre für das Dunkle und Unberechenbare, therapeutische Aufgaben übernehmen, — wie umgekehrt die Seelsorge gelegentlich auch an Therapeuten übergeben muss.

… beiden gemeinsam aber ist das Heilen.

In beidem geht es um den Menschen. Eine Grenze abzustecken, gleicht der Frage der Quantenphysik, wo die Mikrowelt aufhört und die Makrowelt anfängt. Wo es in der Theologie nur um Gott und nicht zentral um den Menschen geht, hat sie ihre Berechtigung verloren. Umgekehrt geht es in der Psychologie nicht um Gott, aber — wie in der Analytischen Psychologie Jungs — um das Gottesbild, die Gottesbilder in der menschlichen Psyche. In beiden Disziplinen geht es um den Menschen, um seine Sinnsuche und um das Ganze.

Im Therapieren und Heilen könnten sie gemeinsame Sache machen, ohne ihre notwendige Eigenständigkeit zu verlieren.

© 2018 Robert Harsieber

Das Rätsel des Bösen

| Von Robert Harsieber |

Beim Thementag „Theologie trifft Therapie?“, der Initialveranstaltung der C.G. Jung-Gesellschaft Frankfurt am 23. Juni 2018, fiel im Vortrag von Konstantin Rößler der Satz, das Böse entstehe „aus dem Fehlen von Bezogenheit“. Was ist damit gemeint?, frage ich mich. Jungs Schattenkonzept kennzeichnet den Schatten als Motor der Individuation: „Projektionen verwandeln die Umwelt in das eigene, aber unbekannte Gesicht.“

Das Böse als das fremde, „unbekannte Gesicht“? Nun — die Welt ist nicht von ungefähr so, wie sie ist. Vieles entsteht von innen her, aus dem Dunkeln, wie von selbst, was manchmal unbegreiflich ist. Rößler zitiert den Psychiater im Eichmann-Prozess: Dieser Mann (Eichmann) sei überraschenderweise völlig normal, „jedenfalls normaler als ich es bin, nachdem ich ihn untersucht habe“. Das alles ist merk-würdig im wahrsten Sinne des Wortes. Es erklärt einiges, aber nicht das Rätsel des Bösen.

Der Schlüssel scheint das Fehlen von Bezogenheit zu sein. Sich aufeinander zu beziehen könnte Menschen aus ihrem statischen Subjekt-Objekt-gespaltenen Weltbild herausführen. „Selbstverschuldete Unmündigkeit“ (Kant) ist da vielleicht nur die halbe Miete. Oder sogar weniger. Denn Unmündigkeit könnte man noch erklären und entschuldigen. Aber das Fehlen von Bezogenheit macht den Menschen von einem empathischen und sozialen Wesen zu einem isolierten, das sich gegen andere und gegen alles wendet. 

Die Wurzel des Bösen liegt in der Trennung von Innen und Außen, von Subjekt und Objekt, in einer egozentrischen, beziehungslosen Welt.

Damit steckt das Böse nicht erst in Kriegen, Terror und den Grausamkeiten, wie sie alltäglich geschehen, sondern in allen Systemen, in denen es um Konkurrenz, um ein Gegeneinander statt Miteinander geht und um unbegrenztes Wachstum auf Kosten anderer. Es geht darum, besser zu sein als die anderen; die Mittel dazu sind nachrangig. Der „Markt“ produziert, was Gewinn bringt, am besten mit Ablaufdatum, um nachliefern zu können. Da dies wunderbar auch auf Kriegsgerät zutrifft, hat kaum jemand Hemmungen, Waffen zu produzieren und zu verkaufen. Drogen fallen in dieselbe Kategorie. Da sind wir dann schon beim organisierten Verbrechen, wohingegen man Waffen immerhin noch zu Verteidigungszwecken einsetzen kann. — So oder so: Sich durchzusetzen hatte immer schon den Preis eines blutigen Endes. Bereits in der Jäger- und Sammler-Zeit behauptete man sich nicht nur gegen wilde Tiere, sondern setzte sich auch gegen den Mitbewerber durch. 

Notwendig ist der Auszug aus einem statischen Weltbild.

Aber auch das ist alles noch sehr vordergründig. Das skizzierte Grundmuster liegt schon in der Sprache selbst begründet, die die Subjekt-Objekt-Spaltung spiegelt. Sie ist der direkte Ausdruck eines „Ich gegen den Rest der Welt“. Als Descartes seine Unterscheidung von Materie und Geist traf, war dies zunächst eine Unterscheidung von Außenwelt und Innenwelt. Die Innenwelt aber, das Seelische, ist inzwischen mehr oder weniger auf die Funktion eines ergänzenden Nebensatzes im Gesamtgefüge vermeintlicher Objektivität reduziert. Man braucht den eigenen Willen nicht mehr durch so hinderliche Dinge wie Motivation, Emotion, Intuition zu rechtfertigen. Der Weg zu einem kalten Egoismus ist auch methodisch längst geebnet.

Was radikalisierte Grenzbeschwörer heute als „europäische Kultur“ verkaufen wollen, ist schon auf dem Weg von Jerusalem Richtung Europa verlorengegangen. Ein gewisser Jesus von Nazareth hatte damals von Empathie, von Feindes- und Nächstenliebe gesprochen und sie vorgelebt, um gerade auch Fremde, Ausgegrenzte und Notleidende mit einzubeziehen. Dieser zentrale Gedanke wird heute von denen, die ein angeblich christliches Abendland verteidigen, mit Füßen getreten. In dem Bedürfnis nach Selektion und Ausschluss steckt eine tief sitzende, unbewusste Angst.

Die Wissenschaft konstruiert eine fragmentierte Welt.

Die Satzstruktur Subjekt, Prädikat, Objekt bezeichnet eine Art Universalgrammatik, die dazu verführt, auch das Leben selbst derart fragmentiert zu sehen. Wofür es allerdings keinen vernünftigen Grund gibt: Die Welt begegnet uns zunächst als ganze, und wir treten ihr als Ganzer gegenüber. Innen- und Außenwelt sind nicht zu trennen. Dieses Gegenüber ist im Grunde illusorisch. Wir analysieren und fragmentieren die Welt, um sie in unseren Köpfen ordnen zu können. Dazu müssen wir sie vereinfachen. Was wir (Natur-) Wissenschaft nennen, ist im Prinzip eine Vereinfachung. Sie ist keine Abbildung, sondern eine Konstruktion unserer Welt unter angeblicher Eliminierung des Subjekts.

Diese Subjekt-Objekt-Spaltung ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, genauso wie das aristotelische Entweder-Oder, das nur in unserer konstruierten Welt gilt, nicht aber im alltäglichen Leben. Es gibt kein isoliertes Subjekt, genauso wenig wie es eine vom Beobachter unabhängige Außenwelt gibt. Das lehren uns Quantenphysik und Tiefenpsychologie seit einem Jahrhundert. Wir aber leben und denken gerne noch wie im 19. Jahrhundert. 

Die Grundstruktur der Welt ist Beziehung.

Und was hat das alles mit dem Bösen zu tun? — „Das Böse entsteht aus dem Fehlen von Bezogenheit.“ Die Grundlage der „Welt“ sind nicht materielle Atome, sondern Beziehung. In der Mikrowelt gibt es „keine Teilchen, sondern nur Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung“. Diese Erkenntnis, die aus der Physik kommt (Hans-Peter Dürr) und auch aus der Theologie (Nächstenliebe, Trinität als reines Beziehungsgeschehen), wäre das Gegenmodell zur Welt der „Erbsünde“, einer Welt, wie sie angeblich „ist“. 

Der „Sündenfall“ ist das Herausfallen aus der Beziehung, das sich Erleben als isoliertes Subjekt, das meint, sich gegen andere Subjekte und gegen die Welt da draußen „behaupten zu müssen“. Bis hin zum autistischen Narzissmus, dem Leben – besser: Vegetieren in einer eigenen Schrebergartenwelt, die mit Feuer und Schwert verteidigt werden muss. Eine Einstellung, die, wenn ein Nationalstaat sie vertritt, schnell zu Fremdenhass und Rassismus führt. Wir haben es erlebt, und wir beten heute darum, dass es sich nicht wiederholt. Denn die kalte Struktur der Beziehungslosigkeit scheint stärker zu sein als ein Lernen aus der Geschichte. 

FOTO: Jacques Gassmann, 7. Kreuzwegstation, Augustinerkirche Würzburg (Mai 2018)

© 2018 Robert Harsieber

Theologie trifft Therapie?

Zur Aktualität der Psychologie C.G. Jungs

| Von Ludger Verst |

[… Begrüßungsworte …] Vor anderthalb Jahren, meine Damen und Herren, im Dezember 2016 gab’s hier im Haus, drei Stockwerke tiefer, eine Veranstaltung mit dem Titel „Psychoanalyse oder Religion? — Jüdische, muslimische und christliche Perspektiven auf ein angespanntes Verhältnis“. Ich erinnere mich an interessante Vorträge; ich erinnere mich an streitbare Positionen in der Diskussion, aber es blieb unhinterfragt wie selbstverständlich beim Entweder-Oder: Über ein mögliches Arbeitsbündnis von Psychologie und Religion, und sei es unter einer bestimmten Fragestellung, wurde kein Wort verloren. Man präsentierte Positionen, zum Beispiel phänomenologisch, von Bernhard Waldenfels anspruchsvoll vorgetragen, man begrüßte, dass die einstige Kluft zwischen Psychoanalyse und Religion nicht mehr bestünde, gab sich gegenseitig respektvoll und großzügig —, aber überbrücken, überwinden wollte diese angeblich verschwundene Kluft niemand.

Das war die Geburtsstunde dieser Tagungsidee.

Es fehlte etwas. Und als ich dies — noch am selben Tag — dem Direktor des Hauses klagte, war seine Antwort: Dann mach’ einen Vorschlag! — Und der Vorschlag, dieser Vorschlag, meine Damen und Herren, findet heute hier statt. Das Profil dieses Thementages ist die Erweiterung und Ergänzung eines Veranstaltungsthemas, bei dem mindestens eine Perspektive fehlte: die der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs.

Nun soll also heute, wie es der Tagungtitel verheißt, ein Treffen stattfinden. Zwei sollen sich treffen: Theologie und Therapie.  — Aber wo …? —  Auf dieser Brücke vielleicht, über die in der eben erwähnten Veranstaltung niemand gehen wollte? Oder in einer mythisch anmutenden Kathedrale …? Oder doch eher in einer Art Behandlungszimmer, wo der eine den anderen besucht, weil er sich vom je anderen etwas verspricht? — Möglicherweise wird es ein Zusammentreffen einander weithin fremd gewordener Seelenverwandter sein, die schon mal enger zusammen waren, dann aber immer mehr jeder für sich und mit sich zu schaffen hatten und darüber wohl die Fühlung füreinander verloren haben. Könnte es vielleicht so sein?

Wir werden es heute sehen. Viel leichter fällt es jedenfalls zu sagen, was es hier und heute nicht sein wird und sein will. Es wird kein Verbrüderungstreffen werden, erst recht kein strategisches. Dafür steht u.a. das Fragezeichen im Tagungstitel.

Der eine muss für den anderen eine Frage sein und bleiben.

Nur dann machen solche Treffen Sinn: wenn der eine dem anderen zu fragen hilft, was fehlt: was in der je eigenen Disziplin fehlt. Dann und darüber könnten die beiden Verwandten sich suchen und näher kommen, weil sie sich nicht zu nahe kommen müssen.

Denn beide wissen voneinander: Ein auf Echtheit und Wertschätzung angelegter spiritueller Weg ist immer auch psychologisch der richtige Weg. Theologie und Psychologie treten überhaupt nicht gegeneinander an. Vielmehr könnten sie sich gegenseitig Kriterien an die Hand geben, innerhalb unserer gängigen Lebenspraxis Fehlformen von Formen gelingenden Lebens zu unterscheiden. Psychologie und Therapie dürfen und sollen sich nicht gottähnlich zum alleinigen Maßstab aufspielen; aber auch jede Religion, jede Konfession, muss sich der psychologischen Frage stellen, wie weit sie Menschen mit ihren Vorschriften und ihrer Praxis nicht nur gesunden, sondern — vielleicht sogar gegen ihre Absicht — heil-los im Stich lässt, manchmal überhaupt erst krankwerden lässt. Wo doch die Religion, die christliche allemal, sich selbst als ein Weg versteht, der Menschen zur Heilung, zum „Heiland“ führen will — nicht nur zu einem rein jenseitigen, sondern zu menschlichem Heil im Hier und Heute.

Die Analytische Psychologie, deren Aktualität im Gespräch mit der Theologie hier heute auf dem Prüfstand steht, hat das Problem einer weithin immer noch auf Vollkommenheit ausgerichteten theologischen Ethik erkannt, einer Ethik, die das Helle und das Heile lobt, das Dunkle und Unheile aber mit moralischem Besen auszukehren versucht. Aus der therapeutischen Erfahrung C.G. Jungs heißt es dazu: „Das Individuum mag sich zwar um Vollkommenheit mühen, muss aber zugunsten seiner Vollständigkeit sozusagen das Gegenteil seiner Absicht erleiden“ (C.G. Jung, Aion (1951), G.W. 9, Teil 2, S. 10).

Besser vollständig als vollkommen sein

Wäre es also nicht auch für die Rede von Gott und insbesondere für die daraus christlicherseits abzuleitende Praxis ein wichtiges Korrektiv, ihre Rede vom Heil und vom Heilwerden zusammenzudenken mit einer zunächst mal viel näher liegenden Rede vom Selbst- und Ganzwerden eines Menschen — gerade im Blick auf den biblischen Jesus und seine Art der Selbst- und Nächstenliebe?

Wenn der Mensch ein ganzer —, also zu dem werden soll, der er von seinen Anlagen und Entwicklungsmöglichkeiten her wirklich ist —, dann zeigt sich hier schon ein erster Hinweis, aus welcher Richtung die Persönlichkeitspsychologie Jungs „neu zu belebende Impulse zu einem therapeutischen Profil christlicher Theologie und Seelsorge beizutragen versteht“, wie es ja im Programmtext zur heutigen Veranstaltung heißt.

Jung hat immer wieder betont, und dies mag eine ebenso herausfordernde wie wertvolle Feststellung sein, dass der Mensch sein Selbst nur dann entfalten könne, wenn er das Göttliche in sich erfahre. So sei für viele Menschen der zweiten Lebenshälfte das eigentliche Problem ein religiöses.

Jung wörtlich: „Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte […] ist nicht ein einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht, was mit Konfession oder Zugehörigkeit zu einer Kirche natürlich nichts zu tun hat“ (C.G. Jung: Über die Beziehung der Psychotherapie zur Seelsorge (1932), in: Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion (= GW 11), Düsseldorf: Patmos/Walter 2. Aufl. 2006, S. 343).

Daraus ergibt sich im Blick auf die Theologie eine gerade für unsere Veranstaltung wichtige, wenn nicht gar die entscheidende Frage, wie nämlich die Theologie und in gleicher Weise ihre seelsorgliche Praxis ihr therapeutisches Erbe wiederentdecken können.

Darauf sollten wir heute gemeinsam den Akzent legen. Bitte nehmen Sie aus Ihrer persönlichen, beruflichen Perspektive — ja, aus welcher Perspektive auch immer — an den Frage- und Suchbewegungen der Vorträge und Diskussionen ganz direkt teil. Sie werden dazu über den Tag verteilt ausreichend Gelegenheit haben. (…)

Einführungsrede, gehalten beim Thementag „Theologie trifft Therapie?“ in der Katholischen Akademie Rabanus Maurus / Haus am Dom in Frankfurt am 23. Juni 2018. — Die  Veranstaltung ist Teil einer Gründungsinitiative des Verfassers, die am 7. September 2018 in die Gründung der C.G. Jung-Gesellschaft Frankfurt am Main e.V. einmündet.

Die Vorträge dieses Thementages werden in der Zeitschrift Wege zum Menschen (WzM), Heft 3/2019 publiziert.

© 2018 Ludger Verst

Du sollst dir kein Bildnis machen

Warum statische Welt- und Menschenbilder nur falsch sein können

Von Robert Harsieber

Seit Menschen denken können, fragen sie: Was ist der Mensch? Oder konkret: Wer bin ich? Und trotz Heraklits „Panta rhei“ („Alles fließt“) geht es seither in der Philosophie und im allgemeinen Welt- und Menschenbild vorwiegend um das Sein, nicht um das Werden. Das ist, als würden wir von einem Film nur ein Standbild herausnehmen und es für den Film halten.

Wer immer die Frage „Wer bin ich?“ beantworten soll, kann sich des Gefühls nicht erwehren, die Frage nicht beantworten zu können. Was immer ihm darauf einfällt, es scheint nicht die Antwort zu sein. Das biblische „Du sollst dir kein Bildnis (von Gott) machen“ hat seine Parallele im „Du kannst dir kein Bild (von dir selbst) machen“. Zur Negativen Theologie gesellt sich eine Negative Anthropologie. Was immer ich über den Menschen, über mich sage, es ist keine erschöpfende Antwort.

Das Ich im Meer des Unbewussten

Der beste Einstieg in die Problematik ist die Psychologie, der „missing link“ zwischen Physik und Philosophie bzw. Theologie. Das vordergründige Ich als Subjekt des bewussten Erlebens einer objektiv scheinenden Welt ist nur die Spitze des Eisbergs. Dieses Ich hängt sozusagen im verdrängten Unterbewussten, das im Meer des (kollektiven) Unbewussten schwimmt. Das wäre die Tiefendimension, die aber nicht zu denken ist ohne eine zeitliche Dimension. Was wir jetzt sind, sind wir geworden. Wir sind unsere gesamte individuelle Vergangenheit, eingebettet in eine kollektive Vergangenheit, die weit über das konkrete Individuelle hinausreicht.

Im Sein ist das Geworden-Sein und das Werden. Vergangenheit und Zukunft sind gegenwärtig. Sein im Hier und Jetzt meint eigentlich das Geworden-Sein und Werden in der Gegenwart. Nichts ist, sondern alles fließt; alles ist im Werden, so Heraklit. Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss: Das Wasser ist bereits ein anderes und auch der Mensch ist bereits ein anderer. Es gibt keinen Fixpunkt in dieser Welt.

Die Modelle der Psychologie sind im Prinzip Orientierungen für die Psychotherapie. Ob Sigmund Freud (Ich – Es – Über-Ich) oder C.G. Jung (bewusst – unbewusst / Archetypen wie Persona, Schatten, Animus, Anima, der/die alte Weise usw.) — es geht vor allem um eine Dynamik. Das impliziert, dass selbst die Vergangenheit nicht fix ist. Psychotherapie ist in gewissem Sinne die Verwandlung der Vergangenheit. Auch hier geht es nicht um (vergangenes) Sein, sondern um Wirkung (= Wirklichkeit).

Erhellendes aus der Quantenphysik

Erstaunlich ist, dass die parallel zur Tiefenpsychologie entstandene Quantenphysik auch hier erhellend wirken kann. Wenn man im Doppelspaltexperiment die Messung nicht direkt an den Spalten vornimmt, sondern weiter dahinter, passiert erstaunlicherweise dasselbe: Aus dem Interferenzmuster wird das Streifenmuster, aus dem Wellenbild das Teilchenbild. Das bedeutet, dass aus der Welle, die bereits durch den Doppelspalt gegangen ist, rückwirkend Teilchen werden, als würde damit die Vergangenheit verändert. Genau genommen wird aber nicht die Vergangenheit verändert, sondern eine andere aus den überlagerten Möglichkeiten realisiert. Analog können wir sagen, dass das Erleben immer eine Möglichkeit aus einem Gesamten realisiert.

Dasselbe gilt für die sogenannte „objektive Welt“. Auch die ist nicht statisch, sondern dynamisch. Das ist bei fließendem Wasser ganz offensichtlich, bei „festen“ Körpern aber nicht anders, nur langsamer. Tatsächlich fließt alles. Auch ein statisch erscheinendes Gebäude ist seine Geschichte, vom Bau bis zum Verfall. Selbst Berge wurden einmal aufgefaltet und dann Millimeter für Millimeter abgetragen. Es ist ein Alterungsprozess, der in uns viel schneller abläuft und den wir – nicht zuletzt mit einem statischen Welt- und Menschenbild – verschleiern. So geht die Frage „Wer bist du?“ oder „Was ist der Mensch?“ ins Leere, weil sie auf eine Momentaufnahme abzielt, die nie an den Film herankommt. Daher das (eingestandene oder uneingestandene) Unvermögen, diese Frage zu beantworten.

Jede Messung verändert das Gemessene.

Es ist wie in der Quantenphysik: Jede Messung verändert das Gemessene. Das kommt uns so unverständlich vor, was aber an unserem statischen Weltbild liegt. In einer kleinen Einschulung über das Blutdruckmessen sagte ein Arzt, dass es sinnlos sei, zweimal zu messen, weil schon das Messen den Blutdruck verändere und beim zweiten Mal natürlich ein anderer Wert herauskommt. Unter dem Gesichtspunkt, dass alles fließt, gilt das für jeden „Gegenstand“, sogar für einen Berg, nur dass hier die Veränderung durch das Messen minimal ist.

Wir werden die Welt, den Menschen und uns selbst nie verstehen, wenn wir immer nur fragen, was ist, und dieses Sein in einem Bild, einer Vorstellung festhalten wollen. Der Mensch ist seine Vergangenheit und in seiner Offenheit auch seine Zukunft. In der Vergangenheit liegt das damalige Erleben, aber auch alle Möglichkeiten, wie wir es hätten erleben können, und auch die Möglichkeit, zwischen den Möglichkeiten zu switchen. Zukunft heißt, für alle Möglichkeiten offen sein. Durch Realisierung einer der Möglichkeiten wird sie zur Gegenwart, und darauf wieder mit allen Möglichkeiten zur Vergangenheit.

Wirklichkeit ist die Superposition aller Möglichkeiten, Wirklichkeit ist Potentialität. Realität ist nur ein winziger Ausschnitt davon. Die Frage „Wer bin ich?“ kann bestenfalls die Realität erfassen, kommt aber nicht an die Wirklichkeit heran. Die ist Potentialität, ist fließendes Werden im Geworden-Sein und Offen-Sein.

© 2018 Robert Harsieber

Wann ist der Mensch ein Mensch?

| Von Robert Harsieber |

Seit der Quantenphysik spielt die Messung eine entscheidende Rolle in der Physik. Der österreichische Physiker Herbert Pietschmann (*1936) behauptet: „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt.“ Demnach würde gelten: Das Hinschauen entscheidet darüber, was man und ob man etwas sieht. Zugespitzt könnte man fragen: Existiert der Mond auch dann, wenn niemand hinschaut? —  Oder der Mensch? Gibt es ihn auch, wenn niemand ihn wahrnimmt?

Solche Fragen klingen sonderbar, auch für die Quantenphysik. Die Messung entscheidet ja nicht über die Existenz oder Nichtexistenz eines „Dings“ an sich, sondern über dessen Eigenschaften. Vor der Messung ist das „Ding“ oder das „Teilchen“ nicht inexistent; wir können bloß nichts über es aussagen.

Es gibt die objektive Welt auch unabhängig vom Subjekt. Nur — wenn wir etwas über diese Welt aussagen, dann ist das nicht mehr objektiv, sondern subjektiv gefärbt. Die Welt ist überhaupt nur dann objektiv, wenn wir nicht hinschauen und nichts über sie aussagen. Man könnte also behaupten, nur dann, wenn niemand hinschaut, ist der Mond wirklich nur Mond.

Beim Sehen des Mondes geht es viel mehr um das Sehen als um den Mond.

Gilt das auch vom Menschen? — Die Naturwissenschaft beschreibt zwar eine objektive Welt, aber das ist eine konstruierte, künstliche Welt. In der fallen z.B. alle Körper gleich schnell, in der wirklichen Welt tun sie genau das nicht. Die Sätze der Naturwissenschaft sind allgemeingültig und reproduzierbar, in unserer Lebenswelt ist alles einmalig, nichts wiederholt sich. Der Erfolg der Naturwissenschaft war es ja, alles Subjektive, Einmalige, Lebendige und damit Menschliche auszuschließen, um eine (abstrakte) objektive Welt beschreiben zu können. Aufgrund des enormen Erfolgs der Naturwissenschaft fällt uns gar nicht mehr auf, dass unsere Welt nicht physikalisch, sondern vielmehr psychologisch funktioniert.

Alles, was wir sehen und wahrnehmen, ist subjektiv gefärbt. Wie wir etwas sehen, sagt mehr über uns selbst aus als über das „Objekt“. Es fällt uns nicht auf, dass die Quantentheorie mehr mit einer Psychologik als mit der klassischen Logik zu tun hat: Es gibt in der Quantenmechanik kein Entweder-Oder. Gegensätze werden zur Komplementarität.

Psychotherapie ist die Bearbeitung von Konflikten, in denen widerstreitende Gegensätze nicht eliminiert, sondern komplementär integriert werden sollen.

Es gibt Überlagerungen von Quantenzuständen, wie es auch Überlagerungen von unbewussten inneren Zuständen gibt. Psychische Inhalte können als Faktum — analog dem Teilchenbild der Physik — oder als Tendenz, als dynamisches Muster — analog dem Wellenbild der Physik — gesehen werden. Und auch das ist kein Entweder-Oder, sondern es muss immer beides berücksichtigt werden.

Ludwig Wittgenstein sagt im Tractatus logico-philosophicus 6.52:

„Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“

Die objektive Welt ist voll mit den Errungenschaften von Naturwissenschaft und Technik, die Lebenswelt des Menschen ist eine völlig andere. Die naturwissenschaftliche Welt ist das, was für alle Menschen in gleicher Weise gültig ist. Das hat aber nichts mit „Wahrheit“ zu tun oder mit dem „Sinn“ einer Sache, sondern ist der kleinste gemeinsame Nenner menschlicher Wahrnehmung. Darüber hinaus sieht jeder von innen heraus die Welt auf seine je eigene Weise.

Im Lebendigen gibt es keine objektive Welt.

Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Jeder sieht die Außenwelt entsprechend seiner Innenwelt. Wer sich wohlfühlt, sieht die Welt ganz anders als der Deprimierte. Wer liebt, lebt in einer anderen Welt als der, der hasst. Wer sich verliebt, für den wird auch die Welt eine andere, weil er sensibel wird für andere Muster der Überlagerung aller Möglichkeiten.

Die „objektive“ Welt ist eine Abstraktion, die in unserer Lebenswelt nicht vorkommt. Zur Ideologie verkäme daher eine Naturwissenschaft, die nicht mehr wahrnähme, dass im Sehen eines banalen Gegenstandes auch das eigene Biographische steckt. Die Welt ist unendlich mehr als die Betrachtung ihrer „objektiven“ Seite. Das ist Physikern durchaus bewusst, sofern sie Physik als Methode und nicht als Ideologie betreiben.

„Es ist nicht so, dass Natur vor uns verborgen wäre. Sie ist noch gar nicht ganz da und wird das auch nie sein. Natur wird in dem Moment, da wir darüber reden, ausgearbeitet“, erklärt der amerikanische Physiker Christopher Fuchs in Anlehnung an den Prozessphilosophen William James (1848-1910).

Theorien sind Instrumente, nicht die Antworten auf unsere Rätselfragen.

Wir können vom Geist und von der Materie nicht mehr so sprechen, wie es die Menschen früher getan haben. Wir erkennen heute, dass Geist eine Struktureigenschaft aller komplexen Systeme ist. Alles, was nach dem „Urknall“ Materie, Raum und Zeit wird, entfaltet sich explosionsartig durch unendliche Folgen von Teilungen. Aber Teilchen, Dinge, Objekte, Materie — all das entsteht erst aus einer tieferen Ebene durch Beziehung.

Was in Erscheinung tritt, beruht auf dem Ereignis von Beziehungen. Das gilt auch und erst recht für den Menschen: Mensch ist der Mensch-in-Beziehung.

© 2018 Robert Harsieber

«Alles wird gut!?»

Über Spiritualität in der zweiten Lebenshälfte

| Von Ludger Verst |

Ich erinnere mich: Es war 1996. Mit 37 war ich Referent in der Zentralstelle Medien der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn. Damals, ich weiß es, als wäre es heute, trat mit einem Mal über Nacht das Bewusstsein von Endlichkeit in mein Leben — meiner eigenen Endlichkeit. Mir wurde klar: Jetzt ist nicht mehr alles möglich. Ich würde — anders als bisher — mich nicht mehr überallhin entwickeln können, zum Beispiel wenn ich mich als Moderator einer bestimmten Sendung bewerben wollte bei Pro Sieben oder SAT.1. Ich wäre zu alt. Mir wurde bewusst: Ich hatte einen Gipfel erklommen, ohne es zu wollen. Bislang gab es eine durchweg dynamische Lebenskurve — als einer von links nach rechts stetig ansteigenden Geraden. Und jetzt dieses Angehaltenwerden. Kein Anhaltspunkt, der als neuer Standpunkt gleich wieder positiv verwertet werden konnte. Ich war auf dem Gipfel. Und hier nun die Begegnung mit der Endlichkeit, mit einer Nachdenklichkeit, die mich im Innersten ergriff. Eine Zeitlang legte sich Traurigkeit auf meine Seele. Ich war, was ich nach und nach begriff, in der Lebensmitte angekommen.

Einige meinten damals: Das ist aber ein bisschen früh für eine Midlife-Crisis: Du bist nicht mal 40. Was wird sein, wenn du mal 50 bist …? — Gut, ich bin inzwischen 58. Und rückblickend kann ich sagen: Die Krise der Lebensmitte wirbelt die vertraute Ordnung des Lebens ziemlich durcheinander. Altes überzeugt nicht mehr, zumindest nicht so ohne weiteres. Für sicher Gehaltenes erweist sich als unsicher. Die Dinge stellen sich auf den Kopf. Und dabei war vieles richtig, ja richtig gut.

Die Lebensmitte ist im Wesentlichen eine Sinnkrise. In ihr stellt sich die Frage nach dem Sinn des Ganzen:

Warum, für was, für wen bin ich da?

Diese Fragen tauchen in der Mitte des Lebens immer häufiger auf; sie hinterfragen das bisherige Lebenskonzept. Die Frage nach dem Sinn birgt in sich natürlich auch die Chance, an diesem Sinn zu arbeiten, womöglich einen erweiterten, einen neuen Sinn für sein Leben zu finden.

FORTSETZUNG: Alles wird gut!? – Spiritualität in der zweiten Lebenshälfte

Vortrag vom 25. März 2018 im Rahmen des Begegnungswochenendes für Freunde und Förderer der Jesuiten zum Thema „Macht Glaube glücklich? — Die Psychologie als Partner“ im Heinrich-Pesch-Haus, Ludwigshafen

© 2018 Ludger Verst

Wie die Idee «Gott» entsteht

Zur Entwicklung von Gottesbildern bei Kindern

| Von Ludger Verst |

Bereits in den ersten Lebensjahren entwickeln Kinder bildhafte Vorstellungen von Nicht-Greifbarem. Welche psychischen Bedingungen sind maßgeblich, damit Kinder ein religiöses Interesse entwickeln können?

Menschliches Leben ist Entwicklung. Es beginnt mit der paradiesischen Einheit von Mutter und Kind. Alles ist gut, sehr gut sogar. Diese Symbiose, so sagt die Säuglings- und Kleinkindforschung, beginne sich etwa ab dem siebten Lebensmonat aufzulösen. Und zwar in dem Maße, wie das Kind Umweltreize aufnimmt und merkt, dass die Mutter eine andere Person ist. Vorher ist sie das in der Wahrnehmung des Kindes nicht. Die Mutter ist ohne Unterscheidung die ganze Welt des Kindes. Dann aber beginnt das Drama: die Wahrnehmung der Trennung von der Mutter. Menschliche Entwicklung zeigt sich als ein Wechsel von Symbiose und Trennung. Dies beginne – sagen Psychologen – bereits im ersten Lebensjahr und sei die ersten beiden Jahre hindurch ein ziemlich genau beschreibbarer Prozess. Am Ende des zweiten Lebensjahres komme diese Entwicklung zu einem Abschluss, bei dem eine erste psychisch stabile Struktur erreicht werde. (…)

FORTSETZUNG: Wie die Idee «Gott» entsteht

Der Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in der Sendereihe FEIERTAG in DeutschlandRadio Kultur am 24. Mai 2015, in dieser aktualisierten Fassung im schweizerischen Magazin WEGE ZUM KIND 3/2018, S. 4-8.