Du sollst dir kein Bildnis machen

Warum statische Welt- und Menschenbilder nur falsch sein können

Von Robert Harsieber

Seit Menschen denken können, fragen sie: Was ist der Mensch? Oder konkret: Wer bin ich? Und trotz Heraklits „Panta rhei“ („Alles fließt“) geht es seither in der Philosophie und im allgemeinen Welt- und Menschenbild vorwiegend um das Sein, nicht um das Werden. Das ist, als würden wir von einem Film nur ein Standbild herausnehmen und es für den Film halten.

Wer immer die Frage „Wer bin ich?“ beantworten soll, kann sich des Gefühls nicht erwehren, die Frage nicht beantworten zu können. Was immer ihm darauf einfällt, es scheint nicht die Antwort zu sein. Das biblische „Du sollst dir kein Bildnis (von Gott) machen“ hat seine Parallele im „Du kannst dir kein Bild (von dir selbst) machen“. Zur Negativen Theologie gesellt sich eine Negative Anthropologie. Was immer ich über den Menschen, über mich sage, es ist keine erschöpfende Antwort.

Das Ich im Meer des Unbewussten

Der beste Einstieg in die Problematik ist die Psychologie, der „missing link“ zwischen Physik und Philosophie bzw. Theologie. Das vordergründige Ich als Subjekt des bewussten Erlebens einer objektiv scheinenden Welt ist nur die Spitze des Eisbergs. Dieses Ich hängt sozusagen im verdrängten Unterbewussten, das im Meer des (kollektiven) Unbewussten schwimmt. Das wäre die Tiefendimension, die aber nicht zu denken ist ohne eine zeitliche Dimension. Was wir jetzt sind, sind wir geworden. Wir sind unsere gesamte individuelle Vergangenheit, eingebettet in eine kollektive Vergangenheit, die weit über das konkrete Individuelle hinausreicht.

Im Sein ist das Geworden-Sein und das Werden. Vergangenheit und Zukunft sind gegenwärtig. Sein im Hier und Jetzt meint eigentlich das Geworden-Sein und Werden in der Gegenwart. Nichts ist, sondern alles fließt; alles ist im Werden, so Heraklit. Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss: Das Wasser ist bereits ein anderes und auch der Mensch ist bereits ein anderer. Es gibt keinen Fixpunkt in dieser Welt.

Die Modelle der Psychologie sind im Prinzip Orientierungen für die Psychotherapie. Ob Sigmund Freud (Ich – Es – Über-Ich) oder C.G. Jung (bewusst – unbewusst / Archetypen wie Persona, Schatten, Animus, Anima, der/die alte Weise usw.) — es geht vor allem um eine Dynamik. Das impliziert, dass selbst die Vergangenheit nicht fix ist. Psychotherapie ist in gewissem Sinne die Verwandlung der Vergangenheit. Auch hier geht es nicht um (vergangenes) Sein, sondern um Wirkung (= Wirklichkeit).

Erhellendes aus der Quantenphysik

Erstaunlich ist, dass die parallel zur Tiefenpsychologie entstandene Quantenphysik auch hier erhellend wirken kann. Wenn man im Doppelspaltexperiment die Messung nicht direkt an den Spalten vornimmt, sondern weiter dahinter, passiert erstaunlicherweise dasselbe: Aus dem Interferenzmuster wird das Streifenmuster, aus dem Wellenbild das Teilchenbild. Das bedeutet, dass aus der Welle, die bereits durch den Doppelspalt gegangen ist, rückwirkend Teilchen werden, als würde damit die Vergangenheit verändert. Genau genommen wird aber nicht die Vergangenheit verändert, sondern eine andere aus den überlagerten Möglichkeiten realisiert. Analog können wir sagen, dass das Erleben immer eine Möglichkeit aus einem Gesamten realisiert.

Dasselbe gilt für die sogenannte „objektive Welt“. Auch die ist nicht statisch, sondern dynamisch. Das ist bei fließendem Wasser ganz offensichtlich, bei „festen“ Körpern aber nicht anders, nur langsamer. Tatsächlich fließt alles. Auch ein statisch erscheinendes Gebäude ist seine Geschichte, vom Bau bis zum Verfall. Selbst Berge wurden einmal aufgefaltet und dann Millimeter für Millimeter abgetragen. Es ist ein Alterungsprozess, der in uns viel schneller abläuft und den wir – nicht zuletzt mit einem statischen Welt- und Menschenbild – verschleiern. So geht die Frage „Wer bist du?“ oder „Was ist der Mensch?“ ins Leere, weil sie auf eine Momentaufnahme abzielt, die nie an den Film herankommt. Daher das (eingestandene oder uneingestandene) Unvermögen, diese Frage zu beantworten.

Jede Messung verändert das Gemessene.

Es ist wie in der Quantenphysik: Jede Messung verändert das Gemessene. Das kommt uns so unverständlich vor, was aber an unserem statischen Weltbild liegt. In einer kleinen Einschulung über das Blutdruckmessen sagte ein Arzt, dass es sinnlos sei, zweimal zu messen, weil schon das Messen den Blutdruck verändere und beim zweiten Mal natürlich ein anderer Wert herauskommt. Unter dem Gesichtspunkt, dass alles fließt, gilt das für jeden „Gegenstand“, sogar für einen Berg, nur dass hier die Veränderung durch das Messen minimal ist.

Wir werden die Welt, den Menschen und uns selbst nie verstehen, wenn wir immer nur fragen, was ist, und dieses Sein in einem Bild, einer Vorstellung festhalten wollen. Der Mensch ist seine Vergangenheit und in seiner Offenheit auch seine Zukunft. In der Vergangenheit liegt das damalige Erleben, aber auch alle Möglichkeiten, wie wir es hätten erleben können, und auch die Möglichkeit, zwischen den Möglichkeiten zu switchen. Zukunft heißt, für alle Möglichkeiten offen sein. Durch Realisierung einer der Möglichkeiten wird sie zur Gegenwart, und darauf wieder mit allen Möglichkeiten zur Vergangenheit.

Wirklichkeit ist die Superposition aller Möglichkeiten, Wirklichkeit ist Potentialität. Realität ist nur ein winziger Ausschnitt davon. Die Frage „Wer bin ich?“ kann bestenfalls die Realität erfassen, kommt aber nicht an die Wirklichkeit heran. Die ist Potentialität, ist fließendes Werden im Geworden-Sein und Offen-Sein.

© 2018 Robert Harsieber

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