Mehr Platon, weniger Aristoteles

Plädoyer für eine Metaphysik des Lebendigen

| Von Robert Harsieber |

Descartes ist neben Galilei und Newton der Vater der modernen Naturwissenschaft. Der erste Naturwissenschaftler aber ist Aristoteles, dessen Philosophie, seitdem die Araber sie wieder nach Europa zurückbrachten, das europäische Denken diktiert. Noch zu Zeiten Galileis galt die Philosophie des Aristoteles als Dogma, man könnte meinen, weit mehr als die christlichen Dogmen selbst. Selbst heute denken wir noch aristotelisch — und das, obwohl die Quantentheorie bereits vor hundert Jahren mit der klassischen Physik und der Logik des Entweder-Oder gebrochen hat. Dieses Entweder-Oder hat sich so tief in unser Weltbild eingebrannt, dass es im Alltag noch immer dominiert.

Der platonische Untergrund

Wie kommt es dann, dass noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts der Philosoph und Mathematiker Alfred N. Whitehead alle europäische Philosophie als „Fußnoten zu Platon“ bezeichnen konnte? Platon, der Lehrer des Aristoteles, der „Dualist“, der Schöpfer der Dualität der irdischen Welt und der „Welt der Ideen“? Da kann doch etwas nicht stimmen; und es stimmt so auch nicht. Platon wird damit völlig verkannt und missverstanden, weil er meist durch die Brille des heutigen Denkens — und das ist das des Aristoteles — gesehen wird, der seinen Lehrer in dieser Hinsicht gründlich missinterpretiert hat. Allein das Höhlengleichnis zeigt, dass Platon kein Dualist und seine Ideen keine eigene Welt sind.

Platon ist tatsächlich der folgenreichste Denker unserer Geschichte, aber nicht in dem Sinne, dass sich sein Denken in Europa durchgesetzt hätte, ganz im Gegenteil. Und doch war und ist Platon ständig präsent, „mal indem man ihm folgte – dann wieder, indem man ihn ablehnte; selten, indem man ihn verstand – meistens indem er missverstanden wurde“¹.

Platon wirkte meist aus dem Untergrund, und wenn er doch mal bestimmend war, wie etwa im Neu-Platonismus, dann ist der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, dass auch der mit dem ursprünglichen Platon wenig zu tun hatte. Weshalb Hölderlin, Platon im Original lesend, ausrief: „Heiliger Platon, vergib! Man hat schwer an dir gesündigt.“

Die statische und dynamische Sicht auf die Welt

Platon ist der Philosoph der „Achsenzeit“, wie Karl Jaspers diese Zeit nannte. Platon überblickt die Philosophen vor ihm, die noch vom Mythos geprägt waren, und fasst sie in einem genialen System zusammen. Nicht ohne Grund bezieht er sich oft auf Parmenides (den Denker des Seins) und Heraklit (den Denker des Werdens). Dies sind die von Anbeginn nebeneinanderstehenden Weltbilder: das statische und das dynamische. Das statische gewann in Europa die Oberhand, es ist handhabbarer, wenn auch abstrakter. Es führte letztlich zur (klassischen) Physik und zum mechanistischen Weltbild der Neuzeit.
Es sind dies die zwei möglichen Betrachtungsweisen der Welt: psychologisch gesehen ist es die objektbezogene (männliche) und die beziehungsorientierte (weibliche) Sicht. Die statische Sicht — von Aristoteles bis zur klassischen Physik — zeigt immer schärfer auflösende Standbilder, die aber nichts über den ganzen Film der Wirklichkeit aussagen können. Ziel ist eine „objektive“ Welt des Messbaren, wobei das lebendige Werden und Vergehen (physis), der ganze Film, ausgeschlossen werden muss. Es geht dabei auch nicht um das Erkennen, sondern um das Beherrschen der Welt.

Metaphysik der Lebendigkeit

Um diese Lebendigkeit aber geht es Platon. Der Kern seiner Lehre ist nicht die Ideenlehre oder die Unterscheidung von realer und (ewiger) Ideenwelt. Es geht ihm überhaupt nicht um eine „Lehre“, sondern um einen Dialog, in dem jeder selbst zum Verstehen gelangen soll. Platon schlägt sich aber auch nicht auf die Seite der dynamischen Sicht (panta rhei) des Heraklit. Er versucht vielmehr, Statisches und Dynamisches zu verbinden.

Das Denken der Antike ringt um ein Verständnis der „physis“, was nicht „Natur“ im heutigen Sinne hieß, sondern das Wesen und die Totalität des Erscheinens des Lebendigen, das Wesen des Hervortretens in die Erscheinung, also kein Etwas, sondern etwas Dynamisches, ein Prozess, nicht Ding, sondern Leben. Man muss bei der Übersetzung von antiken Begriffen immer vorsichtig sein, und Platons Begriffe sind nicht isoliert, sondern nur im Einklang mit anderen Begriffen zu verstehen, weil seine Schlüsselbegriffe nie dinglich (das wäre bereits die aristotelische Sichtweise) zu verstehen sind.

Der wichtigste platonische Begriff ist nicht die Physis, auch nicht die Idee (die übrigens gar nicht zu trennen sind), sondern die Seele (psyché), die ihm Gottheit ist, als kosmische Lebendigkeit. Ja, Platon ist ein religiöser Denker, ohne von einem Gott im heutigen Sinne zu sprechen. Psyché ist Lebendigkeit, und Platon geht es um eine Metaphysik der Lebendigkeit. Sie ist auch der Grund der Lebendigkeit der Physis im Ganzen. Diese „Theologie“ wäre durchaus eine Anregung für die heutige Zeit, weil auch die zeitgenössische vom aristotelischen Denken geprägt ist und die Menschen mit einem objektivierten Gottesbild nicht mehr zurechtkommen.

Die Intelligenz des Geistigen

Das Erscheinen der Psyché als kosmischer Lebendigkeit der Physis ist ein sich selbst bewegendes, geordnetes Erscheinen. Dieses Geordnet- Sein zeigt sich im Noús, der Intelligenz des Geistes. Psyché und Noús, Physis und Kosmos sind nur zusammen oder ineinander zu verstehen. Es geht ja nicht um „Dinge“ oder Entitäten, sondern um dynamisches Sein. Das Werden entsteht aus dem Grenzenlosen (ápeíron), bloß Möglichen. Das Begrenzende, die Grenze (péras) ist das, was Gestalt und Identität verleiht. Und Grenze ist das, was Platon an vielen Stellen als Ideen bezeichnet. Es ist Gestalt und Sinn jeglichen Seienden. Die Ideen machen das Potenzielle zum konkreten Phänomen – also weit entfernt von einer abgehobenen Welt des vielleicht Möglichen. Ideen sind schlicht das, was das Mögliche zum Wirklichen macht. Das ist sehr nahe an der Quantenphysik, aber davon später.

Es geht Platon – um es nochmal zu sagen – um eine Metaphysik des Lebendigen, die den Sinn von Sein nicht als statisches Seiendes annimmt, sondern als dynamisches Werden und Vergehen, das dem Wachsen dient. Die geistige Ordnung, die darin waltet, ist der Lógos. Keine starre (statische) Ordnung, sondern eine dynamisch strukturierende Ordnung. Der Geist, der darin waltet, ist der Noús, den man auch mit Sinn übersetzen kann, wobei der Sinn durchaus auch mit den Sinnen zu tun hat – also alle Sinne umfassend. Platon ist nicht der weltabgewandte Denker, was ihm gerne unterschoben wird. Platon ist der Philosoph des Sinnlichen und der Philosoph des Eros. Eros ist die Energie der Psyché, der Drang nach Lebendigkeit. Das, was Göttliches und Sterbliches verbindet.

Das gute Leben

Platon ging es um ein gutes Leben, was bei ihm aber nichts mit Moral, mit Gut und Böse zu tun hat, sondern mit Stimmigkeit und Harmonie. Gut leben heißt, im Einklang mit sich selbst und mit dem Kosmos zu leben. Aber es wäre nicht Platon, würde diese Stimmigkeit nicht auch alle Unstimmigkeit enthalten. Sie ist sozusagen äußerste Spannung, die auch alle Gegensätze aufspannt. Lebendig ist nur, was den Gegensatz in sich enthält und aushält, wird später Hegel sagen. Aber das Werden trachtet immer danach, harmonische Systeme zu erzeugen.

Das Gute (agathón) als das höchste Gut ist – wie das Licht – der Ursprung allen Seins und zugleich der Grund für die Erkennbarkeit. So wie der Lógos die Sprache der Dinge und die Sprache des Menschen ist.

Damit hängt zusammen, was meist mit Tugend (areté) übersetzt wird, was aber eher so viel wie Tauglichkeit meint, das, wozu etwas gut ist.
Zur Stimmigkeit und Harmonie der Seele kommt nur, wer weiß, was die Harmonie des Lebens sein kann, und dies nennt Platon Weisheit (sophía). Dahin kommt man nicht bloß durch Denken, sondern nur durch Leidenschaft (Eros) und Liebe (philía), daher Philosophie. Platons Ethos der Lebendigkeit braucht keine Erkenntnis des Guten und Bösen, sondern den Einklang mit der (weltimmanenten) Harmonie des Lebendigen. Ideen wie Götter sind keine geistigen Gegenstände, sondern Prinzipien des Seienden. Es braucht keine Objektivierung, sondern ein anderes Denken. Das ist es auch, was wir heute brauchen, und es ist auch längst da, nämlich in der Physik und Psychologie des 20. Jahrhunderts.

Dass wir uns damit so schwer tun, liegt daran, dass wir aristotelisch denken. Mit diesem Denken ist die Welt zwar zu beherrschen, aber nicht zu verstehen. Dazu braucht es ein Verständnis der Lebendigkeit. Mythologisch gesprochen, wäre das der Weg vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen hin zum Baum des Lebens. Der Sündenfall des Entweder-Oder war eine notwendige Entwicklung, um den Preis des verlorenen Paradieses, um den Weg durch die Geschichte anzutreten. Jetzt aber wäre es an der Zeit, nach dem Baum des Lebens zu suchen. Die beiden Bäume sollen ja eine gemeinsame Wurzel haben. Die Quantentheorie weist bereits in diese Richtung. Und auch die Psychologie C.G. Jungs dreht sich um dieses Paradies der „Mitte“, um eine Psychologie der Vollständigkeit und des Ganzen (des „Selbst“) und um den Weg dorthin, die „Individuation“. Dazu aber braucht es ein Umdenken. Mit dem gewohnten Entweder-Oder-Denken ist dieses Ziel nicht zu erfassen, es braucht dazu das komplementäre ganzheitliche Denken, ein Denken des Lebendigen, wie es bereits bei Platon zu finden ist.

¹ Christoph Quarch: Platon und die Folgen. J.B. Metzler Verlag 2018, S. 2

© 2018 Robert Harsieber