Wann ist der Mensch ein Mensch?

| Von Robert Harsieber |

Seit der Quantenphysik spielt die Messung eine entscheidende Rolle in der Physik. Der österreichische Physiker Herbert Pietschmann (*1936) behauptet: „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt.“ Demnach würde gelten: Das Hinschauen entscheidet darüber, was man und ob man etwas sieht. Zugespitzt könnte man fragen: Existiert der Mond auch dann, wenn niemand hinschaut? —  Oder der Mensch? Gibt es ihn auch, wenn niemand ihn wahrnimmt?

Solche Fragen klingen sonderbar, auch für die Quantenphysik. Die Messung entscheidet ja nicht über die Existenz oder Nichtexistenz eines „Dings“ an sich, sondern über dessen Eigenschaften. Vor der Messung ist das „Ding“ oder das „Teilchen“ nicht inexistent; wir können bloß nichts über es aussagen.

Es gibt die objektive Welt auch unabhängig vom Subjekt. Nur — wenn wir etwas über diese Welt aussagen, dann ist das nicht mehr objektiv, sondern subjektiv gefärbt. Die Welt ist überhaupt nur dann objektiv, wenn wir nicht hinschauen und nichts über sie aussagen. Man könnte also behaupten, nur dann, wenn niemand hinschaut, ist der Mond wirklich nur Mond.

Beim Sehen des Mondes geht es viel mehr um das Sehen als um den Mond.

Gilt das auch vom Menschen? — Die Naturwissenschaft beschreibt zwar eine objektive Welt, aber das ist eine konstruierte, künstliche Welt. In der fallen z.B. alle Körper gleich schnell, in der wirklichen Welt tun sie genau das nicht. Die Sätze der Naturwissenschaft sind allgemeingültig und reproduzierbar, in unserer Lebenswelt ist alles einmalig, nichts wiederholt sich. Der Erfolg der Naturwissenschaft war es ja, alles Subjektive, Einmalige, Lebendige und damit Menschliche auszuschließen, um eine (abstrakte) objektive Welt beschreiben zu können. Aufgrund des enormen Erfolgs der Naturwissenschaft fällt uns gar nicht mehr auf, dass unsere Welt nicht physikalisch, sondern vielmehr psychologisch funktioniert.

Alles, was wir sehen und wahrnehmen, ist subjektiv gefärbt. Wie wir etwas sehen, sagt mehr über uns selbst aus als über das „Objekt“. Es fällt uns nicht auf, dass die Quantentheorie mehr mit einer Psychologik als mit der klassischen Logik zu tun hat: Es gibt in der Quantenmechanik kein Entweder-Oder. Gegensätze werden zur Komplementarität.

Psychotherapie ist die Bearbeitung von Konflikten, in denen widerstreitende Gegensätze nicht eliminiert, sondern komplementär integriert werden sollen.

Es gibt Überlagerungen von Quantenzuständen, wie es auch Überlagerungen von unbewussten inneren Zuständen gibt. Psychische Inhalte können als Faktum — analog dem Teilchenbild der Physik — oder als Tendenz, als dynamisches Muster — analog dem Wellenbild der Physik — gesehen werden. Und auch das ist kein Entweder-Oder, sondern es muss immer beides berücksichtigt werden.

Ludwig Wittgenstein sagt im Tractatus logico-philosophicus 6.52:

„Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“

Die objektive Welt ist voll mit den Errungenschaften von Naturwissenschaft und Technik, die Lebenswelt des Menschen ist eine völlig andere. Die naturwissenschaftliche Welt ist das, was für alle Menschen in gleicher Weise gültig ist. Das hat aber nichts mit „Wahrheit“ zu tun oder mit dem „Sinn“ einer Sache, sondern ist der kleinste gemeinsame Nenner menschlicher Wahrnehmung. Darüber hinaus sieht jeder von innen heraus die Welt auf seine je eigene Weise.

Im Lebendigen gibt es keine objektive Welt.

Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Jeder sieht die Außenwelt entsprechend seiner Innenwelt. Wer sich wohlfühlt, sieht die Welt ganz anders als der Deprimierte. Wer liebt, lebt in einer anderen Welt als der, der hasst. Wer sich verliebt, für den wird auch die Welt eine andere, weil er sensibel wird für andere Muster der Überlagerung aller Möglichkeiten.

Die „objektive“ Welt ist eine Abstraktion, die in unserer Lebenswelt nicht vorkommt. Zur Ideologie verkäme daher eine Naturwissenschaft, die nicht mehr wahrnähme, dass im Sehen eines banalen Gegenstandes auch das eigene Biographische steckt. Die Welt ist unendlich mehr als die Betrachtung ihrer „objektiven“ Seite. Das ist Physikern durchaus bewusst, sofern sie Physik als Methode und nicht als Ideologie betreiben.

„Es ist nicht so, dass Natur vor uns verborgen wäre. Sie ist noch gar nicht ganz da und wird das auch nie sein. Natur wird in dem Moment, da wir darüber reden, ausgearbeitet“, erklärt der amerikanische Physiker Christopher Fuchs in Anlehnung an den Prozessphilosophen William James (1848-1910).

Theorien sind Instrumente, nicht die Antworten auf unsere Rätselfragen.

Wir können vom Geist und von der Materie nicht mehr so sprechen, wie es die Menschen früher getan haben. Wir erkennen heute, dass Geist eine Struktureigenschaft aller komplexen Systeme ist. Alles, was nach dem „Urknall“ Materie, Raum und Zeit wird, entfaltet sich explosionsartig durch unendliche Folgen von Teilungen. Aber Teilchen, Dinge, Objekte, Materie — all das entsteht erst aus einer tieferen Ebene durch Beziehung.

Was in Erscheinung tritt, beruht auf dem Ereignis von Beziehungen. Das gilt auch und erst recht für den Menschen: Mensch ist der Mensch-in-Beziehung.

© 2018 Robert Harsieber

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