JUNG in Frankfurt

| Von Thilo Brandl und Ludger Verst |

Die von dem Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875-1961) begründete Analytische Psychologie hat in ihrer Weiterentwicklung in jüngerer Zeit wieder verstärkt Beachtung gefunden. Zusammen mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds und der Individualpsychologie Alfred Adlers gehört sie seit dem frühen 20. Jahrhundert zu den klassischen tiefenpsychologischen Richtungen.

C.G. Jungs Theorie des Unbewussten, seine Methode der Traumarbeit und auch seine Persönlichkeitstheorie erweisen sich aus heutiger Perspektive als geradezu visionär. Zentrale Themen seiner Psychologie werden von der wissenschaftlichen Forschung immer wieder und inzwischen weltweit aufgegriffen und in vielfältige Richtungen weiterentwickelt.

Die archetypische Dimension der Psyche

Jung entwickelt seine Psychologie zunächst in freundschaftlicher Beziehung zu Sigmund Freud. Schon 1913 aber kommt es zum Bruch mit Freud und der Psychoanalyse, ausgelöst durch Jungs „Wandlungen und Symbole der Libido“ (1911) und abweichende Vorstellungen über das Unbewusste. Jung führt den Begriff des kollektiven Unbewussten ein. Ein Großteil seiner Arbeit ist fortan darauf ausgerichtet, die Existenz, Bedeutung und Dynamik der archetypischen Dimension der Psyche nachzuweisen und verständlich zu machen. Sowohl für die Idee des Archetypischen als auch für seine anderen theoretischen Konzepte sucht er nach Vorläufern und Parallelen in der menschlichen Kultur- und Geistesgeschichte.

Jung will mit seiner Psychologie allen Aspekten, Lebensäußerungen und Bedürfnissen des Menschen gerecht werden. Deshalb beschäftigt sich die Analytische Psychologie nicht nur mit seelischen Erkrankungen, sondern auch mit der gesunden und schöpferischen Entfaltung des Menschen in seinen vielfältigen sozialen und kulturellen Bezügen. Schon vor der Entwicklung moderner kybernetischer und systemtheoretischer Modellvorstellungen hat Jung den Menschen als ein sich selbst regulierendes System beschrieben.

Heute zeigt sich, dass wesentliche Bereiche der Analytischen Psychologie empirisch gut bestätigt sind. Die Wirksamkeit der Psychotherapie nach C.G. Jung ist vielfach nachgewiesen. Sein Ansatz der Traumdeutung erweist sich anderen Verfahren der Traumarbeit sogar als überlegen, sein Archetypenkonzept als in hohem Maße anschlussfähig an moderne neurowissenschaftliche Erkenntnisse. Die psychotherapeutische Praxis profitiert nachhaltig von Jungs Arbeiten zu Imagination und innerem Bilderleben.

Die Vereinigung der Gegensätze

Im Zentrum der Jungschen Persönlichkeitspsychologie stehen das Selbst und die Individuation, die Entwicklung des Menschen auf ein erweitertes Bewusstsein, auf eine größere menschliche Reife und soziale Verantwortlichkeit hin. Jung ist an einer bewussten Auseinandersetzung mit den inneren Bildern und Energien interessiert, damit diese in einen persönlich geweiteten, gereiften Horizont der Persönlichkeit hinein verarbeitet, d.h. integriert, und dadurch kreative Prozesse der eigenen Lebensgestaltung angestoßen werden können. Im Individuationsprozess kann der Mensch zu dem werden, der er von seinen Anlagen und Entwicklungmöglichkeiten her ist.

Von diesen Vorstellungen wird ein integratives Behandlungskonzept abgeleitet. Seelische wie körperliche Erkrankungen werden u. a. als Ausdruck dessen verstanden, dass das gesunde Wechselspiel der verschiedenen Polaritäten der Ganzheit des Organismus gestört ist. In der Psychotherapie wie auch im Individuationsprozess sollen die aus dem bisherigen Leben ausgeschlossenen und unbewusst gebliebenen Polaritätsaspekte dem bewussten Erleben und Verhalten schrittweise zugänglich gemacht werden, sodass es zu einem dynamischen, schöpferischen Gleichgewicht zwischen den Polaritäten und so zu einer Vereinigung der Gegensätze kommen kann.

Zeitlebens beschäftigen Jung Fragen des Religiösen. Er vertritt die Auffassung, dass der Kern vieler seelischer Störungen in der nicht beantworteten Frage nach dem tieferen Sinn des Lebens und der spirituellen Einstellung zu finden ist. Die christliche Religion sei für den westlichen Menschen zwar immer noch bedeutsam, sie bedürfe aber einer neuen Sicht, die u. a. das weibliche Prinzip sowie dessen Verbindung mit dem männlichen und eine Anerkennung der ambivalenten Paradoxie des Gottesbildes, der dunklen Seite des Göttlichen, beinhalte.

Wie passt ein solches Konzept ins 21. Jahrhundert?

Lassen sich hier aktuelle Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit finden: einer Zeit, die für sich das „Ende der großen Erzählungen“ und den „Tod Gottes“ reklamiert? Einer Zeit, die sich den Ansprüchen des Naturalismus von der Quantenphysik bis hin zu den Neurowissenschaften ebenso gegenübersieht wie einer privatisierten Suche nach Spiritualität? Einer Zeit, die neben Kunst und Literatur nicht zuletzt durch die Begegnung mit den asiatischen Religionen und der Dialektik von Leere und Form geprägt ist? Inwieweit tragen die Symbolschätze alter Mythen und Kulturen noch Impulse zu heutigen Fragestellungen, zu den heute selbstgestalteten und selbstverantworteten Lebensentwürfen bei?

Wir stellen die immerwährenden Grund- und Sinnfragen gewiss von einem anderen Standpunkt aus als C.G. Jung vor knapp einem Jahrhundert. Eine einfache Antwort liegt nicht auf der Hand. Aber das inhaltliche Ringen, der gemeinsame Austausch in Dialog und Diskurs, kann neue Lesarten und Perspektiven ermöglichen. Der Frankfurter C.G. Jung-Gesellschaft geht es seit ihrer Gründung im September 2018 um genau diesen interdisziplinären Diskurs.

Mit dem Leitmotiv der Vereinigung der Gegensätze und einer Sensibilität für die Dialektik von Bewusstem und Unbewusstem mit all seinen Paradoxien und Abgründen, dem drohenden Scheitern, aber eben auch mit dem Mut zur Individuation, der symbolischen Kraft zur Selbst-Werdung — im göttlichen Kind, dem Hermaphroditen, der Hochzeit von König und Königin (u.a.) — kann ein experimenteller Lebensweg beschritten werden. Der Weg führt ins Offene; die bleibende Ambivalenz gilt es auszuhalten.

Zu einer solchen Spurensuche möchte die Frankfurter C.G. Jung-Gesellschaft einladen.

Ludger Verst und Thilo Brandl sind seit 2018 Vorsitzende der C.G. Jung- Gesellschaft Frankfurt am Main e.V.

© 2020 Ludger Verst

Ein Gedanke zu “JUNG in Frankfurt

  1. Man muss bei Jung immer im Auge behalten, dass er seine Psychologie schon auf Schiene hatte, bevor er zu Freud kam. Jung wird (zu) oft als Schüler Freuds tituliert; ich würde es eher als eine Zusammenarbeit bezeichnen, die schon ins Wanken kam, als Freud ihn als seinen Nachfolger auserkoren hatte. Das angebliche Lehrer-Schüler-Verhältnis war eher dem Vaterkomplex Freuds zuzuschreiben, zu dem dieser sich auch offiziell bekannt hat.
    C.G. Jung hatte eine Bandbreite an Interessen und Forschungen, die viele überforderte und von vielen – z.B. als „Esoterik“ – missverstanden wurde. Wenn er sich mit Alchemie, Gnosis, westlichen und östlichen Religionen, Yoga, Tantra, Daoismus beschäftigte, dann immer unter dem Aspekt der allgemeinmenschlichen und kollektiven Psyche. Wenn er sich mit Quantenphysik beschäftigte, dann weil auch die nicht außerhalb der menschlichen Anschauung agieren kann.
    Was die Psyche (und da eben nicht nur die verdrängte) betrifft, war er DER Pionier, der alles nicht nur an KlientInnen, sondern auch am eigenen Leib, besser in der eigenen Psyche erfahren und geklärt hat.

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