Die Bibel lesen – wörtlich, historisch, symbolisch?

Von Robert Harsieber

Zwischen Fundamentalismus und Atheismus ist sehr viel Raum für eine sinnvolle und in die Gegenwart hineingesprochene Deutung des „Buchs der Bücher“. Die Frage, ob und wie das Buch der Bücher historisch gesehen werden muss oder nicht, ist zwar wichtig, aber sekundär. Hätte Jesus vor 2000 Jahren nicht gelebt und gewirkt, hätte das Christentum keine Grundlage.

Weitaus wichtiger ist zum Beispiel das symbolische Verstehen der Erzählungen der Evangelien, die uns immer auch selbst in der Gegenwart betreffen. Wir sind es, die dem Stern folgen sollen; wir sind es, in denen Jesus geboren wird, die ihm als seine Freunde folgen, deren Besessenheit (von Geld, Sex, Macht, Anerkennung etc.) er heilt. Wir sind es aber auch, die ihn verraten, foltern und kreuzigen und die von ihm erlöst und mit ihm auferstehen werden. Wir sind die Lahmen, die (auch geistig) Unbeweglichen, wir sind die Blinden, blind für die Wahrheit des Ganzen, wir sind die Tauben, die nicht hören wollen – und wir sind es, die Jesus gehen, sehen und hören macht.

Bildhafte Sprache

Die Bibel, insbesondere das Erste Testament, ist in einer orientalisch bilderreichen Sprache geschrieben, in der viel mehr ausgedrückt werden kann als in der uns heute vertrauteren Begriffssprache. Wir treffen auf eine Bild- und Symbolsprache, die auf mehreren Ebenen eine Bedeutung hat – auf der historischen und psychischen, der seelischen wie der geistigen Ebene. Wer die Texte in verschiedenen Situationen hört oder liest, wird immer wieder auch Neues erfahren und immer mehr verstehen.

Manche nehmen die Bibel mehr oder weniger wörtlich, andere meinen, sie sei „nur“ symbolisch. Beide Ansichten liegen wohl falsch.

Nimmt man die Bibel wörtlich, dann hat Gott die Welt in sechs Tagen erschaffen – obwohl es am Anfang noch gar keine Tage gegeben hat – und die Welt ist etwa 6000 Jahre alt. Es gibt tatsächlich (wenn auch wenige) Menschen, die das glauben. Wörtlich gelesen hat dann Jesus nicht den Frieden, sondern das Schwert gebracht und war, zumindest nach diesem Zitat, vielleicht doch der politische Messias, auf den damals viele gewartet haben – und dessen politische Mission gescheitert ist.

„Nur“ symbolisch?

Für viele andere ist alles, was nicht in das heutige Weltbild passt, „nur“ symbolisch gemeint, etwa die Gegenwart Christi in der Heiligen Messe oder die Dämonen und bösen Geister, die Jesus ausgetrieben hat. Denn das ernstzunehmen passt nicht in unser wissenschaftlich geprägtes Weltbild.

Während aber Wissenschaft nach Ludwig Wittgenstein unsere Lebensfragen nicht beantworten, ja diese für uns wesentlichen Fragen nicht einmal stellen kann, geht es in der Bibel genau und vor allem um diese Lebensfragen. Es geht gar nicht so sehr um die materielle, sondern primär um unsere ureigenste seelische Wirklichkeit. Die Begriffssprache der Wissenschaften wäre dabei in ihrer Eindimensionalität völlig überfordert. Daher verwendet die Bibel eine Bild- und Symbolsprache, daher spricht Jesus so oft in Gleichnissen.

Ein Symbol ist aber nicht weniger, sondern weit mehr als ein Begriff. Begriffe treffen nur die Oberfläche, Symbole sind mehrdimensional; sie haben eine tiefe Bedeutung auf allen Ebenen menschlichen und übermenschlichen Seins. Das Charakteristikum des Symbols ist, dass es auf allen Ebenen (historisch, seelisch, geistig – außen und innen) stimmig und von Bedeutung ist – im Unterschied zum Begriff, der nur das Außen abbilden, abgrenzen (definieren) kann.

Historisch, seelisch, geistig

Daher ist die Bibel zwar auch ein historischer Text; er erzählt, was damals erlebt und gedacht wurde. Aber mehr noch ist die Bibel ein Seelentext, der offenbart, was Menschen damals wie heute betroffen macht; er erzählt ebenso unser Leben, unsere Entwicklung, unseren Weg. Mit den Texten sind immer auch wir gemeint.

Jesus hat „Oben“ und „Unten“, das Höchste und das Niedrigste verbunden. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch (da wird oft das eine oder das andere unterschlagen), er spricht auch von irdischen Dingen nicht alltäglich, sondern vom Geist durchdrungen. Er spricht in Bildern, die an Tiefgang und Vielschichtigkeit nicht zu überbieten sind.

Schöpfung, Weltflucht und Tod in der Bibel

Die Schöpfung ist nicht die Schöpfung der materiellen Welt, sondern die Schöpfung einer zunächst geistigen Welt, aus der „später“ die materielle hervorgeht. Die Diskussion um den Urknall ist daher keine Diskussion über die Schöpfung, sondern über den Beginn der materiellen Welt.

So ist die Ablehnung der Welt in der symbolischen Sprache keine Weltflucht, sondern die Ablehnung und Überwindung des Weltlichen (der eingeschränkten Welt des Materialismus und Egoismus). Diese christliche „Weltflucht“ führt daher sogar in eine viel größere, lebendigere Welt.

Mit dem Tod ist symbolisch nicht das Sterben gemeint, sondern das Versinken der Seele in das Unbewusste, das Materielle, das Weltliche. Durch die Identifikation mit dem Materiellen gleicht sich die lebendige Seele der toten Materie an („Lass die Toten ihre Toten begraben.“)

Mythische Rede ist zwar das Frühere, aber nicht das prinzipiell Überholte.

Der Mythos erklärt das Ganze der Welt, wenn auch weithin dunkel und unklar. Rationale Denkrahmen erklären präzise, klar und eindeutig, aber zugleich auch weniger: nämlich in einem eingegrenzten Rahmen einen Ausschnitt der Wirklichkeit, die materielle Welt in Raum und Zeit in begrifflicher Sprache.

Es geht daher nicht darum, was „besser“ ist, sondern wir brauchen beides: Begriffe (die bruchstückhafte, aber bewusste und präzise Fassung der Phänomene eines Ausschnitts der Wirklichkeit) und Symbole (die vollständige Bedeutung eines Phänomens im Gesamtzusammenhang), letztere aber nicht in der dunklen unbewussten Form des Mythos, sondern in bewusster Symbolsprache.

Mythen und Religionen sind nicht veraltete Geschichten, sondern eine angemessene Sprache für die Dimension des Ganzen, eines Daseinsbereichs, der nicht wissenschaftlich erfasst, aber auch nicht wissenschaftlich widerlegt oder geleugnet werden kann.

Wissenschaft erklärt, wie etwas funktioniert

Wissenschaftliche Erkenntnis ist großartig, sie hilft uns zu leben, aber nicht dieses Leben zu verstehen. Sie erklärt, wie etwas funktioniert, sie erklärt nicht, warum etwas da ist.

Die Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts wollten die geheimen Baupläne der Welt enträtseln, um Anfang des 20. Jahrhunderts wiederzuentdecken, dass wir vieles nie werden wissen können, nicht weil wir es noch nicht wissen, sondern weil wir es – und laut Quantenmechanik gilt das sogar für den Bereich der Materie – prinzipiell nicht wissen können.

Das sollte überdies auch eine Warnung an jene sein, die glauben, mit der Bibel „die Wahrheit“ zu besitzen. Wer nicht weiß, dass wir nie alles wissen können, wer nicht offen ist für das ganz Andere, das Geheimnis, das Unergründliche und Unnennbare als Urgrund des Seins, der hat noch nicht verstanden, was Religion ist.

© 2017 Robert Harsieber

Psychologie und Religion

Von Robert Harsieber

Die allermeisten Diskussionen von und mit Religiösen und Atheisten kranken an einem Missverstehen dessen, was der Mensch ist, und zwar von beiden Seiten. Da religiöse Schriften in einer dem heutigen Denken fremden Symbolsprache geschrieben sind, ist eine Diskussion im Verständnis der heutigen Begriffssprache nicht zielführend. Den Schlüssel zu diesen Texten hätten wir zwar seit etwa hundert Jahren in der Tiefenpsychologie, doch die wird etwa ebensolange weithin verdrängt. Soweit die pathologische Grundsituation.

Wir finden uns heute als fragmentiertes Ich in einer fragmentierten Welt.

Trotzdem sind wir (unbewusst) verbunden und angewiesen auf etwas, das dieses Ich übersteigt, auf eine größere Ganzheit, die C.G. Jung als „Selbst“ bezeichnet hat, und die als unser Eigenes ein Nicht-Ich ist. Diese „das Ich überragende und umfassende Ganzheit“ (Erich Neumann) ist in sich Beziehung, eine Ich-Selbst-Beziehung, die eine ständige bewusst/unbewusste Spannung darstellt. Diese Beziehung ist, weil zum Teil unbewusst, arational und paradox. Der Mensch steht aber immer in Beziehung zu diesem ihm Unbekannten und Übergreifenden.

In religiöser Sprache ist der Mensch Endliches, bezogen auf Unendliches. In psychologischer Sprache ist der Archetypus des Selbst nicht von den Gottesbildern zu unterscheiden. Der Archetypus ist schlichtweg unbewusst, und Gott ist das schlichtweg Unnennbare. Ein weiteres Paradox ist die unbewusste (und irrationale) Grundlage des Menschen einerseits und die notwendige (rationale) Bewusstwerdung andererseits. Im Mythos lebten die Menschen in ihrer Ganzheit, aber dunkel und unbewusst. Heute leben wir in unserem rationalen Ich-Bewusstsein, aber als Fragmente, abgeschnitten von der umfassenden Ganzheit. Beides ist einseitig und vorläufig.

Was wir brauchen, wäre klare rationale Bewusstheit, aber bezogen auf unsere paradoxe, irrationale Ganzheit der Ich-Selbst-Beziehung.

Die „moderne“ Persönlichkeit ist immer bedroht, zu einer Maske zu erstarren (persona = die Maske im griechischen Theater). Lebendig macht nur die Beziehung zum Unsichtbaren, Unnennbaren, Ganzen – so wie der nicht sichtbare Schauspieler hinter der Maske die Figur erst lebendig macht. Die heutige Verleugnung dessen, was das Ich in der Persönlichkeit übersteigt und worauf das Ich bezogen bleibt, führt zur Fragmentierung und Erstarrung des Menschen. Der „moderne“ Mensch lebt nur einen fragmentarischen Ausschnitt seiner menschlichen Ganzheit. Dieses verengte Dasein führt zur Isolation und Vereinsamung, zu Angst (das Wort kommt von Enge) und Depression (in der das verleugnete Umfassende unbewusst erdrückend wird).

In der Außenwelt versuchen wir verzweifelt, auch die Welt zu fragmentieren, suchen in den Naturwissenschaften nach den „kleinsten Bausteinen“ und stellen fest, dass es so etwas gar nicht gibt, sondern sich in der Mikrowelt hinter den Hilfsvorstellungen von Teilchen und Welle wieder etwas nicht vorstellbares Ganzes verbirgt. In der Gesellschaft führt diese fragmentierende Ich-Isolierung zur Entwurzelung und Unsicherheit, die anfällig macht für Manipulation und Massenphänomene, wie wir derzeit nur allzu deutlich erleben.

Öffnung und „Rück-bindung“

Die Therapie unserer Zeit wäre die Öffnung des fragmentierten und isolierten Ich hin zu einer das Ich übergreifenden und umfassenden Grundlage in einer paradoxen (weil bewusst-unbewussten) Ich-Selbst-Beziehung. Ein schwieriges Unterfangen, schon wegen unserer natürlichen Angst vor dem Irrationalen und Numinosen. Denn wie jede wesentliche Entwicklung Gegensätzliches enthält und braucht, so steht hinter der notwendigen Entwicklung zur Bewusstwerdung gleichzeitig die Angst vor dem unkontrollierbaren Übergreifenden. Bevor der Mensch seine Doppelnatur nicht akzeptiert (Endliches, bezogen auf Unendliches) ist die Angst größer als die zu erreichende Geborgenheit.

Es braucht die Rückbindung (re-ligio) des fragmentierten Ich in die eigene ich-überlegene Tiefe. Dazu sind einige Stufen notwendig: Das Aufgeben der erstarrten Persona, die Bewusstwerdung des Schattens, der eigenen verdrängten Negativ-Anteile der Psyche, was immer auch zu ethischen Dilemmata, zur Erfahrung von Konflikt und Leiden führt. „Das Annehmen dessen, was vom Kollektiv als böse angesehen wird, kann zu den Notwendigkeiten der Befreiung des Schöpferischen gehören, wie jede Revolution lehrt, die politische wie die religiöse, die ja immer mit dem verbrecherischen Zerbrechen alter Werte verbunden ist.“ (Erich Neumann).

Dazu kommt die Auseinandersetzung mit dem gegengeschlechtlichen Anteil im Menschen (Anima/Animus), entweder mit einem Partner oder innerpsychisch. Ziel dieses Individuationsprozesses ist die verlorengegangene Ich-Selbst-Einheit, „die Übereinstimmung des Menschen mit seiner echten Persönlichkeitsganzheit“ (Neumann).

Psychologisch gesehen sind die Symbole des Selbst von Gottesbildern und Gottesvorstellungen nicht zu unterscheiden.

Auch in den Religionen geht es vor allem um den Menschen und seine Entwicklung. Aber hier überschreiten wir die Grenze zur Theologie. Auch hier bleibt das Paradoxe erhalten. Im tiefsten Seelengrund finden wir das, was wir gewöhnlich Gott nennen (Ignatius v. Loyola), aber: „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht!“ (Dietrich Bonhoeffer). Das Aramäische konnte diese Paradoxie noch ausdrücken: Das Wort für „Vater“ (als menschliche Vorstellung) war identisch mit dem Wort für „Ursprung“, dem Urgrund allen Seins.

© 2017 Robert Harsieber