«Alles wird gut!?»

Über Spiritualität in der zweiten Lebenshälfte

| Von Ludger Verst |

Ich erinnere mich: Es war 1996. Mit 37 war ich Referent in der Zentralstelle Medien der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn. Damals, ich weiß es, als wäre es heute, trat mit einem Mal über Nacht das Bewusstsein von Endlichkeit in mein Leben — meiner eigenen Endlichkeit. Mir wurde klar: Jetzt ist nicht mehr alles möglich. Ich würde — anders als bisher — mich nicht mehr überallhin entwickeln können, zum Beispiel wenn ich mich als Moderator einer bestimmten Sendung bewerben wollte bei Pro Sieben oder SAT.1. Ich wäre zu alt. Mir wurde bewusst: Ich hatte einen Gipfel erklommen, ohne es zu wollen. Bislang gab es eine durchweg dynamische Lebenskurve — als einer von links nach rechts stetig ansteigenden Geraden. Und jetzt dieses Angehaltenwerden. Kein Anhaltspunkt, der als neuer Standpunkt gleich wieder positiv verwertet werden konnte. Ich war auf dem Gipfel. Und hier nun die Begegnung mit der Endlichkeit, mit einer Nachdenklichkeit, die mich im Innersten ergriff. Eine Zeitlang legte sich Traurigkeit auf meine Seele. Ich war, was ich nach und nach begriff, in der Lebensmitte angekommen.

Einige meinten damals: Das ist aber ein bisschen früh für eine Midlife-Crisis: Du bist nicht mal 40. Was wird sein, wenn du mal 50 bist …? — Gut, ich bin inzwischen 58. Und rückblickend kann ich sagen: Die Krise der Lebensmitte wirbelt die vertraute Ordnung des Lebens ziemlich durcheinander. Altes überzeugt nicht mehr, zumindest nicht so ohne weiteres. Für sicher Gehaltenes erweist sich als unsicher. Die Dinge stellen sich auf den Kopf. Und dabei war vieles richtig, ja richtig gut.

Die Lebensmitte ist im Wesentlichen eine Sinnkrise. In ihr stellt sich die Frage nach dem Sinn des Ganzen:

Warum, für was, für wen bin ich da?

Diese Fragen tauchen in der Mitte des Lebens immer häufiger auf; sie hinterfragen das bisherige Lebenskonzept. Die Frage nach dem Sinn birgt in sich natürlich auch die Chance, an diesem Sinn zu arbeiten, womöglich einen erweiterten, einen neuen Sinn für sein Leben zu finden.

FORTSETZUNG: Alles wird gut!? – Spiritualität in der zweiten Lebenshälfte

Vortrag vom 25. März 2018 im Rahmen des Begegnungswochenendes für Freunde und Förderer der Jesuiten zum Thema „Macht Glaube glücklich? — Die Psychologie als Partner“ im Heinrich-Pesch-Haus, Ludwigshafen

© 2018 Ludger Verst

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Wie die Idee «Gott» entsteht

Zur Entwicklung von Gottesbildern bei Kindern

| Von Ludger Verst |

Bereits in den ersten Lebensjahren entwickeln Kinder bildhafte Vorstellungen von Nicht-Greifbarem. Welche psychischen Bedingungen sind maßgeblich, damit Kinder ein religiöses Interesse entwickeln können?

Menschliches Leben ist Entwicklung. Es beginnt mit der paradiesischen Einheit von Mutter und Kind. Alles ist gut, sehr gut sogar. Diese Symbiose, so sagt die Säuglings- und Kleinkindforschung, beginne sich etwa ab dem siebten Lebensmonat aufzulösen. Und zwar in dem Maße, wie das Kind Umweltreize aufnimmt und merkt, dass die Mutter eine andere Person ist. Vorher ist sie das in der Wahrnehmung des Kindes nicht. Die Mutter ist ohne Unterscheidung die ganze Welt des Kindes. Dann aber beginnt das Drama: die Wahrnehmung der Trennung von der Mutter. Menschliche Entwicklung zeigt sich als ein Wechsel von Symbiose und Trennung. Dies beginne – sagen Psychologen – bereits im ersten Lebensjahr und sei die ersten beiden Jahre hindurch ein ziemlich genau beschreibbarer Prozess. Am Ende des zweiten Lebensjahres komme diese Entwicklung zu einem Abschluss, bei dem eine erste psychisch stabile Struktur erreicht werde. (…)

FORTSETZUNG: Wie die Idee «Gott» entsteht

Der Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in der Sendereihe FEIERTAG in DeutschlandRadio Kultur am 24. Mai 2015, in dieser aktualisierten Fassung im schweizerischen Magazin WEGE ZUM KIND 3/2018, S. 4-8.

„Du sollst dir kein Gottesbild machen“

Zur Rehabilitation eines biblischen Gebotes

Von Robert Harsieber und Ludger Verst

Wer kennt es überhaupt noch, das zweite der so genannten Zehn Gebote: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“ (Ex 20, 4).

Wie eine Zumutung muss heute ein derartiger Anspruch erscheinen, zeichnen sich moderne Gesellschaften doch gerade durch die Vielfalt ihrer multimedialen Angebote aus. Nichts, was nicht bebildert werden könnte. Worin also sollte der Sinn eines solchen Gebotes heute bestehen?

Blenden wir dazu kurz zurück zu den Anfängen der hebräischen Bibel: Der Gott der ersten Schöpfungsgeschichte in Genesis 1 wird als „Elohim“ (wörtlich: Gottmächte) vorgestellt, was ein Mehrzahlbegriff ist: Gott ist einer, der eine Vielzahl von Fähigkeiten und Attributen in sich vereint. In der zweiten Schöpfungsgeschichte (Gen 2, 4b-25), der älteren der beiden, ist von „Gott dem Herrn“ die Rede, von JHWH, der sich an anderer Stelle Mose als ICH BIN DA (Ex 3, 14) zu erkennen gibt. Dieser Name wird, weil er heilig ist und nicht einfach so in den Mund genommen werden soll, mit Adonai „umschrieben“, was so viel heißt wie HERR.

In Exodus 20 und in ähnlicher Form in Deuteronomium 5 heißt es dann: „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“ Will sagen: Wenn der Name des all-mächtigen Gottes schon unausgesprochen bleiben soll, um wie viel mehr und um wie viel entschiedener ist Gott dann un-darstellbar durch Bilder. Ein Bild von Gott kann es schlechterdings nicht geben, denn nichts in der himmlischen (geistigen) und der irdischen Welt und auch in der Unterwelt (des Unbewussten) könnte Gott darstellen. JHWH tritt mit den Göttern der Ägypter und Kanaanäer nicht länger in Konkurrenz: Er ist ein einzigartiger, all-umfassender Gott. Paulus verweist später auf dem Areopag in Athen auf den Altar für den EINEN UNBEKANNTEN GOTT (Apg 17, 23) und erklärt so den Versammelten auf eindrucksvolle Weise, dass der Gott Jesu Christi genau dieser Gott sei, den sie hier verehrten: anwesend und doch unsichtbar.

Bilder blenden das Wesentliche aus.

Du sollst dir kein Gottesbild machen. Keine noch so fromme Vorstellung von Gott vermag Gott in angemessener Weise nahezukommen. Im Gegenteil: Sie würde eher ablenken und genau das verstellen, worum es geht. Als das auserwählte Volk (das wir alle sind) auf seinem Weg durch die Wüste (durch das irdische Leben) wieder einmal sein Vertrauen auf JHWH verliert, presst es ihn in eine irdische Form (in eine menschliche Vorstellung), nämlich in die eines Goldenen Kalbes, in einen hell strahlenden Klumpen, der nicht nur nichts über JHWH aussagt, sondern das Wesentliche, die Bundestreue dieses Gottes, ausblendet.

Viele verstehen Bilder als „Ab-Bilder“ und sind der Meinung, diese bildeten so etwas wie Realität ab. Darin besteht eine Gefahr, nämlich zu meinen, man wisse jetzt etwas. Wenn wir das Bild einer Person sehen, erfahren wir aber so gut wie nichts über sie. Wir sehen eine Momentaufnahme ihres Aussehens, aber nicht, wie sie ist. Selbst Petrus, der drei Jahre lang mit Jesus unterwegs ist, macht die erstaunliche Erfahrung, dass ihm „nicht Fleisch und Blut“ das CHRISTUS-Geheimnis offenbaren, sondern einzig der „Vater im Himmel“ (Matthäus 16, 17), also ein tiefergehendes, geistliches Sehen.

Und wir bilden uns ein, „die Wahrheit“ zu haben, nur weil wir (die Bibel) lesen können?

Die orthodoxe Kirche, die Ostkirche, die sehr viel mit Bildern arbeitet, kommt der Sache schon näher. Sie malt nicht einfach Bilder, sondern Ikonen. Diese werden nach einem ganz bestimmten Ritual geschaffen, nach wochenlanger Reinigung und Meditation. Erst dann kann das ebenso meditative Malen beginnen. Und fertiggestellt sind das dann keine Bilder, sondern Fenster in die Transzendenz. Eine Ikone zu betrachten heißt nicht, ein Bild anzusehen, sondern durch das Symbol hindurchzusehen ins Unergründliche. Ikonenmalerei ist die Kunst, Unsichtbares darzustellen. Insofern man im meditativen Betrachten sich in ein Transzendentes, Unsichtbares, also Nicht-Darstellbares hineinziehen lässt, widerspricht eine Ikone auch nicht dem Bilderverbot.

Ikonenhaftes Schauen kommt dem menschlichen Bedürfnis nach Erkenntnis näher als das Betrachten von Objekten, bei dem sowohl das Objekt als auch das betrachtende Subjekt reine Abstraktionen sind. Subjekt und Objekt sind nichts für sich. Auf das Wahrnehmen kommt es an, auf das Herstellen einer Beziehung. Eine Ikone ist für sich gesehen nichts, sie existiert erst und ausschließlich im meditativen Akt des Malens und im meditativen Hindurchschauen des Betrachters. Ansonsten sieht man eben nur ein Bild, nichts Anderes.

Die Frage nach Gott ist daher auch nicht, ob es nachweisbar einen GOTT gibt oder nicht. Nachweisbar sind Bilder oder Buchstaben, die ohnehin nur Platzhalter sind.

„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ (Dietrich Bonhoeffer).

Der jesuanische Satz „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben … Wer mich sieht, sieht den Vater“ (Joh 14, 6.9) macht dies deutlich. Er verspricht keinen frommen Automatismus religiöser Einsichten, als ob sich die Wahrheit des Lebens in einem bestimmten Bild erkennen oder durch einen Gesetzestext entschlüsseln ließe. Es ist die Wahrheit des je eigenen (Pilger-)Weges, auf dem das Göttliche sich im Menschlichen zu erkennen geben wird, ein Sehen-Können, das lebendig macht, weil es zu Gott leibhaftig in Beziehung setzt. Diese Wahrheit hat Jesus mit seiner Art zu leben exemplarisch eingelöst. Seitdem gibt es ein Hindurchsehen in das Göttliche eines jeden Lebens, das durch Bilder nur mehr verstellt als erhellt würde.

© 2018 Robert Harsieber | Ludger Verst