Quantenlogik und Lebenswelt

| Von Robert Harsieber |

Wir leben heute in einer Zeit des Übergangs, in der die alten Weltbilder brüchig geworden sind und sich noch kein neues Weltbild etablieren konnte, obwohl vieles bereits klar vor Augen liegt. Der Schlüssel dazu ist das Aufgeben der Subjekt-Objekt-Spaltung, des logischen Entweder-Oder — und die Zusammenschau von Außenwelt und Innenleben.

Während das Denken der klassischen Physik dem modernen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen ist und noch heute vorherrscht, bahnte sich ab 1900 ein grundsätzlich neues Denken an. Im Jahr 1900 veröffentlichte Max Planck sein „Wirkungsquantum“ und im selben Jahr Sigmund Freud seine Traumdeutung. Beides war das Betreten von Neuland. In den folgenden etwa 30 Jahren arbeitete eine ganze Riege von Nobelpreisträgern an der Entwicklung der Quantentheorie, um die Mikrodimension der Außenwelt zu erfassen – eine kollektive Leistung erstaunlichen Ausmaßes. Parallel dazu entwickelte C.G. Jung als Pionierleistung eines Einzelnen seine Analytische Psychologie, die Erschließung der Innenwelt des Unbewussten.

Komplementarität: Gegensätze, die zusammengehören

Man muss diese Entwicklungen parallel sehen, um ihre Bedeutung für die Gesellschaft zu verstehen. Die Physik war bisher ein Prozess des Eliminierens aufkommender Widersprüche und der Zusammenführung bislang getrennter Theorien, bis ein letzter Widerspruch, nämlich der zwischen Teilchen und Welle, nicht mehr zu eliminieren war. Für diese letzte Widersprüchlichkeit prägte Niels Bohr den Begriff der Komplementarität: einander ausschließende Gegensätze, die aber nur zusammen die Wirklichkeit ergeben. Quantenphänomene sind materielle, fast punktförmige Teilchen – und gleichzeitig unendlich ausgedehnte Energie.

Unabhängig davon führte C.G. Jung denselben Begriff der Komplementarität in die Psychologie ein, um so gegensätzliche und doch zusammengehörende Phänomene wie Bewusstes und Unbewusstes oder Anima und Animus zu beschreiben und zu zeigen, dass der Gegensatz immer mitbedacht werden muss. Übrigens haben beide, Niels Bohr und C.G. Jung, den Begriff der Komplementarität aus dem chinesischen Daoismus entlehnt, der kein Entweder-Oder kennt.

In der Psychologie geht es von vornherein um Widersprüche und Konflikte, weil es um Lebendiges geht, das nach Hegel den Widerspruch in sich enthält und aushält. Schon als Jugendlicher sah sich C.G. Jung als zwei Persönlichkeiten, als der Jugendliche, der er gegenwärtig war, und als eine Persönlichkeit, die in die Vergangenheit reichte, die umfassender und „wissender“ war. Später bezeichnete er sie als Ich und Selbst. Das Unbewusste war in C.G. Jung schon sehr früh erwacht.

Das Unbewusste und die Nicht-Lokalität

Was in der Psychologie das Unbewusste ist, das ist in der Physik die Nicht-Lokalität. Nach und nach wurde klar, dass die Suche nach den „kleinsten Bausteinen der Welt“ sinnlos war, weil das wirklich Elementare nicht Teilchen sind, sondern Wechselwirkung. Im Bereich des Lebendigen nennt man das Beziehung. Daher gibt es in der Quantenphysik kein isoliertes Subjekt und keine vom Subjekt unabhängige, objektive Welt. Das heißt, ein Elektron „existiert“ nur in Wechselwirkung. Für sich gesehen ist es nicht. Und auch in der Psychologie gibt es kein isoliertes Ich, auch kein für sich bestehendes Objekt, nichts ist vom Kontext, von der Umgebung zu trennen.

Auch der Mensch ist nichts ohne Beziehung. Die Individualität eines Menschen, sein Ich, entsteht erst in der Kommunikation mit der Mutter und der Umwelt. Ohne diese Sozialkontakte ist der Mensch gar nicht lebensfähig, ohne Kommunikation gäbe es kein Ich und kein Subjekt. Das Spezifische der Psychologie ist, dass es um die Beziehung zu sich selbst, nicht nur um Beziehungen in der Außenwelt, sondern auch zur Innenwelt geht.

Unbewusstes und Nicht-Lokalität kann man als Zugänge zu einem Unbekannten und Unanschaulichen von verschiedenen Seiten bezeichnen. So schreibt C.G. Jung an Wolfgang Pauli: „Psyche wie Materie sind beide als ‚Matrix‘ an und für sich ein X, d.h. eine transzendentale Unbekannte, daher voneinander begrifflich nicht zu scheiden, also praktisch identisch und nur sekundär verschieden als verschiedene Aspekte des Seins.“

Jede Messung verändert das Gemessene. Jede Wahrnehmung verändert das Wahrgenommene.

Etwas völlig Neues in der Quantenphysik ist das sogenannte Messproblem. Eine objektive Beschreibung der Welt ohne Einbeziehung des Messapparats ist nicht mehr möglich. Jede Messung ist Wechselwirkung und jede Messung verändert das Gemessene. Und um es auf die Spitze zu treiben: die gemessenen Eigenschaften gibt es vor der Messung gar nicht. Erst durch Messung erhält ein Quantenphänomen zum Beispiel seinen Ort –- durch den Kollaps der Wellenfunktion. Das Feldartige verschwindet und es bleibt das Teilchenartige. Vorher hat es keinen Ort, es „existiert“ in Superposition an allen möglichen Orten gleichzeitig. Das ist aber nur die etwas hilflose Sprache dafür, dass es gar keinen Ort gibt, oder anders gesagt, dass es so etwas wie Nicht-Lokalität oder reine Potenzialität gibt.

Genauso in der Psychologie: Die Psyche hat keinen Ort, man kann sie nicht im Körper lokalisieren. Sie ist ebenso nicht-lokal. Die Archetypen C.G. Jungs sind nicht einmal psychisch, sondern psychoid, der Anschaulichkeit genauso entzogen wie ein Quantenphänomen vor der Messung. Aber auch das Hinschauen ist eine Art Messung. Die Bilder oder Symbole, die wir in Träumen oder Fantasien registrieren, sind wahrgenommene (= gemessene) Archetypen. Es sind archetypische Vorstellungen, in denen die nicht-anschaulichen Archetypen zu individuellen Bildern „kollabieren“.

Verschränkung und konstellierte Ereignisse

Die Nicht-Lokalität ermöglicht das wohl spektakulärste Phänomen der Quantenphysik, die Verschränkung. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – das ist die falsche Übersetzung eines Satzes von Aristoteles. Das Ganze ist nämlich nicht mehr, sondern etwas anderes als die Summe der Teile. Wenn zwei (oder mehrere) Wellenfunktionen zusammenkommen (von „Teilchen“ kann man nicht reden, weil es sich um Zustände handelt), dann hören sie sogleich auf, für sich zu existieren und eine andere tritt als Ganzes an ihre Stelle. Das nannte Erwin Schrödinger Verschränkung. Es sind dann nicht zwei oder eine Summe von zwei, sondern es ist etwas anderes als ein Ganzes entstanden.

Man kann aber dieses Eine „teilen“ und sich in gegensätzliche Richtungen entfernen lassen. Wenn man an einem „Teilchen“ eine Eigenschaft misst, ist die Eigenschaft des „anderen Teilchens“ instantan, also gleichzeitig (ohne dass eine Informationsübertragung möglich oder notwendig wäre) festgelegt, selbst wenn das andere am anderen Ende des Universums wäre. Die „Zwillingsteilchen“ reagieren als eines.

Man kann das mit der Synchronizität vergleichen, die C.G. Jung und Wolfgang Pauli in ihrem Briefwechsel diskutierten, also mit zwei Ereignissen, die nicht kausal, sondern ihrer Bedeutung nach zusammenhängen –- beispielsweise, wenn sich in der inneren Entwicklung gewisse psychische Muster „konstellieren“ (wie es Jung nennt), die in der Außenwelt zu gewissen Ereignissen führen, die für die Entwicklung bedeutsam sind. Sie verschränken sozusagen die innere, psychische Situation mit der äußeren Welt, ohne dass ein kausaler Zusammenhang besteht.

Wege zu einem neuen Denken

Um zu einem neuen, zeitgemäßen Denken zu kommen, müssten wir unser gewohntes Objektdenken aufgeben oder um ein Wellendenken ergänzen. In der Natur gibt es keine isolierten Objekte oder Subjekte. Das sind Abstraktionen. Was wir als begrenzte Dinge oder Objekte sehen, sind Feldkonzentrationen, die Felder selbst haben keine Grenzen.

Man kann Wissenschaft nicht von Wissenschaftstheorie trennen. Naturwissenschaft ist nicht die Beschreibung der Natur, sondern unseres Sehens der Natur (Heisenberg). Und Psychologie ist nicht die Beschreibung der Psyche, sondern des Bewusstwerdens von Psychischem. Das Sein „dahinter“ ist der Bereich des Ganzen, des Selbst, der Nicht-Lokalität, der Potenzialität. Dieser Bereich ist unanschaulich, nicht direkt zugänglich – und doch nicht außerhalb von uns, denn hier sind Subjekt und Objekt gar nicht getrennt. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wissen wir, dass wir uns diesem Bereich von zwei Seiten her nähern können, von außen wie von innen.

Doch ist das, was nach 1900 in Physik und Psychologie entstanden ist, noch nicht aufgearbeitet. Der Jung-Pauli-Dialog müsste fortgesetzt, eigentlich wieder aufgenommen werden. Dies versucht ein Buch, das demnächst erscheinen wird:

Robert Harsieber: Quantenlogik und Lebenswelt. Wege zu einem neuen Denken. Ibera Verlag / European University Press 2020

© 2020 Robert Harsieber

Neues aus der Quantenwelt

| Von Robert Harsieber |

Im Briefwechsel zwischen C.G. Jung und Wolfgang Pauli geht es in den Jahren zwischen 1932 und 1958 vor allem um die Komplementarität von Physik und Psychologie, von Materie und Psyche, sozusagen um die Außen- und Innenseite von Wirklichkeit. Die von Jung als „psychoid“ bezeichneten Archetypen scheinen sich in der Psyche wie auch in der Physik auszuwirken. Und Wolfgang Pauli spricht von einer neutralen Sprache, die auf beide Gebiete anzuwenden wäre.

Wie könnte eine solche neutrale oder gemeinsame Sprache aussehen?

Die Quantenphysik erfordert bereits eine neue Sprache, denn die Begriffe der klassischen Logik gelten nur mehr eingeschränkt und nicht im Mikrokosmos. Das war in der Geschichte der Physik ein längerer Lernprozess und teilweise ein denkerischer Gewaltakt. „Materie gibt es nicht“, wurde Hans-Peter Dürr nicht müde, in Vorträgen zu betonen. Er meinte damit, dass Materie nicht das ist, was wir uns bis dahin darunter vorgestellt haben. Es gibt keine „kleinsten Bausteine“ die die Physiker gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu finden glaubten. Das wirklich Elementare ist kein Teilchen. Dürr konkretisiert: Im Mikrokosmos gibt es keine Teilchen, „sondern nur Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung“.

Subjekt und Objekt als Abstraktion

Das ist natürlich unanschaulich wie alles in der Quantenphysik und überfordert unsere Auffassungsgabe, vor allem deswegen, weil unsere Sprache an der Mesowelt gewachsen ist, in der es – grob gesprochen – Dinge und Objekte gibt. Daher haben unsere Sätze Subjekt und Objekt. Diese Sprache ist nicht dafür geschaffen, mit einer Welt zurecht zu kommen, in der es so etwas wie isolierte Subjekte und Objekte nicht gibt.

Die Naturwissenschaft von Galilei, Descartes und Newton ist angetreten, die Welt zu erforschen und das Subjektive dabei völlig herauszuhalten. Das war zunächst ein Siegeszug sondergleichen. Bis sich in der Quantenphysik herausstellte, dass ein gewisses subjektives Moment – nämlich die Art des Experiments, mit dem sich ein Quantenphänomen entweder als Teilchen oder als Welle zeigt – gar nicht aus der Wissenschaft herauszuhalten ist. Man kann die Mikrowelt nicht beschreiben, ohne die Versuchsanordnung in die Beschreibung mit einzubeziehen. Es gibt keine vom Beobachter unabhängige Außenwelt, und es gibt auch kein isoliertes, kontextunabhängiges Subjekt.

Ein Quantenphänomen zeigt sich entweder als Teilchen oder als Welle. Es ist aber ein Phänomen, das weder Teilchen noch Welle ist, sondern etwas anderes. Der Begriff „Feld“ scheint es noch am besten zu beschreiben, weil damit sowohl die unendliche Ausgedehntheit als auch die lokale Konzentration — ohne angebbare Grenze — ausgedrückt werden kann, und das sogar in einem Bild.

Vom „Wissen“ zur „Wolke von Bedeutung“

Und so darf man sich fragen, ob wir nicht auch unsere „klassische“ Lebenswelt ganz anders sehen müssten. Auch die Objekte unserer Lebenswelt sind, wenn man genau hinschaut, keine abgegrenzten Teilchen; sie hören nicht an der Oberfläche auf – auch der Mensch nicht –, sondern gehen mehr oder weniger kontinuierlich in die Umgebung über, ohne die sie nichts sind. — Sind Subjekt und Objekt nicht Abstraktionen, die nur eine sehr grobe Näherung an die Wirklichkeit ermöglichen? Brauchen wir nicht eine andere Sprache, wenn wir mehr erfahren wollen?

In der Innenwelt der Psyche und nur in dieser erfahren wir auch unsere Außenwelt. Es gibt keine Teilchen, keine Dinge, sondern Gedanken, Gefühle, Symbole, Archetypen. Letztere sind nichts Abgegrenztes, sondern eine „Wolke von Bedeutung“. Eine große Ähnlichkeit mit dem Feldbegriff der Physik drängt sich auf. Ein Symbol ist nie eindeutig und auch durch noch so sorgfältige Deutung nicht auszuschöpfen. Das Bild ist wie die lokale Feldstärke, die das klassische Teilchenbild ersetzt: Es ist nicht scharf begrenzt, sondern vieldeutig. „Wir erleben mehr als wir begreifen“ ist ein Buchtitel von Hans-Peter Dürr. „Begreifen“ kann man immer nur eine Oberfläche.

In die Tiefe oder nach innen führt nur das Erleben.

Dieses Erleben erkennt — wenn auch nicht exakt und nicht eindeutig — viel mehr als eine „Wolke von Wissen“, die ins Unanschauliche übergeht. Individuation, wie Jung sie versteht, führt vom bewussten, aber oberflächlichen Ich über Anima/Animus, Schatten und verschiedene Archetypen zum alles umfassenden Selbst, das gleichzeitig das Zentrum und den Umfang der Psyche bildet. Die Psyche ist nicht auslotbar; sie mündet im Unbewussten, das seinerseits nie bewusst wird. Das Selbst ist eine Art Überintelligenz, die das Ich des Menschen weit übersteigt. Dabei agieren die Archetypen und auch das Selbst unabhängig vom Ich quasi wie eigenständige Intelligenzen. Jung nennt das das „absolute subjektlose Wissen, das aus Bildern besteht“¹, aus lebendigen Bildern, könnte man sagen.

Eine Sprache der Subjekt- und Objektlosigkeit?

In Analogie zum Beziehungsmodell von Hans-Peter Dürr („nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung“) könnte man im Hinblick auf C.G. Jung und das Selbst sagen: nicht Wissen von jemand, einem Ich oder etwas, sondern nur Wissen. Es müsste eine Sprache geben, die solche Subjekt- und Objektlosigkeit auszudrücken imstande ist.

Dass die Tiefenpsychologie – außer von ein paar Modebegriffen – nicht in ein allgemeines Weltbild eingegangen ist, ist verständlich. Das allgemeine Weltbild ist angelehnt an die Physik, an die klassische Physik des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dass die Physik seit Anfang des 20. Jahrhunderts bereits ganz woanders ist, wurde noch nicht allgemein registriert. Es ist aber wichtig, dass die Physik, die uns dieses materialistische Weltbild eingebrockt hat, inzwischen ganz andere Wege geht. Sie hat ja im 17. Jahrhundert alles Subjektive aus der Wissenschaft verbannt und die heilige Kuh der Objektivität hervorgezaubert. Daher gehen seither alle Argumente der Psychologie und aller Geisteswissenschaften ins Leere. Nun beginnt aber die Physik selbst, das Subjektive wieder in die Wissenschaft hereinzuholen und zu erkennen, dass man es gar nicht ausschließen kann. Das ist nichts weniger als der Anfang vom Ende der Subjekt-Objekt-Spaltung.

Ich ist Welt und Welt ist Ich.

In der Sprache der Quantenphysik ist unser Weltbild eine Teilchensicht, die das Wellenbild ignoriert, verdrängt oder gar nicht sehen kann. Dieses Weltbild müssen wir durch eine Wellensicht ergänzen. Damit wird aus unserem statischen Weltbild ein dynamisches, das nicht mehr in isolierten Objekten, sondern in Prozessen denkt und den Kontext mit einbezieht. Was wir brauchen, ist eine Feldsicht, die Teilchen und Welle, Subjekt und Objekt, zwar immer noch unterscheiden muss, aber nicht mehr trennen will und kann. Damit fiele die Grenze zwischen Ich und Außenwelt, zwischen Objekt und Umgebung, und die Welt wäre nicht mehr „objektiv“. Sie ist nämlich immer unsere Welt, wir sehen sie so, wie wir sind; sie ist überlagert durch Projektionen von innen. Ich ist Welt und Welt ist Ich.

Wir können nur entweder nach außen (Teilchensicht) oder nach innen schauen (Wellensicht), also entweder eine materielle Welt oder die Psyche beschreiben. Das sind Gegensätze, die aber komplementär aufeinander bezogen sind. Um die Wirklichkeit zu beschreiben, brauchen wir beide Sichten. Wir müssen außen und innen, Materie und Psyche unterschieden, können und sollten sie aber nicht mehr trennen.

Dabei kommt uns entgegen, dass unsere Sprache ohnehin keine naturwissenschaftliche, sondern eine psychosomatische ist. So kommt das Wort „Faktum“ (der Inbegriff des „Objektiven“) von facere = machen. Fakten sind immer gemacht, kommen nur in der Sicht eines Menschen vor, der sieht und projiziert. So ist das (sonst völlig abstrakte) Objektive immer auch subjektiv, und das Subjektive, das die Psychologie untersucht, durchaus objektiv.

Eine Sprache zwischen Fragment und Ganzem

Naturwissenschaft fragmentiert, zerlegt in immer kleinere Teile, die man dann erfassen kann. Das Ganze kommt dabei nicht mehr in den Blick. Daher kann die Naturwissenschaft auch nicht die Natur oder die Wirklichkeit als Ganze beschreiben.

Eine neue Sprache müsste also auch vom Fragmentieren wegkommen und sich vom Anspruch der Exaktheit und Eindeutigkeit verabschieden. In der Natur ist nichts eindeutig, nichts exakt, schon weil alles zusammenhängt und nichts isoliert werden kann. Einen Teil zu benennen, heißt ihn vielleicht zu begreifen, aber nicht zu erkennen oder zu erleben. Ein wichtiges Moment der Quantentheorie ist die Unbestimmtheitsrelation. Wenn wir den Ort eines „Teilchens“ exakt bestimmen, dann ist die Geschwindigkeit unbestimmt und unbestimmbar. Wenn wir exakte Begriffe wollen (und natürlich brauchen wir die), dann ist ihre Beziehung zum Ganzen unbestimmt, dann haben diese Begriffe wenig mit der Natur an sich zu tun. Wollen wir wirklich beschreiben, was ist, dann werden diese Begriffe nicht eindeutig, nicht exakt sein, sondern vieldeutig und vage und gerade dadurch mehr über die Natur und auch über uns aussagen können.

¹ Marie-Louise von Franz: „Psyche und Materie“, Daimon Verlag 2003, S. 365.

© 2019 Robert Harsieber

 

Die Falle der Subjekt-Objekt-Spaltung

Zur Dringlichkeit eines neuen Weltbildes

| Von Robert Harsieber |

Als Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts hat C.G. Jung nicht nur zwei Weltkriege erlebt; er sah sie in Umrissen sogar voraus. Jung erlebte das Entstehen einer völlig neuen Physik und begründete dann selbst die mit seinem Namen verbundene „Analytische Psychologie“. «Neues am Rande des Abgrunds», könnte man schlagwortartig formulieren. 

Gegensätze komplementär zusammenzubringen, ist seitdem das Thema der Physik und der Analytischen Psychologie. Es ist die Herausforderung einer neuen Logik. Jung sah auch die europäische Kultur in diesem Spannungsfeld. Es gibt von ihm viele zeitdiagnostische Aussagen. Eine davon: „Die Kirche predigte den jungen Menschen den blinden Glauben, die Universität einen rationalistischen Intellektualismus — mit dem Resultat, dass heute das Argument des Glaubens sowohl wie das der Vernunft seine Überzeugungskraft verloren haben.“¹

Das Auseinanderdriften dieser beiden Faktoren hat René Descartes ausgelöst: Die Naturphilosophie wurde zur Physik, die statt Gott einem (Laplace‘schen) Dämon huldigte. Die heilige Kuh dieser neuzeitlichen Religion war der Determinismus und die Überzeugung: Ein fiktiver Dämon, der den Zustand aller Teilchen der Welt zu einem Zeitpunkt kennt, könne jeden vergangenen und zukünftigen Zeitpunkt berechnen. 

Spiritueller Materialismus

Der Religion blieb damit das Geistige als das Innere des Menschen, so dass sich beide Bereiche nicht tangierten. Die Kirche wetterte fortan gegen den „Zeitgeist“ alles Neuen und ist sich bis heute nicht bewusst, wie sehr sie ihm damit selbst zum Opfer fiel. Im selben Geist verlegte sie nämlich das Innerste nach außen, wodurch die innere Haltung des Empfänglich- und Offenseins in einen Glauben an „etwas“ degenerierte. Die Kirche unterwarf sich devot der Subjekt-Objekt-Spaltung Descartes’ und verpflichtete die Gläubigen auf ein System von Dogmen, die nur mehr äußerlich gesehen wurden. Innere Erfahrung wurde zum Tabu. Spiritueller Materialismus könnte man das in Anlehnung an ein Buch von Tschögyam Trungpa, einem Tibetischen Lama, nennen. 

Der Sturz des Laplace’schen Dämons

Die Physik drang immer weiter ins Innerste der Materie vor, bis sich die Quantenphysik herauskristallisierte und der „Drachentöter“ Heisenberg den Dämon des Determinismus austrieb. Er konnte nämlich zeigen, dass schon Ort und Impuls eines Teilchens nie gleichzeitig genau angegeben werden können. Voraussagen könne man nur mehr Wahrscheinlichkeiten, keine Einzelereignisse; die seien zufällig. Max Born erklärte später, dass auch schon in der klassischen Physik der Determinismus eine Illusion gewesen sei, weil auch da schon absolut exakte Messungen unmöglich waren. Den naiven Realismus musste man somit ad acta legen.

Wie schon Jung beobachtete, können viele Menschen heute mit einem blinden Glauben nichts mehr anfangen, und auch ein trockener Szientismus wird zunehmend bekämpft. So werden die einen zu Atheisten, die anderen zu Esoterikern. Nur ist damit nichts gewonnen, eher etwas verloren. Das ist – nimmt man die Logik der Quantentheorie zum Vorbild – nicht verwunderlich: Durch jede Information geht gleichzeitig Information verloren. Auch das besagt die Heisenbergsche Unschärferelation. 

Die psychische Funktion der Religion

Nach Jung haben die Religionen eine psychische Funktion, nämlich eine heilende. Der Glaube an etwas, besser die Offenheit für das, was über das bewusste Ich hinausgeht, ist heilsam im Umgang mit den Mächten der Unterwelt, der Welt des Unbewussten. Orthodoxe Atheisten halten daher auch die Psyche für nicht „glaubwürdig“ und verdrängen, was ihnen gefährlich werden könnte. So treffen sie sich mit den fundamentalistisch Religiösen, die ihre Innenwelt ebenfalls verdrängen müssen. Kein Wunder, wenn sich die beiden gelegentlich beim Psychotherapeuten treffen, wenn das Unbewusste nicht mehr so ganz mitspielt.

Der Archetypus des Selbst, das Gottesbild, nötigt den Menschen zur Überschreitung des endlichen menschlichen Bereichs. Der Mensch ist immer mehr als er im Moment ist, aber auch weniger als er sein könnte. Das klingt gegensätzlich, gehört aber zusammen. Der Mensch lebt im Spannungsfeld zwischen Sein und Werden, Wirklichkeit und Möglichkeit. Dies spannt den Menschen in eine Dynamik und hindert ihn am Stehenbleiben. 

Für Jung ist der Gottesbegriff eine notwendige psychische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage, ob es Gott gibt oder nicht, überhaupt nichts zu tun hat. Er hält es deshalb „für weiser, die Idee Gottes bewusst anzuerkennen, denn sonst wird einfach irgendetwas anderes zum Gott, in der Regel etwas sehr Unzulängliches und Dummes, was ein ‚aufgeklärtes‘ Bewusstsein so etwa auszuhecken vermag“².

Das Lebendige braucht Gegensätze.

Das wusste schon Hegel. Das gilt nach Jung auch für die Vernunft: Der Mensch kann nicht nur vernünftig sein, das Irrationale gehört zur Vernunft und zum Menschsein dazu. Daher ist Einseitigkeit, welche auch immer, ein fundamentaler Fehler. C.G. Jung interessierten nicht die Konfessionen, sondern die psychische Wirklichkeit der Religionen. In einer Ego-Welt stößt alles Kollektive ab, doch wir brauchen beides. Das Über-das-Individuelle-Hinausgehen ist das Argument für die Religionen: Die Individuation geht vom Ich zum Selbst. Sich selbst zu überschreiten ist aber nicht Sache des Ich.

Im Grunde hat die Quantenphysik das komplementäre Denken salonfähig gemacht, das auch der Psychologie inhärent ist. Aber man sagt – dem gängigen Weltbild entsprechend – gern, das sei eben „nur“ psychisch. Von zwei gegensätzlichen Anschauungen brauchen wir jedoch beide, um der Wirklichkeit gerecht zu werden. So auch die Perspektiven des Psychotherapeuten und des Theologen. Ersterer kann das Problem nur innerpsychisch angehen. Er stellt fest, dass am Höhepunkt einer psychischen Erkrankung sich das Zerstörende in das Heilende verwandelt. Er erklärt dies mit dem Erwachen des Archetypus, der die Initiative übernimmt, wenn man ihn lässt. „Die Eigentätigkeit der Seele erwacht.“³ Der religiöse Mensch oder der Theologe würde sagen: Gott wirkt in der menschlichen Seele. Der menschliche Reflex ist, das eine oder das andere für Unsinn, für irrational zu erklären. 

Erfahrung ist nicht mechanistisch.

Komplementäres Denken kann beides stehen lassen. Wie schon erwähnt, taucht der Begriff der Komplementarität zeitgleich in Physik und Psychologie auf. Doch auch die Alltagswelt ist viel weniger logisch als es scheint. Die Komplementarität ist hinter dem mechanistischen Weltbild Newtons und Cartesianischer Spaltung nur gut versteckt. Immer noch „geht“ für uns „die Sonne auf und unter“; unsere Sprache ist zwar subjekt-objekt-strukturiert, aber sehr oft „psychosomatisch“ — wenn uns z.B. das Herz bricht oder etwas über die Leber läuft — oder symbolisch, wenn es nicht um Begriffe, sondern um Bilder geht. 

Das naturwissenschaftliche Zerlegen der Welt in Einzelteile prägt unser Denken. Realität sind Dinge und Objekte. Was nicht Objekt ist, ist Einbildung, Fantasie oder „nur“ psychisch. Aber so wie die Physik darauf gestoßen wurde, dass Elementarteilchen keine Teilchen sind, so gibt es bei genauerem Hinsehen so etwas wie isolierte Objekte auch in unserer Lebenswelt nicht. Die Innenwelt ist genauso real wie die Außenwelt, und ein isoliertes Ich ist eine Abstraktion und wäre so gar nicht lebensfähig. Der Mensch ist ein soziales Wesen; ohne Beziehung ist er nicht. Es gibt kein Ich ohne Beziehung zu anderen und zur Umwelt.

Es gibt kein Ich ohne Beziehung zum Ganzen.

Eine solche Beziehung nennen wir religiös oder spirituell. Jung nennt dieses Ganze das Selbst, und den Weg vom Ich zum Selbst: Individuation. Es ist ein Weg des Sich-selbst-Überschreitens. Da in Europa die aristotlische Logik die Oberhand gewonnen hat, haben es Religion wie Psychologie, die ein dynamisches Welt- und Menschenbild vertreten, relativ schwer. Seit der Antike (und Heraklit ignorierend) fragen wir nur: „Was ist?“ Damit geht jegliche Dynamik, jegliche Entwicklung verloren. 

Die Evolutionstheorie ist nicht deswegen so erschütternd, weil Mensch und Affe dieselben Vorfahren haben, sondern weil sie das „Ist“ ad absurdum führt und in ein Werden überführt. Damit ist die Evolutionstheorie der Religion viel näher als der Naturwissenschaft. Man sieht das nicht so, weil wir gewohnt sind, auch Religion statisch zu sehen. Religion ist Gauben an etwas. In Wirklichkeit ist sie Offenheit für Veränderung, für (persönliche) Entwicklung, für Individuation. Der Mensch ist nicht, er wird. Und das kann er nicht als isoliertes Ich, sondern nur in Beziehung zu anderen („Nächstenliebe“), zur Umwelt und zum Ganzen oder Unendlichen („Gottesliebe“).

Was Religion wirklich ist oder sein kann, werden wir erst begreifen, wenn wir das Denken in isolierten und statischen Dingen und Objekten ablegen und ein neues, dynamisches Beziehungsdenken entwickeln, das uns offen macht für das, was über das Ich hinausgeht.

Anmerkungen:

¹ Über die Beziehung der Psychotherapie zur Seelsorge, in C.G. Jung, Schriften zu Spiritualität und Transzendenz. Edition C.G. Jung, Patmos Verlag 2013, S. 126

² Das persönliche und das überpersönliche oder kollektive Unbewusste, ebda. 34

³ Ebda. 128. — „Dem leidenden Menschen hilft nie, was er selbst ersinnt, sondern nur übermenschliche, geoffenbarte Wahrheit, die ihn dem leidenden Zustand enthebt.“ (S. 127). — Wobei mit „Offenbarung“ die Perspektiven des Unbewussten gemeint sind, Durchbrüche des Unbewussten aus der Tiefe der Seele.

© 2018 Robert Harsieber