Quantenlogik und Lebenswelt

| Von Robert Harsieber |

Wir leben heute in einer Zeit des Übergangs, in der die alten Weltbilder brüchig geworden sind und sich noch kein neues Weltbild etablieren konnte, obwohl vieles bereits klar vor Augen liegt. Der Schlüssel dazu ist das Aufgeben der Subjekt-Objekt-Spaltung, des logischen Entweder-Oder — und die Zusammenschau von Außenwelt und Innenleben.

Während das Denken der klassischen Physik dem modernen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen ist und noch heute vorherrscht, bahnte sich ab 1900 ein grundsätzlich neues Denken an. Im Jahr 1900 veröffentlichte Max Planck sein „Wirkungsquantum“ und im selben Jahr Sigmund Freud seine Traumdeutung. Beides war das Betreten von Neuland. In den folgenden etwa 30 Jahren arbeitete eine ganze Riege von Nobelpreisträgern an der Entwicklung der Quantentheorie, um die Mikrodimension der Außenwelt zu erfassen – eine kollektive Leistung erstaunlichen Ausmaßes. Parallel dazu entwickelte C.G. Jung als Pionierleistung eines Einzelnen seine Analytische Psychologie, die Erschließung der Innenwelt des Unbewussten.

Komplementarität: Gegensätze, die zusammengehören

Man muss diese Entwicklungen parallel sehen, um ihre Bedeutung für die Gesellschaft zu verstehen. Die Physik war bisher ein Prozess des Eliminierens aufkommender Widersprüche und der Zusammenführung bislang getrennter Theorien, bis ein letzter Widerspruch, nämlich der zwischen Teilchen und Welle, nicht mehr zu eliminieren war. Für diese letzte Widersprüchlichkeit prägte Niels Bohr den Begriff der Komplementarität: einander ausschließende Gegensätze, die aber nur zusammen die Wirklichkeit ergeben. Quantenphänomene sind materielle, fast punktförmige Teilchen – und gleichzeitig unendlich ausgedehnte Energie.

Unabhängig davon führte C.G. Jung denselben Begriff der Komplementarität in die Psychologie ein, um so gegensätzliche und doch zusammengehörende Phänomene wie Bewusstes und Unbewusstes oder Anima und Animus zu beschreiben und zu zeigen, dass der Gegensatz immer mitbedacht werden muss. Übrigens haben beide, Niels Bohr und C.G. Jung, den Begriff der Komplementarität aus dem chinesischen Daoismus entlehnt, der kein Entweder-Oder kennt.

In der Psychologie geht es von vornherein um Widersprüche und Konflikte, weil es um Lebendiges geht, das nach Hegel den Widerspruch in sich enthält und aushält. Schon als Jugendlicher sah sich C.G. Jung als zwei Persönlichkeiten, als der Jugendliche, der er gegenwärtig war, und als eine Persönlichkeit, die in die Vergangenheit reichte, die umfassender und „wissender“ war. Später bezeichnete er sie als Ich und Selbst. Das Unbewusste war in C.G. Jung schon sehr früh erwacht.

Das Unbewusste und die Nicht-Lokalität

Was in der Psychologie das Unbewusste ist, das ist in der Physik die Nicht-Lokalität. Nach und nach wurde klar, dass die Suche nach den „kleinsten Bausteinen der Welt“ sinnlos war, weil das wirklich Elementare nicht Teilchen sind, sondern Wechselwirkung. Im Bereich des Lebendigen nennt man das Beziehung. Daher gibt es in der Quantenphysik kein isoliertes Subjekt und keine vom Subjekt unabhängige, objektive Welt. Das heißt, ein Elektron „existiert“ nur in Wechselwirkung. Für sich gesehen ist es nicht. Und auch in der Psychologie gibt es kein isoliertes Ich, auch kein für sich bestehendes Objekt, nichts ist vom Kontext, von der Umgebung zu trennen.

Auch der Mensch ist nichts ohne Beziehung. Die Individualität eines Menschen, sein Ich, entsteht erst in der Kommunikation mit der Mutter und der Umwelt. Ohne diese Sozialkontakte ist der Mensch gar nicht lebensfähig, ohne Kommunikation gäbe es kein Ich und kein Subjekt. Das Spezifische der Psychologie ist, dass es um die Beziehung zu sich selbst, nicht nur um Beziehungen in der Außenwelt, sondern auch zur Innenwelt geht.

Unbewusstes und Nicht-Lokalität kann man als Zugänge zu einem Unbekannten und Unanschaulichen von verschiedenen Seiten bezeichnen. So schreibt C.G. Jung an Wolfgang Pauli: „Psyche wie Materie sind beide als ‚Matrix‘ an und für sich ein X, d.h. eine transzendentale Unbekannte, daher voneinander begrifflich nicht zu scheiden, also praktisch identisch und nur sekundär verschieden als verschiedene Aspekte des Seins.“

Jede Messung verändert das Gemessene. Jede Wahrnehmung verändert das Wahrgenommene.

Etwas völlig Neues in der Quantenphysik ist das sogenannte Messproblem. Eine objektive Beschreibung der Welt ohne Einbeziehung des Messapparats ist nicht mehr möglich. Jede Messung ist Wechselwirkung und jede Messung verändert das Gemessene. Und um es auf die Spitze zu treiben: die gemessenen Eigenschaften gibt es vor der Messung gar nicht. Erst durch Messung erhält ein Quantenphänomen zum Beispiel seinen Ort –- durch den Kollaps der Wellenfunktion. Das Feldartige verschwindet und es bleibt das Teilchenartige. Vorher hat es keinen Ort, es „existiert“ in Superposition an allen möglichen Orten gleichzeitig. Das ist aber nur die etwas hilflose Sprache dafür, dass es gar keinen Ort gibt, oder anders gesagt, dass es so etwas wie Nicht-Lokalität oder reine Potenzialität gibt.

Genauso in der Psychologie: Die Psyche hat keinen Ort, man kann sie nicht im Körper lokalisieren. Sie ist ebenso nicht-lokal. Die Archetypen C.G. Jungs sind nicht einmal psychisch, sondern psychoid, der Anschaulichkeit genauso entzogen wie ein Quantenphänomen vor der Messung. Aber auch das Hinschauen ist eine Art Messung. Die Bilder oder Symbole, die wir in Träumen oder Fantasien registrieren, sind wahrgenommene (= gemessene) Archetypen. Es sind archetypische Vorstellungen, in denen die nicht-anschaulichen Archetypen zu individuellen Bildern „kollabieren“.

Verschränkung und konstellierte Ereignisse

Die Nicht-Lokalität ermöglicht das wohl spektakulärste Phänomen der Quantenphysik, die Verschränkung. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – das ist die falsche Übersetzung eines Satzes von Aristoteles. Das Ganze ist nämlich nicht mehr, sondern etwas anderes als die Summe der Teile. Wenn zwei (oder mehrere) Wellenfunktionen zusammenkommen (von „Teilchen“ kann man nicht reden, weil es sich um Zustände handelt), dann hören sie sogleich auf, für sich zu existieren und eine andere tritt als Ganzes an ihre Stelle. Das nannte Erwin Schrödinger Verschränkung. Es sind dann nicht zwei oder eine Summe von zwei, sondern es ist etwas anderes als ein Ganzes entstanden.

Man kann aber dieses Eine „teilen“ und sich in gegensätzliche Richtungen entfernen lassen. Wenn man an einem „Teilchen“ eine Eigenschaft misst, ist die Eigenschaft des „anderen Teilchens“ instantan, also gleichzeitig (ohne dass eine Informationsübertragung möglich oder notwendig wäre) festgelegt, selbst wenn das andere am anderen Ende des Universums wäre. Die „Zwillingsteilchen“ reagieren als eines.

Man kann das mit der Synchronizität vergleichen, die C.G. Jung und Wolfgang Pauli in ihrem Briefwechsel diskutierten, also mit zwei Ereignissen, die nicht kausal, sondern ihrer Bedeutung nach zusammenhängen –- beispielsweise, wenn sich in der inneren Entwicklung gewisse psychische Muster „konstellieren“ (wie es Jung nennt), die in der Außenwelt zu gewissen Ereignissen führen, die für die Entwicklung bedeutsam sind. Sie verschränken sozusagen die innere, psychische Situation mit der äußeren Welt, ohne dass ein kausaler Zusammenhang besteht.

Wege zu einem neuen Denken

Um zu einem neuen, zeitgemäßen Denken zu kommen, müssten wir unser gewohntes Objektdenken aufgeben oder um ein Wellendenken ergänzen. In der Natur gibt es keine isolierten Objekte oder Subjekte. Das sind Abstraktionen. Was wir als begrenzte Dinge oder Objekte sehen, sind Feldkonzentrationen, die Felder selbst haben keine Grenzen.

Man kann Wissenschaft nicht von Wissenschaftstheorie trennen. Naturwissenschaft ist nicht die Beschreibung der Natur, sondern unseres Sehens der Natur (Heisenberg). Und Psychologie ist nicht die Beschreibung der Psyche, sondern des Bewusstwerdens von Psychischem. Das Sein „dahinter“ ist der Bereich des Ganzen, des Selbst, der Nicht-Lokalität, der Potenzialität. Dieser Bereich ist unanschaulich, nicht direkt zugänglich – und doch nicht außerhalb von uns, denn hier sind Subjekt und Objekt gar nicht getrennt. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wissen wir, dass wir uns diesem Bereich von zwei Seiten her nähern können, von außen wie von innen.

Doch ist das, was nach 1900 in Physik und Psychologie entstanden ist, noch nicht aufgearbeitet. Der Jung-Pauli-Dialog müsste fortgesetzt, eigentlich wieder aufgenommen werden. Dies versucht ein Buch, das demnächst erscheinen wird:

Robert Harsieber: Quantenlogik und Lebenswelt. Wege zu einem neuen Denken. Ibera Verlag / European University Press 2020

© 2020 Robert Harsieber

Neues aus der Quantenwelt

| Von Robert Harsieber |

Im Briefwechsel zwischen C.G. Jung und Wolfgang Pauli geht es in den Jahren zwischen 1932 und 1958 vor allem um die Komplementarität von Physik und Psychologie, von Materie und Psyche, sozusagen um die Außen- und Innenseite von Wirklichkeit. Die von Jung als „psychoid“ bezeichneten Archetypen scheinen sich in der Psyche wie auch in der Physik auszuwirken. Und Wolfgang Pauli spricht von einer neutralen Sprache, die auf beide Gebiete anzuwenden wäre.

Wie könnte eine solche neutrale oder gemeinsame Sprache aussehen?

Die Quantenphysik erfordert bereits eine neue Sprache, denn die Begriffe der klassischen Logik gelten nur mehr eingeschränkt und nicht im Mikrokosmos. Das war in der Geschichte der Physik ein längerer Lernprozess und teilweise ein denkerischer Gewaltakt. „Materie gibt es nicht“, wurde Hans-Peter Dürr nicht müde, in Vorträgen zu betonen. Er meinte damit, dass Materie nicht das ist, was wir uns bis dahin darunter vorgestellt haben. Es gibt keine „kleinsten Bausteine“ die die Physiker gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu finden glaubten. Das wirklich Elementare ist kein Teilchen. Dürr konkretisiert: Im Mikrokosmos gibt es keine Teilchen, „sondern nur Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung“.

Subjekt und Objekt als Abstraktion

Das ist natürlich unanschaulich wie alles in der Quantenphysik und überfordert unsere Auffassungsgabe, vor allem deswegen, weil unsere Sprache an der Mesowelt gewachsen ist, in der es – grob gesprochen – Dinge und Objekte gibt. Daher haben unsere Sätze Subjekt und Objekt. Diese Sprache ist nicht dafür geschaffen, mit einer Welt zurecht zu kommen, in der es so etwas wie isolierte Subjekte und Objekte nicht gibt.

Die Naturwissenschaft von Galilei, Descartes und Newton ist angetreten, die Welt zu erforschen und das Subjektive dabei völlig herauszuhalten. Das war zunächst ein Siegeszug sondergleichen. Bis sich in der Quantenphysik herausstellte, dass ein gewisses subjektives Moment – nämlich die Art des Experiments, mit dem sich ein Quantenphänomen entweder als Teilchen oder als Welle zeigt – gar nicht aus der Wissenschaft herauszuhalten ist. Man kann die Mikrowelt nicht beschreiben, ohne die Versuchsanordnung in die Beschreibung mit einzubeziehen. Es gibt keine vom Beobachter unabhängige Außenwelt, und es gibt auch kein isoliertes, kontextunabhängiges Subjekt.

Ein Quantenphänomen zeigt sich entweder als Teilchen oder als Welle. Es ist aber ein Phänomen, das weder Teilchen noch Welle ist, sondern etwas anderes. Der Begriff „Feld“ scheint es noch am besten zu beschreiben, weil damit sowohl die unendliche Ausgedehntheit als auch die lokale Konzentration — ohne angebbare Grenze — ausgedrückt werden kann, und das sogar in einem Bild.

Vom „Wissen“ zur „Wolke von Bedeutung“

Und so darf man sich fragen, ob wir nicht auch unsere „klassische“ Lebenswelt ganz anders sehen müssten. Auch die Objekte unserer Lebenswelt sind, wenn man genau hinschaut, keine abgegrenzten Teilchen; sie hören nicht an der Oberfläche auf – auch der Mensch nicht –, sondern gehen mehr oder weniger kontinuierlich in die Umgebung über, ohne die sie nichts sind. — Sind Subjekt und Objekt nicht Abstraktionen, die nur eine sehr grobe Näherung an die Wirklichkeit ermöglichen? Brauchen wir nicht eine andere Sprache, wenn wir mehr erfahren wollen?

In der Innenwelt der Psyche und nur in dieser erfahren wir auch unsere Außenwelt. Es gibt keine Teilchen, keine Dinge, sondern Gedanken, Gefühle, Symbole, Archetypen. Letztere sind nichts Abgegrenztes, sondern eine „Wolke von Bedeutung“. Eine große Ähnlichkeit mit dem Feldbegriff der Physik drängt sich auf. Ein Symbol ist nie eindeutig und auch durch noch so sorgfältige Deutung nicht auszuschöpfen. Das Bild ist wie die lokale Feldstärke, die das klassische Teilchenbild ersetzt: Es ist nicht scharf begrenzt, sondern vieldeutig. „Wir erleben mehr als wir begreifen“ ist ein Buchtitel von Hans-Peter Dürr. „Begreifen“ kann man immer nur eine Oberfläche.

In die Tiefe oder nach innen führt nur das Erleben.

Dieses Erleben erkennt — wenn auch nicht exakt und nicht eindeutig — viel mehr als eine „Wolke von Wissen“, die ins Unanschauliche übergeht. Individuation, wie Jung sie versteht, führt vom bewussten, aber oberflächlichen Ich über Anima/Animus, Schatten und verschiedene Archetypen zum alles umfassenden Selbst, das gleichzeitig das Zentrum und den Umfang der Psyche bildet. Die Psyche ist nicht auslotbar; sie mündet im Unbewussten, das seinerseits nie bewusst wird. Das Selbst ist eine Art Überintelligenz, die das Ich des Menschen weit übersteigt. Dabei agieren die Archetypen und auch das Selbst unabhängig vom Ich quasi wie eigenständige Intelligenzen. Jung nennt das das „absolute subjektlose Wissen, das aus Bildern besteht“¹, aus lebendigen Bildern, könnte man sagen.

Eine Sprache der Subjekt- und Objektlosigkeit?

In Analogie zum Beziehungsmodell von Hans-Peter Dürr („nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung“) könnte man im Hinblick auf C.G. Jung und das Selbst sagen: nicht Wissen von jemand, einem Ich oder etwas, sondern nur Wissen. Es müsste eine Sprache geben, die solche Subjekt- und Objektlosigkeit auszudrücken imstande ist.

Dass die Tiefenpsychologie – außer von ein paar Modebegriffen – nicht in ein allgemeines Weltbild eingegangen ist, ist verständlich. Das allgemeine Weltbild ist angelehnt an die Physik, an die klassische Physik des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Dass die Physik seit Anfang des 20. Jahrhunderts bereits ganz woanders ist, wurde noch nicht allgemein registriert. Es ist aber wichtig, dass die Physik, die uns dieses materialistische Weltbild eingebrockt hat, inzwischen ganz andere Wege geht. Sie hat ja im 17. Jahrhundert alles Subjektive aus der Wissenschaft verbannt und die heilige Kuh der Objektivität hervorgezaubert. Daher gehen seither alle Argumente der Psychologie und aller Geisteswissenschaften ins Leere. Nun beginnt aber die Physik selbst, das Subjektive wieder in die Wissenschaft hereinzuholen und zu erkennen, dass man es gar nicht ausschließen kann. Das ist nichts weniger als der Anfang vom Ende der Subjekt-Objekt-Spaltung.

Ich ist Welt und Welt ist Ich.

In der Sprache der Quantenphysik ist unser Weltbild eine Teilchensicht, die das Wellenbild ignoriert, verdrängt oder gar nicht sehen kann. Dieses Weltbild müssen wir durch eine Wellensicht ergänzen. Damit wird aus unserem statischen Weltbild ein dynamisches, das nicht mehr in isolierten Objekten, sondern in Prozessen denkt und den Kontext mit einbezieht. Was wir brauchen, ist eine Feldsicht, die Teilchen und Welle, Subjekt und Objekt, zwar immer noch unterscheiden muss, aber nicht mehr trennen will und kann. Damit fiele die Grenze zwischen Ich und Außenwelt, zwischen Objekt und Umgebung, und die Welt wäre nicht mehr „objektiv“. Sie ist nämlich immer unsere Welt, wir sehen sie so, wie wir sind; sie ist überlagert durch Projektionen von innen. Ich ist Welt und Welt ist Ich.

Wir können nur entweder nach außen (Teilchensicht) oder nach innen schauen (Wellensicht), also entweder eine materielle Welt oder die Psyche beschreiben. Das sind Gegensätze, die aber komplementär aufeinander bezogen sind. Um die Wirklichkeit zu beschreiben, brauchen wir beide Sichten. Wir müssen außen und innen, Materie und Psyche unterschieden, können und sollten sie aber nicht mehr trennen.

Dabei kommt uns entgegen, dass unsere Sprache ohnehin keine naturwissenschaftliche, sondern eine psychosomatische ist. So kommt das Wort „Faktum“ (der Inbegriff des „Objektiven“) von facere = machen. Fakten sind immer gemacht, kommen nur in der Sicht eines Menschen vor, der sieht und projiziert. So ist das (sonst völlig abstrakte) Objektive immer auch subjektiv, und das Subjektive, das die Psychologie untersucht, durchaus objektiv.

Eine Sprache zwischen Fragment und Ganzem

Naturwissenschaft fragmentiert, zerlegt in immer kleinere Teile, die man dann erfassen kann. Das Ganze kommt dabei nicht mehr in den Blick. Daher kann die Naturwissenschaft auch nicht die Natur oder die Wirklichkeit als Ganze beschreiben.

Eine neue Sprache müsste also auch vom Fragmentieren wegkommen und sich vom Anspruch der Exaktheit und Eindeutigkeit verabschieden. In der Natur ist nichts eindeutig, nichts exakt, schon weil alles zusammenhängt und nichts isoliert werden kann. Einen Teil zu benennen, heißt ihn vielleicht zu begreifen, aber nicht zu erkennen oder zu erleben. Ein wichtiges Moment der Quantentheorie ist die Unbestimmtheitsrelation. Wenn wir den Ort eines „Teilchens“ exakt bestimmen, dann ist die Geschwindigkeit unbestimmt und unbestimmbar. Wenn wir exakte Begriffe wollen (und natürlich brauchen wir die), dann ist ihre Beziehung zum Ganzen unbestimmt, dann haben diese Begriffe wenig mit der Natur an sich zu tun. Wollen wir wirklich beschreiben, was ist, dann werden diese Begriffe nicht eindeutig, nicht exakt sein, sondern vieldeutig und vage und gerade dadurch mehr über die Natur und auch über uns aussagen können.

¹ Marie-Louise von Franz: „Psyche und Materie“, Daimon Verlag 2003, S. 365.

© 2019 Robert Harsieber

 

Du sollst dir kein Bildnis machen

Warum statische Welt- und Menschenbilder nur falsch sein können

Von Robert Harsieber

Seit Menschen denken können, fragen sie: Was ist der Mensch? Oder konkret: Wer bin ich? Und trotz Heraklits „Panta rhei“ („Alles fließt“) geht es seither in der Philosophie und im allgemeinen Welt- und Menschenbild vorwiegend um das Sein, nicht um das Werden. Das ist, als würden wir von einem Film nur ein Standbild herausnehmen und es für den Film halten.

Wer immer die Frage „Wer bin ich?“ beantworten soll, kann sich des Gefühls nicht erwehren, die Frage nicht beantworten zu können. Was immer ihm darauf einfällt, es scheint nicht die Antwort zu sein. Das biblische „Du sollst dir kein Bildnis (von Gott) machen“ hat seine Parallele im „Du kannst dir kein Bild (von dir selbst) machen“. Zur Negativen Theologie gesellt sich eine Negative Anthropologie. Was immer ich über den Menschen, über mich sage, es ist keine erschöpfende Antwort.

Das Ich im Meer des Unbewussten

Der beste Einstieg in die Problematik ist die Psychologie, der „missing link“ zwischen Physik und Philosophie bzw. Theologie. Das vordergründige Ich als Subjekt des bewussten Erlebens einer objektiv scheinenden Welt ist nur die Spitze des Eisbergs. Dieses Ich hängt sozusagen im verdrängten Unterbewussten, das im Meer des (kollektiven) Unbewussten schwimmt. Das wäre die Tiefendimension, die aber nicht zu denken ist ohne eine zeitliche Dimension. Was wir jetzt sind, sind wir geworden. Wir sind unsere gesamte individuelle Vergangenheit, eingebettet in eine kollektive Vergangenheit, die weit über das konkrete Individuelle hinausreicht.

Im Sein ist das Geworden-Sein und das Werden. Vergangenheit und Zukunft sind gegenwärtig. Sein im Hier und Jetzt meint eigentlich das Geworden-Sein und Werden in der Gegenwart. Nichts ist, sondern alles fließt; alles ist im Werden, so Heraklit. Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss: Das Wasser ist bereits ein anderes und auch der Mensch ist bereits ein anderer. Es gibt keinen Fixpunkt in dieser Welt.

Die Modelle der Psychologie sind im Prinzip Orientierungen für die Psychotherapie. Ob Sigmund Freud (Ich – Es – Über-Ich) oder C.G. Jung (bewusst – unbewusst / Archetypen wie Persona, Schatten, Animus, Anima, der/die alte Weise usw.) — es geht vor allem um eine Dynamik. Das impliziert, dass selbst die Vergangenheit nicht fix ist. Psychotherapie ist in gewissem Sinne die Verwandlung der Vergangenheit. Auch hier geht es nicht um (vergangenes) Sein, sondern um Wirkung (= Wirklichkeit).

Erhellendes aus der Quantenphysik

Erstaunlich ist, dass die parallel zur Tiefenpsychologie entstandene Quantenphysik auch hier erhellend wirken kann. Wenn man im Doppelspaltexperiment die Messung nicht direkt an den Spalten vornimmt, sondern weiter dahinter, passiert erstaunlicherweise dasselbe: Aus dem Interferenzmuster wird das Streifenmuster, aus dem Wellenbild das Teilchenbild. Das bedeutet, dass aus der Welle, die bereits durch den Doppelspalt gegangen ist, rückwirkend Teilchen werden, als würde damit die Vergangenheit verändert. Genau genommen wird aber nicht die Vergangenheit verändert, sondern eine andere aus den überlagerten Möglichkeiten realisiert. Analog können wir sagen, dass das Erleben immer eine Möglichkeit aus einem Gesamten realisiert.

Dasselbe gilt für die sogenannte „objektive Welt“. Auch die ist nicht statisch, sondern dynamisch. Das ist bei fließendem Wasser ganz offensichtlich, bei „festen“ Körpern aber nicht anders, nur langsamer. Tatsächlich fließt alles. Auch ein statisch erscheinendes Gebäude ist seine Geschichte, vom Bau bis zum Verfall. Selbst Berge wurden einmal aufgefaltet und dann Millimeter für Millimeter abgetragen. Es ist ein Alterungsprozess, der in uns viel schneller abläuft und den wir – nicht zuletzt mit einem statischen Welt- und Menschenbild – verschleiern. So geht die Frage „Wer bist du?“ oder „Was ist der Mensch?“ ins Leere, weil sie auf eine Momentaufnahme abzielt, die nie an den Film herankommt. Daher das (eingestandene oder uneingestandene) Unvermögen, diese Frage zu beantworten.

Jede Messung verändert das Gemessene.

Es ist wie in der Quantenphysik: Jede Messung verändert das Gemessene. Das kommt uns so unverständlich vor, was aber an unserem statischen Weltbild liegt. In einer kleinen Einschulung über das Blutdruckmessen sagte ein Arzt, dass es sinnlos sei, zweimal zu messen, weil schon das Messen den Blutdruck verändere und beim zweiten Mal natürlich ein anderer Wert herauskommt. Unter dem Gesichtspunkt, dass alles fließt, gilt das für jeden „Gegenstand“, sogar für einen Berg, nur dass hier die Veränderung durch das Messen minimal ist.

Wir werden die Welt, den Menschen und uns selbst nie verstehen, wenn wir immer nur fragen, was ist, und dieses Sein in einem Bild, einer Vorstellung festhalten wollen. Der Mensch ist seine Vergangenheit und in seiner Offenheit auch seine Zukunft. In der Vergangenheit liegt das damalige Erleben, aber auch alle Möglichkeiten, wie wir es hätten erleben können, und auch die Möglichkeit, zwischen den Möglichkeiten zu switchen. Zukunft heißt, für alle Möglichkeiten offen sein. Durch Realisierung einer der Möglichkeiten wird sie zur Gegenwart, und darauf wieder mit allen Möglichkeiten zur Vergangenheit.

Wirklichkeit ist die Superposition aller Möglichkeiten, Wirklichkeit ist Potentialität. Realität ist nur ein winziger Ausschnitt davon. Die Frage „Wer bin ich?“ kann bestenfalls die Realität erfassen, kommt aber nicht an die Wirklichkeit heran. Die ist Potentialität, ist fließendes Werden im Geworden-Sein und Offen-Sein.

© 2018 Robert Harsieber

Wann ist der Mensch ein Mensch?

| Von Robert Harsieber |

Seit der Quantenphysik spielt die Messung eine entscheidende Rolle in der Physik. Der österreichische Physiker Herbert Pietschmann (*1936) behauptet: „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt.“ Demnach würde gelten: Das Hinschauen entscheidet darüber, was man und ob man etwas sieht. Zugespitzt könnte man fragen: Existiert der Mond auch dann, wenn niemand hinschaut? —  Oder der Mensch? Gibt es ihn auch, wenn niemand ihn wahrnimmt?

Solche Fragen klingen sonderbar, auch für die Quantenphysik. Die Messung entscheidet ja nicht über die Existenz oder Nichtexistenz eines „Dings“ an sich, sondern über dessen Eigenschaften. Vor der Messung ist das „Ding“ oder das „Teilchen“ nicht inexistent; wir können bloß nichts über es aussagen.

Es gibt die objektive Welt auch unabhängig vom Subjekt. Nur — wenn wir etwas über diese Welt aussagen, dann ist das nicht mehr objektiv, sondern subjektiv gefärbt. Die Welt ist überhaupt nur dann objektiv, wenn wir nicht hinschauen und nichts über sie aussagen. Man könnte also behaupten, nur dann, wenn niemand hinschaut, ist der Mond wirklich nur Mond.

Beim Sehen des Mondes geht es viel mehr um das Sehen als um den Mond.

Gilt das auch vom Menschen? — Die Naturwissenschaft beschreibt zwar eine objektive Welt, aber das ist eine konstruierte, künstliche Welt. In der fallen z.B. alle Körper gleich schnell, in der wirklichen Welt tun sie genau das nicht. Die Sätze der Naturwissenschaft sind allgemeingültig und reproduzierbar, in unserer Lebenswelt ist alles einmalig, nichts wiederholt sich. Der Erfolg der Naturwissenschaft war es ja, alles Subjektive, Einmalige, Lebendige und damit Menschliche auszuschließen, um eine (abstrakte) objektive Welt beschreiben zu können. Aufgrund des enormen Erfolgs der Naturwissenschaft fällt uns gar nicht mehr auf, dass unsere Welt nicht physikalisch, sondern vielmehr psychologisch funktioniert.

Alles, was wir sehen und wahrnehmen, ist subjektiv gefärbt. Wie wir etwas sehen, sagt mehr über uns selbst aus als über das „Objekt“. Es fällt uns nicht auf, dass die Quantentheorie mehr mit einer Psychologik als mit der klassischen Logik zu tun hat: Es gibt in der Quantenmechanik kein Entweder-Oder. Gegensätze werden zur Komplementarität.

Psychotherapie ist die Bearbeitung von Konflikten, in denen widerstreitende Gegensätze nicht eliminiert, sondern komplementär integriert werden sollen.

Es gibt Überlagerungen von Quantenzuständen, wie es auch Überlagerungen von unbewussten inneren Zuständen gibt. Psychische Inhalte können als Faktum — analog dem Teilchenbild der Physik — oder als Tendenz, als dynamisches Muster — analog dem Wellenbild der Physik — gesehen werden. Und auch das ist kein Entweder-Oder, sondern es muss immer beides berücksichtigt werden.

Ludwig Wittgenstein sagt im Tractatus logico-philosophicus 6.52:

„Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“

Die objektive Welt ist voll mit den Errungenschaften von Naturwissenschaft und Technik, die Lebenswelt des Menschen ist eine völlig andere. Die naturwissenschaftliche Welt ist das, was für alle Menschen in gleicher Weise gültig ist. Das hat aber nichts mit „Wahrheit“ zu tun oder mit dem „Sinn“ einer Sache, sondern ist der kleinste gemeinsame Nenner menschlicher Wahrnehmung. Darüber hinaus sieht jeder von innen heraus die Welt auf seine je eigene Weise.

Im Lebendigen gibt es keine objektive Welt.

Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Jeder sieht die Außenwelt entsprechend seiner Innenwelt. Wer sich wohlfühlt, sieht die Welt ganz anders als der Deprimierte. Wer liebt, lebt in einer anderen Welt als der, der hasst. Wer sich verliebt, für den wird auch die Welt eine andere, weil er sensibel wird für andere Muster der Überlagerung aller Möglichkeiten.

Die „objektive“ Welt ist eine Abstraktion, die in unserer Lebenswelt nicht vorkommt. Zur Ideologie verkäme daher eine Naturwissenschaft, die nicht mehr wahrnähme, dass im Sehen eines banalen Gegenstandes auch das eigene Biographische steckt. Die Welt ist unendlich mehr als die Betrachtung ihrer „objektiven“ Seite. Das ist Physikern durchaus bewusst, sofern sie Physik als Methode und nicht als Ideologie betreiben.

„Es ist nicht so, dass Natur vor uns verborgen wäre. Sie ist noch gar nicht ganz da und wird das auch nie sein. Natur wird in dem Moment, da wir darüber reden, ausgearbeitet“, erklärt der amerikanische Physiker Christopher Fuchs in Anlehnung an den Prozessphilosophen William James (1848-1910).

Theorien sind Instrumente, nicht die Antworten auf unsere Rätselfragen.

Wir können vom Geist und von der Materie nicht mehr so sprechen, wie es die Menschen früher getan haben. Wir erkennen heute, dass Geist eine Struktureigenschaft aller komplexen Systeme ist. Alles, was nach dem „Urknall“ Materie, Raum und Zeit wird, entfaltet sich explosionsartig durch unendliche Folgen von Teilungen. Aber Teilchen, Dinge, Objekte, Materie — all das entsteht erst aus einer tieferen Ebene durch Beziehung.

Was in Erscheinung tritt, beruht auf dem Ereignis von Beziehungen. Das gilt auch und erst recht für den Menschen: Mensch ist der Mensch-in-Beziehung.

© 2018 Robert Harsieber

Arbeiten am Menschen-Bild

Von Robert Harsieber und Claudia Castigliego-Paganoni

Menschen stellen sich die Welt als Materie in unendlich vielen Teilchen vor. Warum ist es eigentlich so schwierig, von diesem angeblich „objektiven“, naturalistischen Teilchenbild der Welt wegzukommen? Seit 100 Jahren wissen wir, dass dieses Bild allenfalls „die halbe Welt der Materie“ erklären kann.

Eine Antwort könnte sein, dass uns dieses Teilchenbild seit Beginn der Naturwissenschaft dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es uns schwerfällt, zum Wellenbild zu wechseln, das nicht Dinge, sondern Felder und Beziehungen sieht, und wir uns auch diese Wellen noch als teilchenartig vorstellen. Es wäre zudem zu unterscheiden zwischen einer Welle im klassischen Sinne, z.B. Luftschwingungen oder Wellenbewegungen im Wasser, also Schwingungen eines Mediums, und dem Wellenartigen eines Quantenphänomens, bei dem es gar kein Medium, sondern nur Beziehung gibt.

Beziehung denken — wie geht das?

Es ist natürlich schwierig, Beziehung zu denken, ohne Beziehung von Dingen zu assoziieren. Denn so landen wir schon wieder im Teilchenbild. Beziehung ist aber dieses (unendliche, nicht-lokale) Feld und hat nichts mit Teilchen zu tun. In der Welt der Quanten gibt es nur Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung (Hans-Peter Dürr). Dafür haben wir eigentlich keine Anschauung (mehr).

Und auch wenn das eigentlich Menschliche nach Wittgenstein außerhalb aller Fragen der (Natur-)Wissenschaft liegt, betrachten wir auch uns selbst durch die verengte Brille des naturalistischen Teilchenbildes. Wir nehmen uns selbst als isoliertes Teilchen (Ich) wahr, das allem Objektiven gegenübersteht. Im Extremfall ist es ein abstraktes Subjekt, das ebenso abstrakte Objekte „wahrnimmt“. Dass es dazwischen so etwas wie eine (psychische) Innenwelt gibt, wird dabei unterschlagen. Diese ist nämlich in der Sprache der Physik akausal und nicht-lokal und entzieht sich damit dem gewohnten Teilchenbild, erschließt sich nur einem Wellenbild, das nicht Dinge, sondern Beziehungen in den Blick nimmt. Letztlich nehmen wir aber alles nur durch diese Innenwelt wahr, die von einer Außenwelt nicht zu trennen ist.

Nicht an Begriffen und Gedanken hängen bleiben

Diese Blindheit für die Innenwelt führt zur Verdinglichung von Beziehung, die damit zu einem „Austausch“ (von Geschenken, Gedanken und Gefühlen) wird, wo es doch in erster Linie um ein nicht-lokales „Dazwischen“ geht, das keinem Ding, sondern einem Feld gleicht, das sich zwischen zwei Personen verdichten kann. Zu dem man nichts dinglich tun kann, sondern das da (bewusst) ist oder nicht. Vielleicht wird damit auch deutlich, dass ein Dialog nicht im Sagen, im Austausch von Gedanken besteht, sondern im Verstehen, das nicht an Begriffen und Gedanken hängen bleibt, sondern ein Feld des Verständnisses eröffnet. Beziehung lässt sich nicht an Fakten aufhängen. Wer begründen kann, warum er liebt, liebt nicht. Und wer glaubt, den anderen jetzt endlich zu kennen, liebt nicht mehr.

Es braucht für einen Dialog neben den Zweien ein Drittes, das quasi „nicht von dieser (dinglichen) Welt“ ist, sondern ein Feld, das in der Beziehung alles „zusammenhält“ und allem erst eine Bedeutung gibt. In diesem Sinne ist dieses Feld die Grundlage allen Seins. Dies ist auch gemeint, wenn Jesus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18, 20). Voraussetzung ist die Offenheit für das, was über das Dingliche hinausgeht und ins Nicht-Lokale, Numinose und Unendliche hineinreicht.

Das „Selbst“ als Zentrum und Symbol des Ganzen verstehen 

Es braucht dazu aber auch ein anderes Verständnis unserer selbst. Der Mensch reift zum Ich, mit dem er sich gegen die „Welt“ behaupten kann, und auf dem Weg dahin kann vieles schiefgehen. Dieses Ich ist wie die Spitze eines Eisbergs, dessen „größerer Teil“ unterhalb des Bewusstseins liegt. In Jung’scher Sprache führt der Weg vom bewussten Ich zum unbewussten (und nicht-lokalen) Selbst als Zentrum und Symbol des Ganzen. Dieses Selbst, das ich (auch) bin, reicht über alles Rationale hinaus. Weshalb Jung sagt, dass der Archetypus des Selbst nicht von den Gottesbildern zu unterscheiden ist.

Es ist dieses „tat twam asi“ — „das bist du“ — der Inder. Atman (in etwa das innerste Selbst) und Brahman (das Göttliche) sind eins. Meister Eckhart spricht vom „Seelengrund“: Im tiefsten Grund der Seele finden wir das, was wir Gott nennen. Wir sind uns selbst zugleich das Nächste und das Fernste. Gott ist zwar immer der ganz Andere und Unnennbare. Und doch ist Gott mir näher als ich mir selber bin (Augustinus).

Könnte man sagen, dass auch Gott uns braucht, um sich seiner bewusst zu werden? — In dem Sinne, dass er sich in seiner Schöpfung bewusst wird, ja. Jedenfalls ist Schöpfung ohne Evolution gar nicht zu denken. Allerdings ist auch das kein Entweder—Oder. Gott „braucht“ nichts, und er „braucht“ den Menschen, um sich in seiner Schöpfung bewusst zu werden. Und doch geht es dabei um den Menschen. Religiöse Schriften reden nicht von Gott, sondern vom Menschen und seinen Gottesvorstellungen. Wie stellt sich der Mensch das Ganze vor? Das ist die Geschichte des Menschen mit Gott.

Gott stellt sich nicht vor. Er sagt bloß „Ich bin da“.

Der Mensch ist es, der an diesem Dasein Gottes, an seinen eigenen Gottesvorstellungen wachsen muss. Das kann er nur, wenn er sich Gott nicht vor-stellt, wenn er sich kein Bild macht, denn jedes Bild wäre ein Goldenes Kalb – ein Gott, in menschliche Form gepresst. Damit würde etwas Dynamisches statisch und könnte sich nicht entwickeln.

„Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch göttlich werden kann“ (Irenäus von Lyon). Wenn das Unendliche sich im Endlichen bewusst wird, dann wird Gott sich im Menschen bewusst, und der Mensch wird sich im Innersten seiner Göttlichkeit bewusst. Der Mensch kann das Unterste und das Oberste wieder zusammenfügen, verbinden (religio). Dasselbe steckt im Wort Yoga (Joch, verbinden). Jesus wiederum hat dies in seiner Daseinsweise verkörpert — als „Menschensohn“. Er hat gezeigt, wie Menschsein geht.

Jesus ist „wahrer Gott und wahrer Mensch“. Der Mensch muss sich seiner Doppelnatur bewusst werden. Er ist Endliches, das auf Unendliches bezogen ist. Nicht dinglich, nicht äußerlich — ein nach außen projizierter Gott provoziert nur Aberglauben —, sondern innerlich, in reiner Beziehung. Daher ist der Mensch „mehr als Mensch“ (David Steindl-Rast), weil er auf Unendliches bezogen und offen für das Unnennbare ist; wissend, dass im Endlichen diese Beziehung nie ganz aufgehen kann.

Dieser Beitrag ist das Ergebnis eines Gesprächs zwischen der Psychotherapeutin
Claudia Castigliego-Paganoni und dem Philosophen Robert Harsieber
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Claudia Castigliego-Paganoni studierte an der Universität Zürich und am Lehr- und Forschungsinstitut für Schicksalspsychologie und Allgemeine Tiefenpsychologie in Zürich. Sie ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin. In ihrer Praxis verbindet sie Freud, Jung, Szondi und Wurmser mit Empathie und Offenheit für das Spirituelle.

© 2017 Claudia Castigliego-Paganoni und Robert Harsieber