Quantenlogik und Lebenswelt

| Von Robert Harsieber |

Wir leben heute in einer Zeit des Übergangs, in der die alten Weltbilder brüchig geworden sind und sich noch kein neues Weltbild etablieren konnte, obwohl vieles bereits klar vor Augen liegt. Der Schlüssel dazu ist das Aufgeben der Subjekt-Objekt-Spaltung, des logischen Entweder-Oder — und die Zusammenschau von Außenwelt und Innenleben.

Während das Denken der klassischen Physik dem modernen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen ist und noch heute vorherrscht, bahnte sich ab 1900 ein grundsätzlich neues Denken an. Im Jahr 1900 veröffentlichte Max Planck sein „Wirkungsquantum“ und im selben Jahr Sigmund Freud seine Traumdeutung. Beides war das Betreten von Neuland. In den folgenden etwa 30 Jahren arbeitete eine ganze Riege von Nobelpreisträgern an der Entwicklung der Quantentheorie, um die Mikrodimension der Außenwelt zu erfassen – eine kollektive Leistung erstaunlichen Ausmaßes. Parallel dazu entwickelte C.G. Jung als Pionierleistung eines Einzelnen seine Analytische Psychologie, die Erschließung der Innenwelt des Unbewussten.

Komplementarität: Gegensätze, die zusammengehören

Man muss diese Entwicklungen parallel sehen, um ihre Bedeutung für die Gesellschaft zu verstehen. Die Physik war bisher ein Prozess des Eliminierens aufkommender Widersprüche und der Zusammenführung bislang getrennter Theorien, bis ein letzter Widerspruch, nämlich der zwischen Teilchen und Welle, nicht mehr zu eliminieren war. Für diese letzte Widersprüchlichkeit prägte Niels Bohr den Begriff der Komplementarität: einander ausschließende Gegensätze, die aber nur zusammen die Wirklichkeit ergeben. Quantenphänomene sind materielle, fast punktförmige Teilchen – und gleichzeitig unendlich ausgedehnte Energie.

Unabhängig davon führte C.G. Jung denselben Begriff der Komplementarität in die Psychologie ein, um so gegensätzliche und doch zusammengehörende Phänomene wie Bewusstes und Unbewusstes oder Anima und Animus zu beschreiben und zu zeigen, dass der Gegensatz immer mitbedacht werden muss. Übrigens haben beide, Niels Bohr und C.G. Jung, den Begriff der Komplementarität aus dem chinesischen Daoismus entlehnt, der kein Entweder-Oder kennt.

In der Psychologie geht es von vornherein um Widersprüche und Konflikte, weil es um Lebendiges geht, das nach Hegel den Widerspruch in sich enthält und aushält. Schon als Jugendlicher sah sich C.G. Jung als zwei Persönlichkeiten, als der Jugendliche, der er gegenwärtig war, und als eine Persönlichkeit, die in die Vergangenheit reichte, die umfassender und „wissender“ war. Später bezeichnete er sie als Ich und Selbst. Das Unbewusste war in C.G. Jung schon sehr früh erwacht.

Das Unbewusste und die Nicht-Lokalität

Was in der Psychologie das Unbewusste ist, das ist in der Physik die Nicht-Lokalität. Nach und nach wurde klar, dass die Suche nach den „kleinsten Bausteinen der Welt“ sinnlos war, weil das wirklich Elementare nicht Teilchen sind, sondern Wechselwirkung. Im Bereich des Lebendigen nennt man das Beziehung. Daher gibt es in der Quantenphysik kein isoliertes Subjekt und keine vom Subjekt unabhängige, objektive Welt. Das heißt, ein Elektron „existiert“ nur in Wechselwirkung. Für sich gesehen ist es nicht. Und auch in der Psychologie gibt es kein isoliertes Ich, auch kein für sich bestehendes Objekt, nichts ist vom Kontext, von der Umgebung zu trennen.

Auch der Mensch ist nichts ohne Beziehung. Die Individualität eines Menschen, sein Ich, entsteht erst in der Kommunikation mit der Mutter und der Umwelt. Ohne diese Sozialkontakte ist der Mensch gar nicht lebensfähig, ohne Kommunikation gäbe es kein Ich und kein Subjekt. Das Spezifische der Psychologie ist, dass es um die Beziehung zu sich selbst, nicht nur um Beziehungen in der Außenwelt, sondern auch zur Innenwelt geht.

Unbewusstes und Nicht-Lokalität kann man als Zugänge zu einem Unbekannten und Unanschaulichen von verschiedenen Seiten bezeichnen. So schreibt C.G. Jung an Wolfgang Pauli: „Psyche wie Materie sind beide als ‚Matrix‘ an und für sich ein X, d.h. eine transzendentale Unbekannte, daher voneinander begrifflich nicht zu scheiden, also praktisch identisch und nur sekundär verschieden als verschiedene Aspekte des Seins.“

Jede Messung verändert das Gemessene. Jede Wahrnehmung verändert das Wahrgenommene.

Etwas völlig Neues in der Quantenphysik ist das sogenannte Messproblem. Eine objektive Beschreibung der Welt ohne Einbeziehung des Messapparats ist nicht mehr möglich. Jede Messung ist Wechselwirkung und jede Messung verändert das Gemessene. Und um es auf die Spitze zu treiben: die gemessenen Eigenschaften gibt es vor der Messung gar nicht. Erst durch Messung erhält ein Quantenphänomen zum Beispiel seinen Ort –- durch den Kollaps der Wellenfunktion. Das Feldartige verschwindet und es bleibt das Teilchenartige. Vorher hat es keinen Ort, es „existiert“ in Superposition an allen möglichen Orten gleichzeitig. Das ist aber nur die etwas hilflose Sprache dafür, dass es gar keinen Ort gibt, oder anders gesagt, dass es so etwas wie Nicht-Lokalität oder reine Potenzialität gibt.

Genauso in der Psychologie: Die Psyche hat keinen Ort, man kann sie nicht im Körper lokalisieren. Sie ist ebenso nicht-lokal. Die Archetypen C.G. Jungs sind nicht einmal psychisch, sondern psychoid, der Anschaulichkeit genauso entzogen wie ein Quantenphänomen vor der Messung. Aber auch das Hinschauen ist eine Art Messung. Die Bilder oder Symbole, die wir in Träumen oder Fantasien registrieren, sind wahrgenommene (= gemessene) Archetypen. Es sind archetypische Vorstellungen, in denen die nicht-anschaulichen Archetypen zu individuellen Bildern „kollabieren“.

Verschränkung und konstellierte Ereignisse

Die Nicht-Lokalität ermöglicht das wohl spektakulärste Phänomen der Quantenphysik, die Verschränkung. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – das ist die falsche Übersetzung eines Satzes von Aristoteles. Das Ganze ist nämlich nicht mehr, sondern etwas anderes als die Summe der Teile. Wenn zwei (oder mehrere) Wellenfunktionen zusammenkommen (von „Teilchen“ kann man nicht reden, weil es sich um Zustände handelt), dann hören sie sogleich auf, für sich zu existieren und eine andere tritt als Ganzes an ihre Stelle. Das nannte Erwin Schrödinger Verschränkung. Es sind dann nicht zwei oder eine Summe von zwei, sondern es ist etwas anderes als ein Ganzes entstanden.

Man kann aber dieses Eine „teilen“ und sich in gegensätzliche Richtungen entfernen lassen. Wenn man an einem „Teilchen“ eine Eigenschaft misst, ist die Eigenschaft des „anderen Teilchens“ instantan, also gleichzeitig (ohne dass eine Informationsübertragung möglich oder notwendig wäre) festgelegt, selbst wenn das andere am anderen Ende des Universums wäre. Die „Zwillingsteilchen“ reagieren als eines.

Man kann das mit der Synchronizität vergleichen, die C.G. Jung und Wolfgang Pauli in ihrem Briefwechsel diskutierten, also mit zwei Ereignissen, die nicht kausal, sondern ihrer Bedeutung nach zusammenhängen –- beispielsweise, wenn sich in der inneren Entwicklung gewisse psychische Muster „konstellieren“ (wie es Jung nennt), die in der Außenwelt zu gewissen Ereignissen führen, die für die Entwicklung bedeutsam sind. Sie verschränken sozusagen die innere, psychische Situation mit der äußeren Welt, ohne dass ein kausaler Zusammenhang besteht.

Wege zu einem neuen Denken

Um zu einem neuen, zeitgemäßen Denken zu kommen, müssten wir unser gewohntes Objektdenken aufgeben oder um ein Wellendenken ergänzen. In der Natur gibt es keine isolierten Objekte oder Subjekte. Das sind Abstraktionen. Was wir als begrenzte Dinge oder Objekte sehen, sind Feldkonzentrationen, die Felder selbst haben keine Grenzen.

Man kann Wissenschaft nicht von Wissenschaftstheorie trennen. Naturwissenschaft ist nicht die Beschreibung der Natur, sondern unseres Sehens der Natur (Heisenberg). Und Psychologie ist nicht die Beschreibung der Psyche, sondern des Bewusstwerdens von Psychischem. Das Sein „dahinter“ ist der Bereich des Ganzen, des Selbst, der Nicht-Lokalität, der Potenzialität. Dieser Bereich ist unanschaulich, nicht direkt zugänglich – und doch nicht außerhalb von uns, denn hier sind Subjekt und Objekt gar nicht getrennt. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wissen wir, dass wir uns diesem Bereich von zwei Seiten her nähern können, von außen wie von innen.

Doch ist das, was nach 1900 in Physik und Psychologie entstanden ist, noch nicht aufgearbeitet. Der Jung-Pauli-Dialog müsste fortgesetzt, eigentlich wieder aufgenommen werden. Dies versucht ein Buch, das demnächst erscheinen wird:

Robert Harsieber: Quantenlogik und Lebenswelt. Wege zu einem neuen Denken. Ibera Verlag / European University Press 2020

© 2020 Robert Harsieber

FÜNF GRÜNDE …

… für eine C.G. Jung-Gesellschaft — zum Beispiel in Frankfurt

| Von Robert Harsieber (Wien) und Ludger Verst (Frankfurt)

Carl Gustav Jungs wissenschaftliche Laufbahn beginnt nicht in Frankfurt oder Wien, sondern am Burghölzli in Zürich. In seinen frühen, als bahnbrechend geltenden Assoziationsexperimenten wird klar, dass etwas aus dem Unbewussten ins bewusste Sein hineinwirken kann. Dies ist aber nicht der Beginn von Jungs Beschäftigung mit der Psyche, denn die reicht zurück bis in seine Kindheit. Er ist erst drei oder vier Jahre alt, als er sich an seinen ersten, für sein Leben bedeutsamen Traum erinnert: Es war ein Abstieg ins Unbewusste, „eine Art Initiation in das Reich des Dunkeln. Damals hat mein geistiges Leben seinen unbewussten Anfang genommen“¹.

Mit 12 dämmert ihm, dass er „eigentlich und in Wirklichkeit zwei verschiedene Personen war“ und diese auch aus zwei verschiedenen Zeiten stammten. Was er in seiner Jugend Persönlichkeit 1 und Persönlichkeit 2 nennt, wird später terminologisch zu Ich und Selbst. Nr. 1 ist der Alltagsmensch, Nr. 2 der innere Mensch, mit dem sich auch die Religionen aller Zeiten beschäftigen. Allerdings muss man auf dem Weg nach innen unter anderem an einer Schattenwelt vorbei, die es zu integrieren gilt. Jung entdeckt die inneren Bilder, die psychoid, nur quasi-psychisch, nicht aus der individuellen Psyche stammen, sondern archetypisch sind. Der Archetypus des Selbst ist identisch mit den Gottesbildern, womit die Analytische Psychologie in die Theologie hineingreift, ohne selbst Theologie sein zu wollen.

Auch das andere Ende des Spektrums der Wissenschaften interessiert Jung: die Physik. Jung kennt Erwin Schrödinger, hat Albert Einstein zu Gast und ist mit Wolfgang Pauli befreundet, was sich in einem umfangreichen Briefwechsel niederschlägt. Interessant ist auch, dass der Begriff der Komplementarität zeitgleich bei C.G. Jung und Niels Bohr auftaucht und beide diesen Begriff aus dem Taoismus entlehnen. Beiden ist klar, dass dieser Begriff über die eigene Disziplin hinausgeht, dass es sich hier um einen weiter reichenden, allgemeinen Begriff handelt. Für Jung und Pauli sind Materie und Psyche, Physik und Psychologie komplementär aufeinander bezogen.

JUNG im DIALOG

Das führt zum nächsten Blick über den Tellerrand: Jung findet in den Träumen seiner Patientinnen und Patienten Motive, die nicht aus der individuellen Psyche stammen können, aber in den Mythen, Kulturen und Philosophien der Welt allenthalben zu entdecken sind. Er stößt auf die Gnosis und auf die Alchemie, die besonders interessant ist, weil dort nicht zwischen Materie und Psyche unterschieden wird. Von dort ist der Weg nicht mehr weit nach Asien, zur chinesischen Alchemie, zum Taoismus, zum I Ging, aber auch zum Tantra, der wie eine Extrapolation des Konzepts von Anima/Animus anmutet.

Im Mittelpunkt steht aber immer die Arbeit an sich selbst, deren kritischer Höhepunkt im berühmten „Roten Buch“ in sorgfältiger Kalligraphie und künstlerischen Bildern festgehalten ist. Hier wird das Ringen des Menschen mit sich selbst dargestellt, und Jung fügt hinzu, dass sein ganzes wissenschaftliches Lebenswerk eine Aufarbeitung dieses inneren Weges der Individuation sei. Der Name, unter dem dieses Lebenswerk international bekannt geworden ist, lautet Analytische Psychologie.

Wenn wir uns — etwa in diesem Blog oder als Vereinsmitglieder vor Ort in Frankfurt a.M. — für die Förderung und fachliche Kommunikation der Analytischen Psychologie einsetzen, dann richten wir uns — wie oben beschrieben — am Weitblick und der Vielseitigkeit des Lebenswerks Carl Gustav Jungs aus. Fünf Gründe bewegen uns bei diesem Anliegen besonders.

Erstens: Interdisziplinarität und Interkulturalität, die für Jungs Arbeit immer wesentlich waren, inspirieren uns bei der inhaltlichen und spirituellen Grundausrichtung unserer Arbeit.

Zweitens: Mit der Gründung der Frankfurter C.G. Jung-Gesellschaft am 7. September 2018 sollte auf der Landkarte der C.G. Jung-Gesellschaften im deutschsprachigen Raum nicht nur eine 400 Kilometer breite Lücke zwischen Köln und Stuttgart geschlossen, sondern an einem Ort, der traditionell durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds geprägt ist, auch eine längst überfällige, fachlich lohnenswerte Auseinandersetzung eröffnet werden. Neben der Einführung in Grundlagen der Tiefenpsychologie, insbesondere der “Analytischen“, kommen in unseren Vorträgen, Seminaren, Workshops und Lektürekursen vor allem Themenfelder zur Geltung, die therapeutisch, beraterisch oder seelsorglich Tätigen eine persönliche und berufspraktische Orientierung bieten.

Analytische Psychologie und Spiritualität

Die Veranstaltungsformate, die das Gründungsteam entwickelt hat, konnten im ersten Veranstaltungsjahr bereits erfolgreich erprobt werden. Vor allem die Veranstaltungsreihe JUNG am Abend bildete 2018/19 das Aushängeschild der Gesellschaft. Das Format erreicht ein stetig wachsendes Publikum. Im Sommersemester 2020 findet am Sitz unserer Gesellschaft, der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, zum zweiten Mal eine Lehrveranstaltung zur „Analytischen Psychologie“ statt, jetzt mit dem Themenschwerpunkt „Spiritualität“.

Drittens: Interdisziplinär zu arbeiten bedeutet für die Frankfurter Gesellschaft, sich an der Offenheit C.G. Jungs für die Welt im Innen und Außen zu orientieren, kurz: an einer Analytischen Psychologie, die zwischen Philosophie, Theologie und Physik zu vermitteln versucht. Wir beschäftigen uns einerseits mit Schnittpunktthemen wie der Frage nach dem „Selbst“ und den „Gottesbildern“ sowie der zentralen Frage, was deren Unanschaulichkeit bedeuten mag. Andererseits um die komplementäre Beziehung von Materie und Psyche, von Physik und Psychologie, die als Außen- und Innenwelt untrennbar zusammengehören.

Viertens: Der Fokus Jungs war nicht nur auf die eigene Psyche und die seiner Klienten gerichtet, sondern er war auch ein Seismograph seiner Zeit. Jung erlebte innerlich die Umbrüche des damaligen Europa, der drohenden Weltkriege und der Themen und Probleme, die den Menschen vor allem in der zweiten Lebenshälfte beschäftigen. Wir wollen Jungs Werk kritisch im Kontext seiner Zeit betrachten. Jung war Empiriker. Ein Merkmal des Psychischen ist, dass man schwer verallgemeinern kann. Das „Allgemeine“ sind die unanschaulichen, psychoiden Grundstrukturen, die in jedem Menschen und in jeder Zeit individuell ausgeprägt sind.

Fünftens: Jung hat keine Lehre und keine Methode entwickelt, sondern hat bei jedem Klienten bei Null angefangen. Jeder Mensch ist anders. Eben damit hat Individuation zu tun. Wir beschäftigen uns in Frankfurt nicht mit einer Lehre, sondern bei allem Empirischen immer auch mit uns selbst, mit der Einmaligkeit unseres Lebens, etwa in der Traumarbeit oder der Aktiven Imagination. Jungs Texte authentisch zu lesen, heißt, ihren Verfasser im gesellschaftlich-gegenwärtigen wie im je individuellen Kontext immer neu zu verorten und zu verstehen versuchen.

Dieser lohnenden wie zugleich dringlichen Aufgabe fühlen wir uns mit unseren Freunden, unseren Kolleginnen und Kollegen und den Besuchern unserer Frankfurter Veranstaltungen in besonderer Weise verpflichtet.

¹ Dieses und das nächste Kurzzitat stammen aus C.G. Jung: „Erinnerungen, Träume, Gedanken“. Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé, Edition C.G. Jung im Patmos-Verlag, 18. Auflage 2013.

© 2020 Robert Harsieber und Ludger Verst

Unsere nächste Veranstaltung:
JUNG am Abend | 03.02.2020, 19.00 – 21.00 Uhr
Christiane Lutz, Stuttgart: Mythen und Märchen in der psychodynamischen Therapie

C.G. Jung-Gesellschaft Frankfurt am Main • Offenbacher Landstraße 224 • 60599 Frankfurt
eMail: verst@sankt-georgen.de

Die Falle der Subjekt-Objekt-Spaltung

Zur Dringlichkeit eines neuen Weltbildes

| Von Robert Harsieber |

Als Zeitzeuge des 20. Jahrhunderts hat C.G. Jung nicht nur zwei Weltkriege erlebt; er sah sie in Umrissen sogar voraus. Jung erlebte das Entstehen einer völlig neuen Physik und begründete dann selbst die mit seinem Namen verbundene „Analytische Psychologie“. «Neues am Rande des Abgrunds», könnte man schlagwortartig formulieren. 

Gegensätze komplementär zusammenzubringen, ist seitdem das Thema der Physik und der Analytischen Psychologie. Es ist die Herausforderung einer neuen Logik. Jung sah auch die europäische Kultur in diesem Spannungsfeld. Es gibt von ihm viele zeitdiagnostische Aussagen. Eine davon: „Die Kirche predigte den jungen Menschen den blinden Glauben, die Universität einen rationalistischen Intellektualismus — mit dem Resultat, dass heute das Argument des Glaubens sowohl wie das der Vernunft seine Überzeugungskraft verloren haben.“¹

Das Auseinanderdriften dieser beiden Faktoren hat René Descartes ausgelöst: Die Naturphilosophie wurde zur Physik, die statt Gott einem (Laplace‘schen) Dämon huldigte. Die heilige Kuh dieser neuzeitlichen Religion war der Determinismus und die Überzeugung: Ein fiktiver Dämon, der den Zustand aller Teilchen der Welt zu einem Zeitpunkt kennt, könne jeden vergangenen und zukünftigen Zeitpunkt berechnen. 

Spiritueller Materialismus

Der Religion blieb damit das Geistige als das Innere des Menschen, so dass sich beide Bereiche nicht tangierten. Die Kirche wetterte fortan gegen den „Zeitgeist“ alles Neuen und ist sich bis heute nicht bewusst, wie sehr sie ihm damit selbst zum Opfer fiel. Im selben Geist verlegte sie nämlich das Innerste nach außen, wodurch die innere Haltung des Empfänglich- und Offenseins in einen Glauben an „etwas“ degenerierte. Die Kirche unterwarf sich devot der Subjekt-Objekt-Spaltung Descartes’ und verpflichtete die Gläubigen auf ein System von Dogmen, die nur mehr äußerlich gesehen wurden. Innere Erfahrung wurde zum Tabu. Spiritueller Materialismus könnte man das in Anlehnung an ein Buch von Tschögyam Trungpa, einem Tibetischen Lama, nennen. 

Der Sturz des Laplace’schen Dämons

Die Physik drang immer weiter ins Innerste der Materie vor, bis sich die Quantenphysik herauskristallisierte und der „Drachentöter“ Heisenberg den Dämon des Determinismus austrieb. Er konnte nämlich zeigen, dass schon Ort und Impuls eines Teilchens nie gleichzeitig genau angegeben werden können. Voraussagen könne man nur mehr Wahrscheinlichkeiten, keine Einzelereignisse; die seien zufällig. Max Born erklärte später, dass auch schon in der klassischen Physik der Determinismus eine Illusion gewesen sei, weil auch da schon absolut exakte Messungen unmöglich waren. Den naiven Realismus musste man somit ad acta legen.

Wie schon Jung beobachtete, können viele Menschen heute mit einem blinden Glauben nichts mehr anfangen, und auch ein trockener Szientismus wird zunehmend bekämpft. So werden die einen zu Atheisten, die anderen zu Esoterikern. Nur ist damit nichts gewonnen, eher etwas verloren. Das ist – nimmt man die Logik der Quantentheorie zum Vorbild – nicht verwunderlich: Durch jede Information geht gleichzeitig Information verloren. Auch das besagt die Heisenbergsche Unschärferelation. 

Die psychische Funktion der Religion

Nach Jung haben die Religionen eine psychische Funktion, nämlich eine heilende. Der Glaube an etwas, besser die Offenheit für das, was über das bewusste Ich hinausgeht, ist heilsam im Umgang mit den Mächten der Unterwelt, der Welt des Unbewussten. Orthodoxe Atheisten halten daher auch die Psyche für nicht „glaubwürdig“ und verdrängen, was ihnen gefährlich werden könnte. So treffen sie sich mit den fundamentalistisch Religiösen, die ihre Innenwelt ebenfalls verdrängen müssen. Kein Wunder, wenn sich die beiden gelegentlich beim Psychotherapeuten treffen, wenn das Unbewusste nicht mehr so ganz mitspielt.

Der Archetypus des Selbst, das Gottesbild, nötigt den Menschen zur Überschreitung des endlichen menschlichen Bereichs. Der Mensch ist immer mehr als er im Moment ist, aber auch weniger als er sein könnte. Das klingt gegensätzlich, gehört aber zusammen. Der Mensch lebt im Spannungsfeld zwischen Sein und Werden, Wirklichkeit und Möglichkeit. Dies spannt den Menschen in eine Dynamik und hindert ihn am Stehenbleiben. 

Für Jung ist der Gottesbegriff eine notwendige psychische Funktion irrationaler Natur, die mit der Frage, ob es Gott gibt oder nicht, überhaupt nichts zu tun hat. Er hält es deshalb „für weiser, die Idee Gottes bewusst anzuerkennen, denn sonst wird einfach irgendetwas anderes zum Gott, in der Regel etwas sehr Unzulängliches und Dummes, was ein ‚aufgeklärtes‘ Bewusstsein so etwa auszuhecken vermag“².

Das Lebendige braucht Gegensätze.

Das wusste schon Hegel. Das gilt nach Jung auch für die Vernunft: Der Mensch kann nicht nur vernünftig sein, das Irrationale gehört zur Vernunft und zum Menschsein dazu. Daher ist Einseitigkeit, welche auch immer, ein fundamentaler Fehler. C.G. Jung interessierten nicht die Konfessionen, sondern die psychische Wirklichkeit der Religionen. In einer Ego-Welt stößt alles Kollektive ab, doch wir brauchen beides. Das Über-das-Individuelle-Hinausgehen ist das Argument für die Religionen: Die Individuation geht vom Ich zum Selbst. Sich selbst zu überschreiten ist aber nicht Sache des Ich.

Im Grunde hat die Quantenphysik das komplementäre Denken salonfähig gemacht, das auch der Psychologie inhärent ist. Aber man sagt – dem gängigen Weltbild entsprechend – gern, das sei eben „nur“ psychisch. Von zwei gegensätzlichen Anschauungen brauchen wir jedoch beide, um der Wirklichkeit gerecht zu werden. So auch die Perspektiven des Psychotherapeuten und des Theologen. Ersterer kann das Problem nur innerpsychisch angehen. Er stellt fest, dass am Höhepunkt einer psychischen Erkrankung sich das Zerstörende in das Heilende verwandelt. Er erklärt dies mit dem Erwachen des Archetypus, der die Initiative übernimmt, wenn man ihn lässt. „Die Eigentätigkeit der Seele erwacht.“³ Der religiöse Mensch oder der Theologe würde sagen: Gott wirkt in der menschlichen Seele. Der menschliche Reflex ist, das eine oder das andere für Unsinn, für irrational zu erklären. 

Erfahrung ist nicht mechanistisch.

Komplementäres Denken kann beides stehen lassen. Wie schon erwähnt, taucht der Begriff der Komplementarität zeitgleich in Physik und Psychologie auf. Doch auch die Alltagswelt ist viel weniger logisch als es scheint. Die Komplementarität ist hinter dem mechanistischen Weltbild Newtons und Cartesianischer Spaltung nur gut versteckt. Immer noch „geht“ für uns „die Sonne auf und unter“; unsere Sprache ist zwar subjekt-objekt-strukturiert, aber sehr oft „psychosomatisch“ — wenn uns z.B. das Herz bricht oder etwas über die Leber läuft — oder symbolisch, wenn es nicht um Begriffe, sondern um Bilder geht. 

Das naturwissenschaftliche Zerlegen der Welt in Einzelteile prägt unser Denken. Realität sind Dinge und Objekte. Was nicht Objekt ist, ist Einbildung, Fantasie oder „nur“ psychisch. Aber so wie die Physik darauf gestoßen wurde, dass Elementarteilchen keine Teilchen sind, so gibt es bei genauerem Hinsehen so etwas wie isolierte Objekte auch in unserer Lebenswelt nicht. Die Innenwelt ist genauso real wie die Außenwelt, und ein isoliertes Ich ist eine Abstraktion und wäre so gar nicht lebensfähig. Der Mensch ist ein soziales Wesen; ohne Beziehung ist er nicht. Es gibt kein Ich ohne Beziehung zu anderen und zur Umwelt.

Es gibt kein Ich ohne Beziehung zum Ganzen.

Eine solche Beziehung nennen wir religiös oder spirituell. Jung nennt dieses Ganze das Selbst, und den Weg vom Ich zum Selbst: Individuation. Es ist ein Weg des Sich-selbst-Überschreitens. Da in Europa die aristotlische Logik die Oberhand gewonnen hat, haben es Religion wie Psychologie, die ein dynamisches Welt- und Menschenbild vertreten, relativ schwer. Seit der Antike (und Heraklit ignorierend) fragen wir nur: „Was ist?“ Damit geht jegliche Dynamik, jegliche Entwicklung verloren. 

Die Evolutionstheorie ist nicht deswegen so erschütternd, weil Mensch und Affe dieselben Vorfahren haben, sondern weil sie das „Ist“ ad absurdum führt und in ein Werden überführt. Damit ist die Evolutionstheorie der Religion viel näher als der Naturwissenschaft. Man sieht das nicht so, weil wir gewohnt sind, auch Religion statisch zu sehen. Religion ist Gauben an etwas. In Wirklichkeit ist sie Offenheit für Veränderung, für (persönliche) Entwicklung, für Individuation. Der Mensch ist nicht, er wird. Und das kann er nicht als isoliertes Ich, sondern nur in Beziehung zu anderen („Nächstenliebe“), zur Umwelt und zum Ganzen oder Unendlichen („Gottesliebe“).

Was Religion wirklich ist oder sein kann, werden wir erst begreifen, wenn wir das Denken in isolierten und statischen Dingen und Objekten ablegen und ein neues, dynamisches Beziehungsdenken entwickeln, das uns offen macht für das, was über das Ich hinausgeht.

Anmerkungen:

¹ Über die Beziehung der Psychotherapie zur Seelsorge, in C.G. Jung, Schriften zu Spiritualität und Transzendenz. Edition C.G. Jung, Patmos Verlag 2013, S. 126

² Das persönliche und das überpersönliche oder kollektive Unbewusste, ebda. 34

³ Ebda. 128. — „Dem leidenden Menschen hilft nie, was er selbst ersinnt, sondern nur übermenschliche, geoffenbarte Wahrheit, die ihn dem leidenden Zustand enthebt.“ (S. 127). — Wobei mit „Offenbarung“ die Perspektiven des Unbewussten gemeint sind, Durchbrüche des Unbewussten aus der Tiefe der Seele.

© 2018 Robert Harsieber

Außen und Innen

Zur Komplementarität von Physik und Psychologie

| Von Robert Harsieber |

Wir sind gewohnt, die Außenwelt als objektiv und real, die Innenwelt als subjektiv und unwirklich zu betrachten. Für klassische Naturwissenschaftler ist daher Psychologie keine Naturwissenschaft. Dem widersprach C.G. Jung, indem er die Analytische Psychologie als Erforschung der inneren Natur betrachtete. Dem vorherrschenden Wissenschaftsbegriff zufolge entwickelten sich Physik und Psychologie völlig unabhängig voneinander.  

Um 1900 setzte eine neue Entwicklung ein: Zu dieser Zeit läutete Max Planck mit seinem Begriff der Lichtquanten eine neue Ära der Physik ein; auch Sigmund Freuds „Traumdeutung“ erschien 1900. In beiden Disziplinen blieb kein Stein auf dem anderen. Wolfgang Pauli war der erste, der erkannte, dass man in der Physik die Anschaulichkeit der klassischen Begriffe aufgeben muss. Die Quantenphysik erforscht eine Welt des Unanschaulichen, während Freud und vor allem Jung begannen, die ebenso unanschauliche Welt des Unbewussten zu erforschen. Das blieb nicht die einzige Parallele.

In der Physik wurden die zu untersuchenden Teilchen immer kleiner, sodass jede Messung Einfluss auf das Ergebnis nahm. Die Frage, wie etwas vor einer Messung ausschaut, wurde sinnlos. Auf der psychologischen Seite ist es genauso sinnlos zu fragen, was wir „wirklich“ geträumt haben, denn die bewusste Erinnerung verändert bereits den Traum — wie die Messung in der Physik. Wie die Phänomene der physikalischen Mikrowelt unanschaulich sind, so sind es auch die Jung’schen Archetypen. Was wir durch Traumerinnerungen oder Imaginationen aktiv ins Bewusstsein fördern, sind archetypische Vorstellungen. 

In dem sich über 26 Jahre erstreckenden Briefwechsel zwischen C.G. Jung und Wolfgang Pauli kommen die beiden zu dem Schluss, dass die Archetypen keine psychischen Phänomene sind (Jung nennt sie psychoid und nicht psychisch), sondern wirkende Muster, die sich in der Psyche genauso wie in der Physik ausprägen. Jung spricht von einer gemeinsamen Matrix von Psyche und Materie [1]. 

Die „neue“ Ganzheit

Mit dem Planck’schen Wirkungsquantum kam ein völlig neues Element in die Physik: das der Ganzheit. Die Welt der klassischen Physik konnte in ihre Einzelteile zerlegt und analysiert werden; in der Quantenphysik geht das nicht mehr. Es gibt kein isoliertes Teilchen, sondern ein Elektron bekommt seine Bedeutung erst durch den Zusammenhang mit dem „Rest“ der Welt. Isoliert von der Versuchsanordnung und von der Welt als Ganzer ist es nicht. Mit den Quanten erweist sich die Welt als Einheit ohne Teile. Wir können und müssen zwar von Teilen reden, wir dürfen aber nicht glauben, dass dem etwas entspricht. 

In der Psychologie gibt es ebenfalls keine isolierten Phänomene. Für ein Symbol, einen symbolischen Inhalt gibt es keine „Definition“, keine Abgrenzung. Es erhält seine Bedeutung durch den Kontext. Es ist ein objektives Phänomen, das in situationsabhängig subjektiver Ausprägung vorliegt. Symbole können nur vor dem Hintergrund des ganzen Menschen gesehen werden, genau genommen sogar vor dem Hintergrund der gesamten Menschheitsgeschichte. Dies impliziert der Begriff des kollektiven Unbewussten bei C.G. Jung.

Komplementarität

Einer der wichtigsten neuen Begriffe in Physik und Psychologie ist jener der Komplementarität. In der Physik wurde der lange Streit zwischen der Teilchen- und Wellennatur des Lichts durch Einstein entschieden: Es ist beides! Es gibt Experimente, in denen das Licht als Welle erscheint, und andere, in denen es als Teilchenstrom erscheint. Ein Teilchen hat einen begrenzten, punktförmigen Ort, eine Welle erstreckt sich theoretisch bis in die Unendlichkeit. Mehr könnten sich die Bilder nicht widersprechen, das eine schließt das andere aus. Trotzdem geht es nur um ein Phänomen. Die beteiligten Physiker beschreiben den Schock, als wäre ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Niels Bohr löste diesen gordischen Knoten, indem er den Begriff der Komplementarität einführte: Welle und Teilchen sind zwei anschauliche Bilder, die einander ausschließen, aber auch einander bedingen, weil keines alleine genügt, um die Welt zu beschreiben. 

Es ist vor allem die Komplementarität, die das aristotelische Entweder-Oder-Denken ablösen und einer gemeinsamen Sprache von Physik und Psychologie zugrunde gelegt werden müsste. Das hat bereits Niels Bohr betont, ebenso Max Born [2]. Wolfgang Pauli intendierte eine „neutrale Sprache“, die sich auf Physik und Psychologie anwenden ließe. [3]

Teilchen- und Wellendenken

In der Psychologie C.G. Jungs sind Bewusstsein und Unbewusstes komplementär aufeinander bezogen. Männliches und Weibliches schließen sich — oberflächlich betrachtet — aus, gehören aber komplementär zusammen. Nach der Integration des Schattens ist die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem in der Individuation ein komplementärer Vorgang, in dem sich die Gegensätze vereinen, ohne sich ineinander aufzulösen. Symbolisch komplementäre Phänomene sind auch hell — dunkel, gut — böse, Tag — Nacht, Anima — Animus, oder auch Gefühl — Verstand: Das eine ist ohne das andere nicht zu haben.

Das Wirken der Archetypen in Physik und Psychologie kann man auch am Teilchen- und Wellenbild in der Quantenmechanik ablesen, das psychologisch der männlichen und weiblichen Sicht entspricht. Man kann es als Objektdenken (männlich) und Beziehungsdenken (weiblich) bezeichnen, das sich schon unmittelbar nach der Geburt unterscheiden lässt (Simon Baron-Cohen und Jennifer Connellan [4]). So gesehen kann man die Quantentheorie auch als das Einbeziehen des weiblichen Beziehungsdenkens in die männlich dominierte Naturwissenschaft betrachten. Da Beziehung nichts rein Objektives ist, führt die Einbeziehung eines subjektiven Moments auch hier zu einer Erweiterung in die Komplementarität. 

Indeterminismus

Naturwissenschaft beschreibt nicht die Natur, sondern unser Sehen der Natur. Sie fragt nicht danach, was ist, sondern was wir erkennen können [5]. Dadurch musste der naive Realismus aufgegeben werden. Es gibt eine Außenwelt, aber keine unabhängig vom Beobachter existierende Außenwelt. 

Ebenso musste der klassische Determinismus aufgegeben und durch die statistische Wahrscheinlichkeit ersetzt werden [6]. Die Quantenmechanik kann nichts über den Einzelfall aussagen, sondern nur mehr Wahrscheinlichkeiten angeben, z.B. wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, ein Teilchen an einem bestimmten Ort anzutreffen, wenn gemessen wird. Beim atomaren Zerfall kann die (statistische) Halbwertzeit angegeben werden, nicht aber, wann ein einzelnes Atom zerfallen wird. Das bleibt dem Zufall überlassen und kann gar nicht vorhergesagt werden. 

Genau das bedeutet der Determinismus der klassischen Physik: Wenn die Ausgangsbedingungen eines Systems bekannt sind, dann kann jeder zukünftige Zeitpunkt berechnet und vorhergesagt werden. Max Born hat allerdings gezeigt, dass das auch in der klassischen Physik schon eine Illusion war, weil die Ausgangwerte prinzipiell nie exakt bestimmt werden können [7]. 

Kausalität und Wahrscheinlichkeit

Wir können also verallgemeinern: Es gibt keine Kausalität, sondern nur Wahrscheinlichkeit. Was wir in der Alltagssprache als Kausalität bezeichnen, ist quasi die höchste Wahrscheinlichkeit. Wir können auch nicht beweisen, dass morgen die Sonne aufgeht, es ist allerdings höchst wahrscheinlich. Erst recht im Bereich des Lebendigen oder Psychischen. Niemand kann vorhersagen, wie ein bestimmter Mensch in einer bestimmten Situation reagieren wird, und wenn, dann nur mit mehr oder weniger großer Wahrscheinlichkeit. Das ist auch das Problem der psychologischen oder psychiatrischen Gerichtsgutachter. 

Nichts im Leben ist völlig sicher, weil nichts wirklich kausal vorhergesagt werden kann. Die Quantenmechanik hat das mechanistische Weltbild der klassischen Physik widerlegt. Die Welt als Maschine oder als Uhrwerk ist endgültig obsolet. Es wäre absurd, den Menschen mechanistisch erklären zu wollen, wie das aber immer noch vielfach geschieht — etwa in der „modernen“ Hirnforschung, die den Menschen kausal vom Gehirn determiniert sehen will und dabei Kausalität mit Korrelation verwechselt. 

Den Menschen zu erklären, erfordert eine Psychologie, die dasaturwissenschaftlich Erfassbare komplementär ergänzt. Physik und Psychologie gehören komplementär zusammen, sie sind die Außen- und Innenseite der einen Wirklichkeit. 

  1.  C.A. Meier: Wolfgang Pauli und C.G. Jung. Ein Briefwechsel 1932-1958; Springer 1992, S. 126
  2. „Bohrs Prinzip der Komplementarität muss auch als eine neue Denkmethode angesehen werden; sie stammt aus der Physik, ist aber in vielen anderen Gebieten anwendbar.“  Max Born: Physik im Wandel meiner Zeit, Viehweg  1983, S. 267
  3. Briefwechsel, S. 108
  4. Zit. in Raphael Bonelli: Männlicher Narzissmus, Kösel, S. 204 f. – Männliche Neugeborene haben mehr Interesse an Gegenständen, weibliche an Gesichtern.
  5.  „Wir müssen uns daran erinnern, dass das, was wir beobachten, nicht die Natur selbst ist, sondern Natur, die unserer Art der Fragestellung ausgesetzt ist.“ — Werner Heisenberg, zit. in: Ernst Peter Fischer, Die Hintertreppe zum Quantensprung. Die Erforschung der kleinsten Teilchen von Max Planck bis Anton Zeilinger, Fischer TB, 2. Aufl. 2013, S 180
  6. Max Born, Physik im Wandel meiner Zeit, S. 110
  7. Max Born: Ist die klassische Mechanik tatsächlich deterministisch? In Physik im Wandel meiner Zeit, S. 160 ff.

© 2018 Robert Harsieber

Wann ist der Mensch ein Mensch?

| Von Robert Harsieber |

Seit der Quantenphysik spielt die Messung eine entscheidende Rolle in der Physik. Der österreichische Physiker Herbert Pietschmann (*1936) behauptet: „Die Eigenschaft von Quantenphänomenen wird durch die Messung nicht festgestellt, sondern hergestellt.“ Demnach würde gelten: Das Hinschauen entscheidet darüber, was man und ob man etwas sieht. Zugespitzt könnte man fragen: Existiert der Mond auch dann, wenn niemand hinschaut? —  Oder der Mensch? Gibt es ihn auch, wenn niemand ihn wahrnimmt?

Solche Fragen klingen sonderbar, auch für die Quantenphysik. Die Messung entscheidet ja nicht über die Existenz oder Nichtexistenz eines „Dings“ an sich, sondern über dessen Eigenschaften. Vor der Messung ist das „Ding“ oder das „Teilchen“ nicht inexistent; wir können bloß nichts über es aussagen.

Es gibt die objektive Welt auch unabhängig vom Subjekt. Nur — wenn wir etwas über diese Welt aussagen, dann ist das nicht mehr objektiv, sondern subjektiv gefärbt. Die Welt ist überhaupt nur dann objektiv, wenn wir nicht hinschauen und nichts über sie aussagen. Man könnte also behaupten, nur dann, wenn niemand hinschaut, ist der Mond wirklich nur Mond.

Beim Sehen des Mondes geht es viel mehr um das Sehen als um den Mond.

Gilt das auch vom Menschen? — Die Naturwissenschaft beschreibt zwar eine objektive Welt, aber das ist eine konstruierte, künstliche Welt. In der fallen z.B. alle Körper gleich schnell, in der wirklichen Welt tun sie genau das nicht. Die Sätze der Naturwissenschaft sind allgemeingültig und reproduzierbar, in unserer Lebenswelt ist alles einmalig, nichts wiederholt sich. Der Erfolg der Naturwissenschaft war es ja, alles Subjektive, Einmalige, Lebendige und damit Menschliche auszuschließen, um eine (abstrakte) objektive Welt beschreiben zu können. Aufgrund des enormen Erfolgs der Naturwissenschaft fällt uns gar nicht mehr auf, dass unsere Welt nicht physikalisch, sondern vielmehr psychologisch funktioniert.

Alles, was wir sehen und wahrnehmen, ist subjektiv gefärbt. Wie wir etwas sehen, sagt mehr über uns selbst aus als über das „Objekt“. Es fällt uns nicht auf, dass die Quantentheorie mehr mit einer Psychologik als mit der klassischen Logik zu tun hat: Es gibt in der Quantenmechanik kein Entweder-Oder. Gegensätze werden zur Komplementarität.

Psychotherapie ist die Bearbeitung von Konflikten, in denen widerstreitende Gegensätze nicht eliminiert, sondern komplementär integriert werden sollen.

Es gibt Überlagerungen von Quantenzuständen, wie es auch Überlagerungen von unbewussten inneren Zuständen gibt. Psychische Inhalte können als Faktum — analog dem Teilchenbild der Physik — oder als Tendenz, als dynamisches Muster — analog dem Wellenbild der Physik — gesehen werden. Und auch das ist kein Entweder-Oder, sondern es muss immer beides berücksichtigt werden.

Ludwig Wittgenstein sagt im Tractatus logico-philosophicus 6.52:

„Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“

Die objektive Welt ist voll mit den Errungenschaften von Naturwissenschaft und Technik, die Lebenswelt des Menschen ist eine völlig andere. Die naturwissenschaftliche Welt ist das, was für alle Menschen in gleicher Weise gültig ist. Das hat aber nichts mit „Wahrheit“ zu tun oder mit dem „Sinn“ einer Sache, sondern ist der kleinste gemeinsame Nenner menschlicher Wahrnehmung. Darüber hinaus sieht jeder von innen heraus die Welt auf seine je eigene Weise.

Im Lebendigen gibt es keine objektive Welt.

Jeder lebt in seiner eigenen Welt. Jeder sieht die Außenwelt entsprechend seiner Innenwelt. Wer sich wohlfühlt, sieht die Welt ganz anders als der Deprimierte. Wer liebt, lebt in einer anderen Welt als der, der hasst. Wer sich verliebt, für den wird auch die Welt eine andere, weil er sensibel wird für andere Muster der Überlagerung aller Möglichkeiten.

Die „objektive“ Welt ist eine Abstraktion, die in unserer Lebenswelt nicht vorkommt. Zur Ideologie verkäme daher eine Naturwissenschaft, die nicht mehr wahrnähme, dass im Sehen eines banalen Gegenstandes auch das eigene Biographische steckt. Die Welt ist unendlich mehr als die Betrachtung ihrer „objektiven“ Seite. Das ist Physikern durchaus bewusst, sofern sie Physik als Methode und nicht als Ideologie betreiben.

„Es ist nicht so, dass Natur vor uns verborgen wäre. Sie ist noch gar nicht ganz da und wird das auch nie sein. Natur wird in dem Moment, da wir darüber reden, ausgearbeitet“, erklärt der amerikanische Physiker Christopher Fuchs in Anlehnung an den Prozessphilosophen William James (1848-1910).

Theorien sind Instrumente, nicht die Antworten auf unsere Rätselfragen.

Wir können vom Geist und von der Materie nicht mehr so sprechen, wie es die Menschen früher getan haben. Wir erkennen heute, dass Geist eine Struktureigenschaft aller komplexen Systeme ist. Alles, was nach dem „Urknall“ Materie, Raum und Zeit wird, entfaltet sich explosionsartig durch unendliche Folgen von Teilungen. Aber Teilchen, Dinge, Objekte, Materie — all das entsteht erst aus einer tieferen Ebene durch Beziehung.

Was in Erscheinung tritt, beruht auf dem Ereignis von Beziehungen. Das gilt auch und erst recht für den Menschen: Mensch ist der Mensch-in-Beziehung.

© 2018 Robert Harsieber