Quantenlogik und Lebenswelt

| Von Robert Harsieber |

Wir leben heute in einer Zeit des Übergangs, in der die alten Weltbilder brüchig geworden sind und sich noch kein neues Weltbild etablieren konnte, obwohl vieles bereits klar vor Augen liegt. Der Schlüssel dazu ist das Aufgeben der Subjekt-Objekt-Spaltung, des logischen Entweder-Oder — und die Zusammenschau von Außenwelt und Innenleben.

Während das Denken der klassischen Physik dem modernen Menschen in Fleisch und Blut übergegangen ist und noch heute vorherrscht, bahnte sich ab 1900 ein grundsätzlich neues Denken an. Im Jahr 1900 veröffentlichte Max Planck sein „Wirkungsquantum“ und im selben Jahr Sigmund Freud seine Traumdeutung. Beides war das Betreten von Neuland. In den folgenden etwa 30 Jahren arbeitete eine ganze Riege von Nobelpreisträgern an der Entwicklung der Quantentheorie, um die Mikrodimension der Außenwelt zu erfassen – eine kollektive Leistung erstaunlichen Ausmaßes. Parallel dazu entwickelte C.G. Jung als Pionierleistung eines Einzelnen seine Analytische Psychologie, die Erschließung der Innenwelt des Unbewussten.

Komplementarität: Gegensätze, die zusammengehören

Man muss diese Entwicklungen parallel sehen, um ihre Bedeutung für die Gesellschaft zu verstehen. Die Physik war bisher ein Prozess des Eliminierens aufkommender Widersprüche und der Zusammenführung bislang getrennter Theorien, bis ein letzter Widerspruch, nämlich der zwischen Teilchen und Welle, nicht mehr zu eliminieren war. Für diese letzte Widersprüchlichkeit prägte Niels Bohr den Begriff der Komplementarität: einander ausschließende Gegensätze, die aber nur zusammen die Wirklichkeit ergeben. Quantenphänomene sind materielle, fast punktförmige Teilchen – und gleichzeitig unendlich ausgedehnte Energie.

Unabhängig davon führte C.G. Jung denselben Begriff der Komplementarität in die Psychologie ein, um so gegensätzliche und doch zusammengehörende Phänomene wie Bewusstes und Unbewusstes oder Anima und Animus zu beschreiben und zu zeigen, dass der Gegensatz immer mitbedacht werden muss. Übrigens haben beide, Niels Bohr und C.G. Jung, den Begriff der Komplementarität aus dem chinesischen Daoismus entlehnt, der kein Entweder-Oder kennt.

In der Psychologie geht es von vornherein um Widersprüche und Konflikte, weil es um Lebendiges geht, das nach Hegel den Widerspruch in sich enthält und aushält. Schon als Jugendlicher sah sich C.G. Jung als zwei Persönlichkeiten, als der Jugendliche, der er gegenwärtig war, und als eine Persönlichkeit, die in die Vergangenheit reichte, die umfassender und „wissender“ war. Später bezeichnete er sie als Ich und Selbst. Das Unbewusste war in C.G. Jung schon sehr früh erwacht.

Das Unbewusste und die Nicht-Lokalität

Was in der Psychologie das Unbewusste ist, das ist in der Physik die Nicht-Lokalität. Nach und nach wurde klar, dass die Suche nach den „kleinsten Bausteinen der Welt“ sinnlos war, weil das wirklich Elementare nicht Teilchen sind, sondern Wechselwirkung. Im Bereich des Lebendigen nennt man das Beziehung. Daher gibt es in der Quantenphysik kein isoliertes Subjekt und keine vom Subjekt unabhängige, objektive Welt. Das heißt, ein Elektron „existiert“ nur in Wechselwirkung. Für sich gesehen ist es nicht. Und auch in der Psychologie gibt es kein isoliertes Ich, auch kein für sich bestehendes Objekt, nichts ist vom Kontext, von der Umgebung zu trennen.

Auch der Mensch ist nichts ohne Beziehung. Die Individualität eines Menschen, sein Ich, entsteht erst in der Kommunikation mit der Mutter und der Umwelt. Ohne diese Sozialkontakte ist der Mensch gar nicht lebensfähig, ohne Kommunikation gäbe es kein Ich und kein Subjekt. Das Spezifische der Psychologie ist, dass es um die Beziehung zu sich selbst, nicht nur um Beziehungen in der Außenwelt, sondern auch zur Innenwelt geht.

Unbewusstes und Nicht-Lokalität kann man als Zugänge zu einem Unbekannten und Unanschaulichen von verschiedenen Seiten bezeichnen. So schreibt C.G. Jung an Wolfgang Pauli: „Psyche wie Materie sind beide als ‚Matrix‘ an und für sich ein X, d.h. eine transzendentale Unbekannte, daher voneinander begrifflich nicht zu scheiden, also praktisch identisch und nur sekundär verschieden als verschiedene Aspekte des Seins.“

Jede Messung verändert das Gemessene. Jede Wahrnehmung verändert das Wahrgenommene.

Etwas völlig Neues in der Quantenphysik ist das sogenannte Messproblem. Eine objektive Beschreibung der Welt ohne Einbeziehung des Messapparats ist nicht mehr möglich. Jede Messung ist Wechselwirkung und jede Messung verändert das Gemessene. Und um es auf die Spitze zu treiben: die gemessenen Eigenschaften gibt es vor der Messung gar nicht. Erst durch Messung erhält ein Quantenphänomen zum Beispiel seinen Ort –- durch den Kollaps der Wellenfunktion. Das Feldartige verschwindet und es bleibt das Teilchenartige. Vorher hat es keinen Ort, es „existiert“ in Superposition an allen möglichen Orten gleichzeitig. Das ist aber nur die etwas hilflose Sprache dafür, dass es gar keinen Ort gibt, oder anders gesagt, dass es so etwas wie Nicht-Lokalität oder reine Potenzialität gibt.

Genauso in der Psychologie: Die Psyche hat keinen Ort, man kann sie nicht im Körper lokalisieren. Sie ist ebenso nicht-lokal. Die Archetypen C.G. Jungs sind nicht einmal psychisch, sondern psychoid, der Anschaulichkeit genauso entzogen wie ein Quantenphänomen vor der Messung. Aber auch das Hinschauen ist eine Art Messung. Die Bilder oder Symbole, die wir in Träumen oder Fantasien registrieren, sind wahrgenommene (= gemessene) Archetypen. Es sind archetypische Vorstellungen, in denen die nicht-anschaulichen Archetypen zu individuellen Bildern „kollabieren“.

Verschränkung und konstellierte Ereignisse

Die Nicht-Lokalität ermöglicht das wohl spektakulärste Phänomen der Quantenphysik, die Verschränkung. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – das ist die falsche Übersetzung eines Satzes von Aristoteles. Das Ganze ist nämlich nicht mehr, sondern etwas anderes als die Summe der Teile. Wenn zwei (oder mehrere) Wellenfunktionen zusammenkommen (von „Teilchen“ kann man nicht reden, weil es sich um Zustände handelt), dann hören sie sogleich auf, für sich zu existieren und eine andere tritt als Ganzes an ihre Stelle. Das nannte Erwin Schrödinger Verschränkung. Es sind dann nicht zwei oder eine Summe von zwei, sondern es ist etwas anderes als ein Ganzes entstanden.

Man kann aber dieses Eine „teilen“ und sich in gegensätzliche Richtungen entfernen lassen. Wenn man an einem „Teilchen“ eine Eigenschaft misst, ist die Eigenschaft des „anderen Teilchens“ instantan, also gleichzeitig (ohne dass eine Informationsübertragung möglich oder notwendig wäre) festgelegt, selbst wenn das andere am anderen Ende des Universums wäre. Die „Zwillingsteilchen“ reagieren als eines.

Man kann das mit der Synchronizität vergleichen, die C.G. Jung und Wolfgang Pauli in ihrem Briefwechsel diskutierten, also mit zwei Ereignissen, die nicht kausal, sondern ihrer Bedeutung nach zusammenhängen –- beispielsweise, wenn sich in der inneren Entwicklung gewisse psychische Muster „konstellieren“ (wie es Jung nennt), die in der Außenwelt zu gewissen Ereignissen führen, die für die Entwicklung bedeutsam sind. Sie verschränken sozusagen die innere, psychische Situation mit der äußeren Welt, ohne dass ein kausaler Zusammenhang besteht.

Wege zu einem neuen Denken

Um zu einem neuen, zeitgemäßen Denken zu kommen, müssten wir unser gewohntes Objektdenken aufgeben oder um ein Wellendenken ergänzen. In der Natur gibt es keine isolierten Objekte oder Subjekte. Das sind Abstraktionen. Was wir als begrenzte Dinge oder Objekte sehen, sind Feldkonzentrationen, die Felder selbst haben keine Grenzen.

Man kann Wissenschaft nicht von Wissenschaftstheorie trennen. Naturwissenschaft ist nicht die Beschreibung der Natur, sondern unseres Sehens der Natur (Heisenberg). Und Psychologie ist nicht die Beschreibung der Psyche, sondern des Bewusstwerdens von Psychischem. Das Sein „dahinter“ ist der Bereich des Ganzen, des Selbst, der Nicht-Lokalität, der Potenzialität. Dieser Bereich ist unanschaulich, nicht direkt zugänglich – und doch nicht außerhalb von uns, denn hier sind Subjekt und Objekt gar nicht getrennt. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wissen wir, dass wir uns diesem Bereich von zwei Seiten her nähern können, von außen wie von innen.

Doch ist das, was nach 1900 in Physik und Psychologie entstanden ist, noch nicht aufgearbeitet. Der Jung-Pauli-Dialog müsste fortgesetzt, eigentlich wieder aufgenommen werden. Dies versucht ein Buch, das demnächst erscheinen wird:

Robert Harsieber: Quantenlogik und Lebenswelt. Wege zu einem neuen Denken. Ibera Verlag / European University Press 2020

© 2020 Robert Harsieber

Das Rätsel des Bösen

| Von Robert Harsieber |

Beim Thementag „Theologie trifft Therapie?“, der Initialveranstaltung der C.G. Jung-Gesellschaft Frankfurt am 23. Juni 2018, fiel im Vortrag von Konstantin Rößler der Satz, das Böse entstehe „aus dem Fehlen von Bezogenheit“. Was ist damit gemeint?, frage ich mich. Jungs Schattenkonzept kennzeichnet den Schatten als Motor der Individuation: „Projektionen verwandeln die Umwelt in das eigene, aber unbekannte Gesicht.“

Das Böse als das fremde, „unbekannte Gesicht“? Nun — die Welt ist nicht von ungefähr so, wie sie ist. Vieles entsteht von innen her, aus dem Dunkeln, wie von selbst, was manchmal unbegreiflich ist. Rößler zitiert den Psychiater im Eichmann-Prozess: Dieser Mann (Eichmann) sei überraschenderweise völlig normal, „jedenfalls normaler als ich es bin, nachdem ich ihn untersucht habe“. Das alles ist merk-würdig im wahrsten Sinne des Wortes. Es erklärt einiges, aber nicht das Rätsel des Bösen.

Der Schlüssel scheint das Fehlen von Bezogenheit zu sein. Sich aufeinander zu beziehen könnte Menschen aus ihrem statischen Subjekt-Objekt-gespaltenen Weltbild herausführen. „Selbstverschuldete Unmündigkeit“ (Kant) ist da vielleicht nur die halbe Miete. Oder sogar weniger. Denn Unmündigkeit könnte man noch erklären und entschuldigen. Aber das Fehlen von Bezogenheit macht den Menschen von einem empathischen und sozialen Wesen zu einem isolierten, das sich gegen andere und gegen alles wendet. 

Die Wurzel des Bösen liegt in der Trennung von Innen und Außen, von Subjekt und Objekt, in einer egozentrischen, beziehungslosen Welt.

Damit steckt das Böse nicht erst in Kriegen, Terror und den Grausamkeiten, wie sie alltäglich geschehen, sondern in allen Systemen, in denen es um Konkurrenz, um ein Gegeneinander statt Miteinander geht und um unbegrenztes Wachstum auf Kosten anderer. Es geht darum, besser zu sein als die anderen; die Mittel dazu sind nachrangig. Der „Markt“ produziert, was Gewinn bringt, am besten mit Ablaufdatum, um nachliefern zu können. Da dies wunderbar auch auf Kriegsgerät zutrifft, hat kaum jemand Hemmungen, Waffen zu produzieren und zu verkaufen. Drogen fallen in dieselbe Kategorie. Da sind wir dann schon beim organisierten Verbrechen, wohingegen man Waffen immerhin noch zu Verteidigungszwecken einsetzen kann. — So oder so: Sich durchzusetzen hatte immer schon den Preis eines blutigen Endes. Bereits in der Jäger- und Sammler-Zeit behauptete man sich nicht nur gegen wilde Tiere, sondern setzte sich auch gegen den Mitbewerber durch. 

Notwendig ist der Auszug aus einem statischen Weltbild.

Aber auch das ist alles noch sehr vordergründig. Das skizzierte Grundmuster liegt schon in der Sprache selbst begründet, die die Subjekt-Objekt-Spaltung spiegelt. Sie ist der direkte Ausdruck eines „Ich gegen den Rest der Welt“. Als Descartes seine Unterscheidung von Materie und Geist traf, war dies zunächst eine Unterscheidung von Außenwelt und Innenwelt. Die Innenwelt aber, das Seelische, ist inzwischen mehr oder weniger auf die Funktion eines ergänzenden Nebensatzes im Gesamtgefüge vermeintlicher Objektivität reduziert. Man braucht den eigenen Willen nicht mehr durch so hinderliche Dinge wie Motivation, Emotion, Intuition zu rechtfertigen. Der Weg zu einem kalten Egoismus ist auch methodisch längst geebnet.

Was radikalisierte Grenzbeschwörer heute als „europäische Kultur“ verkaufen wollen, ist schon auf dem Weg von Jerusalem Richtung Europa verlorengegangen. Ein gewisser Jesus von Nazareth hatte damals von Empathie, von Feindes- und Nächstenliebe gesprochen und sie vorgelebt, um gerade auch Fremde, Ausgegrenzte und Notleidende mit einzubeziehen. Dieser zentrale Gedanke wird heute von denen, die ein angeblich christliches Abendland verteidigen, mit Füßen getreten. In dem Bedürfnis nach Selektion und Ausschluss steckt eine tief sitzende, unbewusste Angst.

Die Wissenschaft konstruiert eine fragmentierte Welt.

Die Satzstruktur Subjekt, Prädikat, Objekt bezeichnet eine Art Universalgrammatik, die dazu verführt, auch das Leben selbst derart fragmentiert zu sehen. Wofür es allerdings keinen vernünftigen Grund gibt: Die Welt begegnet uns zunächst als ganze, und wir treten ihr als Ganzer gegenüber. Innen- und Außenwelt sind nicht zu trennen. Dieses Gegenüber ist im Grunde illusorisch. Wir analysieren und fragmentieren die Welt, um sie in unseren Köpfen ordnen zu können. Dazu müssen wir sie vereinfachen. Was wir (Natur-) Wissenschaft nennen, ist im Prinzip eine Vereinfachung. Sie ist keine Abbildung, sondern eine Konstruktion unserer Welt unter angeblicher Eliminierung des Subjekts.

Diese Subjekt-Objekt-Spaltung ist uns in Fleisch und Blut übergegangen, genauso wie das aristotelische Entweder-Oder, das nur in unserer konstruierten Welt gilt, nicht aber im alltäglichen Leben. Es gibt kein isoliertes Subjekt, genauso wenig wie es eine vom Beobachter unabhängige Außenwelt gibt. Das lehren uns Quantenphysik und Tiefenpsychologie seit einem Jahrhundert. Wir aber leben und denken gerne noch wie im 19. Jahrhundert. 

Die Grundstruktur der Welt ist Beziehung.

Und was hat das alles mit dem Bösen zu tun? — „Das Böse entsteht aus dem Fehlen von Bezogenheit.“ Die Grundlage der „Welt“ sind nicht materielle Atome, sondern Beziehung. In der Mikrowelt gibt es „keine Teilchen, sondern nur Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung“. Diese Erkenntnis, die aus der Physik kommt (Hans-Peter Dürr) und auch aus der Theologie (Nächstenliebe, Trinität als reines Beziehungsgeschehen), wäre das Gegenmodell zur Welt der „Erbsünde“, einer Welt, wie sie angeblich „ist“. 

Der „Sündenfall“ ist das Herausfallen aus der Beziehung, das sich Erleben als isoliertes Subjekt, das meint, sich gegen andere Subjekte und gegen die Welt da draußen „behaupten zu müssen“. Bis hin zum autistischen Narzissmus, dem Leben – besser: Vegetieren in einer eigenen Schrebergartenwelt, die mit Feuer und Schwert verteidigt werden muss. Eine Einstellung, die, wenn ein Nationalstaat sie vertritt, schnell zu Fremdenhass und Rassismus führt. Wir haben es erlebt, und wir beten heute darum, dass es sich nicht wiederholt. Denn die kalte Struktur der Beziehungslosigkeit scheint stärker zu sein als ein Lernen aus der Geschichte. 

FOTO: Jacques Gassmann, 7. Kreuzwegstation, Augustinerkirche Würzburg (Mai 2018)

© 2018 Robert Harsieber

Die Beziehung ist die Therapie

Von Ludger Verst

Als Diakon und Krisenseelsorger im Bistum Mainz kenne ich viele Menschen, die in existenziell bedrohlichen Situationen auf professionelle Hilfsangebote, aber auch auf ihren Glauben setzen. Es gehört offensichtlich zu den natürlichen Heilungskräften in uns selbst, dass gerade dort, wo herkömmliche Methoden der Bewältigung und Heilung an ihre Grenzen stoßen, sich innere Potenziale als ungeahnte Kraftreserven bemerkbar machen. Wo im Leben der Untergang droht und auch der schnelle, fromme Wunsch nach Heilung nicht in Erfüllung geht, erlebe ich Menschen, die in verblüffender Weise ein Gespür für sich entwickeln und ein Wachsein für das, was wichtig und richtig ist in ihrem Leben.

Wann immer das passiert, wird das Vertrauen in die inneren Selbstheilungskräfte, ohne die weder Therapie, Beratung, noch Seelsorge wirken könnten, neu belebt. Das Verblüffende dabei ist: In dem Maße, in dem ich dieses Vertrauen in die innere Kraft eines Ratsuchenden selbst spüre und erlebe, wirkt das Geschehen, in das unser Beratungsgespräch oder Seminar eingebettet ist, verändernd und heilsam.

Vertrauen in die innere Kraft

Menschen drücken die Atmosphäre, in der sie das neue Vertrauen in ihre unerwartete Kraft erfahren, zum Beispiel so aus:

„Ja, ich rede hier sehr viel und Sie sagen relativ wenig. Aber wenn Sie etwas sagen, ist das meistens nah bei dem, wo ich selbst bin – und das gibt mir irgendwie Sicherheit in meinem täglichen Kampf mit mir und der Welt draußen. Nur von diesem Ort aus kann ich Neues wagen. Und dabei haben Sie mich nie gezwungen, an etwas Bestimmtes zu glauben.“

Nach einem Kommunikationskurs sagt ein Manager:

„Ich kann nicht sagen, was ich konkret aus den zwei Tagen mitnehme. Aber die Art, wie wir hier miteinander umgegangen sind, wirkt irgendwie so in mir, dass ich morgen meinen Mitarbeitern anders begegne als bisher.“

Und die Teilnehmerin eines Kriseninterventionskurses bemerkt abschließend:

„Das erste Mal gehe ich aus einem Kurs nicht raus mit dem Gefühl: ‚Meine Güte, was muss ich noch alles lernen!‘, sondern ich fühle: ‚Mensch, was ich schon alles kann!‘. Ich habe mehr Vertrauen zu mir selbst gewonnen und Mut zum Experimentieren mit neuen Möglichkeiten.“

Das Wichtigste an diesen und anderen Ergebnissen von Beratungsgesprächen und auch in der seelsorglichen Begegnung ist: Ich verzichte bewusst auf ein von außen gesteuertes, inhaltliches Eingreifen in das Gesprächsgeschehen — es sei denn, mein Gegenüber bittet darum. Das kommt manchmal vor, z.B. wenn jemand fragt, inwiefern ich, der ich doch Theologe sei, auch hier und jetzt Gott am Werke sehe.

Der „Personzentrierte Ansatz“ von Carl Rogers

Anders als manch anderer in Beratung und Seelsorge sehe ich meine Aufgabe in der Regel darin, etwas wahr- und ernstzunehmen, zu fördern und zu unterstützen, was bereits als Potenzial da ist und was sich von innen heraus als ein Prozess ereignet. Ich verdanke diese Haltung dem so genannten „Personzentrierten Ansatz“ von Carl Rogers. Individuen kennen ihre Ziele und die Wege dorthin besser als ein Seelsorger oder Therapeut.

Im Unterschied zu Positionen, die eine strikte Trennung von Therapie und Seelsorge für sich in Anspruch nehmen, betrachte ich — ganz im Sinne des Personzentrierten Ansatzes — seelsorgliches Arbeiten als ein Beziehungsgeschehen in therapeutischem Sinn. Der Kern einer solchen Beziehung besteht darin, dass der Ratsuchende wahrnimmt, dass ihn sein Gegenüber in der Art und Weise seines Erlebens und Sprechens einfühlsam und unbedingt wertschätzend annimmt.

Diese Beziehung zwischen Beratendem und Ratsuchendem ist die Therapie.

Schon die frühe Therapieforschung hat die Relevanz empathischer Beziehungen für psychische Entwicklungen ebenso nachweisen können wie die Forschung in der Entwicklungspsychologie. Neuere Ergebnisse, insbesondere aus der Neurobiologie, bestätigen dies. Personzentrierte Seelsorger sprechen heute von Beziehungstiefe, die in einer einfühlsamen Begegnung erreicht werde. Im Zuhören erfahren sie, wonach Menschen streben, wenn sie in Freiheit sich entscheiden können: Was ist mein Lebensziel? Wonach suche ich? Was ist mein Sinn? Fragen, die jedes Individuum für sich, auf je eigene Art stellen und beantworten muss.

Menschen, die sich in persönlicher Not befinden, versuchen, die Richtungen, die ihr Leben nimmt, kennenzulernen, zu verstehen oder auch neu zu bestimmen, um — wie Søren Kierkegaard es ausgedrückt hat — „das Selbst zu sein, das sie in Wahrheit sind“.

© 2017 Ludger Verst

Arbeiten am Menschen-Bild

Von Robert Harsieber und Claudia Castigliego-Paganoni

Menschen stellen sich die Welt als Materie in unendlich vielen Teilchen vor. Warum ist es eigentlich so schwierig, von diesem angeblich „objektiven“, naturalistischen Teilchenbild der Welt wegzukommen? Seit 100 Jahren wissen wir, dass dieses Bild allenfalls „die halbe Welt der Materie“ erklären kann.

Eine Antwort könnte sein, dass uns dieses Teilchenbild seit Beginn der Naturwissenschaft dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass es uns schwerfällt, zum Wellenbild zu wechseln, das nicht Dinge, sondern Felder und Beziehungen sieht, und wir uns auch diese Wellen noch als teilchenartig vorstellen. Es wäre zudem zu unterscheiden zwischen einer Welle im klassischen Sinne, z.B. Luftschwingungen oder Wellenbewegungen im Wasser, also Schwingungen eines Mediums, und dem Wellenartigen eines Quantenphänomens, bei dem es gar kein Medium, sondern nur Beziehung gibt.

Beziehung denken — wie geht das?

Es ist natürlich schwierig, Beziehung zu denken, ohne Beziehung von Dingen zu assoziieren. Denn so landen wir schon wieder im Teilchenbild. Beziehung ist aber dieses (unendliche, nicht-lokale) Feld und hat nichts mit Teilchen zu tun. In der Welt der Quanten gibt es nur Beziehung, aber nicht Beziehung von etwas, sondern nur Beziehung (Hans-Peter Dürr). Dafür haben wir eigentlich keine Anschauung (mehr).

Und auch wenn das eigentlich Menschliche nach Wittgenstein außerhalb aller Fragen der (Natur-)Wissenschaft liegt, betrachten wir auch uns selbst durch die verengte Brille des naturalistischen Teilchenbildes. Wir nehmen uns selbst als isoliertes Teilchen (Ich) wahr, das allem Objektiven gegenübersteht. Im Extremfall ist es ein abstraktes Subjekt, das ebenso abstrakte Objekte „wahrnimmt“. Dass es dazwischen so etwas wie eine (psychische) Innenwelt gibt, wird dabei unterschlagen. Diese ist nämlich in der Sprache der Physik akausal und nicht-lokal und entzieht sich damit dem gewohnten Teilchenbild, erschließt sich nur einem Wellenbild, das nicht Dinge, sondern Beziehungen in den Blick nimmt. Letztlich nehmen wir aber alles nur durch diese Innenwelt wahr, die von einer Außenwelt nicht zu trennen ist.

Nicht an Begriffen und Gedanken hängen bleiben

Diese Blindheit für die Innenwelt führt zur Verdinglichung von Beziehung, die damit zu einem „Austausch“ (von Geschenken, Gedanken und Gefühlen) wird, wo es doch in erster Linie um ein nicht-lokales „Dazwischen“ geht, das keinem Ding, sondern einem Feld gleicht, das sich zwischen zwei Personen verdichten kann. Zu dem man nichts dinglich tun kann, sondern das da (bewusst) ist oder nicht. Vielleicht wird damit auch deutlich, dass ein Dialog nicht im Sagen, im Austausch von Gedanken besteht, sondern im Verstehen, das nicht an Begriffen und Gedanken hängen bleibt, sondern ein Feld des Verständnisses eröffnet. Beziehung lässt sich nicht an Fakten aufhängen. Wer begründen kann, warum er liebt, liebt nicht. Und wer glaubt, den anderen jetzt endlich zu kennen, liebt nicht mehr.

Es braucht für einen Dialog neben den Zweien ein Drittes, das quasi „nicht von dieser (dinglichen) Welt“ ist, sondern ein Feld, das in der Beziehung alles „zusammenhält“ und allem erst eine Bedeutung gibt. In diesem Sinne ist dieses Feld die Grundlage allen Seins. Dies ist auch gemeint, wenn Jesus sagt: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Matthäus 18, 20). Voraussetzung ist die Offenheit für das, was über das Dingliche hinausgeht und ins Nicht-Lokale, Numinose und Unendliche hineinreicht.

Das „Selbst“ als Zentrum und Symbol des Ganzen verstehen 

Es braucht dazu aber auch ein anderes Verständnis unserer selbst. Der Mensch reift zum Ich, mit dem er sich gegen die „Welt“ behaupten kann, und auf dem Weg dahin kann vieles schiefgehen. Dieses Ich ist wie die Spitze eines Eisbergs, dessen „größerer Teil“ unterhalb des Bewusstseins liegt. In Jung’scher Sprache führt der Weg vom bewussten Ich zum unbewussten (und nicht-lokalen) Selbst als Zentrum und Symbol des Ganzen. Dieses Selbst, das ich (auch) bin, reicht über alles Rationale hinaus. Weshalb Jung sagt, dass der Archetypus des Selbst nicht von den Gottesbildern zu unterscheiden ist.

Es ist dieses „tat twam asi“ — „das bist du“ — der Inder. Atman (in etwa das innerste Selbst) und Brahman (das Göttliche) sind eins. Meister Eckhart spricht vom „Seelengrund“: Im tiefsten Grund der Seele finden wir das, was wir Gott nennen. Wir sind uns selbst zugleich das Nächste und das Fernste. Gott ist zwar immer der ganz Andere und Unnennbare. Und doch ist Gott mir näher als ich mir selber bin (Augustinus).

Könnte man sagen, dass auch Gott uns braucht, um sich seiner bewusst zu werden? — In dem Sinne, dass er sich in seiner Schöpfung bewusst wird, ja. Jedenfalls ist Schöpfung ohne Evolution gar nicht zu denken. Allerdings ist auch das kein Entweder—Oder. Gott „braucht“ nichts, und er „braucht“ den Menschen, um sich in seiner Schöpfung bewusst zu werden. Und doch geht es dabei um den Menschen. Religiöse Schriften reden nicht von Gott, sondern vom Menschen und seinen Gottesvorstellungen. Wie stellt sich der Mensch das Ganze vor? Das ist die Geschichte des Menschen mit Gott.

Gott stellt sich nicht vor. Er sagt bloß „Ich bin da“.

Der Mensch ist es, der an diesem Dasein Gottes, an seinen eigenen Gottesvorstellungen wachsen muss. Das kann er nur, wenn er sich Gott nicht vor-stellt, wenn er sich kein Bild macht, denn jedes Bild wäre ein Goldenes Kalb – ein Gott, in menschliche Form gepresst. Damit würde etwas Dynamisches statisch und könnte sich nicht entwickeln.

„Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch göttlich werden kann“ (Irenäus von Lyon). Wenn das Unendliche sich im Endlichen bewusst wird, dann wird Gott sich im Menschen bewusst, und der Mensch wird sich im Innersten seiner Göttlichkeit bewusst. Der Mensch kann das Unterste und das Oberste wieder zusammenfügen, verbinden (religio). Dasselbe steckt im Wort Yoga (Joch, verbinden). Jesus wiederum hat dies in seiner Daseinsweise verkörpert — als „Menschensohn“. Er hat gezeigt, wie Menschsein geht.

Jesus ist „wahrer Gott und wahrer Mensch“. Der Mensch muss sich seiner Doppelnatur bewusst werden. Er ist Endliches, das auf Unendliches bezogen ist. Nicht dinglich, nicht äußerlich — ein nach außen projizierter Gott provoziert nur Aberglauben —, sondern innerlich, in reiner Beziehung. Daher ist der Mensch „mehr als Mensch“ (David Steindl-Rast), weil er auf Unendliches bezogen und offen für das Unnennbare ist; wissend, dass im Endlichen diese Beziehung nie ganz aufgehen kann.

Dieser Beitrag ist das Ergebnis eines Gesprächs zwischen der Psychotherapeutin
Claudia Castigliego-Paganoni und dem Philosophen Robert Harsieber
.

Claudia Castigliego-Paganoni studierte an der Universität Zürich und am Lehr- und Forschungsinstitut für Schicksalspsychologie und Allgemeine Tiefenpsychologie in Zürich. Sie ist eidgenössisch anerkannte Psychotherapeutin. In ihrer Praxis verbindet sie Freud, Jung, Szondi und Wurmser mit Empathie und Offenheit für das Spirituelle.

© 2017 Claudia Castigliego-Paganoni und Robert Harsieber