Schreiben Sie die Wahrheit, Herr Roth?

Patrick Roth lebt seit 2012 als Schriftsteller, Autor und Regisseur in Mannheim. Im August 2020 erscheint „Gottesquartett — Erzählungen eines Ausgewanderten“ bei Herder.

Ludger Verst sprach mit dem Schriftsteller über Wahrheit, Bewusstseinsarbeit und die Psychologie C.G. Jungs.

Herr Roth, Sie haben viele Jahre als Filmemacher und Regisseur gearbeitet; Sie sind ein Filmbesessener, ein ästhetischer Perfektionist. Seit den 1990ern sind Sie einem breiten Publikum vor allem als Schriftsteller bekannt, auch als Poetikdozent, der sein künstlerisches Schaffen immer wieder reflektiert. Ist es überhaupt legitim, geschweige denn originell, einem Kunstschaffenden die Wahrheitsfrage zu stellen?

Patrick Roth: Die Wahrheit ist, dass wir dieses Interview aus verschiedenen Gründen zweimal verschieben mussten. Ich habe gerade das Manuskript meines neuen Buchs „Gottesquartett“ beendet und bin ehrlich gesagt erschöpft; das ist die Wahrheit. Erschöpft, weil ich mein Ganzes gegeben habe. Meine Wahrheit also.

Eine interessante Eröffnung. Wer über das Thema „Wahrheit“ sprechen will, sollte also im herkömmlichen Sinn schon mal offen und ehrlich sein. Wie verhält sich denn nun Ihre „persönliche“ Wahrheit zur Wahrheit des „Künstlers“ Patrick Roth?

Roth: Im Zusammenhang mit „Künstlern“ und „Wahrheit“ fällt mir ein: In „Gottesquartett“ wird auch über eine Figur gesprochen, die – in meinen Augen – einen archetypischen Künstler darstellt; sie heißt Betsalel [Bezalel]. Das Buch Exodus stellt Betsalel als einen kunstbegabten Menschen mit weisem Herzen vor (Ex 36,2). Er setzt die Anweisungen um, die Mose von Gott für das Innere und Äußere des Heiligtums erhalten hat. Betsalel „realisiert“, er verwirklicht die von Gott vorgegebenen Bilder; er führt sie hier und jetzt aus. Dem entspräche  in heutige, psychologische Sprache übersetzt – ein genaues, gewissenhaftes Beachten der Träume, der Visionen, der Ideen oder Inspirationen, die einem Künstler einkommen (oder auch nicht; auch die Zeit der „Unfruchtbarkeit“ hat ihre Bilder) und die nicht von ihm, nicht von seinem Ich „ausgedacht“, sondern ihm vom numinosen Unbewussten „anvertraut“ werden (Röm 3,2). Mit seiner Kunst, seinem ganzen Können sucht er diese Bilder umzusetzen, in einem „heiligen Werk“ zu realisieren. Interessant ist, dass man dieses Bild von Betsalel, dem Künstler des Heiligtums, des Tabernakels, heute subjektstufig „lesen“ kann: Betsalel wäre dann ein Aspekt unserer Psyche. Das „tsal“ in seinem Namen ist hebräisch „Schatten“, derselbe „Schatten“, den Sie im „tselem“ antreffen (Gen 1,27), dem „Schatten“-Bild, zu dem Gott sich den Menschen schuf. Der zu bauende Tabernakel Betsalels wird in gewisser Hinsicht immer gebaut, in jedem einzelnen von uns und nicht nur in den „Künstlern“. Wir sind der Tabernakel – das Gefäß, das gebaut wird. Das geschieht aber, so meine ich, nicht um unseres, sondern, wie der 23. Psalm sagt, „um Seines Namens willen“. Es ist dabei ganz wichtig, dass man in Betsalel nicht nur den äußeren Künstler sieht. Es geht nicht um die Umsetzung von Bildern in ein Ästhetisches. Sondern es geht um „religio“, ein genaues Lesen und Beachten der uns täglich gegebenen inneren Bilder im Leben.

Dieser Betsalel ist also das Bild für eine Instanz im Menschen, die nach „Wahrheit“ strebt?

Roth: Ja, so sehe ich es. Wir müssen natürlich fragen, was ein Traumbild oder eine wiederkehrende Phantasie bedeutet. Es könnte sein, dass wir den Traum, die Phantasie bereits leben, ohne es zu wissen. „Betsalel“ wäre dabei die entscheidende Differenz, nicht in seinem Künstlertum, sondern durch die Tatsache, dass er bewusst handelt. Bewusstsein ist die Differenz. Das heißt dann auch, dass man nicht „Künstler“ sein muss, um die „Betsalel-Funktion“ in uns zu entdecken, zu fördern, zu erfüllen. Es geht nicht um Bekanntheit oder ein Zur-Schau-Stellen eines ästhetischen Produkts, sondern um den Bau jenes symbolischen Tabernakels in uns. Darauf – und nur darauf, meine ich – zielt die Wahrheitsfrage. 

Ich höre da eine gewisse Nähe zu Joseph Beuys heraus: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ — im Sinne eines Bewusstseins für das Schöpferische, das im eigenen Denken gründet. Das Schöpferische ist das Künstlerische.

Roth: Beuys’ Aussage zielt in eine andere Richtung. Es ist sehr wahrscheinlich, dass gerade die unzähligen „Anonymen“, die sich nicht als „Künstler“ bezeichnen würden, ihr Leben in dieser Hinsicht besser und aufrichtiger führen. Ich sage „wahrscheinlich“, weil ich Träume erlebt habe, in denen mir klar wurde, dass die Psyche letztlich – das heißt „in Wahrheit“ – nicht an deinem Buch oder deiner Malerei oder deiner Musik interessiert ist. Sondern einzig an der Wahrheit, an der Wahrhaftigkeit, mit der du zu deiner Seele sprichst. Wenn du dieser Wahrheit durch dein Buch, deinen Film oder deine Musik gerechter zu werden lernst, hat die Kunst dir verholfen, ein Wesentliches zu berühren. Jetzt erst kommt die eigentliche Arbeit, zu der Kunst die Anleitung gibt, nämlich: „Wie setzt du es um?“ Wie setzt du das im Werk Erkannte um? Wie verwirklichst du es also in deinem Leben? Auch im Kleinen, im Kleinsten. Sie verlangt ja nicht das Größte, das Übermäßige, das dich sprengen oder spalten würde, sondern das Wahrhaftige an dir, diese Seele. Und ihre Forderung ist selbst in den kleinen Dingen des Alltags, den kleinen Momenten, die so schnell an uns vorüber sind, meist nur schwer zu verwirklichen …

… so wie auch die Pilatusfrage im Johannes-Evangelium „Was ist Wahrheit?“ (Joh 18, 38) auffälligerweise unbeantwortet bleibt. Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass diese Frage menschlicherseits unbeantwortbar ist. Wie deuten Sie diese Stelle eigentlich?

Roth: Sie zeigt, dass Pilatus Jesu Stimme gar nicht hört. Nicht hören kann. Er kann nicht sehen, wer vor ihm steht. Er greift einen Begriff auf, die „veritas“, die Jesus eben nicht nur als Begriff benutzt, sondern „mit allem, was er hatte“, lebte; er lebte diese „veritas“ und insofern spricht sie aus ihm. Pilatus aber nimmt das Wort, den Begriff, und fragt: „Quid est veritas?“ Er relativiert damit sofort die Verantwortlichkeit der eigenen Wahrheit gegenüber, die nämlich immer vor uns steht, die wir recht eigentlich immer vor Augen haben, aber nicht sehen können, nicht sehen wollen. Im Wort fassen wir sie nur scheinbar, wir „vertagen“ sie ins Theoretische, als hätten wir damit etwas erreicht. — Wie oft geht es uns wie Pilatus: dass wir das Zeichen eben nicht erkennen, vor dem wir stehen. Dass wir, wie die Fliege auf den Buchstaben einer gedruckten Buchseite, nicht im Geringsten ahnen, „was uns vor Augen steht“, worauf wir stehen. Davon sollte man ausgehen, sich nämlich nicht im Nachhinein über Pilatus erheben, nur weil wir „das Ende kennen“, weil uns die Autoren der Evangelien wissen lassen, wer Jesus ist.

Mir fällt auf: Bei Ihrer schriftstellerischen Arbeit gehen Sie oft von der Etymologie bestimmter Wörter aus.

Roth: Ja, dieser Blickwinkel ist wirklich hilfreich. Gerade im Wahrheits-Begriff treffen zwei interessante Etymologien aufeinander: In der Vulgata wird mit „veritas“ übersetzt, was im griechischen Original „alētheia“ heißt. Ich glaube, beide Sprachen ergänzen das archetypische Bild von „Wahrheit“. Man sollte die Differenzen vielleicht mitbeachten. In a-letheia beginnt gleichsam alles im Unbewussten, der „lēthē“, der „Vergessenheit“. Das Unbewusste muss gleichsam „beraubt“ werden – das Alpha privativum zeigt es an. Und der „Raub“, das dem Vergessen Geraubte, ist, was sich nun offenbart: die Wahrheit. Die Wahrheit, die nun eben nicht mehr im „Versteck“ oder „Hinterhalt“ des Unbewussten lauert. Man könnte sagen, dass durch das Alpha privativum in a-letheia eine hochdramatische Vorgeschichte impliziert wird: das Drama der Rettung der Wahrheit aus einem Zustand der Vergessenheit, dem Unbewussten, wie wir heute sagen würden. Auch wird in dieser Etymologie wohl davon ausgegangen, dass das, was vergessen war, einst gewusst wurde; Bewusstwerdung also wie bei Platon einem Erinnern gleichkäme, der Erinnerung an die „ewigen Ideen“ etwa. 

Und beim lateinischen Begriff „veritas“ ist es anders?

Roth: Die „veritas“ betont wie übrigens die deutsche „Wahrheit“ eher einen Zustand, der bereits vorhanden ist und Schutz gibt, sich beständig und treu „bewahrheitet“, daher „wahr“ ist. „Was mich schützt, was mir günstig ist, was mich liebt, ist (daher) wahr“. In „aletheia“ wird eher der dynamische Aspekt betont: Wahrheit als Erfahrung des Menschen, der sich aus dem Dunkel des Unbewussten herausgearbeitet hat. Seine Erfahrung, seine Erinnerung wäre: dass sowohl die lethe als auch die aletheiawirk-lich sind. Beides sind Ebenen, die er erfahren hat.

Die poetische Wucht, mit der Sie von existenziellen Erfahrungen erzählen, begnügt sich — in Zeiten von „fake news“ und so genannten „alternativen Fakten“ — gerade nicht mit vordergründigen Wahrheiten. Ihre Erzählungen und Romane eröffnen eine weitere, eine zweite Dimension, die ungleich bedeutsamer ist. 

Roth: Ja, sie suchen den Dialog mit dem objektiven Unbewussten. Also mit jener terra incognita, die – rein zeitlich betrachtet – ein Drittel unseres Lebens völlig einnimmt, auf die restlichen zwei Drittel aber, grob gesagt, ständig als gewaltiger Hintergrund einwirkt. Meine Bücher nehmen die Träume ernst, behandeln sie literarisch nicht als Kuriosa oder Unterhaltung, sondern als Antwort- oder Frage-Teile jenes zweiten, objektiven Partners, den du in deinem Inneren findest. Etwas spricht, etwas ordnet an, etwas fragt dich, stellt dir vor Augen. Das ist – genau betrachtet – im Minutentakt zu beobachten. Auch bei Tage. Dieses feine Netz des Unbewussten liegt unter allem. Aber wir ignorieren es.

Die „objektive Psyche“, ein Terminus von C.G. Jung, wäre also, wenn man so will, der Quellort der inneren Wahrheit und der Träume des Einzelnen … — und so eben auch Ihrer Literatur?

Roth: Ich würde sagen, literarisch ist erst in unserer Zeit etwas möglich geworden, dem noch vor ein, zwei Generationen die wissenschaftliche Grundlage fehlte. Ohne das gigantische Erfahrungswissen von Freud einerseits, dann aber – ungleich tiefer reichend – von Jung, Edinger, von Franz und Neumann befänden wir uns im Blick auf unsere Träume und den nun möglichen Umgang der Literatur mit ihnen noch tief in der Romantik. Das ist, rein ästhetisch, sicher ein herrliches Gefilde – aber die Zeiten haben sich geändert. Um es mit Roy Scheider in Spielbergs „Der weiße Hai“ zu sagen: „We need a bigger boat.“ Der Gegenstand – der „Fisch“, dem wir nachjagen, den wir in unser „Boot“, das heißt ins „Gefäß unseres Bewusstseins“ ziehen wollen, hat sich verändert. Wir wissen heute einfach mehr. Und damit kommt eine gewisse Verantwortung ins Spiel. Das sollte auch für die Literatur, für die Kunst Konsequenzen haben. Sonst zerreißt der Inhalt, den wir mit den Mitteln der Kunst zu beschreiben und dem Bewusstsein näher zu rücken suchen, unser „Boot“. Das ist eine Tatsache, die Sie überall beobachten können, innen und außen, diese Zerrissenheit. Wir haben das neue Gefäß noch nicht, wir sind im Übergang.  Wenn aber das Boot, das nicht mehr genügt, untergeht, wenn es sinkt, bevor das neue, größere in Sicht ist, dann droht, psychologisch gesehen, ein Untergang des Bewusstseins. Hier beginnen die Herrschaft und die Tyrannei unbewusster Affekte, die uns dann im Griff haben und viral mitreißen, uns eruptiv und unberechenbar mit ihrem Magma – oder „MAGA“ [„Make America Great Again“, Red.] – überfluten. 

Das Unbewusste, vor allem die Träume sind – neben biblischen Stoffen – eine zentrale Inspirationsquelle für Ihr Erzählen. In „Sunrise. Das Buch Joseph“ (2012) zum Beispiel erzählen Sie die Geschichte von Joseph von Nazareth, dem Vater Jesu, der in der Bibel ja weitgehend ausgeblendet wird. Indem Sie nun gerade diese biblische Leerstelle erzählerisch füllen, verweisen Sie auf das Verhältnis zwischen dem Menschen und dem letzthin nicht Berechenbaren, dem Numinosen seines Lebens. Lässt sich Wahrheit immer nur annäherungsweise — zwischen den Zeilen — imaginativ erkennen? 

Roth: Lassen Sie mich hier mit einem praktischen Beispiel antworten. Sonst bleibt, was ich mit „Wahrheit“ meine, zu sehr im Vagen. Man hält sich der Wahrheit gegenüber für besonders sensibel, wenn man sie „zwischen den Zeilen“ zu lesen sucht, erahnt oder sie nur „annähernd“ zu verstehen wagt. Praktisch sollte man aber meiner Meinung nach anders vorgehen. Die „Wahrheit“ – ich rede natürlich von der Wahrheit des Einzelnen, der ihr gegenübersteht, ob er es weiß oder nicht –, diese Wahrheit erschließt sich praktisch im „besten Experiment“. Damit meine ich: Stelle dein bestes Experiment an – mit dir selbst. Prüfe dich selbst. Das hieße z.B., dass du einen Traum, der dir kam, aufschreibst und dann deine beste Deutung gibst. Die schreibst du auch nieder. Diese Deutung des Traums muss – denn darin besteht, Sie werden es gleich sehen, das eigentliche Experiment –, MUSS in einem Satz enden, der sagt: „Daher sollte ich in meiner Alltagssituation nun so oder so handeln.“Und dann handeln Sie so. Sie haben einen vielleicht vorsichtigen, vielleicht übereifrigen, vielleicht falschen, vielleicht aber auch richtigen Schluss aus dem Traum gezogen, ihn formuliert und dem Ich gleichsam zur Ausführung übergeben. Machen Sie das mal. Sie werden sehen, wie das Unbewusste reagiert. Es hat nun nämlich – wie ein Dialogpartner – die Möglichkeit, ihre Vermutungen, was das Experiment angeht, was die Deutung des Traums betrifft, zu korrigieren. Und in den meisten Fällen wird es das tun. Aber sie müssen mit der „Wahrheit“ – der Aussage des Unbewussten, die sie „an Land gezogen“ haben – ihr Experiment machen. Sie dürfen sie eben nicht im Vagen lassen, eben nicht mit Glacéhandschuhen anfassen. Sondern Sie müssen ihren Schluss aus der Auseinandersetzung mit dem Traum ziehen und mit diesem Schluss, indem Sie ihn aktiv wenigstens ein, zwei Tage lang LEBEN, ihr Experiment machen. Das Unbewusste wird sich Ihnen als Partner in diesem Experiment zugesellen – über Träume und Einfälle. Es wird dabei nicht ausschließlich auf seinem Traum-Vorschlag und dessen Bedeutung insistieren, sondern wird zu Kompromissen bereit sein. Das sagt die Erfahrung. Aber Sie müssen es ernst nehmen, das Unbewusste, den Traum. So kommen Sie zu ihrer persönlichen Wahrheit.

Man könnte sagen: „Dann fällt der Groschen.“

Roth: Genau. Diese Wahrheit wäre so etwas wie ein „Sinn“. Mithin wird dieser „Sinn“ nicht wie ein objektiv „Vergrabenes“ gefunden, von Ihnen zu Tage befördert. Sondern dieser Sinn wird im Dialog zwischen dem Ich und dem Unbewussten erst erschaffen. Das ist das Ungeheuerliche, ein Mysterium. Deus et homo: Hier beweist sich das Motto auch praktisch. Gott bedarf unseres ganzen Einsatzes, unserer bewussten Mit-Arbeit an dem, was ich als „Wahrheit“ bezeichnen würde, dem Sinn, den wir im Leben suchen.

Die Cover-Rückseite von „Corpus Christi“ (1996), dem dritten Teil Ihrer „Christus-Trilogie“, ziert ein Satz aus den „Stimmen der Zeit“: „Die ungeheuerste Auferstehungsgeschichte, die jemals in deutscher Sprache geschrieben wurde“, heißt es dort. Ich habe den Eindruck, dass Sie im Grunde und immer wieder neu Wandlungs- und Auferstehungsgeschichten inszenieren.

Roth: Im Bild der Auferstehung ist ja diese Umschaffung impliziert, die Neuschaffung des Bewusstseins, von der schon die Rede war. Dieses neue Bewusstsein ist zunächst nur schwer zu erkennen. Man hat Probleme damit. Wie es die Geschichten um die Auferstehung Jesu ja schildern: Magdalena am Grab, der Weg nach Emmaus, der Mann am Ufer des Sees. Das neue Bewusstsein braucht Zeit – es wird zunächst, selbst von denen, die es suchen, als etwas Fremdes wahrgenommen. Denn das Neue setzt hier den Verlust und den Tod des Alten voraus. Und die Trauer lässt uns zu Recht noch nicht sehen, noch nicht erkennen. Denn in ihr, in der Trauer über Tod und Verlust, befinden sich auch die Elemente, die für den Bau der Brücke notwendig sind. Es muss eine Verbindung zum Alten bleiben, um den Weg ins Neue zu finden. Es geht nicht um Abriss, um Verleugnung des Alten, sondern um neues Wachsen auf seinem Grund. 

Die mich am meisten faszinierende Auferstehungsgeschichte ist „Magdalena am Grab“ (2003), der Sie ein Zitat von Jung voranstellen: „Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium des Lebens.“ Diese Vergegenwärtigung zweier Wirklichkeitsebenen — man spürt hinter der realen Szene fast körperlich die einer anderen Wirklichkeit: Gott und Individuum, beide sind aufeinander bezogen. Magdalena wird selbst zu einer Auferstandenen „in diesem ihrem Moment der Bewusstwerdung“, schreiben Sie. Wie gelangen Sie zu solchen Einfällen? Durch Ihre Träume? Oder durch „Aktive Imagination“, wie Jung es nennen würde?

Roth: Der Einfall kam aus der Arbeit mit Schauspielern in einer scene study class, die der Filmregisseur Daniel Mann Mitte der 1980er in Hollywood gab. Ich schrieb viele dieser „scenes“ selbst und probte dann jeweils zwei Wochen intensiv mit zwei, manchmal drei Schauspielern. Manche Regisseure geben ihren Schauspielern nur verbale Anweisungen, andere machen’s vor, um den kommunikativen Prozess abzukürzen. Sie sagen „Here’s what I mean…“ – und stellen sich dann selbst in die Szene hinein, spielen kurzzeitig den Part, wie sie ihn sich gedacht hatten. Dieses Hinübergehen, die Grenze-Überschreiten – nämlich vom Betrachter zum Agierenden zu werden –, muss mir wohl aufgefallen sein. Und dann habe ich die Szene im Felsengrab „gestellt“, Magdalenas Dialog mit den Engeln und dem Gärtner. Was sich dabei ergab, war – ich weiß noch, wie begeistert ich war von diesem offenbarenden Moment – … war eben die Entdeckung, dass die Wendungen der Magdalena in dieser Szene (Joh 20, 11-18) nur aufgehen, wenn sie – einmal – an Jesus, der im Eingang des Grabs steht und den sie bisher für den Gärtner gehalten hat, vorbeigeht. Die Symbolik dieses Vorbeigehens – der Eingang zum Felsengrab ist nicht breit, sie müsste „ganz nah“ vorbeibegangen sein an Jesus – und dieses Sich-Wenden auf seinen Ruf hin: Maria!, das waren eindringlichste Erfahrungen für mich. Ich erfuhr sie eben auch räumlich-körperlich, im Nachstellen, nicht nur gedanklich, im Kopf. 

Wenn ich Ihnen so zuhöre, denke ich, es wäre manchmal besser, alles Systemhafte von Religion und Konfession, d.h. deren dogmatische Antiquariate, aus dem Verkehr zu ziehen und sich stattdessen darauf zu verständigen, dass der Weg jeder Religion der Mensch ist, der Mensch, der offen ist für solche Begegnungen. Dass also ganz offen davon zu erzählen wäre, wie das Wundersame ins Alltägliche einbrechen kann — in einer Art Augen öffnender Poesie – in der Kunst, der Musik, der Liturgie. 

Roth: Sicherlich. Nur würde ich – gerade zu diesem Zweck – dafür plädieren, das Dogma nicht aus dem Verkehr zu ziehen, wie Sie sagen. Nur weil wir es nicht mehr verstehen. Im Dogma liegen unsere über die Jahrhunderte hin bis ins Feinste differenzierten Vorstellungen vom Heiligsten und dem Umgang mit ihm. Das Dogma stellt einen ungeheuren Schatz dar, der uns verloren geht. Wir müssten stattdessen suchen, es wieder zu verstehen. Und da gebe ich Ihnen Recht: Wir müssten den dramatischen Kern des Dogmas wieder freilegen: das Existenzielle und die Begegnungsqualitäten, die hinter ihm und in ihm wirken – eben auch als psychologische Wahrheit.

Herr Roth, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch mit Patrick Roth wurde zuerst publiziert in RU heute 01/2020, der Zeitschrift des Dezernats Bildung im Bistum Mainz, S. 25-29. — https://bistummainz.de/export/sites/bistum/schule/.galleries/downloads/RU-heute-01-20.pdf

© 2020 Ludger Verst

2 Gedanken zu “Schreiben Sie die Wahrheit, Herr Roth?

  1. Auch hierfür vielen Dank. Habe es eben erst entdeckt, weil im Ordner soziale Netzwerke.

    Wege zum Menschsein schrieb am Di., 18. Aug. 2020, 12:52:

    > Autorenteam Harsieber & Verst posted: “ Patrick Roth lebt seit 2012 als > Schriftsteller, Autor und Regisseur in Mannheim. Im August 2020 erscheint > „Gottesquartett — Erzählungen eines Ausgewanderten“ bei Herder. Wer sich in > Werke von Patrick Roth vertieft, begegnet einer Welt der Über“ >

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  2. Gedanken zum Interview:
    Haben wir uns schon mal Gedanken darüber gemacht, dass es in der Welt, in der wir leben, gar keine Grenzen (außer dem menschengemachten) gibt, sondern nur Übergänge?
    Haben wir uns schon mal Gedanken gemacht, dass es nicht primär unsere Aufgabe ist, ETWAS hervorzubringen, sondern UNS SELBST?
    Haben wir uns schon mal Gedanken gemacht, dass Wahrheit kein Begriff ist, über den man diskutieren, sondern dass Wahrheit nur gelebt werden kann?
    Daher ist nicht jeder ein Künstler, wie das Joseph Beuys so überaus publikumswirksam propagiert hat, sondern nur der/die wirksam (auch ohne zahlendes Publikum) an sich arbeitet. Dann hilft das daraus entstehende Können tatsächlich, an Wesentliches zu rühren, und es vielleicht sogar im Leben umzusetzen.
    Interessant die Gegenüberstellung von aletheia und veritas. Das Unverborgene, dem Vergessen geraubte, durch und durch dynamisch, weil noch aus dem Mythos gerettet – und der statische Begriff der Wahrheit als plumpes Abbild dessen was (angeblich) ist. Besser kann man die Degeneration der Sprache und damit der Kultur nicht ausdrücken. Wir leben heute mit einem statischen, wie gefrorenen Weltbild – oder Teilchenbild, das die Wellensicht vergessen und verdrängt hat. Daher haben wir auch keine Ahnung von dem dynamischen Netz des Unbewussten, das wir auch, vielleicht vor allem sind.

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