FÜNF GRÜNDE …

… für eine C.G. Jung-Gesellschaft — zum Beispiel in Frankfurt

| Von Robert Harsieber (Wien) und Ludger Verst (Frankfurt)

Carl Gustav Jungs wissenschaftliche Laufbahn beginnt nicht in Frankfurt oder Wien, sondern am Burghölzli in Zürich. In seinen frühen, als bahnbrechend geltenden Assoziationsexperimenten wird klar, dass etwas aus dem Unbewussten ins bewusste Sein hineinwirken kann. Dies ist aber nicht der Beginn von Jungs Beschäftigung mit der Psyche, denn die reicht zurück bis in seine Kindheit. Er ist erst drei oder vier Jahre alt, als er sich an seinen ersten, für sein Leben bedeutsamen Traum erinnert: Es war ein Abstieg ins Unbewusste, „eine Art Initiation in das Reich des Dunkeln. Damals hat mein geistiges Leben seinen unbewussten Anfang genommen“¹.

Mit 12 dämmert ihm, dass er „eigentlich und in Wirklichkeit zwei verschiedene Personen war“ und diese auch aus zwei verschiedenen Zeiten stammten. Was er in seiner Jugend Persönlichkeit 1 und Persönlichkeit 2 nennt, wird später terminologisch zu Ich und Selbst. Nr. 1 ist der Alltagsmensch, Nr. 2 der innere Mensch, mit dem sich auch die Religionen aller Zeiten beschäftigen. Allerdings muss man auf dem Weg nach innen unter anderem an einer Schattenwelt vorbei, die es zu integrieren gilt. Jung entdeckt die inneren Bilder, die psychoid, nur quasi-psychisch, nicht aus der individuellen Psyche stammen, sondern archetypisch sind. Der Archetypus des Selbst ist identisch mit den Gottesbildern, womit die Analytische Psychologie in die Theologie hineingreift, ohne selbst Theologie sein zu wollen.

Auch das andere Ende des Spektrums der Wissenschaften interessiert Jung: die Physik. Jung kennt Erwin Schrödinger, hat Albert Einstein zu Gast und ist mit Wolfgang Pauli befreundet, was sich in einem umfangreichen Briefwechsel niederschlägt. Interessant ist auch, dass der Begriff der Komplementarität zeitgleich bei C.G. Jung und Niels Bohr auftaucht und beide diesen Begriff aus dem Taoismus entlehnen. Beiden ist klar, dass dieser Begriff über die eigene Disziplin hinausgeht, dass es sich hier um einen weiter reichenden, allgemeinen Begriff handelt. Für Jung und Pauli sind Materie und Psyche, Physik und Psychologie komplementär aufeinander bezogen.

JUNG im DIALOG

Das führt zum nächsten Blick über den Tellerrand: Jung findet in den Träumen seiner Patientinnen und Patienten Motive, die nicht aus der individuellen Psyche stammen können, aber in den Mythen, Kulturen und Philosophien der Welt allenthalben zu entdecken sind. Er stößt auf die Gnosis und auf die Alchemie, die besonders interessant ist, weil dort nicht zwischen Materie und Psyche unterschieden wird. Von dort ist der Weg nicht mehr weit nach Asien, zur chinesischen Alchemie, zum Taoismus, zum I Ging, aber auch zum Tantra, der wie eine Extrapolation des Konzepts von Anima/Animus anmutet.

Im Mittelpunkt steht aber immer die Arbeit an sich selbst, deren kritischer Höhepunkt im berühmten „Roten Buch“ in sorgfältiger Kalligraphie und künstlerischen Bildern festgehalten ist. Hier wird das Ringen des Menschen mit sich selbst dargestellt, und Jung fügt hinzu, dass sein ganzes wissenschaftliches Lebenswerk eine Aufarbeitung dieses inneren Weges der Individuation sei. Der Name, unter dem dieses Lebenswerk international bekannt geworden ist, lautet Analytische Psychologie.

Wenn wir uns — etwa in diesem Blog oder als Vereinsmitglieder vor Ort in Frankfurt a.M. — für die Förderung und fachliche Kommunikation der Analytischen Psychologie einsetzen, dann richten wir uns — wie oben beschrieben — am Weitblick und der Vielseitigkeit des Lebenswerks Carl Gustav Jungs aus. Fünf Gründe bewegen uns bei diesem Anliegen besonders.

Erstens: Interdisziplinarität und Interkulturalität, die für Jungs Arbeit immer wesentlich waren, inspirieren uns bei der inhaltlichen und spirituellen Grundausrichtung unserer Arbeit.

Zweitens: Mit der Gründung der Frankfurter C.G. Jung-Gesellschaft am 7. September 2018 sollte auf der Landkarte der C.G. Jung-Gesellschaften im deutschsprachigen Raum nicht nur eine 400 Kilometer breite Lücke zwischen Köln und Stuttgart geschlossen, sondern an einem Ort, der traditionell durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds geprägt ist, auch eine längst überfällige, fachlich lohnenswerte Auseinandersetzung eröffnet werden. Neben der Einführung in Grundlagen der Tiefenpsychologie, insbesondere der “Analytischen“, kommen in unseren Vorträgen, Seminaren, Workshops und Lektürekursen vor allem Themenfelder zur Geltung, die therapeutisch, beraterisch oder seelsorglich Tätigen eine persönliche und berufspraktische Orientierung bieten.

Analytische Psychologie und Spiritualität

Die Veranstaltungsformate, die das Gründungsteam entwickelt hat, konnten im ersten Veranstaltungsjahr bereits erfolgreich erprobt werden. Vor allem die Veranstaltungsreihe JUNG am Abend bildete 2018/19 das Aushängeschild der Gesellschaft. Das Format erreicht ein stetig wachsendes Publikum. Im Sommersemester 2020 findet am Sitz unserer Gesellschaft, der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen, zum zweiten Mal eine Lehrveranstaltung zur „Analytischen Psychologie“ statt, jetzt mit dem Themenschwerpunkt „Spiritualität“.

Drittens: Interdisziplinär zu arbeiten bedeutet für die Frankfurter Gesellschaft, sich an der Offenheit C.G. Jungs für die Welt im Innen und Außen zu orientieren, kurz: an einer Analytischen Psychologie, die zwischen Philosophie, Theologie und Physik zu vermitteln versucht. Wir beschäftigen uns einerseits mit Schnittpunktthemen wie der Frage nach dem „Selbst“ und den „Gottesbildern“ sowie der zentralen Frage, was deren Unanschaulichkeit bedeuten mag. Andererseits um die komplementäre Beziehung von Materie und Psyche, von Physik und Psychologie, die als Außen- und Innenwelt untrennbar zusammengehören.

Viertens: Der Fokus Jungs war nicht nur auf die eigene Psyche und die seiner Klienten gerichtet, sondern er war auch ein Seismograph seiner Zeit. Jung erlebte innerlich die Umbrüche des damaligen Europa, der drohenden Weltkriege und der Themen und Probleme, die den Menschen vor allem in der zweiten Lebenshälfte beschäftigen. Wir wollen Jungs Werk kritisch im Kontext seiner Zeit betrachten. Jung war Empiriker. Ein Merkmal des Psychischen ist, dass man schwer verallgemeinern kann. Das „Allgemeine“ sind die unanschaulichen, psychoiden Grundstrukturen, die in jedem Menschen und in jeder Zeit individuell ausgeprägt sind.

Fünftens: Jung hat keine Lehre und keine Methode entwickelt, sondern hat bei jedem Klienten bei Null angefangen. Jeder Mensch ist anders. Eben damit hat Individuation zu tun. Wir beschäftigen uns in Frankfurt nicht mit einer Lehre, sondern bei allem Empirischen immer auch mit uns selbst, mit der Einmaligkeit unseres Lebens, etwa in der Traumarbeit oder der Aktiven Imagination. Jungs Texte authentisch zu lesen, heißt, ihren Verfasser im gesellschaftlich-gegenwärtigen wie im je individuellen Kontext immer neu zu verorten und zu verstehen versuchen.

Dieser lohnenden wie zugleich dringlichen Aufgabe fühlen wir uns mit unseren Freunden, unseren Kolleginnen und Kollegen und den Besuchern unserer Frankfurter Veranstaltungen in besonderer Weise verpflichtet.

¹ Dieses und das nächste Kurzzitat stammen aus C.G. Jung: „Erinnerungen, Träume, Gedanken“. Aufgezeichnet und herausgegeben von Aniela Jaffé, Edition C.G. Jung im Patmos-Verlag, 18. Auflage 2013.

© 2020 Robert Harsieber und Ludger Verst

Unsere nächste Veranstaltung:
JUNG am Abend | 03.02.2020, 19.00 – 21.00 Uhr
Christiane Lutz, Stuttgart: Mythen und Märchen in der psychodynamischen Therapie

C.G. Jung-Gesellschaft Frankfurt am Main • Offenbacher Landstraße 224 • 60599 Frankfurt
eMail: verst@sankt-georgen.de

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