Schule macht stark

Lernen personzentriert gestalten

| Von Ludger Verst |

Schulen sind Organisationen, in denen zweckbezogen und zielgerichtet gearbeitet wird. Sie unterliegen einer Aufsicht, die darauf schaut, welche Konzepte und Verhaltensweisen es braucht, damit die der Schulform entsprechenden Leistungsziele bestmöglich erreicht werden. So stehen Lehrkräfte und Schulleitungen zusehends unter einer hohen sozialen Beanspruchung angesichts der Fülle von Erwartungen, die durch Bildungsstudien und Schulinspektionen eher noch forciert werden. Es entsteht das Gefühl, den verschiedenen Ansprüchen des Schulalltags immer weniger gerecht zu werden und zudem ständig selbst auf dem Prüfstand zu stehen.

Gedeihliche Lernatmosphären haben es schwer unter solchen Rahmenbedingungen. Angesichts der Vielfalt heutiger Steuerungsinstrumente und immer wiederkehrender Reformschleifen richtet sich der analytische Blick vorrangig auf Kompetenz- und Leistungsprofile, auf den Lern-Output der Schülerinnen und Schüler. Die steigende Zahl von Leistungsüberprüfungen führt dazu, dass Lehrer ihre Schüler vor allem unter dem Gesichtspunkt von Lernergebnissen, Noten und Arbeitsdisziplin betrachten müssen. Dadurch geraten wichtige, das Lernen und die Lernbereitschaft der Schülerinnen und Schüler unterstützende Faktoren aus dem Blick. Lernende und Lehrende haben jedoch ein Gespür dafür, ob andere ihnen und ihrer Arbeit grundsätzlich wertschätzend oder abwertend, förderlich oder beeinträchtigend, gewährend oder einschränkend gegenüberstehen.

Sich von der Eigenart des Anderen berühren lassen

Vor diesem Hintergrund bietet der so genannte „Personzentrierte Ansatz“ in der Schule eine besondere Art der Gestaltung förderlicher zwischenmenschlicher Beziehungen. Die „Beziehung“, um die es hier geht, soll nicht Mittel zum Zweck sein, etwa um das Klassenziel oder einen bestimmten Schulabschluss zu erreichen. Sie ist einzig und allein Medium persönlicher Wahrnehmung und Entfaltung, eine innere Motivation für persönliches Lernen und Wachsen. Für den Menschen, der in sozialen Systemen, Gemeinschaften und Gruppen eingebunden lebt, ist es ganz selbstverständlich, sich als „in Beziehung“ zu verstehen. In personzentrierter Kommunikation geht es um eine bestimmte Art des „In-Beziehung-Seins“. Damit sind nicht einzelne außergewöhnliche Momente gemeint, sondern ein grundlegendes Beziehungsverständnis: die Eigenart des Anderen zu akzeptieren und sich von ihr berühren zu lassen.

Übertragen auf die Arbeit mit Schülerinnen und Schülern bedeutet dies: Die Beziehung zwischen Lehrkräften und Lernenden verändert sich und zwar derart, dass die Verantwortlichkeiten für beide Seiten klarer ins Bewusstsein treten und der zwischenmenschliche Umgang miteinander zugleich partnerschaftlicher wird. Natürlich bleibt es Aufgabe der Lehrkräfte, einen qualifizierten Unterricht anzubieten, gleichzeitig aber sind die Schülerinnen und Schüler auf eine andere, empathische Weise involviert und gebeten, dieses Angebot anzunehmen. Das gelingt nicht allen Schülerinnen und Schülern in gleicher Weise. Oft sind sie mit ihren Gedanken woanders oder mit belastenden Gefühlen konfrontiert oder die Lerninhalte interessieren sie nicht. Durch das Beziehungsangebot des Personzentrierten Ansatzes werden Schülerinnen und Schüler jedoch deutlich besser emotional erreicht und in ihrer Besonderheit angesprochen, sodass sie sich eher am Unterricht beteiligen wollen, zugänglicher und kreativer werden, vielfach erst wieder in Kontakt kommen mit ihrem eigenen Potenzial.

Der Personzentrierte Ansatz — oder kurz: PzA —, wie er von dem amerikanischen Psychologen Carl R. Rogers (1902- 1987) entwickelt und über viele Jahrzehnte kontinuierlich in seiner Wechselwirkung von Theorie und Praxis untersucht wurde, ist heute eine selbstverständliche Grundlage der Gesprächsführung im Rahmen von Beratungs- und Therapiegesprächen wie auch in Coaching und Supervision. In seiner schulischen Anwendung haben Thomas Gordon und in Deutschland vor allem Reinhard Tausch und Friedemann Schulz von Thun das personzentrierte Kommunikations- und Beratungskonzept beeinflusst.

Ein ressourcenorientierter Ansatz 

Inzwischen gehören Beratung und Begleitung zu den originären Aufgabenfeldern der Schule; sie stellen eine grundlegende Lehrerkompetenz dar, nicht nur in der Kommunikation mit Einzelnen, sondern auch und gerade in Gesprächen und Beziehungen innerhalb von Gruppen, Gemeinschaften und Kollegien. Der Einsatz personzentrierter Kompetenzen verbessert das Schulklima, die Arbeitssituation im Unterricht sowie die Kooperation in Kollegium und Elternschaft, weil er ressourcen- und nicht defizitorientiert ist, weil er, statt Schwächen zu markieren, vor allem Stärken stärkt, ob bei Schülerinnen und Schülern, Eltern oder Lehrkräften.

Genau diese Qualität der Kommunikation habe ich innerhalb des Beratungsteams unserer Schule, eines Gymnasiums im Kreis Offenbach, hautnah erleben und über Jahre mit entwickeln können. Unter dem Motto „Wir sind da“ arbeiten in der Ricarda-Huch-Schule (RHS) in Dreieich Schullaufbahnberatung, Schulsozialarbeit und Schulseelsorge sowie Lehrkräfte in der Sucht- und Gewaltprävention und das schulische Krisenteam als Beratungsnetzwerk eng zusammen. Das Netzwerk „sorgt dafür, dass sich Lehrende und Lernende und auch Erziehungsberechtigte in den unterschiedlichen Herausforderungen des Schullebens einander achtsam und einfühlsam begegnen können“.

Teil des Beratungsangebots ist ein im 8. Jahrgang verankertes, von der Mainzer Kinder- und Jugendpsychiatrie entwickeltes Schultraining MaiStep, das die Gesundheitskompetenz der Kinder und Jugendlichen zu stärken versucht. An zwei Projekttagen erlernen sie in interaktiven und erlebnisorientierten Übungen Bewältigungsstrategien, um ein stärkeres Körperbewusstsein zu entfalten und essgestörten Verhaltensweisen vorzubeugen.

Neue Qualität von Kommunikation

Ab dem Jahrgang 9 arbeite ich mit Schülerinnen und Schülern an personzentrierten Formen schulischer Kommunikation. Dafür gibt es seit drei Jahren die AG „Schule macht stark“. Sie besteht aus etwa zehn bis zwölf Mitgliedern. Ausgehend von einer gezielten Förderung emotionaler und praktischer Fähigkeiten in so genannten Ressourcen-Workshops, arbeiten AG-Mitglieder als Lern-Coaches, übernehmen Tutorenschaften, z.B. für die Neuankömmlinge in den 5. Klassen, initiieren soziale Projekte und unterstützen so den wertschätzenden Umgang miteinander im Schulalltag. Ihr Ziel ist, dass die in der Schule Tätigen möglichst einfühlsam und authentisch miteinander umzugehen lernen. Solche die Person wertschätzenden Kompetenzen sind nicht selbstverständlich und müssen bewusst erworben und eingeübt werden. Sie sind in allen Arbeitssituationen in der Schule hilfreich: im Unterricht, in Besprechungen, in Gremien, insbesondere bei Konfliktregelungen. Wertschätzender Umgang miteinander setzt einen achtsamen Umgang mit sich selbst voraus, ein Bewusstwerden der eigenen Gefühle und des eigenen Selbstwerts. Begegnen Lehrende und Lernende einander achtsam und einfühlsam, stabilisiert dies das Wohlbefinden der Akteure und fördert deren Selbstvertrauen. Störverhalten und Aggressivität nehmen ab, die fachlichen Leistungen verbessern sich.

Ergebnis der AG-Arbeit ist eine spürbare Verbesserung des Schulklimas. Zusammengehörigkeitsgefühl und Solidarität innerhalb der Schulgemeinde sind gewachsen, sodass bestimmte vermeidenswerte Konflike erst gar nicht mehr entstehen.

„Herzton“ – ein sozialkünstlerisches Projekt

Personzentrierte Kommunikation muss aber nicht auf schulische Gruppen beschränkt bleiben. Standen bislang schulinterne Aktionen im Vordergrund, richtete die AG ihre Aufmerksamkeit in diesem Schuljahr gezielt nach außen: Schule macht Menschen auch außerhalb des Schulbetriebs stark, zum Beispiel im nur wenige Kilometer entfernten Frankfurt. Zehn Schülerinnen und Schüler organisierten im Rahmen eines AG-Projekts eine „Stadtbesichtigung“ ganz eigener Art. Sie suchten nach Orten, an denen Menschen mit unterschiedlichen Geschichten – Geflüchtete, Ratsuchende, Kranke, Arme und Reiche – zusammenkommen. In den Blick gelangten Lebenswirklichkeiten mit vielfältigen Herausforderungen und zum Teil erheblichen Zumutungen, denen – so der Eindruck der Schüler – eine größere Aufmerksamkeit und Anteilnahme sichtlich gut tat.

Das fächerübergreifende Projekt mit dem Titel „Herzton – Musik und soziale Aktion“ erforschte auf diese Weise ein Schulhalbjahr lang verschiedene, meist unterschwellige Konfliktszenarien der Frankfurter Stadtwirklichkeit, indem die Schülerinnen und Schüler sich ihren Gesprächspartnern in empathischer, wertschätzender Haltung näherten und so bestimmte institutionelle Routinen einerseits und persönliche Bedürfnisse und Anliegen andererseits allererst sichtbar machten: in einem städtischen Krankenhaus, in der Frankfurter Bahnhofsmission, bei der Frankfurter Tafel, in einer Flüchtlingsunterkunft und in einem Shopping Center in der Frankfurter Zeil. Schon die ersten Begegnungen zeigten: Die Szenarien selbst, die Personen, Beziehungen und Themen, setzten in den Schülerinnen und Schülern eine eigene nachdenklich stimmende und zugleich faszinierende Klang- und Bilderwelt frei.

Das Ergebnis: „Herzton“ initiierte Aufmerksamkeit in Form einer personzentrierten sozialen Aktion. Die AG-Mitglieder trafen Menschen, die darauf warte(te)n, in ihren jeweiligen Kulissen (endlich) wahr- und ernstgenommen zu werden, und die darauf hoff(t)en, dass man ihnen mit Respekt, Sympathie und Anerkennung den Rücken stärkt. Ihre Eindrücke verarbeiteten die Schülerinnen und Schüler in Aufzeichnungen und Tondokumenten auf sozialkünstlerische Weise. Unter Mitwirkung des Minimal-Music-Künstlers Ulli Götte aus Kassel wurden die erlebten Begegnungsqualitäten als „Umgangstöne“ zu einer Klangcollage modelliert und der Schulgemeinde im Rahmen einer Schul-Projektwoche vorgestellt.

Leicht bearbeitete Fassung meines Beitrags in der Zeitschrift RU heute, Jg. 47, Heft 1, Juni 2019, S. 50-52.

© 2019 Ludger Verst

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