… erlöse uns nicht von dem Bösen!

Wofür es GUTES und BÖSES braucht

| Von Ludger Verst |

Die Psychotherapie vermittelt die Einsicht, dass moralische Normen im Alltag zwar Orientierung und Sicherheit bieten, als solche aber keinen absoluten Wert besitzen. Recht und Ordnung regeln zwar das Öffentliche; das Verborgene und Verdrängte aber, das ja nicht per se unmoralisch ist, lässt sich durch Ordnung nicht kontrollieren oder ruhigstellen. Es sollte vielmehr bewusstgemacht und gelebt werden, damit Menschen zu innerem Frieden gelangen.

Die christliche Theologie, vor allem die Moraltheologie, tut sich mit solchen Einsichten grundsätzlich schwer. Die zuletzt wieder entflammte Debatte um den so genannten Werterelativismus der 1968er-Generation, wie sie durch den Einwurf Benedikts XVI. zusätzlichen Zündstoff erhalten hat, mag dies unterstreichen.

Wie Heilung gelingt

Nun zeigen Erfahrungen aus Seelsorge, Beratung und Therapie, dass Menschen in Krisensituationen und vor allem mit psychischen Belastungen oder Störungen gerade dann erfolgreich ins Leben (zurück-)finden, wenn sie ihre bisherigen Moralkonzepte und Verhaltenskodizes kritisch reflektieren und in Frage stellen und, wo nötig, neu justieren und „aushandeln“ konnten. Heilung, so zeigt sich, besteht in der Überwindung von Überforderung, Verdrängung oder Spaltung, was offenbar gelingt, wenn bisherige moralische Ansprüche relativiert werden dürfen, um zu einem stimmige(re)n Selbstkonzept vordringen zu können.

Die Analytische Psychologie, deren Aktualität im Gespräch mit der Theologie nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, hat das Problem einer weithin immer noch auf Vollkommenheit ausgerichteten theologischen Ethik erkannt, einer Ethik, die das Helle und das Heile lobt, das Dunkle und Unheile aber mit moralischen Besen auszukehren versucht.

Vollständigkeit statt Vollkommenheit

Aus der therapeutischen Erfahrung Carl Gustav Jungs heißt es dazu: „Das Individuum mag sich zwar um Vollkommenheit mühen, muss aber zugunsten seiner Vollständigkeit sozusagen das Gegenteil seiner Absicht erleiden.“[1] Jung stellt Vollkommenheit und Vollständigkeit gegenüber: Die Suche nach Vollkommenheit, zum Beispiel als Nachfolge Christi, verschärfe nur den Konflikt. Der Mensch solle nach Vollständigkeit, nach psychischer Ganzheit streben, d.h. nach einer Synthese der Gegensätze, was Jung auch als coniunctio oppositorum bezeichnet.

Dies ist eine radikale Wende: Nicht moralische Prinzipien, sondern „Einheit und Ganzheit stehen auf der höchsten Stufe der objektiven Wertskala“[2]. Der Mensch soll in ihm festgeschriebene Gegensätze relativieren und in eine Äquidistanz zu beiden gelangen: „Das Ich bewahrt nur seine Selbstständigkeit, wenn es sich nicht mit einem der Gegensätze identifiziert, sondern die Mitte zwischen den Gegensätzen zu halten versteht. Dies ist aber nur dann möglich, wenn es sich nicht nur des einen, sondern auch des anderen bewusst ist. Die Einsicht wird ihm allerdings nicht nur von seinen sozialen und politischen Führern schwer gemacht, sondern auch von seinen religiösen. Alle wollen die Entscheidung für das eine und damit die restlose Identifizierung des Individuums mit einer notwendigerweise einseitigen ‹Wahrheit›. Selbst wenn es sich um eine große Wahrheit handeln sollte, so wäre die Identifizierung damit doch etwas wie eine Katastrophe, indem sie nämlich die weitere geistige Entwicklung stillstellt. Anstatt Erkenntnis hat man dann nur noch Überzeugung, und das ist manchmal viel bequemer und darum anziehender.“[3]

„Der Mensch wird erfüllt vom göttlichen Konflikt“ (C.G. Jung).

Christen fällt eine solche Betrachtungsweise nicht leicht, denn „im Unbewussten […] ist alles vorhanden, was im Bewusstsein verworfen wird, und je christlicher das Bewusstsein ist, desto heidnischer gebärdet sich das Unbewusste“[4]. Jung sieht den Gegensatz in Gott selber: „Aller Gegensatz ist Gottes, darum muss sich der Mensch damit belasten, und indem er es tut, hat Gott mit seiner Gegensätzlichkeit von ihm Besitz ergriffen, das heißt sich inkarniert. Der Mensch wird erfüllt vom göttlichen Konflikt.“[5]

Jung kommt zu dem Schluss, dass der fromme Christ, der sich nur an den hellen Aspekten des Gottesbildes orientiert, die volle Inkarnation Gottes ablehnt, weil er dessen dunkle Seite nicht verwirklicht. „Der schuldige Mensch ist geeignet und darum ausersehen, zur Geburtsstätte der fortschreitenden Inkarnation zu werden, nicht der unschuldige, der sich der Welt vorenthält und den Tribut ans Leben verweigert, denn in diesem fände der dunkle Gott keinen Raum. Seit der Apokalypse wissen wir wieder, dass Gott nicht nur zu lieben, sondern auch zu fürchten ist. Er erfüllt uns mit Gutem und mit Bösem.“[6]

Das Primat der Ganzheit und der Überwindung der Entzweiung dient Jung auch für die Deutung einiger Stellen der Evangelien, nämlich derjenigen, wo Jesus auffordert, sich mit dem Bruder und sogar mit dem Feind zu versöhnen (Mt 5, 22ff.), und ebenso dazu, sich mit sich selber zu versöhnen [7], dem inneren Konflikt ein Ende zu setzen und die „negativen“ und „feindlichen“ Aspekte der eigenen Natur anzunehmen. Denn solche Aspekte seien nichts anderes als harmlose natürliche Triebe, die der Mensch versuche, zu unterdrücken: „Das Unterdrückte kommt an anderer Stelle und in veränderter Gestalt wieder zum Vorschein, aber diesmal belastet mit einem Ressentiment, welches den an sich harmlosen Naturtrieb zu unserem Feinde macht.“[8]

Die Bedeutung der Selbstannahme

Es sei deshalb wichtig zu realisieren, dass der „Feind“ in uns nur wegen der „willkürlichen und gewalttätigen“ Unterdrückung zu einem Feind geworden ist. Jung betont die Bedeutung der „Selbstannahme“; er weiß, dass es nicht leicht ist, die verdrängten Inhalte anzunehmen, d.h., sich selbst anzunehmen und einen Weg zu finden, „auf welchem die bewusste Persönlichkeit und der Schatten zusammenleben können“[9].

Dieser Weg sollte nicht über die Aufhebung der Moral gehen: „Die Moral eines Menschen zu zerstören, hilft ebenfalls nicht, weil es sein besseres Selbst töten würde, ohne welches auch der Schatten keinen Sinn hat. Die Versöhnung dieser Gegensätze ist eines der wichtigsten Probleme.“[10]

Die Moral muss so verändert werden, dass sie die Selbstannahme legitimiert, d.h., dass sie sich auf christliche Werte bezieht, aber auch den christlichen Schatten, das Heidnische und Antichristliche integriert.

Anmerkungen:

[1] C.G. Jung, Aion, Beiträge zur Symbolik des Selbst, Gesammelte Werke Bd. 9/II, 6. Auflage, Walter, Olten und Freiburg i. Br. 1985, S. 10.
[2] Ebd., S. 41.
[3] Ders., Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen, in: Die Dynamik des Unbewussten, Gesammelte Werke Bd. 8, Zürich, Rascher 1967, S. 250-251.
[4] Ders., Antwort auf Hiob, GW Bd. 11, S. 445.
[5] Ebd., S. 419.
[6] Ebd., S. 462.
[7] Vgl. Ders., Psychologie und Religion, in: Gesammelte Werke Bd. 11, 5. vollst. rev. Auflage, Walter, Olten 1988, S. 94-95.
[8] Ders., Aion, S. 36.
[9] Ders., Psychologie und Religion, S. 94.
[10] Ebd.

© 2019 Ludger Verst

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Ein Gedanke zu “… erlöse uns nicht von dem Bösen!

  1. Wo viel Licht, da auch viel Schatten. Der Volksmund weiß es und die Kirche lernt es gerade. Sie kann aber mit ihrer aristotelischen Logik nicht damit umgehen. Die Zeiten, wo Kirchenmänner wie Nikolaus Cusanus von der Einheit der Gegensätze sprachen, sind längst vorbei. Sie müssen aber wiederkommen. Was auch Karl Rahner bewusst war mit seinem Statement, dass die Kirche im 21. Jahrhundert eine mystische oder nicht mehr sein wird. Mystik ist ja nicht irgendetwas abgehobenes, sondern das volle Leben. Mystik beginnt damit, das Kleinste und Unbedeutendste sehen und lieben zu lernen. Auch den inneren Feind. Erst dann kann man sich dem Größeren zuwenden.
    Im Entweder-Oder Schema wird Moral als eine Entscheidung gegen das Böse dargestellt. Aber es geht nicht um DAS Böse, noch dazu irgendwo im Außen, sondern um die Konfrontation mit dem Schatten im eigenen Inneren. Der bestimmt unser Leben von innen her, und zwar umso mehr, je mehr wir uns einseitig dem Licht zuwenden.
    Dem asiatischen Denken fehlt diese Entweder-Oder-Entscheidung. Und es war ein gewisser Joseph Ratzinger, der in einem Interview gesagt hat, dass wir als Christen vom Osten sehr viel lernen können. Dort haben die männlichen Gottheiten eine weibliche Entsprechung (Anima/Animus), und viele Gottheiten haben auch eine schreckliche Manifestation (Schatten). Man wird dort im religiösen Setting mit dem eigenen Gegengeschlechtlichen und dem Schatten konfrontiert.
    Das Christentum ist eigentlich nicht als Flucht in ein lichtvolles Jenseits gedacht, sondern als Weg durch die innere Wüste, in der wilde Tiere und Schlangen lauern, die auch Geschöpfe Gottes sind. Und die erhöhte Schlange wird exemplarisch zum Heilszeichen. Mit ihrem Streben nach einseitiger „Vollkommenheit“ und nach gleißendem Licht, und mit einer Moral, die der Macht und nicht dem Leben dient, hat sich die Kirche schon allzu weit von diesem Christentum entfernt.

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