Mit der Seele auf Du

| Von Robert Harsieber |

C.G. Jung beginnt sein geheimnisvolles „Rotes Buch“ damit, dass er, vom „Geist der Tiefe“ dazu aufgefordert, seine Seele als Person anspricht. So tritt ihm seine Seele, die er verloren glaubte, wieder entgegen. Ähnliche Phänomene finden wir auch im Yoga, im Tantra und in der Mystik.

In seiner Biografie „Erinnerungen, Träume, Gedanken“ berichtet Jung, dass er sich schon als Jugendlicher als zwei Personen erlebt habe, die er zunächst als Person 1 und Person 2 bezeichnete, später dann als Ich und Selbst. Die eine Instanz erschien ihm als das bewusste Ich, die andere als ein Übergreifendes, als das Wissen „eines kollektiven Geistes, dessen Lebensjahre Jahrhunderte bedeuten“.

Nr. 2 war in der Tat ein ‚Gespenst‘, das heißt, ein Geist, der an Macht dem Weltdunkel gewachsen war.“¹ Er ist ein Beispiel dafür, dass ein dualistisches und monistisches Weltbild nicht gegeneinander ausgespielt werden sollten; sie gehören als Gegensätze komplementär zusammen. Wer sich nicht als gespalten erlebt, kann zu keiner Vereinigung gelangen, die Jung Individuation nennt.

Das Unbewusste tritt uns in verschiedenen Aspekten und Gestalten entgegen, als innere Bilder und Stimmen, bei denen es nicht entscheidend ist, ob wir sie als „innerpsychisch“ oder als eigenständige „Geister“ bezeichnen. Es geht bei der Psyche zwar um eine Innenwelt; dem Ich gegenüber erscheint sie jedoch wie eine äußere, objektive Welt. Es geht darum, sich diese zunächst fremden inneren Aspekte vertraut zu machen.

Seelisches Erleben ist eine Begegnung mit etwas Fremdem und Eigenständigem, mit einem Anderen, das erst nach und nach — in einem Prozess der Individuation — assimiliert und integriert werden kann. Erst die Vereinigung der Gegensätze (männlich – weiblich, oben — unten) führt zum Einheitserleben des Selbst.

Die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, mit der eigenen Psyche, ist zudem eine Gratwanderung zwischen Psychose, Paranoia (oder wie immer man das bezeichnen will) und dem bewussten Erleben einer inneren und doch anderen Welt des Numinosen. So beginnt Jung am Anfang des Roten Buches mit seiner Seele zu sprechen. Philemon, sein innerer Guru (wie ihm später ein Inder erklärt), bringt ihm bei, „dass es Dinge in der Seele gibt, die nicht ich mache, sondern die sich selber machen und ihr eigenes Leben haben“². Mit anderen Worten: Es gibt eine psychische Objektivität, eine Wirklichkeit der Seele.

Die innere gegengeschlechtliche Ergänzung

Die Auseinandersetzung mit der inneren Welt ist komplex (Persona, Schatten, Anima/Animus, der Held, der/die Alte Weise …). Die Seele als das noch unbekannte Andere ist als solche gegengeschlechtlich. So muss der Mann mit seiner inneren weiblichen Seite in Kontakt kommen, die Frau mit ihrer inneren männlichen Seite. Anima und Animus sind nicht eindeutig, sondern vielschichtig. Wie alles Lebendige haben sie ein weites Bedeutungsspektrum.

Schon bei der ersten Begegnung mit der Anima in der Mutter geht es um einen komplexen Menschen. Dieses Bild setzt sich fort in der Partnerin, die dem inneren Bild der Anima mehr oder weniger entspricht oder entsprechen sollte. Was diesem Bild nicht nahekommt, projizieren wir. Wir haben ein inneres Bild vom Partner (das Bild der eigenen Seele, der Anima, des Animus), und wenn der/die Geliebte dem nahekommt, dann fühlen wir uns vertraut und „seelenverwandt“. Es bleibt aber immer auch Fremdes, und das wird zur Lebensaufgabe. Im Idealfall wachsen das innere Bild und die äußere Person zusammen, indem beide sich wandeln.

Das Spektrum des Weiblichen / Männlichen

Wie das Männliche umfasst auch der Archetypus des Weiblichen ein enormes Spektrum, gespalten in hellere und dunklere Seiten oder Aspekte. Jung spricht auch von der Zweideutigkeit der Anima. Wir kennen das vom Mythos der Hure und der Heiligen. Der Mann, der das klassisch nicht zusammenbringt, sucht das eine im Bordell und das andere in der Ehe. So allerdings kann sich die Frau nicht als Frau gesehen fühlen, außer sie identifiziert sich ebenfalls nur mit dem hellen Teil und verdrängt in sich das Dunkle. Dieses Dunkle ist ja nichts Negatives, sondern der eine, basale Teil des animal rationale, das der Mensch ist.

Der Mann, der sich selbst und seine seelische Bandbreite einigermaßen kennengelernt hat, wird auch in seiner Partnerin dieses Spektrum schätzen. Bei einem Mann, der seine Frau „vergöttert“, kann eine Frau auch ihre dunkle Seite leben. Wenn beide das ganze Spektrum leben können, dann ist das Animalische nicht mehr negativ und das Engelhafte oder Göttinnenhafte nicht mehr abstrakt. Beides kann ins Liebes- und Lebensspiel eingebunden und verbunden werden. Es kann dadurch nicht nur zur Vereinigung von Männlichem und Weiblichem, Äußerlichem und Innerlichem, sondern auch von Oben und Unten kommen. Das Animalische und das Göttliche verlieren ihren Charakter der Ausschließlichkeit und ergänzen sich komplementär.

Über die Zeit seiner Auseinandersetzung mit dem Unbewussten sagt Jung: „Damals stellte ich mich in den Dienst der Seele. Ich habe sie geliebt und habe sie gehasst, aber sie war mein größter Reichtum. Dass ich mich ihr verschrieb, war die einzige Möglichkeit, meine Existenz als eine relative Ganzheit zu leben und auszuhalten.“³ Der Gegensatz zwischen Bewusstsein und Unbewusstem, zwischen äußerer und innerer Welt ist die Voraussetzung für das Erleben der Ganzheit.

Anima und Shakti

Jung hat sich mit antiken, aber auch sehr viel mit asiatischen Kulturen beschäftigt, weil er Ähnliches in den Träumen seiner Klientinnen und Klienten gefunden hat. Im Yoga, Buddhismus oder Tantra finden sich Elemente, die genau den Archetypen Jungs entsprechen. Dort sind Philosophie und Psychologie nicht so scharf getrennt wie bei uns im Westen. So ist die große Bandbreite des Seelischen dort selbstverständlich. Die Gottheiten sind weniger abstrakt als psychisch zu verstehen; es gibt meist einen „positiven“ und einen „negativen“, einen lieblichen und einen schrecklichen Aspekt. Die männlichen Gottheiten werden mit ihrer Shakti, ihrem weiblichen Aspekt, welcher der Anima entspricht, dargestellt. Die männlichen wie weiblichen Gottheiten haben meist zwei gegensätzliche Aspekte.

Am augenfälligsten ist der schreckliche Aspekt der Kali, die blutrünstig mit Totenkopf-Girlande um den Hals dargestellt wird. Aber auch dieser Aspekt ist nicht bloß „negativ“. Es ist der zerstörerische Aspekt, aber als Zerstörer der (Ich-)Illusion ist dieser Aspekt schon wieder positiv. Außerdem sind Werden und Vergehen beide notwendig für das Weltgeschehen. Jedenfalls ist hier mehr Psychologie anzutreffen als in so mancher westlichen Psychologie.

Besonders augenfällig ist dieses Spiel von Männlichem und Weiblichem im Tantra. Der ist zwar im Westen zum vorwiegend sexuellen Spiel degeneriert wie alles, was von Asien in den Westen kommt; ursprünglich aber geht es um die Auseinandersetzung mit der eigenen gegengeschlechtlichen Seite, also der Seele als der inneren Göttin. Es ist nicht wichtig, ob dies mit oder ohne konkrete Partnerin geschieht. Die tantrischen Mystiker leben mit ihrer inneren Göttin eine beinahe reale Beziehung. Wenn sie eine Partnerin haben, dann sehen sie auch in dieser die Shakti, die innere Göttin, und sie wird dieser auch immer ähnlicher.

Wenn nun C.G. Jung seine Seele als Person anspricht, dann ist das nicht viel anders. Das bewusste Ich tritt in Verbindung mit der bislang unbewussten Anima, die einen viel weiteren und tieferen Horizont hat als das bewusste Ich. In der Sprache des Tantra tritt der Mystiker in Beziehung zu seiner inneren Göttin, wobei „innen“ oder „jenseitig“ nur verschiedene Ausdrucksweisen sind, die durchaus gleichbedeutend nebeneinanderstehen können.

Der erotische Aspekt des Spirituellen

Dies wirft ein neues Licht auf die Begegnung von Mann und Frau, die immer auch eine Begegnung mit dem eigenen gegengeschlechtlichen Seelenanteil ist. Sie bietet die Chance, Abgespaltenes und darum Fremd-Gewordenes wieder hereinzuholen. So verstanden, bedeutet Sexualität seelische Begegnung mit körperlichem Ausdruck. Die Vereinigung wird auch zur Vereinigung der Pole von Außen und Innen, von Oben und Unten, ein Spiel zwischen Vertrautem und Fremdem, zwischen Seelenverwandtem und dem ganz Anderen — kurz: zwischen einem Erfahren und Lernen, das nie an ein Ende kommen wird.

Da die Anima aus den Tiefen des Unbewussten kommt, tritt sie dem Mann auch als die Sophia oder Weisheit entgegen. Und da sie auch die dunklen Aspekte umfasst, muss der Mann diese nicht länger abspalten. Der erotische Aspekt ist vom spirituellen nicht zu trennen. Der tantrische Mystiker hat eine durchaus erotische Beziehung zu seiner inneren Göttin, die wiederum nicht verehrt oder angebetet (was eine gewisse Distanz voraussetzt), sondern geliebt werden will.

Anmerkungen:
¹ C.G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken, Patmos Verlag, 19. Aufl. 2016, S. 108 f.
² Erinnerungen, S. 204
³ Erinnerungen, S. 214

© 2019 Robert Harsieber

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