Wahrheit und Protest

Zur Psychologie radikalisierten Widerstands

| Von Ludger Verst |

Die Ereignisse von Chemnitz haben weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Vom Tötungsdelikt am Rande des Stadtfestes, über rassistische „Hetzjagden“ bis zur Instrumentalisierung eines Toten – es zeigen sich Probleme, deren Ursachen nicht allein in Chemnitz oder in Sachsen zu suchen sind.

Seit Jahren werden die Signale einer massiven öffentlichen Kritik im Blick auf Migration, den Umgang mit dem Islam oder die Euro-Politik innenpolitisch unterschätzt. Zudem drängen die Langzeitfolgen der Wiedervereinigung, die de facto nicht bewältigt sind, Betroffene zu immer heftiger werdenden Ausdrucksformen des politischen Protests, was Pegida und der Zulauf zur AfD unterstreichen. Noch aus DDR-Zeiten, wo das Lebensumfeld davon geprägt war, den Kapitalismus grundsätzlich kritisch zu sehen, stammt ein vitales Misstrauen gegenüber Obrigkeiten, das auch nach 1989 nie wirklich verschwand und nun in der Migrations-Politik erneut entflammt.

Im Westen der Republik hingegen herrscht kaum Verständnis gegenüber dem Protest, der seit längerem vor allem aus Sachsen kommt. Ich habe verschiedentlich schon darauf hingewiesen: Wenn öffentliche Proteste in großem Stile ignoriert werden, gerät eine Demokratie langfristig und nachhaltig in Gefahr. Der Wahrheitsgehalt, der in ernsthaften Protesten steckt, wird fatalerweise nicht zur Kenntnis genommen.

Erfahrungen aus der sozialen Gruppentherapie

Ein Experte für ostdeutsche Befindlichkeiten ist der Psychiater und Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz aus Halle. Nach den ausländerfeindlichen Vorfällen in Chemnitz verteidigt der 75-Jährige den Osten und warnt davor, die Sachsen pauschal zu verurteilen und in die rechte Ecke zu stellen. Viele Menschen fühlten sich falsch eingeschätzt. Maaz verweist dabei auf Erfahrungen aus der sozialen Gruppentherapie: Wenn Menschen zusammen seien, sagt er, gebe es immer Anführer, Mitläufer und Außenseiter, so genannte Omegas. Diese würden von den anderen beschimpft, bedrängt oder — wenn möglich — ausgegrenzt. Und zwar deshalb, weil der Außenseiter immer etwas verkörpere, was die anderen, die Mehrheit, nicht wissen wolle. Ein Omega würde nicht als Qualitätsindikator, sondern als Störfaktor angesehen. Nicht selten rutsche dann nach kurzen kathartischen Episoden ein anderes Gruppenmitglied in diese Position, und das Spiel beginne von vorn. Maaz wörtlich: „Die Verleugnung einer schwierigen Wahrheit ist für die Entwicklung einer Gruppe wie auch der Gesellschaft hochproblematisch, weil dann bittere Realitäten nicht gesehen und damit auch nicht mehr hilfreich angepackt werden können“ (Leipziger Volkszeitung vom 05.09.2018).

Es zeigt sich, dass hinter Feindbildern wie „Flüchtlinge“, „Asylanten“ und Schlagwörtern wie „Überfremdung“ und „Islamisierung“ Ersatzthemen liegen, in denen existenzielle Themen verborgen sind, deren Tragweite erkannt und analysiert werden müssen. Im Kern dieser Themen stecken nämlich Befindlichkeiten realer Bedrohung, ein Überschuss vor allem von Angst.

Aber – wohin mit dieser Bedrohung, wohin mit der Angst?

Unsere Gesellschaft stellt faktisch keine Räume, keine Orte zur Verfügung, an denen solche Energien unmittelbar, zunächst ganz und gar unpolitisch, also gerade nicht im Spiel von Demonstration und Gegendemonstration, erwünscht wären. So drängt sich die Frage auf, ob eine Demokratie ihre Anhänger nicht nur formal und äußerlich, sondern vor allem und zuerst innerlich demokratisieren müsste, wenn sie wirklich Volkes Stimme repräsentieren will. Äußere Demokratisierung ist keine Kunst. Innere Demokratisierung aber wäre ein innerseelischer Prozess, der Fehlentwicklungen, Verstrickungen, enttäuschte Hoffnungen, insbesondere in Ostdeutschland, als legitim, ja not-wendig zur Sprache kommen ließe.

Den inneren Fremdheiten, der Entfremdung vom eigenen persönlichen und natürlichen Leben, der Leere und Unbarmherzigkeit des Lebens müsste nachgegangen werden. Das gehört zur Demokratisierung dazu. Aber so scharfsinnig dies erkannt sein mag, so dringlich wäre es, die Konsequenzen zu erörtern.

Wir beherrschen die Realität, …

In dieser dramatisch-unübersichtlichen, kollektiven Frontstellung herrscht nicht erst seit Chemnitz initiativlose Windstille. Denn mit der Bekanntgabe politischer Demarkationslinien und der Feststellung unüberwindbarer Gräben scheint es Meinungsführern fürs erste getan zu sein. Der bei weitem größere Aufwand aber wird noch zu leisten sein, um die Frontstellungen wieder zu lockern und die Hintergründe der Angst ganzer Bevölkerungsschichten ehrlicherweise hervorzubringen, zu benennen und anzuschauen. Wer die aggressiven, dann wieder frustrierten oder gleichgültigen Reaktionen der Bürger erlebt, fragt sich mit Recht, wie dieser gewaltigen Protest- und Abschottungstendenz überhaupt begegnet werden kann.

So problematisch es klingen mag: Eine moralische Front gegen alles rechts der CDU würde lediglich ein „Wir gut, ihr schlecht“ transportieren und die Gräben zwischen Rechts und Links, Ost und West nur weiter vertiefen. Im Grunde ist dies längst passiert. Viele fühlen sich in ihrem Protest, in ihren Ängsten schon lange abgehängt. Hinter dem Sammelsurium an Protestinhalten ist eine Irrationalität am Werk, die viele Gründe hat und durch politische Etikettierungen nicht gelüftet wird.

… sind aber hilflos im Umgang mit der Wirklichkeit.

Die Entwicklungs- und Bewältigungskosten einer inneren Demokratisierung aber will so gut wie niemand übernehmen. Für die Parteien gehören sie nicht mehr zum Teil ihrer politischen Analyse und Rezeptur. Die Gewerkschaften vertreten Parteiinteressen. Der Sport kann soziale und psychische Belastungen nur bedingt auffangen und umlenken, nicht aber beheben. Bleiben Sozialverbände und Kirchen. Aber auch hier werden oft mehr Fronten erhoben als abgebaut. In Stellungnahmen geht es um klare Grenzziehungen. Man bleibt bekenntnishaft unter sich. Das ist in Ordnung, aber bei weitem zu wenig.

Wer baut den Enttäuschten eine Klagemauer?

Wo also bieten sich niederschwellige Orte gewaltfreier, lautstarker Auseinandersetzung? Orte, an denen geschimpft, Wut herausgelassen, Angst und Enttäuschung artikuliert werden können, ohne gleich Lösungen parat zu haben? Wo Menschen jammern und sich auf Augenhöhe ihr Leid klagen dürfen? Oder anders gefragt: Wo kann ich lernen, Empathie zu entwickeln für den, den ich nicht leiden kann, um mir einen Moment lang die Welt mit seinen Augen anzusehen? Wer macht mir Mut, mich in die Höhle des Anderen zu begeben?

Ich vermisse Zivilcourage, die nötig ist, nicht nur um Grenzen zu setzen, sondern ebenso zu erforschen, wo und wie ich sie mit dem Anderen auch wieder überwinden kann. Ich wünsche mir Politiker, übrigens auch Bischöfe, die vor Wahlsonntagen nicht nur sagen, was Demokraten dürfen oder nicht, sondern die auch Verständigungsfährten legen, um mit Wutbürgern und Populisten in streitbare Gespräche zu kommen.

Wer sich abgestempelt fühlt oder ausgeschlossen, wird sich darum bemühen, die Mauer zwischen sich und dem Rest der Welt noch höherzuziehen. Das aber machte die Spaltung perfekt. Nichts Anderes beflügelt im Moment die AfD.

© 2018 Ludger Verst

Ein Gedanke zu “Wahrheit und Protest

  1. Wir leben in einer Zeit der Polarität: Dabei geht die Schere immer weiter auf, im Sozialen zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich, und im Politischen zwischen „Rechts“ und „Links“.
    Zu sagen, rechts und links gilt heute gar nicht mehr, wäre die dümmste Antwort. Wer Gegensätze ignoriert, dem wachsen sie über den Kopf.
    Es stimmt zwar, dass die politische Landschaft derzeit wie nach einem Tsunami ausschaut, verbrannte Erde und kein fruchtbares Land. Rechte und ultrarechte Tendenzen breiten sich aus wie die Flächenbrände im überhitzten Sommer. Linke Krawalle gibt es zwar auch, aber die große Zeit des linken Terrors ist längst vorbei. Wir haben nicht nur eine extreme Polarisation, sondern auch eine sehr schiefe Ebene. Was also tun?
    Viele Kommentare in den Social Media kann man nur noch als faschistoid bezeichnen, Tendenz steigend. Aber dies anzuprangern und alle, die damit auch nur am Rande zu tun haben, ins rechte Eck zu stellen, löst kein Problem, sondern schafft es täglich neu. Genauso wie die rechte Hetze, die inzwischen salonfähig geworden ist, nur die Probleme schafft, die sie vorgibt zu lösen.
    Das Problem dabei ist, dass jeder Widerstand gegen diese Entwicklung von den Angesprochenen sofort als „linkslinks“ schubladisiert wird, auch wenn er noch so sanft und gemäßigt vorgebracht wird. Irgendeine linke Demo gibt es schon, die man den ständigen rechten Übergriffen entgegenhalten kann. Und dass das Abgleiten des Niveaus bereits im Verbalen beginnt, steht gar nicht zur Diskussion. Auf dieser Ebene ist eine Lösung nicht möglich.
    Man muss die Probleme ansprechen. Die Probleme gibt es ja, da haben die „Rechten“ recht, und sie dürfen nicht ignoriert werden. Der stereotype Vorwurf ist ja: „Ihr seht die Probleme nicht!“ Ja, wir haben ein Migrationsproblem. Ja, wir haben ein Problem mit dem Islam. Ja, wir haben ein Problem mit den Fremden. Setzen wir uns zusammen und reden wir darüber. Dann könnten Argumente den blinden Protest ablösen.
    Ist es wirklich nur ein Migrationsproblem? Oder ist es auch ein Integrationsproblem? Und hängt das nicht auch mit uns zusammen? Sind wir offen, oder bauen wir Mauern? Mauern, die nicht schützen, sondern ausgrenzen, und Gräben ausheben statt zuzuschütten.
    Haben wir wirklich ein Problem mit einer Islamisierung? Oder will die Mehrheit der Moslems auch nur friedlich leben? Müssen wir eine Religion bekämpfen, oder einen politischen Islam, der mit Religion gar nichts zu tun hat? Um Terrorismus, der noch nie eine Kultur und noch weniger eine Religion hatte.
    Haben wir ein Problem mit DEN Fremden? Oder haben wir ein viel größeres Problem mit DEM Fremden in uns? Ein Problem, das immer größer wird, je mehr wir uns isolieren. Je mehr wir unterscheiden und abgrenzen zwischen Ich und den anderen.
    Das alles ist ein innerpsychisches Problem – und zwar in jedem einzelnen. Und das ist das nächste Problem. Ich kann nicht die Verantwortung für den anderen übernehmen, und ich kann ihn auch nicht zum Denken zwingen. Ihn höflich einzuladen, hilft erfahrungsgemäß auch nicht.
    Wie kann man den anderen dazu bringen, „die Augen aufzumachen“? (Das geflügelte Wort der „Rechten“). Sie tun es ja selbst nicht, sie sehen nur das Negative, das Positive und die Mehrheit des unauffälligen Normalen sehen sie nicht oder wollen es gar nicht sehen.
    Aber niemand kann den anderen zwingen umzudenken. Das geht nicht. Wenn wir etwas ändern wollen, dann müssen und können wir nur bei uns selbst anfangen. Die wahre „Lügenpresse“ handelt nicht mit „alternative facts“, sondern mit „bad news“. Auch die andere Seite zu sehen heißt, das Positive zu sehen. Das ebnet die schiefe Ebene ein. Dann gibt es auf der einen Seite das Negative, auf der anderen Seite das Positive. Würden alle das tun, dann gäbe es keine „Ultrarechten“ und „Ultralinken“, keine „Faschisten“ und „Gutmenschen“, sondern Menschen, die diese Fakten unterschiedlich gewichten.
    Wenn dann noch bemerkt wird, dass diese unterschiedliche Gewichtung nicht auf den Fakten, sondern auf deren Deutung beruht, dann könnten wir sogar über diese Deutung diskutieren. Und dann wären wir vielleicht sogar offen für die Frage, was denn hinter diesen äußerlichen Problemen steht? Die Angst vor dem Fremden in uns selbst. Die berechtigte Wut über religiöse Fanatiker. Die eigenen sozialen Probleme. Die Angst vor der Zukunft. Die Ohnmacht, politisch wirklich etwas zu ändern.
    Das alles ist psychologisch schon schwierig genug. Es erfordert aber zuallererst ein völlig neues Denken. Das Entweder-Oder-Denken, das uns in Europa als Denkmuster über rund 2.500 Jahre begleitet hat, ist nicht geeignet, die heutigen Probleme zu lösen. Von zwei gegensätzlichen Standpunkten einen zu eliminieren, wie es die aristotelische Logik fordert, ist ein Logik, die in letzter Konsequenz in den Faschismus führt. Das Schwarz-Weiß-Denken führt politisch zum „Wir gegen die anderen“, und das führt zu Ausgrenzung und in letzter Konsequenz zur „Säuberung“.
    Ausweg ist hier nur das komplementäre Denken, das Anfang des 20. Jahrhunderts unabhängig voneinander in der Quantentheorie (Bohr, Heisenberg, Pauli und viele andere) und Tiefenpsychologie (C.G. Jung) entwickelt wurde. Von zwei Gegensätzen können wir zwar immer nur einen oder den anderen sehen, nie beide zugleich, aber die einander ausschließenden Standpunkte sind beide notwendig, um die Wirklichkeit als ganze zu erfassen. Wer genau hinschaut, wird bemerken, dass er den ganz anderen Standpunkt selbst auch braucht, um zu einem harmonischen Ganzen zu kommen.

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