… gemeinsam aber ist das Heilen

| Von Robert Harsieber |

„Theologie trifft Therapie?“ war das Thema der Initialveranstaltung der C.G. Jung-Gesellschaft Frankfurt am 23. Juni 2018. Es sollte bewusst „keine Verbrüderung“ (Ludger Verst) sein, sondern ein Dialog, ein gegenseitiges Sich-Befragen – und natürlich auch Anregung zum Weiterdenken.

Jedenfalls wurde da ein Spannungsfeld aufgetan. In der Theologie geht es um das „Heil“, in der Therapie um das „Heilen“. Man könnte es auch als eine Begegnung zweier Spannungsfelder sehen: in der Theologie zwischen Heil und Heilwerden als einer vernachlässigten Dynamik, in der Therapie zwischen Heilen und Ganzwerden und der Frage: Kann der Mensch ganz werden, wenn die spirituelle Ebene ausgeblendet werden muss, weil dies in der heutigen Zeit als unwissenschaftlich gilt?

Die Reanimation der Innenwelt

Mit der innigen Verbindung von Seelsorge und Lebenskunst erweiterte (und vereinte) Prof. Dr. Anne Steinmeier, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, das Terrain: von der Theologie über die Philosophie zur Therapie. All das könne und müsse unterschieden, dürfe aber nicht getrennt werden. Da der Mensch ein „animal symbolicum“ sei (Ernst Cassirer), gehe es beim Menschen nicht um abstrakte Wahrheit, sondern um Stimmigkeit, nicht um Begriffe (so notwendig diese auch sind), sondern um Bilder und Symbole, nicht um Eindeutigkeit (die es in der Natur und im Leben nicht gibt), sondern um Mehrdeutigkeit.

Und da kommt C.G. Jung ins Spiel, der die Bilder als Symbole und Archetypen wiederentdeckt hat. Für ihn war dies Naturwissenschaft mit Blick auf die innere Natur des Menschen, womit Jung unversehens im Gegensatz zur empirischen Wissenschaft stand.

Könnte Psychologie der „Missing Link“ sein zwischen Naturwissenschaft und Theologie?

Der Psychologe C.G. Jung und der Physiker Wolfgang Pauli betrachteten ihre Fachgebiete als komplementär zueinander, womit Physik und Psychologie zwei Seiten einer Medaille wären. Dasselbe könnte man von Psychologie und Theologie behaupten. Wie Leibniz sich gegen Newton wendet, weil er die Gefahr eines mechanistischen Weltbilds klar erkannt hat, so stellt sich Jung gegen ein starres, statisches Weltbild, indem er das Dynamische, das Werden, die Selbst- oder Menschwerdung, die Individuation in den Mittelpunkt rückt. Damit stellt er sich auch gegen eine Vergötterung der Außenwelt, gegen ein Verständnis von Naturwissenschaft als neuer Religion, wie sie Voltaire ganz dezidiert vertreten hat. Hinter dem abstrakten Subjekt steht eine Welt für sich, auch wenn sie nicht von der Außenwelt zu trennen ist. Wer diese Innenwelt verdrängt, findet sie in der Außenwelt wieder in mannigfaltigen Projektionen. Diese Janusköpfigkeit spiegelt sich auch in den Symbolen und Archetypen, die (allgemeingültige) Ganzheit und (individuelle) Besonderheit in sich vereinen.

Aus der Unterscheidung von Materie und Geist wird zuerst eine Trennung, dann eine Verdrängung der Innenwelt.

Seit René Descartes trennen wir Materie und Geist, Außenwelt und Innenwelt. Wobei Descartes methodisch unterschieden und noch nicht getrennt hat. Die Trennung kam später und auch die Verengung der Innenwelt auf einen abstrakten Punkt, den wir Subjekt nennen. Jung hat diese Innenwelt reanimiert und damit auch das Terrain der Religiosität der Theologie zurückgegeben, ohne selbst Theologie zu betreiben.

Wenn die Kirche z.B. einen Eugen Drewermann mit Lehrverbot bestraft, ist das an Absurdität nicht zu übertreffen. Einer, der für das Terrain der Religiosität kämpft, der an der Reanimation der Innenwelt arbeitet, wird von einer Kirche, die selbst das mechanistische Denken, das sie bekämpfen sollte, in einem veräußerlichten Weltbild angenommen hat, hinausgedrängt. Den Ast abzusägen, auf dem man sitzt, ist das passende Bild dazu.

In ihrer veräußerlichten Sprache ist die Kirche längst in die Falle eines unnatürlichen und unlebendigen statischen Weltbildes gegangen. Theologie und Religiosität sind ein dynamisches Unterfangen. In einer Zeit, in der einem die dogmatisch, bisweilen fundamentalistisch „die Wahrheit um die Ohren gehauen wird, ist die Dynamik des Lebendigen längst ausgeschlossen, der Quell lebendigen Wassers längst versiegt. Du gehörst zu den (strahlend weißen) Schafen oder zu den (schwarzen) Böcken, du musst dich nur entscheiden. Dass es in biblischen Gleichnissen um Bilder und nicht um Begriffe geht, scheint vergessen.

Theologie ist nicht Psychologie, Seelsorge nicht Psychotherapie, …

Es ist nicht die Schuld der Psychotherapie, dass sie selbst das Feld einer dynamischen Seelsorge übernehmen muss, weil die Kirche lieber das Defizitäre brandmarkt, statt zum „lebendigen Wasser“ zu führen. Von der Kraft des Wassers aber könnte sie lernen: vom Wasser, das da ist und doch auch weichen kann, das das Flussbett gräbt und ständig verändert, sodass in diesem beharrlichen Geben und Nachgeben seine Stärke liegt. Alles fließt (panta rhei). In solchen Bildern sind das Allgemeine wie das Individuelle, das Sanfte und Gewaltige, das Faszinosum und Tremendum vereint. Therapeuten versuchen oft, solche Naturgewalten zu bändigen und stoßen dabei an Grenzen, z.B. wo Traumata nicht zu erklären sind, die einer zu tiefen Wurzel entspringen. Hier könnte eine Seelsorge, die gleichermaßen aufgeschlossen wäre für das Dunkle und Unberechenbare, therapeutische Aufgaben übernehmen, — wie umgekehrt die Seelsorge gelegentlich auch an Therapeuten übergeben muss.

… beiden gemeinsam aber ist das Heilen.

In beidem geht es um den Menschen. Eine Grenze abzustecken, gleicht der Frage der Quantenphysik, wo die Mikrowelt aufhört und die Makrowelt anfängt. Wo es in der Theologie nur um Gott und nicht zentral um den Menschen geht, hat sie ihre Berechtigung verloren. Umgekehrt geht es in der Psychologie nicht um Gott, aber — wie in der Analytischen Psychologie Jungs — um das Gottesbild, die Gottesbilder in der menschlichen Psyche. In beiden Disziplinen geht es um den Menschen, um seine Sinnsuche und um das Ganze.

Im Therapieren und Heilen könnten sie gemeinsame Sache machen, ohne ihre notwendige Eigenständigkeit zu verlieren.

© 2018 Robert Harsieber

Ein Gedanke zu “… gemeinsam aber ist das Heilen

  1. Der Beitrag von Robert Harsieber „…gemeinsam aber ist das Heilen“ geht von der Überzeugung aus, dass nicht nur die Psychotherapie, sondern auch die kirchliche Seelsorge für sich zurecht einen heilenden Auftrag in Anspruch nehmen könne. Ja, dass ihr ein solcher Auftrag von ihrer Gründergestalt her geradezu genuin eingeschrieben sei. Ich teile im Wesentlichen diese Position und habe an verschiedenen Stellen dazu bereits eigene Argumente vorgetragen.

    Gleichwohl reiben sich an dieser Position wie schon an dem Wunderhaften der biblischen Heilungserzählungen selbst nicht wenige Zeitgenossen. Können wir das überhaupt sagen, dass Jesus geheilt habe und damit gewissermaßen therapeutisch wirksam war? Eine in ihren Konsequenzen für Theologie und Seelsorge immerzu spannende Frage.

    „Glaube und Seelsorge heilen nicht“, so lautet zugespitzt die These des Pastoralpsychologen Wolfgang Reuter, dessen kritische Position ich in Teilen durchaus nachvollziehen kann. „Es würde sich vielleicht lohnen“, so schrieb er mir im Juli 2017, „über das Verbindende und Trennende in den Metaphern des Therapeutischen wie auch des Heilsamen das Gespräch miteinander zu suchen“. Er selbst aber sei immer sehr zurückhaltend bei therapeutisch-seelsorglichen Entwürfen, weil er nicht sicher sei, „ob darin nicht doch implizit eine zumindest unbewusste Identifikation mit dem Heilungs- und Gesundheitsparadigma, welches unsere Gesellschaft durchzieht, zu Tage trete“. Kirchliche Seelsorge müsse eine andere Perspektive eröffnen angesichts des Gesundheits- und Ganzheitswahns des modernen Menschen.

    Und so konnten wir beide uns darauf verständigen, dass es wohl auf die „relationale Dimension“ des Therapeutischen ankomme: „Die Beziehung ist die Therapie“ (Carl Rogers); sie eröffnet und ermöglicht einen heilsamen Erfahrungs-Raum. Kirchliche Rituale – auch die Liturgie – erschließen einen solchen Erfahrungsraum, einen SYMBOLISCHEN ZWISCHENRAUM zwischen Innen und Außen, zwischen Subjektivem und Objektivem, zwischen menschlichen Konflikten und göttlicher Heilszusage, bei dem das Noch-Nicht, das unser irdisches Leben kennzeichnet, nicht geleugnet wird und der dennoch oder gerade deshalb heilsam wirken kann (vgl. https://www.feinschwarz.net/gesundheit-warum-kirche-nicht-darum-herumkommt; 30.07.2018)

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