Theologie trifft Therapie?

Zur Aktualität der Psychologie C.G. Jungs

| Von Ludger Verst |

[… Begrüßungsworte …] Vor anderthalb Jahren, meine Damen und Herren, im Dezember 2016 gab’s hier im Haus, drei Stockwerke tiefer, eine Veranstaltung mit dem Titel „Psychoanalyse oder Religion? — Jüdische, muslimische und christliche Perspektiven auf ein angespanntes Verhältnis“. Ich erinnere mich an interessante Vorträge; ich erinnere mich an streitbare Positionen in der Diskussion, aber es blieb unhinterfragt wie selbstverständlich beim Entweder-Oder: Über ein mögliches Arbeitsbündnis von Psychologie und Religion, und sei es unter einer bestimmten Fragestellung, wurde kein Wort verloren. Man präsentierte Positionen, zum Beispiel phänomenologisch, von Bernhard Waldenfels anspruchsvoll vorgetragen, man begrüßte, dass die einstige Kluft zwischen Psychoanalyse und Religion nicht mehr bestünde, gab sich gegenseitig respektvoll und großzügig —, aber überbrücken, überwinden wollte diese angeblich verschwundene Kluft niemand.

Das war die Geburtsstunde dieser Tagungsidee.

Es fehlte etwas. Und als ich dies — noch am selben Tag — dem Direktor des Hauses klagte, war seine Antwort: Dann mach’ einen Vorschlag! — Und der Vorschlag, dieser Vorschlag, meine Damen und Herren, findet heute hier statt. Das Profil dieses Thementages ist die Erweiterung und Ergänzung eines Veranstaltungsthemas, bei dem mindestens eine Perspektive fehlte: die der Analytischen Psychologie Carl Gustav Jungs.

Nun soll also heute, wie es der Tagungtitel verheißt, ein Treffen stattfinden. Zwei sollen sich treffen: Theologie und Therapie.  — Aber wo …? —  Auf dieser Brücke vielleicht, über die in der eben erwähnten Veranstaltung niemand gehen wollte? Oder in einer mythisch anmutenden Kathedrale …? Oder doch eher in einer Art Behandlungszimmer, wo der eine den anderen besucht, weil er sich vom je anderen etwas verspricht? — Möglicherweise wird es ein Zusammentreffen einander weithin fremd gewordener Seelenverwandter sein, die schon mal enger zusammen waren, dann aber immer mehr jeder für sich und mit sich zu schaffen hatten und darüber wohl die Fühlung füreinander verloren haben. Könnte es vielleicht so sein?

Wir werden es heute sehen. Viel leichter fällt es jedenfalls zu sagen, was es hier und heute nicht sein wird und sein will. Es wird kein Verbrüderungstreffen werden, erst recht kein strategisches. Dafür steht u.a. das Fragezeichen im Tagungstitel.

Der eine muss für den anderen eine Frage sein und bleiben.

Nur dann machen solche Treffen Sinn: wenn der eine dem anderen zu fragen hilft, was fehlt: was in der je eigenen Disziplin fehlt. Dann und darüber könnten die beiden Verwandten sich suchen und näher kommen, weil sie sich nicht zu nahe kommen müssen.

Denn beide wissen voneinander: Ein auf Echtheit und Wertschätzung angelegter spiritueller Weg ist immer auch psychologisch der richtige Weg. Theologie und Psychologie treten überhaupt nicht gegeneinander an. Vielmehr könnten sie sich gegenseitig Kriterien an die Hand geben, innerhalb unserer gängigen Lebenspraxis Fehlformen von Formen gelingenden Lebens zu unterscheiden. Psychologie und Therapie dürfen und sollen sich nicht gottähnlich zum alleinigen Maßstab aufspielen; aber auch jede Religion, jede Konfession, muss sich der psychologischen Frage stellen, wie weit sie Menschen mit ihren Vorschriften und ihrer Praxis nicht nur gesunden, sondern — vielleicht sogar gegen ihre Absicht — heil-los im Stich lässt, manchmal überhaupt erst krankwerden lässt. Wo doch die Religion, die christliche allemal, sich selbst als ein Weg versteht, der Menschen zur Heilung, zum „Heiland“ führen will — nicht nur zu einem rein jenseitigen, sondern zu menschlichem Heil im Hier und Heute.

Die Analytische Psychologie, deren Aktualität im Gespräch mit der Theologie hier heute auf dem Prüfstand steht, hat das Problem einer weithin immer noch auf Vollkommenheit ausgerichteten theologischen Ethik erkannt, einer Ethik, die das Helle und das Heile lobt, das Dunkle und Unheile aber mit moralischem Besen auszukehren versucht. Aus der therapeutischen Erfahrung C.G. Jungs heißt es dazu: „Das Individuum mag sich zwar um Vollkommenheit mühen, muss aber zugunsten seiner Vollständigkeit sozusagen das Gegenteil seiner Absicht erleiden“ (C.G. Jung, Aion (1951), G.W. 9, Teil 2, S. 10).

Besser vollständig als vollkommen sein

Wäre es also nicht auch für die Rede von Gott und insbesondere für die daraus christlicherseits abzuleitende Praxis ein wichtiges Korrektiv, ihre Rede vom Heil und vom Heilwerden zusammenzudenken mit einer zunächst mal viel näher liegenden Rede vom Selbst- und Ganzwerden eines Menschen — gerade im Blick auf den biblischen Jesus und seine Art der Selbst- und Nächstenliebe?

Wenn der Mensch ein ganzer —, also zu dem werden soll, der er von seinen Anlagen und Entwicklungsmöglichkeiten her wirklich ist —, dann zeigt sich hier schon ein erster Hinweis, aus welcher Richtung die Persönlichkeitspsychologie Jungs „neu zu belebende Impulse zu einem therapeutischen Profil christlicher Theologie und Seelsorge beizutragen versteht“, wie es ja im Programmtext zur heutigen Veranstaltung heißt.

Jung hat immer wieder betont, und dies mag eine ebenso herausfordernde wie wertvolle Feststellung sein, dass der Mensch sein Selbst nur dann entfalten könne, wenn er das Göttliche in sich erfahre. So sei für viele Menschen der zweiten Lebenshälfte das eigentliche Problem ein religiöses.

Jung wörtlich: „Unter allen meinen Patienten jenseits der Lebensmitte […] ist nicht ein einziger, dessen endgültiges Problem nicht das der religiösen Einstellung wäre. Ja, jeder krankt in letzter Linie daran, dass er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht, was mit Konfession oder Zugehörigkeit zu einer Kirche natürlich nichts zu tun hat“ (C.G. Jung: Über die Beziehung der Psychotherapie zur Seelsorge (1932), in: Zur Psychologie westlicher und östlicher Religion (= GW 11), Düsseldorf: Patmos/Walter 2. Aufl. 2006, S. 343).

Daraus ergibt sich im Blick auf die Theologie eine gerade für unsere Veranstaltung wichtige, wenn nicht gar die entscheidende Frage, wie nämlich die Theologie und in gleicher Weise ihre seelsorgliche Praxis ihr therapeutisches Erbe wiederentdecken können.

Darauf sollten wir heute gemeinsam den Akzent legen. Bitte nehmen Sie aus Ihrer persönlichen, beruflichen Perspektive — ja, aus welcher Perspektive auch immer — an den Frage- und Suchbewegungen der Vorträge und Diskussionen ganz direkt teil. Sie werden dazu über den Tag verteilt ausreichend Gelegenheit haben. (…)

Einführungsrede, gehalten beim Thementag „Theologie trifft Therapie?“ in der Katholischen Akademie Rabanus Maurus / Haus am Dom in Frankfurt am 23. Juni 2018. — Die  Veranstaltung ist Teil einer Gründungsinitiative des Verfassers, die am 7. September 2018 in die Gründung der C.G. Jung-Gesellschaft Frankfurt am Main e.V. einmündet.

Die Vorträge dieses Thementages werden in der Zeitschrift Wege zum Menschen (WzM), Heft 3/2019 publiziert.

© 2018 Ludger Verst

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